Archive for Oktober, 2009

Mixas Gebärmaschinen, Betreuungsgeld und Kita-Pflicht

Donnerstag, Oktober 29th, 2009

Nicht alle Armen saufen, und nicht allen saufenden Armen sind ihre Kinder egal. Trotzdem stimmt, was der Bezirksbürgermeister von Neukölln zum geplanten Betreuungsgeld sagt. Die neue Bundesregierung hat beschlossen: Wer ab 2013 sein Kind bis zum Alter von drei Jahren zu Hause behält, kassiert dafür monatlich 150 Euro vom Staat. Diese Prämie lädt zum Missbrauch ein und verschlechtert die Lebenschancen von vielen Kindern aus armen Familien und Familien ausländischer Abstammung, die unbedingt auf eine Kita angewiesen sind..

Bürgermeister Heinz Buschkowsky aus dem Berliner Multikulti-Problembezirk Neukölln nutzt das Stilmittel der politischen Unkorrektheit – im Wissen, auf diese Weise am besten Gehör zu finden. Der Sozialdemokrat bringt das Problem des Betreuungsgeldes auf den Punkt: „Die deutsche Unterschicht versäuft die Kohle ihrer Kinder, und in der migrantischen Unterschicht kommt die Oma aus der Heimat zum Erziehen, wenn überhaupt.“  Ausgewiesene Fachleute sehen es genau so, auch wenn sie sich weniger rustikal ausdrücken – wie Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes: „Es besteht die Gefahr, dass Eltern lieber das Betreuungsgeld kassieren, obwohl es für ihr Kind besser wäre, in eine Kindertagesstätte zu gehen.“

Erzieherinnen, Lehrer, Sozialarbeiter – ihnen allen sind Kinder vertraut, deren Eltern sich keinen Deut um sie kümmern. Nicht nur in der Stadt, auch auf dem Lande ist die Welt längst nicht mehr überall in Ordnung. 150 Euro im Monat – vielen Eltern ein willkommenes Zusatz-Einkommen, für das sie keinen Finger krumm machen müssen. Sie brauchen nur ihre Kleinen nicht in die Kita zu schicken und zu Hause vor den Fernseher zu setzen. Mit anderen Worten: Der Staat zahlt eine Prämie für die Verelendung von Kindern. Er verbaut ihnen ihre Lebenschancen, die ohne Hilfe von außen mehr als schlecht sind. In der Kita kommen benachteiligte Kinder mit Altersgefährten zusammen. Sie lernen sprechen, sie spielen, malen und essen gemeinsam – alles, was ihnen zu Hause vorenthalten wird.

Hinter dem Beschluss der Bundesregierung steckt ein hoffnungslos veraltetes Familienbild, das die CSU pflegt und für Bergdörfer im Oberallgäu noch zutreffen mag. Die CSU jedenfalls hat das Betreuungsgeld in der neuen schwarz-gelben Koalition durchgesetzt. Familienministerin von der Leyen, CDU, ist eigentlich dagegen, muss sich aber fügen. Bezeichnenderweise klatscht der ultrakonservative katholische Bischof Mixa am lautesten Beifall. Kinder früh in eine Kita zu geben bedeutet für ihn, „Frauen zu Gebärmaschinen“ zu reduzieren. Mixas Sieg ist ein schwerer Schlag gegen Bemühungen, Kindern aus schwierigen Elternhäusern zumindest annähernd gleiche Startchancen zu geben wie ihren Altersgefährten aus Familien, die sich besser um ihre Kinder kümmern (können).

Skandinavien ist das Vorbild fürs Betreuungsgeld – allerdings ein zweifelhaftes. In Norwegen beispielsweise verzichten fast ausschließlich Unterschichts- und Einwandererfamilien auf eine Kita-Betreuung ihrer Kinder, um so in den Genuss der Prämie zu kommen. Wie sagte noch der Neuköllner Bezirksbürgermeister?

In Deutschland scheuen sich Regierungen, Probleme an der Wurzel zu lösen. Statt das Kindergeld wie vorgesehen zu erhöhen, sollte der Staat es im Zweifelsfall lieber kürzen, auf jeden Fall aber viel mehr Geld in Kitas stecken. Vor der Schulpflicht steht die Kitapflicht – zumindest für drei Jahre. Denn Kinder, um die sich Eltern zu wenig kümmern oder die bildungsfern aufwachsen, sind kein reines Unterschichtenproblem. Es ragt weit in die Mittelschicht. Und Oberschichtenkinder leiden teilweise unter Wohlstandsverwahrlosung. Sie sind materiell bestens versorgt, aber seelisch unterernährt. Ihr Sozialverhalten tendiert gegen Null.

Mit Kitas ist es jedoch nicht getan. Im Anschluss muss die Ganztagsschule folgen – natürlich nicht als nachmittägliche Aufbewahrstation, sondern als Schule im besten Sinne. Materiell gut ausgestattet, ausreichend Lehrer und pädagogisch auf hohem Niveau. Das ist nicht nur eine soziale und moralische Verpflichtung, sondern auf Dauer billiger, als ein Viertel jeder Generation sehenden Auges in Hartz IV zu schicken. Schlecht ausgebildete Kinder kann das Land sich nicht leisten – so oder so.

Es komme keiner, mit Kitapflicht und Ganztagsschule geht das Familienleben den Bach hinunter. Im Gegenteil. Montags bis freitags ab 16 Uhr, sonnabends und sonntags ganztags gehören die Kinder der Familie.

Außensicht: Ja, ja, die Holländer…

Montag, Oktober 26th, 2009

Was einem holländischen Journalisten zum neuen deutschen Finanzminister so durch den Kopf geht, was er die Kanzlerin fragt und was sie antwortet.

Kulturzentrum Zollhaus: Das Fass braucht einen festen Boden

Samstag, Oktober 24th, 2009

Ein „Ort für Kreative und Aktive, Treffpunkt für Liebhaber von Musik, Theater und Kunst“. Der Anspruch, formuliert auf der Homepage, ist hoch. Doch was dabei herauskommt, sind drückende Schulden, die irgendwann bezahlt werden müssen. Aber von wem? Auch 16 Jahre nach dem Start kommt das Zollhaus in Leer nicht richtig auf die Beine. Dem Kulturzentrum fehlt neben Geld ein zündendes Konzept. Dabei steht Hilfe bei Fuß. Doch sie wird verpönt.

Der imposante Backsteinbau in Bahnhofsnähe hatte lange leergestanden und war ziemlich heruntergekommen, als die Stadt dem „Zollhaus Kulturverein e.V.“ den Zuschlag gab, aus dem einstigen Zollwarenlager ein Kulturzentrum zu machen. Der Verein erhielt den Vorzug vor der Biophysikerin Dr. Gerda Basse. Ihr schwebt ein Haus für Kultur, Soziokultur, Technologie, Umweltschutz und Gastronomie vor. Auch heute, anderthalb Jahrzehnte später steht sie zu ihrem Plan. Gerda Basse ist nach wie vor bereit, ihr erkleckliches Vermögen ins Zollhaus zu stecken und es in eine Stiftung zu überführen.

Die Stadt Leer hält dagegen unverbrüchlich am Zollhausverein als Betreiber des Kulturzentrums fest. Bürgermeister Kellner ist ein ausgesprochener Befürworter des Zollhauses in seiner jetzigen Form. Die Stadt Leer zahlt jährlich einen Zuschuss von 26.650 Euro an den Verein. Der Landkreis als weiterer Zuschussgeber geht vorsichtiger ans Werk und will erst eine Bilanz, Buchungsbelege und laufende Verträge prüfen, bevor er 20.000 Euro überweist – und bis Ende dieses Jahres will er ein schlüssiges Konzept sehen. Auch das Land steuert sein Scherflein bei, so dass im Jahr ein öffentlicher Zuschuss von 80.000 Euro herauskommt.

Diese Summe soll hier grundsätzlich nicht kritisiert werden, weil Kultur nun einmal Geld kostet. Das Problem des Zollhauses liegt tiefer. Dafür gibt es mehrere Gründe. Auffällig: Das Geschäftsgebaren ist undurchsichtig. Warum bereitet es dem Verein solche Schwierigkeiten, eine Bilanz vorzulegen? Geschäftsführerin Birgitta Heller hat laut Ostfriesen-Zeitung vom 17. September 2009 gesagt: „Die Bilanz wird in dieser Woche fertig und dem Landkreis übergeben.“ Tatsächlich dauerte es fünf Wochen. Am 26. Oktober beginnt der Landkreis mit der Prüfung der Unterlagen. Ist alles in Ordnung, zahlt er.

Der Zollhausverein hat größte Mühe, den Betrieb mit seinen Partys zu finanzieren. Bezeichnend: Ein Steuerberater verlangte neulich eine Vorauszahlung, ehe er sich an die Arbeit machte. Der Mann hat zwangsläufig den nötigen Einblick und wird seine Gründe haben. Und ein Kreditinstitut ließ die Summe im Grundbuch erhöhen, mit der es seine Kredite absichert – nicht unbedingt ein Zeichen, dass es die Finanzlage des Zollhausvereins als solide einschätzt. Insgesamt soll der Verein bei dem Kreditinstitut mit rund 600.000 Euro in der Kreide stehen. Hinzu kommen rund 100.000 Euro weitere Verbindlichkeiten, wie aus gut unterrichteten Quellen zu erfahren ist.

Das Zollhausprojekt – Motto „Kultur und Spaß“ – fand zumindest in der Anfangszeit viele Freunde. Und auch Geldgeber wie die Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur in Hannover, die bis 2005 insgesamt 0,6 Millionen Euro an Fördergeld für Gebäudesanierung und Technik sowie für Projekte und andere Aktivitäten ausspuckte.

Die Sanierung des heruntergekommenen Gebäudes, das in seiner Substanz gesund ist, verschlang viel Geld, ohne dass sie schon als beendet bezeichnet werden kann. Vieles macht einen höchst provisorischen Eindruck.

Jetzt kommt Gerda Basse wieder ins Spiel. Ihr Herz hängt am Zollhaus. Sie würde es sofort übernehmen, unabhängig von dem Korb, den ihr die Stadt einst gegeben hat. Aber nur unter einer Bedingung: Sie steht nicht für die Schulden des Zollhausvereins gerade. „Ich übernehme keine Altlasten“, sagt Gerda Basse. Förderzuschüsse würde sie akzeptieren, „aber nur für Dinge, die klar festgelegt sind“. Grundsätzlich müsste die Stadt Leer sich aus dem Zollhaus heraushalten.

Die 59-jährige gebürtige Emderin, die am TGG in Leer Abitur machte und in der Großstraße eine Galerie betreibt, hat in Hamburg mit Immobilienverkäufen viel Geld gemacht. Sie würde heute wieder die von ihr in den 90er Jahren gebotenen 560.000 Mark (umgerechnet rund 276.000 Euro) in das Zollhausgebäude investieren und zusätzlich eine Millionen-Summe in eine so genannte Familien-Stiftung stecken.

Familien-Stiftung heißt: Zehn Prozent des Stiftungsgewinns bleiben der Stifterin – die nach eigener Aussage ihr gesamtes Geldvermögen stiftet. Ihr Motiv: „Freunde haben mir vorgelebt, wie erfüllt ein Leben für die Gesellschaft sein kann, egal, ob in der Kunst, der Politik oder der Wirtschaft.“

Unterm Strich: Das Zollhaus muss endlich auf eine solide Basis gestellt werden. Es dem Zollhausverein zu überlassen, war ein Geburtsfehler. Ein Verein kann unmöglich einen solch komplexen Betrieb führen, auch wenn er Birgitta Heller hauptamtlich mit der Leitung der Geschäfte betraut hat. Das gelingt ihr nur mit großen Abstrichen. Guter Wille und gute Betriebswirtschaft sind nicht selten zwei Paar Schuhe. Gut gemeint ist meistens schlecht gemacht. Das Zollhaus erinnert an selbstgeführte Jugendzentren, wie sie einst Mode waren und die allesamt gescheitert sind.

Es wäre seinerzeit klug gewesen, Gerda Basse das Zollhaus zu überlassen. Es ist einem Projekt immer dienlich, wenn eine Betreiberin wie Gerda Basse sich mit eigenem Geld engagiert. Das sensibilisiert ungemein für den Gang auf dem schmalen Grat zwischen ökonomischer Vernunft und kulturellem Wollen und Wünschen. Gerda Basse weiß, dass man auch für ideelle Vorhaben erst einmal Geld verdienen muss, und sie weiß, wie man mit Geld umgeht. Dieses paart sich in ihrer Person mit Enthusiasmus und Liebe zur Kultur und gesellschaftlichem Engagement. Dank ihrer Erfahrungen im Hamburger Kulturzentrum „Die Fabrik“ ist ihr zuzutrauen, ein auf Leer zugeschnittenes Projekt erfolgreich zu führen. Aber warum ist sie im Rathaus in Leer mit ihrem Projekt aufgelaufen? Die Gründe sind eher im persönlichen als im sachlich-fachlichen Bereich zu suchen. Das Problem Zollhaus bleibt vorläufig ungelöst. Aber es könnte sich zu einem Fall ausweiten.

Gerda Basses damaliges Konzept fürs Zollhaus:

1. Ein Sozio-Kulturelles Zentrum.. Darunter versteht sie ein Angebot für folgende Gruppen oder Bereiche: Ältere Menschen (Oma-Kind-Projekt); Gruppen und Vereine mit Gesang, Musik, Tanz oder Theater; Ausländerarbeit; Einwohnertreffen; Familien- und Sozialberatung; Kurse, Workshops und Projektarbeit für Jugendliche; Kirchenarbeit; Künstler und Musiker; Nichtsesshafte und Geringverdiener; Partys und Feiern; Stadtteil und Gemeindearbeit; Schülerbetreuung (Jugendcafe); Suchtgefährdete; Themenabende; Touristen; Ausländerintegration; Verköstigung von Nichtsesshaften und Bedürftigen, gekoppelt mit Sanitär- und Waschräumen sowie ärztlicher Betreuung.

2. Technologie „Technologie und Umweltschutz“: Firmen und Organisationen können Büros für Beratung und Öffentlichkeitsarbeit mieten; räumliche und juristische Basis für Jungunternehmer, die eine Firma gründen wollen und Starthilfen brauchen; Beratungsdienste für Firmen in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule. Dieses Technologie-Zentrum wäre heute in dieser Form nicht machbar, weil die Räume anderweitig verpachtet sind (Radio Ostfriesland).

3. Galerie und Gastronomie – professionell betrieben.

Gnadenlose Reformierte Kirche, ein merkwürdiges Urteil und die Folgen

Freitag, Oktober 16th, 2009

Es ging im Prozess vor dem Auricher Landgericht schließlich um Kirche, und da wollte Henning Schröder sich offensichtlich als bibelfester Richter präsentieren. „Österlich gesprochen“ sei der Angeklagte „das Lamm, das geschlachtet wird“. Seinerzeit wurde das unschuldige Lamm Gottes  gekreuzigt – aber es ist auch auferstanden.  Um im Bild zu bleiben: Richter Schröder und das Landgericht spielten die Rolle des Pilatus und verurteilten Dr. Walter Schulz wegen Untreue. Schulz ist Gründer und früherer Leiter der Johannes-a-Lasco-Bibliothek in Emden, einer Forschungsstätte des reformierten Protestantismus.

120 Tagessätze zu 30 Euro, insgesamt 3600 Euro muss Schulz zahlen. Er gilt damit als vorbestraft. Die Staatsanwaltschaft hatte Schulz zur Last gelegt, das Stiftungsvermögen der Bibliothek gesetzeswidrig durch den Kauf von Büchern und Bildern verringert zu haben.

Es war ein Prozess, der mehr als Kopfschütteln auslöst. Die Ostfriesischen Nachrichten in Aurich sprechen unumwunden von einem „Fehlurteil“. Die „Tageszeitung“ (TAZ) beobachtete ein „bizarres Verfahren“ und titelt den Artikel mit „Verdienstvoller Untreue“. Die Ostfriesen-Zeitung in Leer gewinnt dem Urteil hingegen „etwas Salomonisches“ ab und begründet es damit, dass die Reformierte Kirche, die Schulz fristlos gekündigt und juristisch ans Messer geliefert hat, „ein bisschen Recht bekommen“ habe – andererseits sei die Geldstrafe „angesichts des harten Vorgehens der Kirchenleitung eher als läppisch zu bezeichnen“.

Kirchenpräsident Jann Schmidt und sein oberster Jurist Dr. Johann Weusmann haben mit ihrem ungezügelten Vorgehen gegen den anerkannt verdienstvollen Gründer der Bibliothek Walter Schulz nicht nur unchristlich, sondern sachlich höchst zweifelhaft gehandelt und ein äußerst schwaches Krisenmanagement gezeigt.

Eine lange und komplizierte Geschichte knapp geschildert: Schulz  hat durch die ihm vorgeworfenen Zukäufe die Bibliothek erst zu dem wissenschaftlichen Rang geführt, für den er nicht nur wissenschaftliche Ehren erntete, sondern auch handfestes Geld erhielt, so genannte Drittmittel vom Staat, der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder von Stiftungen. Die Ursprungsbibliothek musste erst auf Forschungshöhe gebracht werden, um Drittmittel für wissneschaftliche Arbeiten und Tagungen zu erhalten.

Die Bibliothek gilt von Anfang an als unterfinanziert. Mit dem ursprünglichen Ertrag des Stiftungskapitals von acht Millionen Euro konnten die jährlichen Betriebskosten von einer halben Million Euro nicht bezahlt werden. Erst recht nicht mehr, als 2001 die Internet-Blase an den Börsen platzte und das Stiftungsvermögen auf 5,2 Millionen Euro schmolz.

Es gab damals eine Alternative: Die Bibliothek zu schließen oder sie zu erweitern. Die Schließung kam überhaupt nicht in Betracht. Schulz setzte auf die Erweiterung, den einzigen Weg, den Rang der Bibliothek zu wahren und auszubauen. Die Reformierte Kirchenleitung als Aufsicht und Mitglied im Stiftungskuratorium segnete alle Bilanzen ab. Was Kirchenpräsident Schmidt nicht hinderte, Schulz im vorigen Spätsommer Knall auf Fall wie ein Manchester-Kapitalist den Stuhl vor die Tür zu setzen.

Die Folgen sind fatal: Schulz wird beruflich kalt gestellt und finanziell schwer geschädigt. „Seine“ Kirche tritt seine Ehre in den Schmutz – und setzt ihr Ansehen aufs Spiel. Sie hat seitdem ein schweres Imageproblem. Schließlich geht es nur um die juristische Wertung, wie man mit Stiftungskapital umgehen darf oder nicht. Das ist bei Fachleuten höchst umstritten. Diese Frage hätte die Kirche schon vor Jahren intern klären können – anstatt jetzt einen Menschen und Mitarbeiter – bildlich gesehen – einen Abhang hinunter zu stürzen..

Aber auch sonst zeigen sich die Reformierten in schlechtem Licht. Sie haben sich in Kirchen- und wissenschaftlichen Fachkreisen längst lächerlich gemacht. Die Bibliothek ist seit Monaten geschlossen. Die Evangelische Kirche in Deutschland springt als Retter ein, die Reformierten verlieren ihr Aushängeschild.

Juristisch ist der Fall nicht abgeschlossen. Demnächst steht das arbeitsrechtliche Verfahren an. Die Kirche wird versuchen, den Versorgungsvertrag von Schulz anzufechten. Walter Schulz, früherer Pastor, ist seit seiner Arbeit für die Bibliothek kein Quasi-Beamter mehr und hat somit keinen Anspruch auf die übliche Pastoren-Pension. Er ist im Alter auf die Erfüllung des Versorgungsvertrages angewiesen.

Aber vielleicht kommt alles auch ganz anders. Denn das Urteil des Landgerichts lässt eine Revision vor dem Bundesgerichtshof zu. Selbst der Laie erkennt mögliche Revisionsgründe. So hat das Gericht nicht geklärt, ob der Bibliothek überhaupt ein Schaden entstanden ist. Die gekauften Bücher und Bilder behalten natürlich einen Wert, möglicherweise steigt der Wert sogar. Doch das Gericht geht offensichtlich davon aus, dass es für die gekauften Objekte keinen angemessenen Markt gibt.

Als rechnerische Grundlage für die Untreue nahm das Gericht entgangene Zinsen von  90.000 Euro an, verursacht durch die Zukäufe. Der Staatsanwalt, der auf eine Gefängnisstrafe von einem Jahr auf Bewährung und einer Geldbuße von 1000 Euro plädierte, hatte eine andere Sicht der Dinge und legte kurzerhand die gesamte Kaufsumme als Untreue aus. Damit schoss der  Staatsanwalt nach Ansicht des Gerichts weit über das Ziel hinaus. Maß hatte die Staatsanwaltschaft schon im vorigen August nicht bewiesen, als sie spektakuläre Hausdurchsuchungen in der Bibliothek, bei Schulz privat und in einem weiteren  Privathaus startete. Schon damals schoss sie mit Kanonen auf Spatzen.

In diffusem Licht erscheint auch, dass im Urteil nur von entgangenen Zinsen durch Zukäufe, aber nicht von den vier Millionen Euro die Rede ist, die Schulz als Drittmittel eingeworben hat. Das Gericht lässt weitgehend außer Acht, dass Schulz durch die Zukäufe zwar das Vermögen verringerte und somit weniger Zinsen in Kauf nahm, dies jedoch durch die erklecklichen Drittmittel mehr als ausgeglichen hat.

Walter Schulz ist durch den Prozess, durch die gnadenlose und sachlich schwer nachzuvollziehende Haltung und Handlung des Kirchenpräsidenten und seiner Helfer und durch die völlig überzogenen Hausdurchsuchungen der Staatsanwaltschaft seelisch schwer mitgenommen, wie sich auch am Prozesstag in Aurich zeigte.  „Seine“ Reformierte Kirche hat sich zu dem Fall bisher mit keinem Wort geäußert. Lediglich ihr Anwalt Dr. Manfred Radtke ließ verlauten, dass sich die Kirche durch das Urteil bestätigt sieht: „Der Richterspruch hat nach unserer Ansicht eine Wirkung.“ Er spielt damit auf das bevorstehende Kündigungsschutzverfahren und auf den Versorgungsvertrag an.

Knallhartes Vorgehen gegen unliebsame Mitarbeiter scheint in Kirchenkreisen modern zu werden. Die Reformierten stehen da nicht allein. Die Lutherische Landeskirche in Oldenburg, vertreten durch ihren Bischof Jan Janssen,  hat in diesen Tagen ihre langjährige Pressesprecherin ohne erkennbar schwerwiegende Gründe fristlos gekündigt.

Dioxin auf Emsweiden: Fatale Folgen eines Trugbildes

Mittwoch, Oktober 14th, 2009

Marion Luppen von der Ostfriesen-Zeitung fühlt sich an das „Phantom von Heilbronn“ erinnert – einer Mörderin, nach der die Polizei jahrelang jagte, obwohl es sie gar nicht gab. Die genetischen Fingerabdrücke waren nicht am Tatort, sondern im Labor von einer Mitarbeiterin an ein angeblich belastendes Wattestäbchen gelangt.

Im Landkreis Leer sorgen Laboruntersuchungen von Gras am Emsufer seit mehr als einem Jahr für Alarmstimmung. Das Gras sei mit dioxinähnlichen Polychlorierten Biphenylen (PCB) verseucht, hatte das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmitteluntersuchung (Laves) in Stade messerscharf erkannt.

Die Kreisverwaltung in Leer musste die Notbremse ziehen und zunächst 27 Weideflächen im Deichvorland der Ems in Jemgum und Moormerland sperren. Umweltverbände und Grüne, allen voran die Bürgerinitiative „Rettet die Ems“, hatten die Schuldfrage schnell geklärt: Baggerungen und Staus der Ems wegen  Schiffsüberführungen. Eine günstige Gelegenheit, ihren Lieblingsgegner Meyer-Werft an den Pranger zu stellen.

Die Bürgerinitiative ließ im April öffentlich einen Wissenschaftler der Universität Kiel über „die giftigste Verbindung von Menschenhand“ erzählen – was zweifellos nicht von der Hand zu weisen ist, wenn man über Dioxine redet. Sie setzen sich aus Kohlenstoff, Sauerstoff und Chlor zusammen und bilden sich bei Verbrennungen in der Chemieindustrie und auch bei Kohlekraftwerken – was aber nicht bedeutet, dass man sie immer noch wie vor Jahren in die Luft bläst.

Der Wissenschaftler teilte seinem dankbaren Publikum denn auch gleich mit,  dass  Baggerungen und Flussstaus die Ursache der Dioxine auf den Weiden seien. Dumm nur, dass er einem Trugbild für seine These aufsaß. Im Gegensatz zur Kreisverwaltung, die rational an die Sache heranging. Ihr kamen einige Laborergebnisse des Laves unlogisch vor. Deshalb ließ sie Grasproben, die das Laves als stark belastet eingestuft hatte, vom renommierten Fresenius-Institut in Taunusstein erneut untersuchen. Fresenius kam zu einem anderen Ergebnis: Unbedenklich.

Die Ursache der Dioxinbelastung liegt im Labor des Laves. Die Mitarbeiter dort gehen offensichtlich eher lässig mit „der giftigsten Verbindung von Menschenhand“ um, denn dort müssen die Grasproben aus dem Landkreis Leer mit Dioxin in Verbindung gekommen sein. Ob Mitarbeiter des Laves selbst mit Dioxin in Berührung gekommen sind, ist bisher nicht bekannt.

Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium, zuständig für das Laves, versucht, den Skandal klein zu reden. In der Sache jedoch bleibt dem Ministerium nichts anderes, als dass es die Weideverbote nach erneuten Untersuchungen nächste Woche aufheben wird.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Das allgemeine Dioxinproblem soll hier nicht klein geredet werden. Es ist aber kein spezielles Ems-Problem, sondern trifft auf alle Industrieländer zu und hängt mit dem Beginn der Chlorchemie in den 30er Jahren zusammen.

Windenergie: Der kleine Mann spielt Bank

Dienstag, Oktober 13th, 2009

Bei Banken klemmen die Kredite. Doch es gibt ja noch den kleinen oder etwas größeren Mann, der mit seinem Geld einspringen und Bank spielen kann. Die Prokon Nord Energiesysteme GmbH in Leer legte jetzt ihre erste so genannte Unternehmensanleihe auf. Schon mit 1.000 Euro ist man dabei. Zu einem Zinssatz, den Banken und Sparkassen nicht im Traum bieten.

Die Finanzkrise und die dank Schwarz-Gelb bald länger laufenden Atomkraftwerke drohen den Jobmotor Windenergie ins Stottern zu bringen. Geldgeber halten sich zurück. Das zeichnet sich schon länger ab. Bereits im Februar wurde bekannt, dass der genehmigte Offshore-Windpark Borkum-West II wegen fehlender Kreditzusagen auf Eis liegt. Die Prokon Nord Energiesysteme GmbH hat diesen Windpark geplant.

Viele Banken haben sich erst einmal von der Finanzierung der milliardenschweren Investitionen auf hoher See verabschiedet. Wie es damit weitergeht, ist offen. Es gibt beispielsweise Überlegungen, die Windpark-Pläne kleinerer Unternehmen durch Staatsbürgschaften abzusichern und so zu retten.

Betroffen von der Finanzkrise ist auch das russische Windenergie-Unternehmen Bard, das mit seiner Fabrik auf dem Rysumer Nacken bei Emden und dem Bau einer Gießerei für Windmühlen-Bauteile in Leer nicht vorankommt.

Wenn die Windparks erst mal ans Netz gehen, gelten sie als profitabel. Aber bis dahin ist der Weg beschwerlich. Ingo de Buhr, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Prokon in Leer, sagte jetzt in Frankfurt, was sich Anleger von seiner Unternehmensanleihe versprechen können: „ … den Zugang zu einem Markt mit überproportionalen Wachstumschancen.“ „Um die „Energieversorgung von morgen zu gestalten“, so de Buhr, seien „neben Visionen, planerischer Weitsicht und dem nötigen Knowhow vor allem auch gezielte Investitionen“ nötig.

Die Finanzkrise wird der gesamten Wirtschaft noch schwer zu schaffen machen. Banken und Sparkassen betreiben eine steigende Risikovorsorge für Kreditausfälle. Deshalb müssen sie mehr denn je auf ihr Eigenkapital achten – mit der Folge, dass sie sich bei manchem Geschäft zurück- oder gar heraushalten.

Für viele Unternehmen wird 2010 ein hartes Jahr, weil ihre Zahlungsfähigkeit von den Banken schlechter eingestuft wird (Rating) und damit die Zinsen für Kredite höher werden. Denn die Bilanzen, die sie Anfang 2010 den Banken vorlegen müssen, spiegeln das Krisenjahr 2009 wider. Sie sind die Grundlagen für die Bonität des Unternehmens.

Prokon Nord Energiesysteme könnten diese Untiefe mit einer Unternehmensanleihe für Privatanleger umschiffen – wenn genügend Anleger ihr Vertrauen in den Leeraner Windkraft-Pionier und in die Windkraft allgemein setzen. Aber wie immer gilt: No risk, no fun.

Die Konditionen klingen verlockend: Sieben Prozent feste Zinsen, Laufzeit fünf Jahre, Mindestanlage 1.000 Euro, Volumen bis zu 50 Millionen Euro.

Horst Szymaniak – wir Fußballer verneigen uns vor einem der Größten

Samstag, Oktober 10th, 2009

Horst Szymaniak. Der Name riecht noch nach echtem Leder, aus dem damals die Fußbälle waren. Mit den flatternden Plastikkugeln von heute hatten sie nichts gemein. Wie kaum ein Zweiter wusste Szymaniak, was man mit dem Leder alles anfangen konnte.  Er war ein ganz Großer. Jetzt ist er tot.

Wir blicken zurück auf den 14. August 1981. Ein Traum wurde wahr. In Möhlenwarf, jawohl, in diesem kleinen Dorf in Ostfriesland, spielte die Uwe-Seeler-Traditionself gegen die heimischen Sportfreunde. Das 6:6 tut hier nichts zur Sache. Nach dem Spiel gab es Kotelett, Kartoffelsalat, Bier und Korn in der Kneipe von Uwe Wessel, auch schon nicht mehr unter den Lebenden. Unsereins trank die Halben und Kurzen am Tisch mit Horst Szymaniak und Helmut Rahn. Der Chronistenpflicht genüge: Egon Cordes saß als Vierter in der Runde.  Aber der schwieg und trank Sinalco.

Ganz anders als der stieselige Cordes der Held von Bern – auch schon nicht mehr unter uns – und Horst Szymaniak. Sie freuten sich darüber, dass sie es den jungen Kollegen wie Lothar Emmerich, Bernd Gersdorf oder Max Lorenz und vor allem dem ehrgeizigen Käpt’n Uwe aus Hamburg noch mal gezeigt hatten, wie der Ball laufen muss.  Auch in der dritten Halbzeit hielten sie ihre Form. Sie redeten, wie man im Ruhrpott eben so redet. Nicht drumrum.

Nein, mit dem dritten Tor von Bern hat unsereins Rahn nicht gequält. Er war nicht mundfaul, führte aber auch nicht das Wort. Eher Szymaniak. Ein munterer Plauderer. Gelegentlich unterbrach er sich selbst:   „Dürfen wir noch einen, Helmut“ ? Ein kurzes Nicken, die Kellnerin gewunken, Szymaniak erzählte weiter. Ein einfacher Mann, aber keineswegs tumb, wie in Zeitungen gern dargestellt. Damals 1981 arbeitete er als Schwimmmeister in Melle. Das viele Geld, das er in Italien und ganz zum Schluss noch bei Tasmania Berlin in der Bundesliga kassiert hatte – es war längst durch den Schornstein geraucht. Der gute Horst, dieser feine bescheidene Mensch, war in die Fänge von skrupellosen Raffkes geraten, die ihn bis aufs Hemd ausgezogen hatten. Aber keine Spur von Verbitterung. Rahn schien leicht melancholisch, Szymaniak eher gelassen mit einem Smüsterlächeln. Ein unaufdringlicher Kumpel, ohne Arg und Bosheit.

Ach ja: Spielvereinigung Erkenschwick, Wuppertaler SV, Karlsruher SC, CC Catania, Inter Mailand, Tasmania Berlin – überall dort hat er gespielt. Aber in bester Erinnerung blieb ihm die Zeit in Catania. Eher nicht wegen des Fußballs, so gut war die Mannschaft nicht, sondern wegen der Menschen, die ihn dort so nahmen, wie er war und so behandelt haben, wie er es verdient hatte. Die Sizilianer  liebten seine Art,  Fußball zu spielen. Sie zeigten und dankten es ihm.

Keine Rede von fiesen Scherzen über den linken Läufer, dem nachgesagt wurde, einst in Wuppertal mindestens ein Viertel mehr Gehalt verlangt zu haben als das angebotene Drittel.

Wir Fußballer wissen: Ein Mann mit solcher Spielintelligenz, der Flachpässe adressierte wie kein zweiter, der schon den tödlichen Pass spielte, als dieser noch gar nicht so hieß, der von Herberger ruck, zuck die damals unbekannte saubere Seitengrätsche lernte (Sliding tackling) und hierzulande populär machte – einen solchen Spieler nennen wir genial.

Szymaniak hatte eine großartige Fußballerkarriere. 43 mal trug er Schwarz und Weiß mit dem Adler auf der Brust, bei den WM in Schweden und Chile war er dabei. Ein begnadeter Fußballer, eine Symbiose aus dem Filigrantechniker Fritz Walter und dem Kämpfer Horst Eckel.

Er war ein lebensfroher, gutmütiger Mensch – mit Format. Als die falschen Freunde ihn finanziell ausgesaugt hatten, lamentierte er nicht, sondern schlug sich still als Lastwagenfahrer, Kranführer oder Bademeister durch. Die schmale Knappschaftsrente zum Schluss hatte er sich für acht Jahre unter Tage verdient.

Gutmütig blieb er bis zum Schluss, und ein bisschen ausnutzen ließ er sich auch am 14. August 1981 von Helmut Rahn in Möhlenwarf. Als der Boss ihn nach einigen gemeinsamen Halben und Kurzen fragte, wer denn nun die 184 Kilometer  nach Melle fahren müsse, übernahm Szymaniak kurzerhand den Chauffeurjob und stieß fortan bei Uwe Wessel nur noch mit Bier an. Wir Fußballer verneigen uns vor einem der Größten.

Schiffbau in Emden: Von Valium, Managern und Industriepolitik

Samstag, Oktober 3rd, 2009

Das endgültige Aus der Nordseewerke in Emden ist vorerst abgewendet. Ob das Zugeständnis des Mutterkonzerns Thyssen-Krupp nur Valium für Belegschaft und Region ist, wird sich bald erweisen.  Zweifel am Fortbestand der Werft drängen sich auf. Die Lage: Der Stahlriese Thyssen-Krupp in Essen, der die Werft an die SIAG Schaaf Industrie AG aus dem Sauerland verkauft hat, zieht sich vorläufig doch nicht ganz zurück, sondern steigt mit 20 Prozent bei der Nordseewerke-Gesellschaft von SIAG ein.  SIAG will auf dem Werftgelände vor allem Teile für Windkraftanlagen auf hoher See bauen und nebenbei noch Restaufträge der Werft abarbeiten. Dann soll Schicht sein.

Doch in den jüngsten Wochen kämpften Werftarbeiter, unterstützt von Politikern und Verbänden, gegen die drohende Schließung der Werft.

Mit dem Einstieg von Thyssen-Krupp und dem Versprechen des Aufsichtsrats, sich in einem Jahr noch einmal mit dem Thema Schiffbau in Emden zu beschäftigen, bleibt jetzt etwas Zeit, eventuell ein Zukunftskonzept für die Werft zu zimmern.

Ob Thyssen-Krupp und auch SIAG daran ein reales  Interesse haben? Der kleine Einstieg des Konzerns in die neue Betreiber-Gesellschaft hat jedenfalls nicht viel zu bedeuten. Er kam nur auf Druck der Landesregierung und der Belegschaft zu Stande, nicht aus Einsicht. Der Nordseewerke-Betriebsrat sieht die Sache realistisch und sagt, dass die Tür zum Schiffbau in Emden „jetzt wieder einen Spalt breit offen steht“. Weiter aber auch nicht.

Es ist gut, dass die Werftarbeiter jetzt etwas verschnaufen können. Aber  das Zugeständnis von Thyssen-Krupp ist erst einmal nur ein Stück Papier. Deshalb dürfen sich Betriebsrat und Belegschaft keine lange Pause gönnen. Ein Jahr ist schnell vorbei – und warum sollte der Aufsichtsrat des Konzerns im Herbst 2010 anders handeln als heute? Sehen dann die Zahlen anders aus? Gibt es dann aus Sicht der Manager einen Grund, Schiffe in Emden zu bauen? Liegen dann genügend Aufträge vor, dass Thyssen-Krupp neben seinen Werften Blohm+Voss in Hamburg und HDW in Kiel die Nordseeweerke auslasten kann? Der jetzige Kompromiss kam doch nur zu Stande, weil der Konzern für Hamburg und Kiel auf Staatsaufträge angewiesen ist und es sich deshalb mit der Politik nicht total verderben will –  zumal mit Rösler ein FDP-Mann in Hannover Wirtschaftsminister ist, der auch einen guten Draht zur neuen Berliner Regierungspartei FDP hat.

Technisch und betriebswirtschaftlich halten die Nordseewerke dem Vergleich mit Blohm+Voss und HDW leicht stand. Sie sind profitabel. Aber die Regierungen in Hamburg und Kiel bringen offensichtlich in Essen mehr Gewicht auf die Waage als die niedersächsische Landesregierung.

In Emden steht viel auf dem Spiel – ganz abgesehen von den Arbeitsplätzen auf der Werft und bei mittelständischen Zulieferern. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Kompetenz im Marine-Spezialschiffbau. Das Wissen, wie man solche Schiffe baut,  geht unwiederbringlich verloren, wenn die Werft schließt. Man kann sie nicht einfach nach Jahren wieder in Betrieb nehmen.

Die Nordseewerke sind deshalb ein Fall für eine vorsorgende Industriepolitik. Das Aus der Werft wäre mehr als ein betriebswirtschaftlich bedingter Verlust eines Unternehmens, wie er täglich vorkommt. Auch das Wort Marktbereinigung ist fehl am Platz. Es wäre ein Abschied für immer vom Schiffbau in Emden. Dieses zu beklagen hat nichts mit Sentimentalitäten zu tun. Es geht um eine volkswirtschaftliche und politische Grundsatzentscheidung, die man nicht einem Management im Ruhrpott überlassen sollte, das ohnehin mit dem Rücken zur Küste sitzt und  ausschließlich das Wohl des Gesamtkonzerns und damit der Aktionäre im Auge hat. Es schert sich nicht um volkswirtschaftliche und politische Auswirkungen. Das mag auch nicht  Aufgabe eines Managements sein. Aber Ostfriesland und der ganze Nordwesten können und sollten sich diesen Abschied vom Spezialschiffbau nicht leisten.