Archive for Januar, 2010

Werder in Not: Thomas Schaaf ist am Ende

Samstag, Januar 30th, 2010

An der Weser will es keiner hören. Aber die Misere von Werder Bremen hat einen Namen: Thomas Schaaf. Es geht hier nicht darum, einen Sündenbock für die aktuellen fünf Niederlagen in Folge zu finden. Schon seit mindestens zwei Jahren zeigt Werder große Defensivschwächen. Die Abwehr steht regelmäßig viel zu hoch, wie Fußballer zu sagen pflegen. Dafür ist allein der Trainer verantwortlich. Aber auch Vorstand Klaus Allofs macht  Fehler.

Werder hat gegen keine Mannschaft von den oberen Rängen gewonnen, weder gegen Leverkusen noch gegen München, Schalke, Hamburg oder Dortmund. Und obendrein gegen angeblich schwächere Mannschaften wie Frankfurt oder Mönchengladbach verloren, gegen Köln, Hannover 96 und Nürnberg reichte es nur zu einem Unentschieden.

Die 4:3-Pleite in Mönchengladbach am Sonnabend ist exemplarisch. Auswärts so offensiv zu beginnen wie Werder, liegt taktisch unter Kreisklassenniveau. Die ersten viereinhalb Minuten spielte Werder in der Hälfte der Heimelf. Der erste Angriff der Gladbacher, ein Konter, führte zum 1:0. In Anfangsminuten auf gegnerischem Platz ausgekontert zu werden, ist taktisch unverzeihlich. Dann genau so weiter zu machen und weitere Konter einzufangen, ist amateurhaft. Und einen völlig überforderten Außenspieler wie Abdennour nicht auszuwechseln, ist entweder Sturheit oder Schwäche des Trainers. Magath jedenfalls hätte ihn nach spätestens zehn Minuten auf die Bank beordert.

Eine Woche zuvor gegen Bayern München agierte Werder taktisch ebenfalls fahrlässig. Heimspiel hin oder her: Gegen eine bessere Mannschaft spielt man auch im eigenen Stadion nicht so offen wie Werder. Die Folge: Bayern konterte im Minutentakt, überlief die Bremer Abwehr und gewann nur deshalb nicht höher, weil die Stürmer selbst klarste Chancen versiebten.

Die verfehlte Taktik der Bremer zieht sich durch die vergangenen Jahre – ausgenommen im Herbst vorigen Jahres, als sie plötzlich und unerwartet mehr Wert auf eine stabile Abwehr legten und nicht so offen zu Werk gingen. Doch davon hat Schaaf wieder Abstand genommen. Der verdienstvolle Trainer besitzt offensichtlich nicht mehr die Autorität, die Mannschaft anders einzustellen. Vermutlich hat Jurica Vranjes Recht mit seiner Kritik, dass bei Werder mehrere Spieler im Training nur 70 bis 75 Prozent Leistung zeigen. Das darf ein Trainer nicht dulden.

Neben der Taktik stimmt auch die Einkaufspolitik längst nicht mehr. Allein die linke Außenposition: Seit Jahren versuchten sich mehr oder weniger dilettantisch Van Damme, Schulz, Magnin, Stalteri,  Tosic und jetzt Abdennour. Keiner schlug ein. Van Damme und  Tosic versagten völlig, und vermutlich reiht sich Abdennour ein. Lediglich der seit langem verletzte Boenisch ist akzeptabel, allerdings auch kein Überflieger.

Nebenbei erwähnen wir noch die Fehleinkäufe Carlos Alberto,  Moreno und Tziolis – wobei Letztere zum Glück nur geliehen waren, wenn auch  für viel Geld. Dass Rosenberg und Almeida die Bundesligareife fehlt, ist ebenfalls unstrittig – außer bei Trainer Schaaf und Vorstand Allofs, der für die Einkäufe (und Verkäufe) zuständig ist. Allofs verlängerte Verträge mit Jensen, Vranjes und Pasanen, obwohl sie allesamt über ihren Zenit hinaus sind. Keiner der Drei bereichert die Mannschaft, sofern sie überhaupt spielen. Dann Borowski. Es wird das Geheimnis von Allofs bleiben, warum er ihn für viel Geld aus München zurückgeholt hat. Borowski saß nicht zufällig bei den Trainern Klinsmann und erst recht bei Heynckes auf der Reservebank. Er ist viel zu langsam für die Bundesliga.

Zweifelhaft ist auch, das offensive Mittelfeld mit drei Leichtgewichten und reinen Technikern wie Özil, Hunt und Marin zu bestücken. Fußball ist immer auch ein Kampfspiel, und zumindest auf tiefen Plätzen im Winter ist mit Hacke-Spitze-eins-zwei-drei wenig zu gewinnen.

Alles in allem: Der zehnte Tabellenrang in der vorigen Saison ist kein Zufall. Die Misere zieht sich schon lange hin. Sie ist erst dann zu Ende, wenn Allofs einen ausgewogenen Kader bereitstellt und Thomas Schaaf als Trainer in Bremen ausscheidet. Keiner sollte sich von einem Zwischenhoch täuschen lassen, das vielleicht in den nächsten Monaten gelegentlich aufzieht. Werder steht vor mageren Zeiten, weil in der Mannschaft mehrere Großverdiener spielen, die ohne Champions-Liga nicht zu bezahlen sind:  Wiese, Fritz, Mertesacker, Naldo, Frings, Özil, Pizarro.

Was spricht dagegen, Özil im Sommer gegen viel Geld abzugeben und sich dafür strategisch zu verstärken? Özil ist hochbegabt, wird sich aber nie zu einer Führungskraft entwickeln. Ach ja: Hunt gegen ein hohes Gehalt unbedingt an Werder binden zu wollen, droht als weiterer Fehler.  Allofs und Schaaf halten offensichtlich große Stücke auf ihn – im Gegensatz zum fachkundigen Bremer Publikum, das Hunt keine einzige Träne nachweinen würde. Er hat sein Konto mit schlampigen Pässen, mangelndem Einsatz und nachlässigem Abwehrverhalten längst überzogen.

Bier und Fußball im Widerstreit zwischen Herz und Verstand

Samstag, Januar 16th, 2010

Das Herz sagt ja, aber der Verstand sagt nein – die Fußballerkehle lechzt nach Bier, das Hirn fordert Kelts und Cola. Bier und Fußball sind ein Paar, so lange der Ball rollt. Für Fans bis nach dem Abpfiff, für Kicker in der dritten Halbzeit.

Doch jetzt kommt der Verstand ins Spiel, der ja nahe der Vernunft angesiedelt sein soll. Es lässt sich nicht leugnen, dass Bier den alkoholischen Getränken zuzuordnen ist. Trotzdem haben lederbehoste Menschen aus dem Alpenvorland es sogar hochrichterlich, dass Bier zu den Grundnahrungsmitteln zählt.

Leider können immer mehr Menschen mit Alkohol nicht umgehen und bieten den jungen ein schlechtes Vorbild. Es ist nicht mehr so wie zu längst verlorenen Zeiten, als die Rollen unter Zuschauern beim Fußball klar verteilt waren: Die Flasche Hansa-Export blieb Vater und dem Nachbarn vorbehalten, Sohn und Freund freuten sich über eine Sinalco. Alle waren zufrieden. Eine erregte Diskussion über Bierausschank beim Fußball, wie sie zurzeit im Landkreis Leer tobt, hätte es nicht gegeben.

Das Alkoholverbot in kreiseigenen Sporthallen besteht seit den 80er Jahren, als der Landkreis Leer überhaupt erst Fußball in seinen Hallen erlaubte. Alkoholverbot war grundlegende Bedingung, dass Fußballer überhaupt in den Hallen kicken durften. Ein Verdienst des damaligen Landrats Helmut Collmann, einem einst versierten Fußball-Schiedsrichter.

In einer Sporthalle in Westoverledingen gab es im vorigen Jahr Ärger wegen Zuschauern, die betrunken Krach schlugen. Davon fühlten sich einige belästigt. Und schon geschah, was oft geschieht: Aus einem Einzelfall wird eine Grundsatzangelegenheit. Mittlerweile liegt das Kind im Brunnen. Der TV Bunde als Veranstalter des Kreispokal-Turniers in der Halle beklagt Umsatzverluste von angeblich einem Drittel und sieht künftige Turniere in Gefahr. Fußball ohne Bier rechnet sich nicht, sagt der Verein.

Mag sein. Andererseits hat der Fußball eine wachsende gesellschaftliche Verantwortung, vor allem als Vorbild für junge Menschen. Alkoholtrinken unter Kindern und Jugendlichen ist ein Übel, dem schwer beizukommen ist. Deshalb schlägt jetzt auch die Stunde so manchen Schlaumeiers, der in einem Aufwasch gleich den Sekt aus Theaterfoyers oder Bier aus Feuerwehrräumen verbannen möchte. Der nächste Schritt ist die Prohibition wie einst in den USA.

Die Fußballer stecken in der Zwickmühle. Sie dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, sie sind nicht für das Elend der Welt verantwortlich, müssen andererseits aber auch Vorbild sein. Sie müssen entscheiden, ob sie das Alkoholverbot in Sporthallen beachten oder auf Turniere verzichten. Es ist eine Entscheidung zwischen Herz und Verstand. Unser Tipp, in Prozenten ausgedrückt: Verstand gewinnt mit 51:49.

Wenn Schnee zur Katastrophe wird

Samstag, Januar 9th, 2010

Auf nichts ist mehr Verlass. Selbst der Klimawandel lässt uns im Stich. Frost lässt uns bibbern, obwohl er das Klirren längst verlernt hat. Und geschneit hat es auch. An diesem Wochenende soll’s richtig vom Himmel fallen. Kachelmänner dominieren die Medien, als ob es nichts Wichtiges gäbe.

Staatsschulden, Afghanistan, sogar CSU und FDP rangieren unter ferner liefen. Gestern die Chip-Krise der Banken und Sparkassen, heute schlägt es Winteralarm. Die nahende Katastrophe hört auf „Daisy“ und verheißt viel Wind. Bundeswehr und THW bereiten sich auf Großeinsätze vor, die Deutsche Bahn holt ihre alten Dieselloks aus den Schuppen. Schnee könnte die Oberleitungen außer Strom setzen.

Besonders dankbar in diesen schweren Stunden sind wir Herrn Christoph Unger. Bisher kannten wir ihn nicht, auch nicht das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, dessen Leitung wir jedoch bei ihm in besten Händen wissen. Herr Unger rät zu Hamsterkäufen. Um keinen zu erschrecken, umschreibt er es und legt uns nahe, sich mit Lebensmitteln einzudecken. Alles wegen „Daisy“, Dauerfrost, Wind und zwei Dezimeter Schnee. Er vergisst nicht die Allwetterregel, jede unnötige Autofahrt zu vermeiden, um dann ans Eingemachte zu gehen, das ja heute nicht mehr in den Kellern zu finden ist: Herr Unger legt uns ans Herz, ausreichend Trinkwasser zu kaufen. Und einen Medikamentenvorrat anzulegen, gegen welche Krankheit auch immer. Kerzen sollten im Haus sein, und ein batteriebetriebenes Radio, weil das Licht ja ausgehen könnte.

Doch wie stets bei ernstesten Anlässen treiben Spielverderber ihr Unwesen. Mit Stromausfällen sei eher nicht zu rechnen, widerspricht der Chef des Instituts für Wetter- und Klimakommunikation, Frank Böttcher. Der Pulverschnee werde sich kaum auf Leitungen festsetzen. Selbst bei Sturm erwartet er keine Katastrophenwetterlage. Er spuckt dem guten Herrn Unger so richtig in die Suppe: „Mit solchen Äußerungen verspielt man die Chance, dass bei richtig ernsten Lagen den Warnungen noch Glauben geschenkt wird.“

Bei all den Schrecklichkeiten fällt uns ein, wie schön es die meisten Leute vor 31 Jahren empfanden, als eine Schneekatastrophe (!) sie ans Haus band. Sie schippten den Schnee zur Seite und tranken Grog mit den Nachbarn. Vor lauter Gemeinschaftsgefühl schießen vielen noch heute Tränen in die Augen. Und spannend war’s. Der damalige Leeraner Oberkreisdirektor Gerhard von Haus ließ als oberster Schneekatastrophenmanager sogar Räumpanzer ausrücken. Sie machten wichtige Straßen frei, damit werdende Mütter ins Krankenhaus gefahren und eingeschneite Dörfer mit Lebensmitteln versorgt werden konnten. An bedrohliche Stromausfälle erinnern wir uns nicht. Aber damals gab es auch noch keinen Herrn Unger.

„Nichts ist gut“ – in Deutschland

Donnerstag, Januar 7th, 2010

Zum Thema Afghanistan und Margot Käßmann schreibt der reformierte Theologe Dr. Alfred Rauhaus, Weener:

Da hat sie doch einigen Wirbel ausgelöst, die Landesbischöfin von Hannover und Ratsvorsitzende der EKD, Margot Käßmann. Ein einziges Stichwort aus ihrer Neujahrspredigt erregte die Öffentlichkeit: Afghanistan. „Nichts ist gut – in Afghanistan“. Die einen haben den Satz bejubelt, denn sie hatten es schon immer gewusst. Die anderen tobten: von Amtsmissbrauch war die Rede, und dass die Bischöfin „unseren Soldaten“ in den Rücken gefallen sei.

Was hat sie denn wirklich gesagt? Dass wir auch das neue Jahr in einer Welt zubringen müssen, in der vieles nicht gut ist. Sie nannte eine Reihe von Beispielen. Eines davon war Afghanistan. Natürlich hat sie übertrieben, hat predigtmäßig zugespitzt: manches ist sicher gut in Afghanistan, immerhin sind doch einige Brunnen gebohrt worden. Aber darum geht es nicht. Die Bischöfin hat sich zu einem Sachverhalt geäußert, der politisch umstritten ist. Sie hat das öffentlich getan. Darf sie das?

Darf sie das nicht? Darf das nicht jeder in einer demokratischen Gesellschaft? Gibt es nicht ein Recht auf freie Meinungsäußerung, auch für eine Bischöfin, auch in einem Fernsehgottesdienst? Es muss ihr ja niemand zustimmen. Oder meint jemand, wir, das „schlichte Volk“, könnten damit nicht umgehen?

Die Freiheit braucht das freie Wort und Institutionen, die sich nicht gleichschalten lassen: die Presse, die Medien, das Theater – und das freie Wort von der Kanzel, auch öffentlich, auch im Fernsehen. Das ist ihr „Amt“. Darum hat die Bischöfin richtig gehandelt. Und wir, die Staatsbürger, sind erwachsen genug, ihre Stimme anzuhören. Ob auch zustimmen, mag jeder selbst entscheiden. Aber wir lassen uns nicht die Ohren verstopfen. Darum darf bei uns niemand dem anderen den Mund verbieten. Auch einer Bischöfin nicht.

ECE: Angst vor drei großen Buchstaben

Samstag, Januar 2nd, 2010

Bei Leeranern geht Angst um vor den drei großen Buchstaben E und C und E. Sie stehen für Einkaufs-Center-Entwicklung. Dahinter steckt die Familie Otto aus Hamburg, bekannt durch ihren Otto-Versand. ECE managt um die 114 Shopping Center. Andere Zahlen: 3,5 Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche, 13,1 Milliarden Euro Umsatz, 2,75 Millionen Besucher am Tag. Wenn es sein muss, entwickelt und managt ECE auch Hauptbahnhöfe wie Hannover, Leipzig oder Köln – und stampft selbst ganze Stadtteile aus dem Boden wie den Potsdamer Platz in Berlin.

Es könnte also beruhigend klingen, wenn sich ein solches Unternehmen die Innenstadt von Leer für ein Einkaufszentrum ausgekuckt hat. Zumindest geht ihm auf halbem Weg finanziell kaum die Puste aus. Aber bei manchem Geschäftsmann und Hausvermieter im mittleren und unteren Teil der Fußgängerzone und in der Altstadt schrillt es Alarm: Sie fürchten um ihre Geschäfte. Das mag nicht unberechtigt sein. Andererseits: Warum muss ein möglicher Aufschwung zwischen Frisia-Center und Überweg Leda-Straße zwangsläufig zu Lasten der anderen gehen?

Sicher ist: Mit dem ECE-Center schreitet die Filialisierung voran. Die Pächter in bestehenden ECE-Objekten jedenfalls sind vorwiegend große Kettenfirmen. Aber sie breiten sich auch ohne ECE aus. Der vom Bürgermeister stets genannte Lebensmittelmarkt im ECE-Center ist nur ein Trostpflaster, das schnell abgerissen wird, weil sich ein Lebensmittelmarkt in der Innenstadt nicht rentiert.

Schwer zu vermitteln gewesen wäre den Sparkassenkunden ein Abriss des noch relativ jungen Gebäudes der Sparkasse zugunsten des ECE-Centers. Der Vorstand hat die Notbremse vor diesem PR-Unfall gezogen und einen Abriss zurückgewiesen.

Wer profitiert vom ECE-Center? Wer leidet darunter? Das sind entscheidende Fragen, die letztlich der Stadtrat prüfen muss, ehe er entscheidet. Zweifellos spielt das Center den Immobilienbesitzern im Center-Bereich voll in die Karten. Insgesamt würde es den oberen Bereich der Fußgängerzone erheblich aufwerten. Deshalb formiert sich dort kaum Abwehr.

Doch was ist mit der übrigen Fußgängerzone und der Altstadt? Sie hinkt schon jetzt mehr oder weniger hinterher. Das liegt auch daran, dass die gesamte Fußgängerzone längst hätte aufgemöbelt werden müssen. ECE bringt jetzt Schwung in diese Debatte.

Die Lösung kann realistischer Weise nur lauten: Das eine tun, und das andere nicht lassen. ECE und Co. kommen alleine klar. Der Stadtrat braucht für sie lediglich den kleinstadtgemäßen Rahmen zu stecken – und muss sich vornehmlich um die Altstadt und die übrige Fußgängerzone kümmern. Verkehr, Marketing – es liegt viel brach. Im Idealfall profitiert die Altstadt vom Sog, den das ECE-Center ausübt. Vielleicht. Ein Risiko bleibt, so oder so. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber.