Selbst ist der Bürger

September 21st, 2020

Nicht auf den Staat warten, sondern selbst Gutes für die Allgemeinheit tun. Freiwillig, ohne die Hand aufzuhalten. Das ist, kurz gesagt, bürgerschaftliches Engagement. „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt“, rief einst US-Präsident Kennedy seinen Landsleuten zu. Man muss dazu gar nicht nach Amerika fahren. Bürgerschaftliches Engagement spiegelt sich auffällig in der Stadt Leer, sogar im Ortsbild.

Anlass dieser Betrachtung ist der aktuelle kleinliche Ärger um ein „nationales Kulturdenkmal“ – den historischen Dampfer „Prinz Heinrich“, erbaut 1909 als Post- und Transportschiff. Er rottete vor sich hin, ehe der Leeraner Zahnarzt Dr. Wolfgang Hofer es sich zur Aufgabe seines Lebens machte, den Dampfer wieder flott zu machen und als einziges Schiff seiner Art als fahrendes Denkmal zu erhalten. Dafür gewann er ehrenamtliche Helfer, die über Jahre bis heute Hand anlegen, und wohlhabende Unterstützer und Stiftungen, die ihre Taschen öffneten.

Ein Verein betreibt das Schiff. Wegen Corona fehlen zurzeit Einnahmen, um die Kosten zu decken. Mit der Bürgermeisterin kommt der Verein nicht auf einen Nenner, was in Leer kein Einzelfall ist. Dabei geht es vorrangig nur um Liegegebühren. Neuester Stand: Es zeichnet sich eine politische Lösung ab.

Hoffentlich klappt es, denn die „Prinz Heinrich“ ist längst über den Status eines Hobbys hinausgewachsen. Sie ist ein bedeutendes Stück Schifffahrtsgeschichte und ein Juwel im Leeraner Hafen – mit dem sich auch Papenburg gern schmücken würde.

Ohnehin prägt bürgerschaftliches Engagement die Altstadt. Beispielsweise unterm Dach des „Vereins für Heimatschutz und Heimatgeschichte“, kurz Heimatverein. Er verantwortet das Heimatmuseum, das Klottje-Huus, zwei auch stadtbildnerisch bedeutende Häuser, und das Spööler-Klottje (plattdeutsches Theater).  Der Verein leistet anerkannte wertvolle kulturelle Arbeit. Aber es fehlt ein mit dem Rathaus abgestimmtes Konzept, das ihm die nötige Bewegungsfreiheit ermöglicht.

Er steht deshalb an einem Scheideweg. Symbolisch dafür ist der Fortgang seines fortschrittlichen Museumsleiters, der in Meppen bessere Arbeitsmöglichkeiten fand. Wie kann der Heimatverein seine vielfältige Arbeit fortsetzen, nämlich Traditionen erhalten und der Nachwelt, vor allem auch Kindern, lebendig vermitteln? Sei es Stadtentwicklung, Umwelt- und Naturschutz, Denkmalschutz, Plattdeutsch, Volkskunst oder Heimatgeschichte. Vieles stockt. Auch die Zusammenarbeit mit dem Rathaus.

Auf bürgerschaftlichem Engagement ruht auch die „Waage“, das meist fotografierte Objekt in Leer. Der Heimatverein legte das niederländisch-klassizistische Barock-Gebäude aus dem 18. Jahrhundert vor einigen Jahren in die Hände einer Stiftung, die ehrenamtlich geführt wird. Einen Teil der Kosten deckt die Pacht des gleichnamigen Restaurants.

Das Konto bürgerschaftlichen Engagements bilanziert noch mehr Attraktionen. Das „Schipper-Klottje“ bringt Leben in die Altstadt. Stichworte: Museumshafen, Traditionsschiffstreffen, Maibaum und nicht zuletzt der „Wiehnachtsmarkt achter d`Waag“. Altstadtprägend wirkt auch die Wolff-Stiftung. Allesamt Zeugen eines bemerkenswerten bürgerschaftlichen Engagements. Sie verdient die Hege und Pflege der Stadt.

Sirenen, Katwarn und 5G

September 12th, 2020

Sirenen heulten am bundesweiten Warntag – nicht überall, aber jedenfalls im Landkreis Leer. Die App „Katwarn“ (Katastrophenwarnung) auf Smartphones hingegen blieb oft ruhig. Auch sie sollte Alarm schlagen, wie sie es bei Orkan- oder Flutwarnungen und Schulunterrichtsausfällen zuverlässig tut.

Doch diesmal mussten viele Nutzer den „Katwarn“ manuell auslösen, wenn sie feststellen wollten, ob ihre App funktioniert. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn sprach kleinlaut von „Systemüberlastung“. Ein Symbol für die digitale Misere.

Deswegen auf die Politik zu schimpfen, wäre ungerecht. Sie ist nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, die das digitale Zeitalter verschlafen hat. Die Corona-Krise macht es auch im Alltag deutlich. So haben nur wenige Schulen, als sie wegen Corona schließen mussten, einen geordneten Fernunterricht per Videokonferenz („Home-Schooling“) auf die Reihe bekommen – sei es mangels Technik oder Lehrerkompetenz oder beidem.

Bezeichnend neulich auch eine bizarre Diskussion im Rathaus von Leer. Es ging darum, ob die Stadt Grundschülern aus ärmeren Familien für den Teleunterricht ein Tablet leihen könne.  Rats-Mitglieder konnten nur mit Mühe die Verwaltung zur Hilfe drängen. Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland beim Fernunterricht dramatisch schlecht ab. Das ist auch eine Frage der Einstellung. So halten 20 Prozent der Eltern Online-Unterricht generell schlecht für Kinder.

Aber manchmal ist auch Lob angebracht. So ordnete die Leitung des Johannes-Althusius-Gymnasiums in Emden in dieser Woche für das gesamte 100-köpfige Kollegium eine ganztägige schulinterne Fortbildung an, um bei künftigen Schließungen gewappnet zu sein. Thema: Einsatz digitaler Medien im Unterricht. Damit naht zumindest dort das Ende der Kreidezeit.

Wie ein Wimpernschlag: So blitzschnell müssen Daten sich bewegen. Die Voraussetzung dafür heißt 5G. Hinter dieser Ziffer und dem Buchstaben steckt die fünfte Generation der Mobilfunktechnik. Weltweit rennen Länder wegen dieser Zukunftstechnik um die Wette. Um wirtschaftlich konkurrenzfähig zu bleiben, geht kein Weg an 5G vorbei. Führende Ausbaufirmen sind Telekom und Vodafone.

Für 5G sind viele neue Mobilfunk-Masten nötig. Das hat technische Gründe: Frequenzen, die schnell viele Daten transportieren können, haben eine geringere Reichweite. Deshalb bieten sich neben bestehenden Antennen neue Sendeanlagen in Straßenlaternen oder auf Dächern öffentlicher Gebäude an.

5G hängt auch mit dem Breitbandausbau zusammen. Internetverbindungen mit Glasfaser sind schnell und haben die höchsten Kapazitäten. Das gilt für Verbindungen in Firmen oder Wohnungen. Aber auch ein Mobilfunkstandort mit 5G-Anschluss braucht Glasfaser. Stattdessen Richtfunk zu nutzen, um teure Kabel zu sparen, ist halber Kram, weil störungsanfällig. 

Übrigens haben Verschwörungserzähler den 5G-Funk längst für sich entdeckt. In Norden forderten in einer Rats-Ausschusssitzung das Bündnis 90/Die Grünen und zuhörende Bürger die Stadt auf, gegen den geplanten 5G-Ausbau vorzugehen. Grund: Gesundheitsgefahren. Die Stiftung Warentest fasste neulich alle verfügbaren wissenschaftlichen Untersuchungen zu 5G zusammen: „Die Forschungserkenntnisse liefern kaum einen Grund zur Sorge.“

Ein Gallimarkt-Lehrstück

September 5th, 2020

Ein Virus stellt die Welt auf den Kopf. Es zwingt sogar den Gallimarkt in die Knie. Wie zuletzt im Krieg. Aber gleichzeitig sorgt es für einen Ersatz-Gallimarkt. Zwar nennt er sich   Freizeitpark, aber dafür öffnet er nicht nur fünf Tage, sondern fast einen Monat vom 11. Oktober bis 14. November. Mittwochs bis sonntags von 14 bis 21 oder 22 Uhr. Die Alternative beim Viehmarkt ist untauglich.

Ohne Prophet zu sein: So viele Besucher wie sonst werden nicht kommen. Zwei Herzen schlagen in ihrer Brust: Die Sorge, sich ausgerechnet bei einem Vergnügen Covid-19 einzufangen, quält sich mit dem Bedürfnis, Karussell zu fahren, in eine Glitzerwelt einzutauchen, Bratwurst und Berliner zu essen oder Bekannte zu treffen. Alkohol wird verboten. Wirkung? Nur bei Kontrolle. Man könnte ihn ja mitbringen.

Den Gallimarkt hat die Stadt wegen der Corona-Verordnungen abgeblasen. Entsprechend neuerer Regeln erlaubt sie jetzt den Ersatz-Rummel. Es war eine schwere Geburt – und ein Lehrstück für Kommunalpolitik.

Die Entscheidung birgt Punkte, die sich beißen. Sie zeigen, dass es nicht die eine, sondern mehrere Wahrheiten gibt. Dem verantwortlichen Verwaltungsausschuss blieb nur, alle wirtschaftlichen, gesundheitlichen und gesellschaftlichen Punkte abzuwägen, sie mit Seuchen-Vorschriften abzugleichen und dann zu entscheiden. Das hat er mit knappster Mehrheit getan, quer durch die Parteien.

Fest steht: Bei den Anwohnern rund um den Marktplatz („Blinke“) haben die Politiker sich keine Freunde gemacht. Den Gallimarkts-Lärm dulden die Leute aus Gewohnheit. Aber jetzt haben sie vier Wochen Halli-Galli um die Ohren. Und Parkplätze sind belegt – für sie, für unzählige Berufsschüler, Firmenbesucher und andere. Etliche Anwohner sorgen sich zudem über einen Corona-Hotspot vor der Haustür.

Dem gegenüber steht der Wunsch von Bürgern nach geselligem Trubel. Den Ausschlag gegeben haben dürfte jedoch die wirtschaftliche Not der Schausteller. Ihnen dreht Corona fast völlig den Hahn ab. Die Großen unter ihnen müssen ihre Investitionen in irrsinnig teure Fahrgeschäfte finanzieren, die Kleinen sind für ihren direkten Lebensunterhalt auf Einnahmen angewiesen.  

Nebenbei: Der VA handelt keineswegs undemokratisch, weil er die Türen hinter sich schließt, wie gelegentlich kritisiert wird. Der Gesetzgeber, der niedersächsische Landtag, widerstand schon 2011 dem Modetrend und ließ Verwaltungsausschüsse (VA) weiterhin nicht öffentlich tagen, jedoch dürfen alle Ratsmitglieder zuhören. Er folgte damit der Empfehlung einer unabhängigen Sachverständigen- und Enquete-Kommission. Das zeugt von einem Mittelschott in der Nase.  VA-Mitglieder sollen frei von Auswirkungen reden und entscheiden, die ihre Aussagen und Entscheidungen in der Öffentlichkeit haben können. Beim Gallimarkt-Ersatz lassen sich die Folgen leicht ausmalen.

Ein VA ist politisch ein Spiegelbild des Rates. Seine Hauptaufgabe ist, Ratsbeschlüsse vorzubereiten, außerdem Personal- und Vertragsangelegenheiten zu regeln, die die Öffentlichkeit ohnehin nichts angehen.

Der VA in Leer als demokratisch legitimiertes Gremium hat entschieden. Einzelne müssen sich öffentlich nicht rechtfertigen oder sich dämlichen Facebook-Shitstorms aussetzen. Unsere repräsentative Demokratie lebt auch von Vertrauen. Das ist gut so.

Geld ist nicht alles

August 30th, 2020

Alle Nase lang taucht eine Studie auf, in der Regionen vergleichen werden. Mal geht es um Einkommen, um die Zahl der Ärzte pro Einwohner oder die Industriedichte. Und fast immer hinkt Ostfriesland statistisch hinterher.

Jetzt stellte das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock fest, dass Ostfriesen ein paar Jahre früher sterben als zum Beispiel die Menschen um München herum. Statistisch gesehen. Dabei ist Ostfriesland seit je her bekannt für seine Hundertjährigen.

Früher sterben und hundertjährig – wie passt das zusammen? Richtig ist beides. Aber nur statistisch. In der Realität liegt es daran, dass in Ostfriesland mehr arme Leute leben als in manchen anderen Gegenden. Anders gesagt: Wer sein Leben lang auf Hartz-4 oder lange arbeitslos ist, läuft Gefahr, früher zu sterben als jemand, der nicht unbedingt viel verdient, aber Arbeit hat. 

In der Studie heißt es: „Maßnahmen, die die Lebensstandards für ärmere Teile der Bevölkerung verbessern, sind am ehesten geeignet, die Unterschiede in der Lebenserwartung zu reduzieren.“ Deshalb ist Strukturpolitik der Hebel, die Lage zum Guten zu wenden.  

Denn ob Menschen sich wohlfühlen und deshalb länger leben, hängt nicht vorrangig von der Höhe der Einkommen oder der Arztzahl ab, sondern ob sie Arbeit haben. Um nicht missverstanden zu werden: Diese Feststellung ist kein Plädoyer für niedrige Löhne.  

Viele Ostfriesen hängen an ihrer Heimat. Dafür tun sie einiges. So wundern sich Auswärtige häufig über die schmucken Dörfer und Städte. Im Kopf das Bild des armen Ostfrieslands, vor Augen die gepflegten und oft großen Einfamilienhäuser – darauf finden sie keinen Reim.

Aber woran liegt es, dass Ostfriesen oft besser wohnen als viele Menschen in reicheren Regionen? Das war nicht immer so. Ältere Ostfriesen, die bis 1950, 55 geboren wurden, kennen noch die kleinen ärmlichen Behausungen, Landarbeiterhäuser, Katen mit Löchern im Dach, Regenfangbecken fürs Teewasser (plattdeutsch: „Regenbakken“), Hausbrunnen und Plumps-Klos.

Die meisten Frauen versorgten den Haushalt, verdienten also nichts – was sie bis heute bei der Rente spüren. Viele Männer arbeiteten beim Bauern, in Ziegeleien oder Gärtnereien, andere als Maurer – und waren im Winter ohne Arbeit. Sie stempelten, wie es damals hieß, wenn sie die wenigen Deutschen Mark vom Arbeitsamt holen mussten.

Nach und nach änderten sich die Arbeitsstrukturen. Industrie und Gewerbe wuchsen. Das VW-Werk in Emden 1964 war ein Meilenstein. Werften hatten eine gute Zeit, in Leer spielte Olympia als Schreibmaschinen-Hersteller eine starke Rolle. Heute sind es Windkraft, maritime Wirtschaft und Tourismus. 

Und beim Hausbau packen viele selbst an. Er beruht auch auf Verzicht, der mit der Mentalität der Ostfriesen zu tun hat. Fürs eigene Haus arbeiten sie sich notfalls einen Buckel. Verschulden sich über eine Generation.

Ostfriesland geht es heute besser, auch wenn das Einkommens-Gefälle zu reicheren Gebieten geblieben ist. Dafür lässt es sich hier günstiger leben. Und sogar angenehmer. So hat ein wissenschaftlicher Vergleich zwischen den Arbeitsamtsbezirken Leer und Balingen bei Stuttgart schon 1990 ergeben, dass Schwaben zwar mehr verdienen, Ostfriesen aber zufriedener sind. Geld ist nicht alles – nur etwas anders verteilt sein könnte es schon.

Pioniere hoch über uns

August 23rd, 2020

Der technische Fortschritt lässt sich von Corona nicht bremsen. Das belegt ein bahnbrechendes Ereignis, dessen geschichtliches Ausmaß wir gar nicht hoch genug einschätzen können: Am 1. September landet auf Norderney ein elektrisch angetriebenes Flugzeug. Vorbehalten Wind und Wetter.

Es ist das erste behördlich zugelassene Passagier-E-Flugzeug der Welt, eine Velis Electro, gebaut von Pipistrel Aircraft in Slowenien. Der Jungfernflug startet in Zürich und erreicht Ostfriesland in zehn Etappen. Eine fünfköpfige Pioniergruppe aus der Schweiz will beweisen, dass sie trotz immer noch schwacher Batterien elektrisch eine 700 Kilometer lange Strecke relativ schnell zurücklegen kann.

Es wird ein Weltrekordflug in mehrfacher Hinsicht: Geringster Energieverbrauch, längste elektrisch geflogene Strecke, höchste Durchschnittsgeschwindigkeit (über 100 km/h), so hoch wie nie zuvor mit Strom (über 3.000 Meter). Die Propeller drehen sich bis zu 2.350-mal pro Minute. Das alles mit einem 57,6 kw-Motor (78 PS), zwei Lithium-Ionen-Batterien mit einer Leistung von 345 Volt und einer Kapazität von je elf Kilowattstunden. Damit bleibt die Maschine 50 Minuten in der Luft, plus zehn Minuten Reserve.

Das bedeutet: Sie muss alle 100 Kilometer landen, um Strom zu zapfen. Dafür fahren zwei Bodenteams in Autos mit mobilen Ladestationen zu den Flugplätzen voraus. Das ist umständlich, aber Pioniertaten eigen. So dampfte anno 1835 die erste Lokomotive mit nur knapp 30 km/h über die sechs Kilometer lange Strecke von Nürnberg nach Fürth.

Der erste E-Flug kommt dem Rekordflug von Charles Lindbergh nahe, der 1927 allein als erster nonstop den Atlantik von New York nach Paris überquerte. Ein Alleinflug ist es am 1.September nicht. Die Velis Electro fasst zwei Personen – ein Koffer passt nicht mehr rein. Lindbergh kassierte damals 25.000 Dollar als Honorar. Die Schweizer müssen bis zu 80.000 Euro aufbringen, über Sponsoren, um einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde zu erreichen.

Ohne zu „tanken“ schaffen Flugzeuge mit Strom bisher nur kurze Strecken. Der Grund: Batterien haben eine geringe Energiedichte. Deshalb werden sie bei größeren Energiemengen zu groß und zu schwer.

Einer der Vorzüge von E-Flugzeugen: Ihre Betriebskosten für den Energieeinsatz sind vergleichsweise gering. Wartung und Kontrolle für Öl, Kühlwasser, Treibstoff- und Luftfilter, Auspuffanlage und Getriebe entfallen. Was auch für E-Autos gilt. Vom leisen Motor und dem Null-Schadstoffausstoß ist dabei noch gar nicht die Rede.  

Um lange Strecken fliegen zu können, forschen Wissenschaftler weltweit an Brennstoffzellen. Doch die Velis Electro ist Realität. Ihre Musterzulassung durch die Agentur der Europäischen Union für Flugsicherheit (EASA; englisch: European Union Aviation Safety Agency) ist der erste Schritt zur gewerblichen Nutzung.  Drei Jahre dauerte die Zertifizierung.

E-Flugzeuge drängen sich in Ostfriesland für Insel-Flüge geradezu auf.  Ohne Motorenlärm und Abgase übers Wattenmeer – das hat Zukunft. So sieht es auch die Frisia-Luftverkehr Norddeich (FLN), eine Tochter der Reederei Frisia. Sie hat sich beim Münchner Flugzeugbau-Start-up Skylax eingekauft – mit dem Ziel, E-Flugzeuge für Kurzflüge zu entwickeln. Aktueller Favorit: Eine viersitzige Zwei-Propeller-Maschine.

Tja

August 15th, 2020

Corona schlägt weiter zu. Nach dem Landkreis Aurich und der Stadt Emden und überall in Deutschland tauchen jetzt im Landkreis Leer nach längerer Pause wieder Personen auf, die sich mit dem Covid19 angesteckt haben. Auftauchen ist hier durchaus wörtlich zu nehmen, denn nicht wenige haben sich die Seuche beim Auslandsurlaub eingefangen. Teils in bekannten Risikogebieten.

Was verleitet angeblich vernunftbegabte Menschen dazu, aus freien Stücken in ein Risikogebiet zu reisen? Was treibt sie, bei Bullenhitze an einen Strand zu fahren, obwohl sie von vornherein wissen, schon vorher im Stau zu stehen oder bestenfalls hautnah mit anderen in der Sonne zu braten.

Psychologen wissen darauf sicher eine Antwort. Doch schon ein kurzer Blick in die Bibel kommt der Sache näher. In Psalm 91 denkt ein weiser Schreiber über Schutz und Zuflucht nach, die der Herr biete. Er kommt zur Erkenntnis, dass „du nicht erschrecken musst … vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt. Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen“.

Heute wähnt sich nicht mehr jeder „unter dem Schirm des Höchsten und unter dem Schatten des Allmächtigen“, wie es im Psalm heißt. Aber selbst jene, die es glauben, wissen, dass sie den Herrn nicht versuchen sollten. Für nicht christlich orientierte Menschen heißt dies: Nicht darauf bauen, dass der Kelch des Virus schon an ihnen vorbeigeht.

Der Volksmund weiß es schon ewig: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Das zu beachten ist ein guter Schutz gegen Corona – und die meisten handeln auch so. Denn was sind schon ein Lappen vor Nase und Mund, Abstand und Party-Abstinenz gegen ein Virus, das Leib und Leben gefährdet? Und – zu Ende gedacht – ganze Volkswirtschaften und somit den Wohlstand in den Abgrund reißen kann.

Vielleicht hilft ein Blick über die Grenze zu den Niederländern. Sie gingen zuletzt ziemlich lässig mit Maske und anderem Schutz um. Für etliche Ostfriesen sogar ein Grund, um drüben einzukaufen. „In Holland muss ich nirgends eine Maske tragen“, wird eine Frau in der Zeitung zitiert. Mittlerweile erhalten unsere Nachbarn die Quittung und müssen die Zügel wieder anziehen. Im Süden des Landes gilt sogar draußen die Maskenpflicht. Ein Alarmzeichen: Ministerpräsident Rutte brach wegen steigender Infektionszahlen seinen Urlaub ab.  Es ist nicht mehr alles „leuk“ in Holland.

Bei uns lässt die Politik die Leine vorsichtig länger. Sozusagen auf Sichtweite. Mal sehen, wie sich Massentourismus und Wiederöffnung der Schulen auswirken.

Die meisten Menschen halten sich an die Regeln, sei es in Läden, Post, beim Frisör oder in Restaurants. Das gilt natürlich besonders für Krankenhäuser, Pflegeheime und Arztpraxen. Obwohl: Für Ärzte gibt es in ihren Praxen keine behördliche Maskenpflicht. Doch in der Regel fühlen sie sich verpflichtet.

Abgesehen von Ausnahmen. So offenbarte ein niedergelassener Arzt aus Leer auf Facebook, was er von Masken hält. Seinen Text, innerhalb kurzer Zeit von 29 Nutzern gelikt, von zwölf kommentiert und von einem geteilt, hat er inzwischen gelöscht. Doch lässt er tief blicken. Wörtlich: „Sehr geehrte Damen u. Herren, geehrte Regierung, verehrte Kassenärztliche Vereinigung, ab morgen werde ich keine Maske tragen. Gruß Dr.med.  ….“  Tja.   

Wertvolle Gäste

August 8th, 2020

Spontan Urlaub machen oder ein paar Tage verreisen? Gar nicht so einfach. Man telefoniert oder surft lange herum. Alles ausgebucht. Corona kurbelt aktuell den Tourismus in Deutschland an. Ein Segen für die gebeutelte Gastronomie.

Auslandsreisen bergen Risiken, schlimmstenfalls sitzen Reisende bei einem Virusausbruch über Wochen fest. Das könnte eine Trendwende im Reiseverhalten einläuten. Motto: „Mein Hawaii ist Norderney“. Oder: Auch in Leer, Ditzum oder Weener ist es schön. 

Die Binsenweisheit von den schönen Ecken in Deutschland stimmt – und Urlauber entdecken, dass neben den Alpen und dem Schwarzwald auch die Küste einiges zu bieten hat. Das bestätigt die Contor-GmbH aus Hünxe (NRW) in einer Standortuntersuchung. Sie hat knapp 600 Städte und Gemeinden mit mehr als 20.000 Einwohnern abgeklopft, wie es dort mit dem Tourismus aussieht. 

Nicht verwunderlich liegt Garmisch-Partenkirchen ganz vorn, gefolgt von bekannten Touristenhochburgen. Deshalb schneidet Norden bestens ab, Aurich und Wittmund beachtlich. Aber auch abseits der Hochburgen blüht der Tourismus.

Aufgeführt sind – ziemlich abgeschlagen, aber immerhin – Moormerland und Westoverledingen. Natur pur ist dort die Devise. Das Rheiderland fehlt, weil keine der drei Gemeinden die 20.000-Einwohner-Marke übertrifft. Aber weder Weener noch Bunde würden nennenswert gut abschneiden, Jemgum würde vom Sonderfall Ditzum profitieren.

Der alte Fischerort mit Hafen und Kuttern, ansehnlicher Gastronomie, Hotel, Ferienhäusern und -wohnungen sowie großem Wohnmobilplatz ist der touristische Leuchtturm des Rheiderlands. Besucher kommen auch außerhalb der Hauptsaison. Und weil es an dieser Stelle passt: Erwähnung verdienen persönliche Initiativen wie das Café am Bingumer Deich oder das Melkhuske in Hatzum.

Weener fehlt es an Hotels und Gastronomie, hat mit dem alten Hafen und umzu aber einen Stern, der mehr zum Funkeln gebracht werden könnte. Bunde setzt mit dem Steinhaus einen kulturellen und am Dollart einen naturnahen Akzent.

Papenburg belegt den beachtlichen Platz 54. Die Erklärung: Das Besucherzentrum der Meyer-Werft. Auf Platz 242 im oberen Mittelfeld rangiert Leer – ein sehenswerter Rang für eine Stadt, die sich nicht unbedingt als Touristenort versteh. Sie ist ein Beispiel dafür, dass sich Tourismus lohnt.

Was lockt Besucher aus der Ferne (und aus dem Umland) nach Leer? Die Fußgängerzone ist attraktiv – wobei sich Besucher zurzeit fragen, warum man das Pflaster dort mitten im Sommer und nicht im Winter aufreißt, den es ja in alter frostiger Form kaum noch gibt. Unabhängig davon: Weitere Hotspots sind die Altstadt, der Hafen mitten in der Stadt, die Evenburg und im Winter die Weihnachtsmärkte. Anziehungspunkt Nummer eins für Touristen jedoch, man lese und staune, ist das Miniaturland.

Tourismus ist kein Selbstzweck, sondern ein Wirtschaftsfaktor, der den Ort auch für Einheimische lebenswerter machen kann. Er sorgt neben Vollzeit-Arbeitsplätzen für Nebenerwerbs-Jobs, erhöht das verfügbare Einkommen und steigert die Bettenbelegung in Hotels und Pensionen. Touristenorte halten oft die Einwohnerzahl stabil, während sie anderswo eher sinkt. Kurz und gut: Sie bieten vielen Menschen ein Ziel und Einheimischen willkommene Arbeit. 

Leer verliert im Großkreis

August 1st, 2020

Ist ein Großkreis Ostfriesland besser als die bestehende Lösung mit den Landkreisen Leer, Aurich und Wittmund und der kreisfreien Stadt Emden? Diese Frage taucht immer mal wieder auf. Nicht selten ausgerechnet dann, wenn Politik so recht keinen Rat mehr weiß, um Probleme zu lösen. Ein Ausfluss von Ratlosigkeit ist aktuell die Forderung nach einem Großkreis Ostfriesland.

Diesmal kamen die Grünen mit ihrer Landtags-Vizepräsidentin Meta Janssen-Kucz aus Borkum damit um die Ecke. Sie haben das Thema allerdings nicht erfunden. Schon 2005 brachte der verstorbene Unternehmer Roelf „Tullum“ Trauernicht den Großkreis aufs Tapet, angefeuert durch seinen Erfolg mit dem Bau der A31.

Mitstreiter fand er damals in Teilen von SPD und CDU, besonders auch schon bei den Grünen sowie beim Bund der Steuerzahler, der vorrechnete, dass man viel Personal und damit Geld sparen könne. Dieses Argument steht bei solchen Debatten immer an erster Stelle, gleichrangig mit der Behauptung, ein Großkreis sei prinzipiell effektiver. Damals versandete die Debatte, spätestens als der Regionalrat Ostfriesland sich selbst auflöste. Nebenbei bemerkt: „Tullums“ Autobahn kam auch ohne Großkreis.

Wachstum ist wirtschaftlich oft richtig. Aber nicht selten stellen Unternehmen fest, dass sie zu groß geworden sind, zu unbeweglich, um schnell auf neue Umstände reagieren zu können. Größe bedeutet nicht unbedingt mehr Effektivität.

Ein Großkreis Ostfriesland wäre vielleicht sinnvoll bei einer einheitlichen Struktur der Region. Aber Aurich mit dem Tourismus auf den Inseln und an der Küste hat andere Aufgaben und auch Probleme als die industriell geprägte Hafenstadt Emden oder der Landkreis Leer mit Handel, Dienstleistungen, kleinen und mittleren Gewerbe- und Industriebetrieben. Der Landkreis Wittmund mit seinen nur 57.000 Einwohnern fällt aus der Reihe. Leer zählt fast dreimal so viel.

Eine sinnvolle Fusion ergibt sich nur, wenn alle Seiten gewinnen. Das ist in Ostfriesland nicht der Fall. Aurich könnte jubeln, würde Kreissitz – und Leer wäre der große Verlierer. Der Landkreis Leer hat sich eine bessere Finanzlage erarbeitet, hat viel in die Infrastruktur investiert, namentlich in Schulen, Mariko und schnelles Internet.

Bestes Beispiel jedoch sind die Krankenhäuser. Das Klinikum Leer wurde runderneuert und hat die finanziell maroden Krankenhäuser in Weener und auf Borkum saniert. Es ist das einzige Klinikum im Nordwesten, das schwarze Zahlen schreibt. Die Krankenhäuser in Aurich, Norden und Emden dagegen sind finanziell am Ende. Sie sollen – gegen heftigen Widerstand – aufgelöst werden und in eine neue Zentralklinik münden.                                                   

Landkreise sind keine reinen Wirtschaftsunternehmen, sondern neben Städten und Gemeinden eine Stütze der Kommunalen Selbstverwaltung, die auf ehrenamtlichem Einsatz ruht. Wenn sich die Menschen nicht mehr mit ihrem Landkreis identifizieren, bleibt das kommunalpolitische Ehrenamt auf der Strecke.

Zweifellos braucht Ostfriesland in Hannover und Berlin viel Schlagkraft. Aber die entsteht nicht durch formale Größe. Hilfreich ist kluge ostfriesische Zusammenarbeit. Landtags- und Bundestagsabgeordnete müssen dann daraus resultierende Pläne bei den Regierungen durchsetzen.

Neue Friesische Freiheit

Juli 31st, 2020

Die Wirtschaft und damit die Menschen in Ostfriesland dürfen nicht unter die Räder kommen – trotz der weltweiten Umbrüche, die drei Namen haben: Digitalisierung, Klimawandel und Corona. Innerhalb einer Woche legten deshalb zunächst die heimischen SPD-Landtags- und Bundestagsabgeordneten und dann Landes-Wirtschaftsminister Bernd Althusmann, CDU, ihre Ideen und Pläne zur Zukunft Ostfrieslands vor.

Bei genauem Hinsehen unterscheiden sich die Absichten der beiden Koalitionspartner in Hannover und Berlin nicht sonderlich. Das ist gut so, denn es erleichtert die Arbeit. Der Minister kam zur Vorstellung seines Ostfriesland-Plans nicht mit leeren Händen nach Emden, sondern brachte einige Millionen für kulturelle und touristische Pläne mit. Das ist erfreulich und lobenswert, erzeugt aber keine Aufbruchstimmung.

Zweifelhaft ist, ob sich der Verein „Wachstumsregion Ems-Achse“ mit Sitz in Papenburg für eine Million Euro zu einer „Denkfabrik“ entwickeln lässt. Fehlte nur, dass von einem „Think Tank“ die Rede gewesen wäre. Die Ems-Achse kümmert sich bisher vornehmlich um die wichtige Fachkräftewerbung und versucht dies aktuell mit einem neuen Irrgarten in einem Maisfeld bei Emsbüren. Aber „Denkfabrik“?

Da ist der Hochschule Emden-Leer kraft ihrer wissenschaftlichen Kompetenz mehr zuzutrauen. Sie soll eine wichtige Rolle spielen, die sie beim Wissenstransfer zwischen Unternehmen und Wissenschaft schon heute spielt.

Doch Dreh- und Angelpunkte sind die Landräte Groote aus Leer und Heymann aus Wittmund, beide SPD, Meinen aus Aurich und Oberbürgermeister Kruithoff aus Emden, beide parteilos. Sie firmieren als Ostfriesland-Allianz – unterstützt von mehreren Organisationen sowie den Landtags- und Bundestagsabgeordneten.

Staatliches Geld und Handeln sind nötig, doch einzig entscheidend ist, dass damit die Wirtschaft auf die Sprünge kommt. Wenn der Staat den Breitband-Ausbau bis an die letzte Milchkanne ausbaut, die Bildung mit aller Kraft voranpeitscht und Straßen, Schienen und Wasserwege in Schuss hält sowie Corona-Unterstützungen punktuell und zielgenau einsetzt, ist schon viel getan. Dann kann der Ostfriesland-Plan ein Erfolg werden. Unabhängig davon müssen VW, Enercon und Meyer stark bleiben.

Die Landräte und der Oberbürgermeister müssen über alle Schatten springen und sich auf ein paar Leuchtturm-Projekte einigen, die ausstrahlen. Geschichtlich sind Ostfriesland und Einheit zwei Paar Schuhe. Das historisch verwurzelte Häuptlings-Denken steckt in den Genen. Die neue Ostfriesland-Allianz hat die Chance, die alte Friesische Freiheit neu zu interpretieren. Motto: Gemeinsam stark durch projektbezogene Zusammenarbeit. Darauf baut auch Minister Althusmann, der einen langen Atem für nötig hält, ehe es aufwärts geht.    

Die Grünen, vertreten durch die Vizepräsidentin des Landtags, Meta Janssen-Kucz, früher Leer, heute Borkum, sehen das Heil darin, die bestehenden Landkreise aufzulösen und einen Großkreis Ostfriesland zu gründen. Damit ist Janssen-Kucz schon 2006 auf den Bauch gefallen. Über den ohnehin fraglichen Sinn und Nutzen jetzt nachzudenken, ist der falsche Termin. Denn eines ist sicher: Über Jahre gäbe es Hauen und Stechen zwischen Landkreisen und Stadt Emden. Viel politische Kraft wäre durch diese Streiterei gebunden. Deshalb: Bloß kein Großkreis.

Große Linien

Juli 18th, 2020

Arbeitswelt und Alltag ändern sich. Corona wirkt dabei zusätzlich wie ein Brandbeschleuniger. Aber Klimawandel und Digitalisierung sorgen schon länger für einen schnellen Wandel, für den sich auch Ostfriesland wappnen muss.

Betroffen sind alle, nicht zuletzt die Wirtschaft – doch steuern muss die Politik. Deshalb lohnt sich ein Blick in „Leitideen“ zur Zukunft Ostfrieslands. Die ostfriesischen Bundestagsabgeordneten Johann Saathoff, Markus Paschke und Siemtje Möller sowie die Landtagsabgeordneten Matthias Arends, Johanne Modder und Wiard Siebels, alle SPD, haben sie zusammengefasst und gestern vorgelegt.

Sie verstehen die Leitideen als „Ausgangspunkt für einen ostfriesischen Zukunftspakt“ und verlieren sich nicht im Kleinkram, sondern zeichnen größere Linien – konzentriert auf die ostfriesischen Schlüsselbranchen: Automobilindustrie, Windenergie, Maritime Wirtschaft und Tourismus. Eigene Kapitel umfassen Infrastruktur, vielfältige Energieversorgung unter anderem mit „grünem Wasserstoff“ sowie allgemeine Bildung und Hochschule.

Die Abgeordneten streuen den Menschen keinen Sand in die Augen. Sie begreifen den unaufhaltsamen Wandel „trotz aller Härten als Chance“. Tatsächlich hält Ostfriesland gute Karten in der Hand.  

So öffnet der Klimawandel dank der fortgeschrittenen Windkraft das Tor zu einer klimafreundlichen Energiewirtschaft. Läuft es gut, kann Ostfriesland eine ähnliche energiepolitische Rolle spielen wie einst das Ruhrgebiet mit der Kohle. Die Windkraft hat noch Luft nach oben, Strom- und Gasnetze, Gasspeicher – alles ist da. Beste Voraussetzungen auch für die Wasserstofftechnik, deren industrieller Nutzen in einer Testfabrik in Diele erprobt werden soll.

Erneuerbare Energien sind auch entscheidend, ob E-Autos, die VW bald in Emden baut, klimafreundlich sind. Doch Autobau ist nicht alles. Die Abgeordneten fordern, dass die nächste Fabrik für Batterien und Batteriezellen in Ostfriesland entsteht.  Zum erneuerbaren Energiemix zählt der Wasserstoff, dem hohes Gewicht als künftiger Energieträger zugemessen wird, in der Industrie und in der Mobilität. Den Abgeordneten schwebt Ostfriesland als Modellregion für Elektromobilität vor – und für autonomes Fahren sollte es ein Forschungsschwerpunkt sein.

 Ostfriesland dürfe seinen Vorsprung in der Windenergie nicht verspielen, sondern müsse ihn gezielt ausbauen. Gleiches gelte für die Maritime Wirtschaft. Die Sozialdemokraten unterstreichen die Bedeutung der Reedereien und des Schiffbaus, namentlich der Meyer-Werft.

Gute Bildung von der Krippe bis zur Hochschule – oft gehört. Doch konkret klingt es wie Musik: Die Hochschule Emden-Leer zum Zentrum des Strukturwandels entwickeln und über das Regionale Pädagogischen Zentrum (RPZ) alle Lehrer fit machen fürs Home Schooling.

Und wer managt die „Leitideen“? Mitmachen sollen Kommunen, Politik, Hochschule, IHK, Handwerkskammer, Landschaft und Gewerkschaften – umsetzen soll es ein Ostfriesland-Büro unter dem Dach des Landesbeauftragten für regionale Landesentwicklung. Pläne gibt es genug, keiner muss neue ausdenken. Das bedeutet Zeitgewinn, der nötig ist, weil sich bald viele Regionen um Fördertöpfe balgen werden und Geld knapp wird. Wenn Ostfriesland sich zügig auf Scherpunkte einigt und gemeinsam auftritt, kann etwas daraus werden. Aber nur dann.