Horst Szymaniak – wir Fußballer verneigen uns vor einem der Größten

Horst Szymaniak. Der Name riecht noch nach echtem Leder, aus dem damals die Fußbälle waren. Mit den flatternden Plastikkugeln von heute hatten sie nichts gemein. Wie kaum ein Zweiter wusste Szymaniak, was man mit dem Leder alles anfangen konnte.  Er war ein ganz Großer. Jetzt ist er tot.

Wir blicken zurück auf den 14. August 1981. Ein Traum wurde wahr. In Möhlenwarf, jawohl, in diesem kleinen Dorf in Ostfriesland, spielte die Uwe-Seeler-Traditionself gegen die heimischen Sportfreunde. Das 6:6 tut hier nichts zur Sache. Nach dem Spiel gab es Kotelett, Kartoffelsalat, Bier und Korn in der Kneipe von Uwe Wessel, auch schon nicht mehr unter den Lebenden. Unsereins trank die Halben und Kurzen am Tisch mit Horst Szymaniak und Helmut Rahn. Der Chronistenpflicht genüge: Egon Cordes saß als Vierter in der Runde.  Aber der schwieg und trank Sinalco.

Ganz anders als der stieselige Cordes der Held von Bern – auch schon nicht mehr unter uns – und Horst Szymaniak. Sie freuten sich darüber, dass sie es den jungen Kollegen wie Lothar Emmerich, Bernd Gersdorf oder Max Lorenz und vor allem dem ehrgeizigen Käpt’n Uwe aus Hamburg noch mal gezeigt hatten, wie der Ball laufen muss.  Auch in der dritten Halbzeit hielten sie ihre Form. Sie redeten, wie man im Ruhrpott eben so redet. Nicht drumrum.

Nein, mit dem dritten Tor von Bern hat unsereins Rahn nicht gequält. Er war nicht mundfaul, führte aber auch nicht das Wort. Eher Szymaniak. Ein munterer Plauderer. Gelegentlich unterbrach er sich selbst:   „Dürfen wir noch einen, Helmut“ ? Ein kurzes Nicken, die Kellnerin gewunken, Szymaniak erzählte weiter. Ein einfacher Mann, aber keineswegs tumb, wie in Zeitungen gern dargestellt. Damals 1981 arbeitete er als Schwimmmeister in Melle. Das viele Geld, das er in Italien und ganz zum Schluss noch bei Tasmania Berlin in der Bundesliga kassiert hatte – es war längst durch den Schornstein geraucht. Der gute Horst, dieser feine bescheidene Mensch, war in die Fänge von skrupellosen Raffkes geraten, die ihn bis aufs Hemd ausgezogen hatten. Aber keine Spur von Verbitterung. Rahn schien leicht melancholisch, Szymaniak eher gelassen mit einem Smüsterlächeln. Ein unaufdringlicher Kumpel, ohne Arg und Bosheit.

Ach ja: Spielvereinigung Erkenschwick, Wuppertaler SV, Karlsruher SC, CC Catania, Inter Mailand, Tasmania Berlin – überall dort hat er gespielt. Aber in bester Erinnerung blieb ihm die Zeit in Catania. Eher nicht wegen des Fußballs, so gut war die Mannschaft nicht, sondern wegen der Menschen, die ihn dort so nahmen, wie er war und so behandelt haben, wie er es verdient hatte. Die Sizilianer  liebten seine Art,  Fußball zu spielen. Sie zeigten und dankten es ihm.

Keine Rede von fiesen Scherzen über den linken Läufer, dem nachgesagt wurde, einst in Wuppertal mindestens ein Viertel mehr Gehalt verlangt zu haben als das angebotene Drittel.

Wir Fußballer wissen: Ein Mann mit solcher Spielintelligenz, der Flachpässe adressierte wie kein zweiter, der schon den tödlichen Pass spielte, als dieser noch gar nicht so hieß, der von Herberger ruck, zuck die damals unbekannte saubere Seitengrätsche lernte (Sliding tackling) und hierzulande populär machte – einen solchen Spieler nennen wir genial.

Szymaniak hatte eine großartige Fußballerkarriere. 43 mal trug er Schwarz und Weiß mit dem Adler auf der Brust, bei den WM in Schweden und Chile war er dabei. Ein begnadeter Fußballer, eine Symbiose aus dem Filigrantechniker Fritz Walter und dem Kämpfer Horst Eckel.

Er war ein lebensfroher, gutmütiger Mensch – mit Format. Als die falschen Freunde ihn finanziell ausgesaugt hatten, lamentierte er nicht, sondern schlug sich still als Lastwagenfahrer, Kranführer oder Bademeister durch. Die schmale Knappschaftsrente zum Schluss hatte er sich für acht Jahre unter Tage verdient.

Gutmütig blieb er bis zum Schluss, und ein bisschen ausnutzen ließ er sich auch am 14. August 1981 von Helmut Rahn in Möhlenwarf. Als der Boss ihn nach einigen gemeinsamen Halben und Kurzen fragte, wer denn nun die 184 Kilometer  nach Melle fahren müsse, übernahm Szymaniak kurzerhand den Chauffeurjob und stieß fortan bei Uwe Wessel nur noch mit Bier an. Wir Fußballer verneigen uns vor einem der Größten.

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