Es ist sehr ernst

Juli 5th, 2020

Schrammt die Meyer-Werft schon über den Grund oder hat sie noch eine Handbreit Wasser unterm Kiel? Seniorchef Bernard Meyer spricht von „der größten Krise, die er persönlich erlebt hat“. Tatsächlich dürfte er im Geschichtsbuch der Werft nicht auf einen Niederschlag wie die Coronakrise stoßen. Über Nacht stürzte der Betrieb von einer Hochphase fast auf null. 

1795 gründet Willm Rolf Meyer die Werft, sieben Generationen später steht immer noch die Meyer-Familie auf der Brücke. Diese ungewöhnlich lange Tradition ist zwar keine Garantie, aber sie gibt die Gewissheit, dass Vater und Söhne Meyer bis zum letzten Blutstropfen für die Werft kämpfen werden. Darauf können 3.600 Mitarbeiter und die ganze Region vertrauen.

Von außen betrachtet steht es innerhalb der Werft mit gegenseitigem Vertrauen nicht zum Besten. Augenscheinlich haben nicht alle den Ernst der Lage erkannt. Flankiert von Sandkastenspielen wie Unterschrifts-Aktionen hat es wochenlang gedauert, ehe sich Geschäftsleitung, Betriebsrat und IG Metall über Kurzarbeit geeinigt hatten. Von ursprünglich zwei Monaten wurde sie für den Rest des Jahres verlängert. Betriebsbedingte Kündigungen soll es bis dahin nicht geben. Streitpunkt bleibt das Urlaubsgeld, insgesamt 14 Millionen Euro, das nicht jetzt, sondern nach Ablieferung des Schiffs „Iona“ gezahlt werden soll. Geplant im August.  

Der Werft fehlt schlicht liquides Geld, weil nichts hereinkommt. Deshalb nimmt sie Kredite von der bundeseigenen KfW-Bank in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro in Anspruch. Die KfW finanziert auch Reedereien. Zum Glück hat sie ihnen für ein Jahr die Zahlungen gestundet. Das sorgt mit dafür, dass die Reedereien vorläufig keine Aufträge bei Meyer stornieren.

Meyer andererseits versucht, die Aufträge zu strecken – immer unter dem Damokles-Schwert einer Stornierung. Strecken heißt Zeit gewinnen, aber die Reedereien müssen mitmachen. Zurzeit liegt die „Iona“ fertig in Bremerhaven, aber der Kunde hat sie noch nicht abgenommen.

Ein erster Lichtblick: Für die fast fertige „Odyssey of the Seas“ stimmt die Reederei zu, sie erst im April 2021 abzunehmen. Eins aber bleibt: Die Werft hat hohe laufende Kosten – und fertige Ware liegt unbezahlt herum.

Der Kunde bezahlt ein Kreuzfahrtschiff zunächst in mehreren Tranchen bis zu 20 Prozent. 80 Prozent sind bei der Ablieferung fällig. Ein Schiff kostet plus-minus 800 Millionen Euro. Was das bedeutet, kann man an fünf Fingern abzählen.

 Die Streckungspläne ruhen auf der Hoffnung, dass in einigen Jahren der Kreuzfahrt-Tourismus wieder anspringt, aber ohne zu wissen, wie die Konkurrenzlage und die Preise dann aussehen. In Euro spricht Meyer von nötigen Einsparungen von 1,3 Milliarden in fünf Jahren. Das bedeutet 40 Prozent weniger Arbeit und damit weniger Jobs.

Der Betriebsrat, und das ist seine Aufgabe, möchte die Stamm-Arbeitsplätze retten. Diese sind aber teurer als Fremdfirmen. Andererseits braucht die Werft qualifizierte Leute.

Um zu retten, was zu retten ist, fehlt bisher ein weitsichtiges, kluges und mutiges Konzept. Staat, Banken, Reedereien, Zulieferer – alle müssen mit ins Boot. Geschäftsleitung und Betriebsrat sollten in Quarantäne gehen, dort Vorbehalte über Bord werfen, Nebenkriegsschauplätze ausblenden und gemeinsam Lösungen suchen.       

Hilferuf

Juni 28th, 2020

Der Stadt- oder Gemeinderat gilt als Schule der Demokratie. Aber immer mehr Bürgerinnen und Bürger lassen sie links liegen. Zugespitzt gesagt: Sie höhlen damit ihre Kommunale Selbstverwaltung aus. Es ist längst nicht mehr selbstverständlich, sich für den Rat oder den Kreistag zur Wahl zu stellen. Eine Entwicklung, die nicht neu ist, aber immer deutlicher wird.

Im Frühherbst nächsten Jahres sind wieder Kommunalwahlen – möglicherweise am selben Tag wie die Bundestagswahl, eventuell auch ein paar Wochen früher. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Parteien fast überall Mühe haben, genügend Bewerber zu finden – und die wenigen sind schon ziemlich alt. Lassen sich noch mal breitschlagen

Die CDU im Landkreis Aurich hat deshalb in Tageszeitungen und Facebook eine Stellenanzeige geschaltet, mit der sie Ratsmitglieder sucht. Sie handelt wie eine normale Firma bei der Mitarbeitersuche, ganz korrekt mit der Klammer (m/w/d) für männlich, weiblich und divers.

Über die Stellenanzeige kann man geteilter Meinung sein, aber sie wirft ein Licht auf ein Problem, unter dem alle Parteien leiden. Sie ist ein Hilferuf. Immerhin haben ihn nach Angaben von Sven Behrens, Vorsitzer der CDU in Ostfriesland und im Landkreis Aurich, 30 Frauen und Männer erhört.

Woran liegt es, dass junge Menschen und auch die „Machergeneration“ zwischen 30 und 50 in Kommunalräten kaum zu finden sind? Und sich auch Frauen rarmachen?  Die Gründe sind vielfältig. Einerseits wird großes Engagement sichtbar. Für Tafeln, Soziale Kaufhäuser, Flüchtlingshilfe oder Nachbarschaftshilfe. Andere gehen auf die Straße, gegen Rassismus, Corona-Einschränkungen, Hundestrände, große Anlagen, Straßenbaupläne oder Windmühlen. Manchmal vergessen sie beim Gemeinwohl dabei die ersten beiden Buchstaben.

Im Lehrbuch der Politik mündet gesellschaftlicher Einsatz in kommunalpolitisches Engagement. Doch die Praxis sieht anders aus. Arbeiten für ein zeitlich begrenztes Vorhaben: okay. Aber das Ehrenamt im Rat bedeutet mehr: Mindestens fünf Jahre Ausdauer, Disziplin und Lernbereitschaft. „Miteinander statt meckern“ heißt es in der CDU-Anzeige – und „Freude an der Gestaltung unserer Städte und Gemeinden, Kreativität und Teamgeist.“

Manchmal entstehen auch aus Anti-Gruppen kommunale Wählergemeinschaften. Wie in Emden und in der Krummhörn, wo Protest gegen eine Zentralklinik und gegen ein touristisches Projekt schließlich in den Räten mündete. Es dauerte nicht lange, bis sich die Protestler untereinander in den Räten zerstritten. Gruppierungen mit nur einem Thema halten sich nicht lange. Die Wirklichkeit in den Orten ist kompliziert. Sie verlangt viel Kenntnis, die sich ein Ratsmitglied mit Fleiß aneignen kann und muss.

Sicher ist, dass Kommunalpolitik neue Formen braucht. Damit Männer und Frauen mit Beruf und Kindern nicht aus Zeitgründen außen vor bleiben und Rentnern, Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes, Teilzeiterwerbstätigen oder Selbstständigen das Feld überlassen müssen.  Familien- und berufsfreundliche Sitzungszeiten sind nötig, statt ausgedehnter Debatten ein verbindliches Ende von Sitzungen, digitale Akten und Sitzungen, wenn möglich, auch ohne persönliche Anwesenheit über Online-Systeme. Noch eins: Ist es so schwer, Kinder von Ratsmitgliedern während der Sitzungen zu betreuen? Das wäre doch was. 

Das Virus und der Hund

Juni 13th, 2020

Kaum jemand hätte es für möglich gehalten, dass ein Virus aus China den Alltag auch bis in den letzten Winkel Ostfrieslands verändert. Es beherrscht fast jede Unterhaltung. Das wäre zu verkraften – aber es wirbelt die Wirtschaft durcheinander, vernichtet zumindest zeitweilig Arbeitsplätze, gefährdet die Existenz kleiner Unternehmer wie Gastwirte und drängt eine Weltfirma wie die Meyer-Werft in Seenot.

Das Virus beschleunigt Vorgänge im Alltag, die sonst eher gemütlich über die Bühne gegangen wären. So rächt es sich schon seit Beginn des Corona-Ausbruchs, dass Schulen nur sehr zaghaft auf die Möglichkeiten der Digitalisierung vorbereitet worden sind. Schüler sind längst soweit, aber Kultusminister und der Großteil der Lehrerschaft hinken hinterher.

Um ein Beispiel aus der Schweiz zu nennen, wie es laufen kann: Dort lernen Schüler auch bei Seuchenalarm. Sie sitzen zu den gewohnten Schulzeiten mit dem Tablet zu Hause am Küchentisch und machen mit beim Unterricht. Nach einer Stunde ruft die Lehrerin zur Pause, und anschließend geht es weiter. Hierzulande sind den Kindern in vielen Fällen kopierte Lernzettel ins Haus geschickt worden, die sie dann wieder zurückschicken oder -bringen mussten. Steinzeit.

Noch ein Beispiel: Home-Office. Bis vor kurzem ein Fremdwort, heute gängige Praxis. Kaum ein Betrieb, in dem nicht Teile der Mitarbeiter zu Hause arbeiten, so lange Corona es erfordert. Alles, was normalerweise im Büro erledigt wird, lässt sich auch von zu Hause regeln. Jetzt Home-Office unbefangen zu praktizieren ist in Ordnung. Aber es wirft Fragen des Arbeitsrechts und des Datenschutzes auf, die noch zu regeln sind.

Geschäftliche Videokonferenzen statt aufwändiger und zeitraubender Treffen mit Anwesenheit kommen wegen Corona schwer in Mode. Und in Familien entpuppen sich Digitalmuffel plötzlich zu Fans moderner Technik. „Skype“ oder noch besser „Zoom“ werden Allgemeingut. Oma und Opa treffen sich mit den Enkeln am Bildschirm, auch Freundeskreise oder Stammtische verabreden sich zum Plaudern per „Zoom“. Das ist zwar nur Behelf, aber besser als nichts, wenn man sich sonst nicht sehen kann.

Corona bringt noch mehr Erfreuliches. So regt eine Leserbrief-Schreiberin aus Moormerland an, dass Kinder wieder mehr mit dem Fahrrad zur Schule fahren sollten – statt sich und andere in überfüllten Bussen anzustecken.

Nicht mit Corona zu tun hat eine Geschichte aus Norddeich, wo die Hundepromenade verlegt werden soll – mit der Folge, dass Hunde dort nicht mehr in der Nordsee baden können. Das führt zu Protesten und Demonstrationen ihrer Halter. Und verleitete die Süddeutsche Zeitung zu einem „Streiflicht“, eher nicht gedacht für eingefleischte Hundefans:

„Die Kurdirektorin will den Strand in den Masterplan Wasserkante einbinden und unter anderem eine künstliche Lagune anlegen, wo dann sterbensbleiche Holländer Südsee spielen, während die Hunde in die Röhre schnüffeln. Deren Strandleben soll auf einer eingezäunten Wiese stattfinden, ohne Zugang zum Meer, ohne Möglichkeit, Bälle aus dem Wasser zu apportieren, vor schlafenden Badegästen das nasse Fell auszuschütteln oder einen Flirt mit dem Seehund zu beginnen.“ Stammgäste mit Hund in Norddeich haben eben so ihre Probleme. Wenn es die einzigen wären: Corona könnte bleiben.     

Der „Wumms“ an der Basis

Juni 7th, 2020

Kommen wir mit „Wumms“ aus der Krise? Das zeigt sich in einigen Monaten. Finanzminister Olaf Scholz jedenfalls traut es dem 130-Milliarden-Konjunkturprogramm der Bundesregierung zu. Hinzu kommen ja noch weitere Milliarden, die schon beschlossen sind. Was kommt von dem Geld in Rathäusern und Kreisverwaltungen an, was direkt bei den Leuten?

Zunächst die Direktzuwendung. Eltern erhalten einmalig 300 Euro zusätzlich pro Kind zum Kindergeld. Das ruft Kritiker auf den Plan. Denn das Geld muss, abgesehen von Ausnahmen, versteuert werden. So kommen nicht alle Eltern in den vollen Genuss, denn die 300 Euro werden mit dem Vorteil aus dem steuerlichen Kinderfreibetrag verrechnet.

Das klingt kompliziert und ist es auch, bedeutet jedoch: Das Geld kommt denen zu Gute, die es nötig haben. Je mehr die Empfänger verdienen, desto geringer die Prämie. Und bei 85.000 Euro zu versteuerndem Jahresverdienst hört die staatliche Wohltat komplett auf. Das ist Sozialstaat aus dem Bilderbuch: Wer wenig hat, bekommt mehr, und je mehr man hat, desto weniger kassiert man. Wer die 300 Euro in Misskredit bringt, braucht sich nur bei Leuten mit geringem Einkommen umzuhören. Das Geld landet jedenfalls nicht in einem Aktienpaket.

Auch die Senkung der Mehrwertsteuer bis Jahresende von 19 auf 16 Prozent, beim ermäßigten Steuersatz von 7 auf 5 Prozent, ist gut. Kritiker argwöhnen zwar, dass die Wirtschaft die Senkung nicht an die Kunden weitergibt. Das mag sein, ist aber nicht zwangsläufig verwerflich. Es hilft der Liquidität, an der es in der Krise vielen Firmen mangelt.

Ein weiterer Vorteil: Die neue Mehrwertsteuer verzerrt nicht den Wettbewerb, sie bevorzugt keinen. Ist sie auch ein Kaufanreiz? Ein Kunde mit einer größeren Ausgabe wird sie nicht verachten. Es macht einen Unterschied, ob er für ein Auto von netto 15.000 Euro jetzt brutto 17.400 (16 Prozent) statt 17.850 Euro (19 Prozent) zahlt.  Bei einem in der Regel teureren E-Auto lohnt sich die Rechnung ebenfalls bei einem Innovations-Zuschuss von 9.000 Euro.

Um Kommunen finanziell flüssig zu halten, will der Bund ihnen das Haushalts-Loch stopfen, das Verluste bei der Gewerbesteuer reißen. Wie das letztlich aussieht, ist schwer voraussagen, weil es mit den eigentlich zuständigen Ländern abgestimmt werden muss. Aber der Weg ist richtig.

Neben dem bereits bestehenden Digitalpakt – und da sind sich nahezu alle Fachleute einig – muss das Konjunkturprogramm in die Bildung fließen, genauer: in die Digitalisierung der Schulen. Die Krise zeigt, dass hier längst nicht alles läuft, wie es längst hätte laufen müssen. Die Stadt Weener hat – beachtenswert – als eine der ersten Kommunen einen Medienentwicklungsplan auf einem Server gespeichert (in der Schublade liegen sie heute nicht mehr).

In der Stadt Leer jedoch sperrt sich die Bürgermeisterin, für die Grundschule in Loga fünf Tablets zu kaufen, die an benachteiligte Kinder ausgeliehen werden, damit sie notfalls auch am Küchentisch am Unterricht teilnehmen können. Das Land bezahlt die Tablets. Die Bürgermeisterin fürchtet Folgekosten für die technische Ausstattung der Schulen. Wie es aussieht, sorgt jetzt der Verwaltungsausschuss und bald der Schulausschuss dafür, dass die Tablets sofort angeschafft und alle Grundschulen digital aufgerüstet werden.    

Damit es glimpflich bleibt

Mai 24th, 2020

Bislang ist Ostfriesland vergleichsweise glimpflich durch die Corona-Krise gekommen. Das ist aber kein Grund, diesen erfreulichen Zustand aufs Spiel zu setzen. Zum Beispiel den Schlaumeiern auf die Leimrute zu gehen, die Virologie mit dem Einmaleins verwechseln.

Sie rechnen mit Blick auf die Corona-Statistik vor, dass die Gefahr, sich anzustecken, hierzulande lächerlich gering sei. Schutzmasken könne man deshalb in den Müll werfen und Abstandsregeln seien Freiheitsberaubung. Damit verkennen sie Ursache und Wirkung.

Ostfriesland kommt bisher einigermaßen über die Runden, weil die meisten Leute sich an die Regeln halten. Und weil zum Beispiel der Großbetrieb VW über Wochen geschlossen blieb (wegen Material-Lieferengpässen und Absatzflaute). Und weil frühzeitig der Großbetrieb Meyer-Werft entschlossen und präzise die Arbeitsabläufe den Corona- Erfordernissen anpasste. Und weil Handel und andere Dienstleister nach den Lockerungen deutlich die Wege und Abstände in den Läden markieren.   

Noch etwas spielt eine Rolle: Ostfriesland ist dünn besiedelt, es gibt keine Großstädte mit U- und Straßenbahnen und großen Bahnhöfen. Außerdem reisen nur wenige Ostfriesen zum Skifahren in die Alpen, so dass sie von dort keine Covid19-Viren einschleppen konnten. Die hier registrierten Fälle hatten fast alle dort ihre Ursprünge.

Corona ist nicht die erste weltweite Seuche (Pandemie), die Ostfriesland zu schaffen macht. Bekannt ist die „Spanische Grippe“, an der allein 1918 in Deutschland fast ein Viertel der Menschen erkrankt waren und 350.000 starben. Die Seuche wurde damals von der Heeresleitung und zivilen Behörden verschleiert – um die Kampfmoral von tausenden infizierten Soldaten nicht zu schwächen. Außerdem war das Gesundheitssystem mit der Seuche überfordert. Es gab keine Intensivbetten oder Notlazarette, kaum Krankenwagen und keine Atemschutzmasken. Die Seuche grassierte ungebremst. Es gibt nur wenig Literatur über die „Spanische Grippe“ in Ostfriesland.

Unsere Vorfahren im 16. Jahrhundert hatten die Pest am Hals. So schreibt Martin Tielke von der Ostfriesischen Landschaft über den damaligen Arzt Jacobus Cornicius:

„Als große und übervölkerte Hafenstadt war Emden für die Pest in besonderer Weise anfällig. Und diese erwies sich hier in der Tat als der apokalyptische Reiter, als den Dürer sie darstellt: Die Pest hat die ostfriesische Stadt in der Mitte des 16. Jahrhunderts in mehreren großen Wellen heimgesucht und forderte … zahlreiche Opfer; eine anonyme Quelle nennt beispielsweise für die Epidemie des Jahres 1575 … die Zahl von 6000 Toten. So ist es kein Wunder, daß der von der Stadt bestellte Arzt sich Gedanken über Verhütung und Bekämpfung dieser Seuche macht. Neigten die Pastoren dazu, sie als „Heimsuchung“ und „Strafe Gottes“ anzusehen, so war Cornicius Humanist und Naturwissenschaftler genug, um derartige Bangemachereien beiseite zu lassen und nüchtern die gegebenen Möglichkeiten abzuwägen…. Selbstverständlich konnte Cornicius nicht die wahre Ursache der Seuche kennen…Aber er weist auf die Bedeutung der Hygiene hin.“

Was lehrt uns das? Besonders in Seuchenzeiten ist Hygiene das Gebot der Stunde. Übersetzt in Corona-Deutsch: Hände waschen und desinfizieren, Schutzmaske anlegen und Abstand halten. 

Kluge Entscheidung

Mai 17th, 2020

Weltgeschichte ist manchmal auch Dorfgeschichte. Dann bekommt sie plötzlich ein Gesicht, das man kennt. Es kann ein schönes sein, aber genauso eine Fratze. So geschehen in den vergangenen Monaten in Völlen. Was im Dorf kaum jemand wusste: Ihr einstiger Mitbürger Johann Niemann ist ein Massenmörder, verantwortlich für den Tod von hunderttausenden Menschen in SS-Vernichtungslagern in Polen während des zweiten Weltkriegs und vorher in Behinderten-Einrichtungen in Deutschland.

Ein Heimatforscher und professionelle Historiker enttarnen ihn. 75 Jahre nach Kriegsende erscheint darüber ein Buch: „Fotos aus Sobibor – Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus“.  Ein eher harmlos klingender Titel, ein Zeugnis der Banalität des Bösen.  

Eine spezielle Völlener Geschichte? Eigentlich könnte sie überall spielen, denn die Massenmorde in der Nazizeit wurden ja nicht von Hitler oder Himmler persönlich verübt, sondern von Menschen wie du und ich, die ganz normale Verwandte, Nachbarn, Freunde oder Arbeitskollegen waren. So wie Johann Niemann in Völlen.

Er lernt Maler, meldet sich zur Schutzstaffel (SS) der NSDAP, macht Karriere bis zum SS-Untersturmführer. Zunächst arbeitet er als Wächter im KZ Esterwegen, später in Krankenheimen, wo er Behinderte vergast und verbrennt (Euthanasie). Das qualifiziert ihn für eine neuartige Aufgabe im Vernichtungslager Belzec in Polen, 1941 eingerichtet als Folge des Hitler-Befehls, alle polnischen Juden umzubringen. Im September 1942 wird Niemann ins nahe Lager Sobibor versetzt. In Belzec ist er bei 250.000, in Sobibor bei 185.000 vergasten und verbrannten Juden, Sinti und Roma dabei. Als stellvertretender Lagerkommandant. Am 14. Oktober 1943, bei einem Aufstand im Lager, schlägt ihm ein Zwangsarbeiter mit einer Axt den Schädel ein.

Die Völlener gravieren nach dem Krieg seinen Namen auf ein Denkmal, das die Gefallenen und Vermissten beider Weltkriege aufführt. Es steht neben der Kirche und gehört dem Bürgerverein Völlen, der es auch pflegt.

Was tun mit dem Namen Johann Niemann auf dem Denkmal? Auf diese Frage fand der Bürgerverein mit seinem Vorsitzenden Günther Eden eine Antwort. Die Rheiderland-Zeitung berichtete gestern darüber. Mit Hammer und Meißel den Namen einfach herauskappen, wie nicht wenige Völlener vorschlagen? Auch der von Eden angefragte Zentralrat der Juden rät, den Namen zu tilgen. Verständliche Reaktionen.

Doch der Bürgerverein, der sich eng mit dem Völlener Pastoren Heino Dirks abstimmte, entschied anders. Er stellt sich offen der Geschichte. Aus dem Denkmal macht er ein Mahnmal. „Unseren gefallenen Helden“ ersetzte er bereits durch ein „Nie wieder“ über den Namen der Toten. Ein meilenweiter Unterschied.

Niemanns Name wird demnächst durch Plexiglas bedeckt, mit Hinweis auf eine Info-Tafel neben dem Denkmal. Deren Text skizziert die Lage der toten Soldaten, „über deren Überzeugungen und Schuldverstrickungen wir wenig wissen“. Doch Niemann sei nachweislich ein „überzeugter Täter“ gewesen, „direkt für den Tod von unzähligen Juden, Sinti und Roma und behinderten Menschen verantwortlich“. Niemanns Name bleibt stehen, so Eden, „weil man die Erinnerung an seine unsäglichen Verbrechen nicht einfach auslöschen darf“.  Eine geschichtsbewusste, verantwortungsvolle, kluge, auch mutige Entscheidung.

Warten auf bessere Zeiten

Mai 9th, 2020

War eigentlich was? Vor ein paar Tagen noch war fast alles zu, nichts los auf den Straßen. Heute reden alle von Öffnungen. Wie vorher soll es sein. Nur die Kanzlerin und einige Virologen mahnen unverdrossen zur Besonnenheit und erinnern daran, dass Covid-19 sich so leicht und schnell nicht geschlagen gibt.

Unsereins gibt zu, von Viren und Epidemien wenig Ahnung zu haben und auf Wissen und Rat der Fachleute angewiesen zu sein. Er hat in seinem Beruf gelernt, nicht alles zu glauben, aber alles für möglich zu halten – und die Dinge so zu betrachten, wie sie sind. Es ist, wie es ist. Aber wie ist es?

So nährt ein Blick auf die reichen Volkswirtschaften die Hoffnung, dass es mit etwas Glück keinen wirtschaftlichen Niedergang zu geben braucht, wie ihn Unkenrufer herbeischwören. Regierungen trotzen mit Billionensummen der Krise. Im Gegensatz zur Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren gibt es heute funktionierende Sozialstaaten.

Dazu gehört unser Land. Doch wie die Regierung das Geld ausgibt, ist nicht in jedem Fall unstrittig. Ein Beispiel, das auch Ostfriesland angeht: Prämien für den Autokauf, ja oder nein? Größter Arbeitgeber hier ist das VW-Werk Emden. Noch hat die Regierung die Kaufprämie nicht beschlossen. Das ist gut so. Denn nach Ansicht der meisten Fachleute bringt sie nicht viel, wie schon 2009 die Abwrackprämie bewiesen hat. Sie würde vor allem ausländischen Autofabriken helfen.

Ohnehin ist offen, ob die Autoindustrie es überhaupt nötig hat. So hocken VW, Daimler oder BMW auf milliardenschweren Polstern. Trotzdem greifen sie Kurzarbeitergeld ab. VW zahlte noch vor wenigen Wochen seinen Mitarbeitern Boni von je 6.000 Euro, von Manager-Boni und Dividenden nicht zu reden. Mit einer Kaufprämie würde der Staat dem Konzern einen Teil der Entschädigungen und vermutlich anstehenden Geldstrafen wegen Betrugs an Autokäufern (Dieselskandal) indirekt teilweise gegenfinanzieren.

Deshalb ist es eine Überlegung wert, nicht die Autokonzerne mit Prämien zu pampern, sondern den Tourismus direkt zu unterstützen, der mehr Menschen beschäftigt als die Autobauer. Oder das Gastgewerbe. Oder die Bauwirtschaft und ihre Neben-Handwerke. Das Geld bleibt praktisch in der Nachbarschaft. Oder Kommunen unter die Arme greifen, damit sie den Digitalpakt schnell umsetzen können – sprich, die Schulen für digitales Lernen fit zu machen. Ein Manko, das sich in der Coronakrise schmerzlich bemerkbar macht.

Auch im Kleinen bietet sie Chancen. Blicken wir nach Leer in die Fußgängerzone, die dringend saniert werden muss. Die Stadt möchte jetzt mit dem ersten Bauabschnitt beginnen. Doch ausgerechnet die Werbegemeinschaft bremst. Sie sagt, das werfe den Handel gerade in der Krise noch weiter zurück.

Doch betroffene Kaufleute sehen das ganz anders: Die Stadt solle den Umbau sofort in der ohnehin flauen Zeit durchziehen – damit nach überstandener Krise alles gut und schön ist. Das klingt logisch, denn die Leute kaufen zurzeit nur das Nötigste. Kurzarbeit, Virusangst und Maskenpflicht dämpfen die Kauflust.

Erst müssen die Zeiten sich wieder bessern. Um die Strecke bis dahin einigermaßen zu überstehen, der Tipp von Bernhard Kroon aus Beschotenweg, der in Shanghai lebt und arbeitet: „Je mehr Leute sich an die Regelungen halten, desto schneller geht die Krise vorbei.“  

Von Menschen und Masken

Mai 3rd, 2020

Auch wer es nicht gern zugibt: Es ist interessant, Mitmenschen zu beobachten – wie sie mit Corona-Masken einkaufen, ob sie Abstand halten oder versuchen, ihr Auto rückwärts einzuparken. Muss wohl in den Genen liegen. 

In ungewöhnlichen Zeiten verhalten sich Menschen logischerweise eher ungewöhnlich. Was bleibt auch übrig, wenn sie es mit einem neuen Virus zu tun haben, das im Gegensatz zu  bekannten Grippe-Viren die blöde Eigenschaft hat, nicht nur die Lunge im schlimmsten Fall zu zerstören, sondern auch über andere lebenswichtige Organe wie Herz, Niere oder Leber herzufallen. Trotzdem und entgegen dem Urteil praktisch aller Virologen spielt der eine oder die andere das Covid-19-Virus als normalen Grippe-Überträger herunter. Das zeigt höchstens, dass dieses Virus indirekt auch ganz oben liegende Körperteile beeinflusst.

Journalisten fällt es von Berufs wegen eher schwer, Regierungen und Verwaltungen zu loben. Das muss auch so bleiben. Unabhängig davon: Bislang steuern die verantwortlichen Männer und Frauen das Land ordentlich durch die Corona-Krise, die ja wirklich für alle Neuland ist. Von denen, die bewusst Schlimmeres erlebt haben wie den Zweiten Weltkrieg, leben nur noch wenige oder waren damals Kinder.

Noch ein Wort zu unseren Politikern: Mit einer strengen Corona-Linie lassen sich nur schwer Lorbeeren verdienen, vielleicht später einmal in Geschichtsbüchern. Zurzeit erleben wir, dass alle Lobbygruppen zum Sturm auf die Regierungen blasen und Lockerungen verlangen. Das ist zwar verständlich, denn es geht um Lohn und Brot. Zum Glück entscheiden sie nicht.

In Ostfriesland dreht sich vieles um den Tourismus, der am Boden liegt.  Ihm wieder auf die Beine zu helfen, ist ungleich schwieriger als Fabriken und Läden am Laufen zu halten. In Betrieben helfen Abstände und Markierungen, bei durcheinander quirlenden Touristenströmen ist das ungleich schwieriger. Merkel, Scholz, Spahn, Weil & Co. ist weiterhin ein kühler Kopf und eine stabile Seelenlage zu wünschen.

Fürs Gemüt tun auch eigentlich unwichtige Dinge gut. Wie der „Ossiloop“, ein traditioneller Laufwettbewerb zwischen Leer und Bensersiel. Gut 2.000 und mehr Läufer rennen im April/ Mai normalerweise dienstags und freitags in sechs Etappen von Leer bis an die Nordsee. Corona macht es diesmal unmöglich. Doch Organisator Edzard Wirtjes aus Leer hatte eine Idee. Er ließ eine App entwickeln, die Laufstrecken und Zeiten der Teilnehmer aufzeichnen. Jeder läuft jetzt für sich allein, wie letzten Dienstag und gestern und in den noch ausstehenden Wochen. Egal, wo er ist, in Orten in aller Welt. 3.500 Leute machen mit. Rekord.

Krisen verstärken das Gemeinschaftsgefühl. Viele merken (wieder), dass sie auf den Nachbarn, den Arbeitskollegen und andere möglicherweise angewiesen sind. Krisen verstärken die positiven und negativen Seiten des Menschen, sagen Psychologen, und die Realität beweist es.

Ein krasses Beispiel: Der Verein „Organtransplantierte Ostfriesland“ näht fleißig Schutzmasken für Risikogruppen und Pflegepersonal. Bisher bereits 4.500 Stück. Spurlos verschwunden sind jetzt 56 Meter hochwertiger Stoff und anderes Material, beklagt die Vorsitzende. Wie sagte ein offensichtlich psychologisch kundiger Berliner Taxifahrer „uff balinerisch“: „Die Juten werden bessa, die Schlechten schlechta.“

Was Amazon kann…

April 26th, 2020

Corona mit ihrem Covid-19-Virus ist eine üble Seuche, mehr als ein medizinisches Problem. Sie verändert unseren Alltag auf Dauer. Wer hätte gedacht, dass er im Laden eine Maske über Mund und Nase ziehen muss und die Kassiererin hinter Plexiglas sitzt? Wer konnte mit „Home Schooling“ etwas anfangen? Heute ist die Küche das Klassenzimmer der Kinder.

Das ist Behelf. Aber die Digitalisierung wird schneller fortschreiten als vermutet. So bleibt der Lernort Schule zwar Mittelpunkt, aber der Unterricht ist nicht daran gebunden. In ganz modernen Schulen arbeiten Lehrer und Schüler schon mit „Microsoft Classroom“, auch das Hasso-Plattner-Institut bietet gute Software. „Zoom“ und „Skype“ sind gängige Gebrauchsartikel – in vielen Schulen, und bei Eltern und Großeltern, die mit aushäusigen Kindern, Enkeln und anderen Verwandten nicht nur telefonieren, sondern sie auch in Echtzeit sehen wollen.

Manche Lehrerkollegien – aber auch Firmenbelegschaften – wundern sich, dass es die üblichen Konferenzen, zu der sich alle (ungern) versammeln, gar nicht geben muss. Mit Videokonferenzen geht es auch.

Selbst Home-Office gewinnt an Wertschätzung bei so manchem skeptischen Firmenchef oder Vorgesetzten. Sie haben die Mitarbeiter zwar nicht mehr im Auge, aber doch einen Überblick über deren Arbeit. Home-Office wird über Nacht normal. Man wundert sich.

Die Coronakrise legt Schwächen offen, andererseits bietet sie Chancen und Gelegenheiten, die bisher zu wenig genutzt wurden, jetzt in der Not aber angepackt werden müssen. Das gilt nicht für Schulen, für Verwaltungen, Betriebe oder Ärzte, die dringend einen digitalen Schub brauchen.

Die technische Infrastruktur dafür ist im Landkreis Leer weitgehend vorhanden, weil die Landräte Bramlage und Groote, der Kreistag und einige Gemeinden den Breitbandausbau für schnelles Internet frühzeitig in Gang gesetzt haben.

Diese Grundlage nutzt auch dem Handel. Jammern über die Online-Konkurrenz hilft ihm nicht weiter. Führende Kaufleute klagen gern, gegen Amazon sei kein Kraut gewachsen. Diese Logik erscheint nicht zwingend. Die Antwort kann nur heißen: Was Amazon kann, können wir auch. Der amerikanische Online-Riese besitzt keinen einzigen Laden, „nur“ Daten. Er verteilt Dinge, die andere herstellen und an den Mann bringen wollen.

Für dieses System hat Amazon kein Monopol. Es lässt sich auf kleinteilige Regionen übertragen. So gibt es in der Coronakrise plötzlich im Landkreis Leer eine Plattform, auf der sich auf Anhieb gut 140 Betriebe versammeln. Sie ist ausbaufähig. Aller Anfang ist aber auch hier schwer.

Es muss sich erst herumsprechen, dass sich mit Digitalisierung Geld verdienen lässt. Damit kann zum Beispiel ein Laden in Leer nicht rechnen, der das Telefon klingeln lässt, wenn ein Kunde etwas bestellen möchte. Besser macht es das Fischhaus Ditzum. Es ist digital auf der Höhe der Zeit, sogar mit einer eigenen App.

Die Krise deutet auf ein verändertes Einkaufsverhalten hin, und Amazon steigt verstärkt in den Lebensmittel-Online-Handel ein. Edeka, Rewe, Lidl und Aldi sind dafür nicht gerüstet, sagen Fachleute. Wie auch immer: Viele Kunden wollen online einkaufen – und fragen verstärkt nach regionalen Produkten. Darin liegt die Chance des Einzelhandels. Was Amazon kann, kann er auch.  

„Haarmonie“

April 18th, 2020

Haarsträubend, was Corona alles so mit sich bringt. Aber darüber schweigen wir hier – und   beschränken uns schlicht auf den Kopfschmuck, ohne dass es gleich zu haarig wird – wohl wissend um die Gefahr, Erzählungen an den Haaren herbeizuziehen. Sozusagen haarscharf am Thema vorbei. Aber das unterliegt einzig dem Urteil der geneigten Leserschaft.

Von Corona sollte eigentlich keine Rede sein, aber man kommt irgendwie nicht drumherum. Da müsste man schon Locken auf der Glatze drehen können. Was wir sagen wollen: Unser Kopf braucht – und schon ist Corona im Spiel – dringend einen Haarschnitt. Wer hätte jemals gedacht, dass Haare sich zu einem Problem auswachsen könnten. Aber das Virus schlägt den Frisören die Schere aus der Hand. Und nagelt ihre Farbtöpfe zu – mit der Folge, dass manche Männer plötzlich feststellen, dass sie gar keine Blondine an ihrer Seite haben.

Denkt man drüber nach: Um Haare ging es schon immer, von klein auf. Im eigenen Kopfkino spielt dieser Film aus der Kindheit: Der Vierjährige geht an der Hand von Opa zum Frisör. Dieser platziert ihn auf ein Brett, das er über die Seitenlehnen des Stuhls legt. Der Patient braucht die richtige Schneidehöhe. Patient ist kein sprachlicher Fehlgriff, denn der Frisör reißt mit einem eher stumpfen handbetriebenen Schneidegerät, ratsch-ratsch, die Haare aus der Kopfhaut. Es tut höllisch weh. Nur die tapfersten Jungen unterdrücken die Tränen, bei den meisten ist Opas Taschentuch gefragt.

Jugendliche hatten von solchen Halbglatzen der Kinderzeit und den geschorenen Köpfen der Väter später in den 50er und 60er Jahren die Nasen voll. Elvis Presley, dann die Beatles dienten ihnen auch bei den Haaren als Vorbilder. Sehr zum Ärger der meisten Väter und Schuldirektoren. „Lange Haare – kurzer Sinn.“ Damals ein gängiger Spruch aus erwachsenem Mund.

Lang ist’s her – oder lieber „Lang ist`s hair“. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schrieb neulich einen Artikel über Namen von Frisiersalons. Überschrift: „Verhairendes Haar-a-kiri.“ Tatsächlich – wer mal darauf achtet, dem fallen kreative, aber auch haarsträubende Namen von Frisiersalons ins Auge. Über die Internet-Plattform Openstreetmap stößt man in eine Wortspielhölle vor. In ihr tummeln sich auch knapp zehn Prozent der 81.000 deutschen Frisörbetriebe.

Spitzenreiter sind Haarmonie, Haargenau und Haarscharf. Das geht ja noch. An den Haaren herbeigezogen wirken dagegen Namen wie Haarzienda, Kammbäck, Hairtie, Kamm in oder Haartistik. Und wenn Frisörin Katharina ihren Laden Cut-Haar-Ina nennt oder eine andere in der Sahaara verdurstet, fällt einem auch nicht mehr viel ein. Über kurz oder lang gelangt man sogar zu einem Kaiserschnitt. Es ist eben Kopfsache, und die Vier Haareszeiten kommen und gehen so oder so.

Im Rheiderland und in Leer neigen Frisöre und Frisörinnen nicht zu Wortspielen. Ein kleiner Ausreißer ist hierzulande nur DiHaarmant in Bingum. Auffällig noch Capellissimi Hairstyle in Bunde. Muss italienisch sein, kein Wortspiel. Denn Haar heißt „Capello“. Unter diesem Namen ist uns bisher nur ein Fußballtrainer untergekommen.

Ab 4. Mai ist das Haarthema durch. Dann öffnen die Frisöre wieder ihre Salons. Unsere Köpfe laufen wieder zur Form auf. Und wir verdanken Corona die Erkenntnis: Frisöre sind systemrelevant. So’n bisschen jedenfalls.