Archive for April, 2010

Das Kreuz mit den Kruzifixen

Freitag, April 30th, 2010

Neuerdings haben wir in Niedersachsen eine muslimische Sozialministerin türkischer Abstammung. Donnerwetter, die Politik kommt in der Wirklichkeit an. Doch Aygül Özkan leistet sich gleich den Luxus, auch noch auf der Linie des Bundesverfassungsgerichts und somit getreu unserem Grundgesetz zu argumentieren – gegen Kruzifixe in öffentlichen Gebäuden, vor allem Schulen. Das geht ihren christdemokratischen Parteifreunden gewaltig gegen den Strich, von der Kanzlerin bis zur Schüler-Union sind sich alle einig. Uns wiederum lässt Frau Özkan leicht verwirrt zurück, als sie sich für ihre Äußerung entschuldigt. Das muss wohl Politik sein.

Ministerpräsident Wulff sagt, dass er Kreuze in Schulen „im Sinne einer toleranten Erziehung auf Grundlage christlicher Werte begrüßt“, ja, diese seien sogar „erwünscht“. Da keimt in uns das Gefühl, etwas Entscheidendes im Leben verpasst zu haben. Denn Menschen in evangelischen Gegenden, also in weiten Teilen Niedersachsens, kennen in der Regel kein Kruzifix in der Schule, in Justizgebäuden oder an Wegrändern. In Wohnzimmern hängt auch keines und schon gar nicht in der Kneipe. Protestanten, namentlich die Reformierten, orientieren sich in dieser Frage eher am zweiten Gebot. „O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn“, und dann noch „Spott“ und „Dornenkron’“ – man kann es sich auch ohne Bildnis und Gleichnis vorstellen.

Viele Rheiderländer und Overledingerländer, aufgewachsen an der Grenze zum katholischen Emsland, im Volksmund „Münsterland“, haben Kruzifixe eher als trennende Zeichen erlebt und empfunden. Ein paar Schritte über die Kreisgrenze – schon war rein äußerlich klar: Hier leben die Katholiken, zu erkennen an den Kruzifixen.

Das Trennende verflüchtigt sich allmählich. Aber nicht deshalb, weil im Emsland überall Kruzifixe hängen und stehen. Auch von beiderseitigem ökumenischem Antrieb ist nichts bekannt. Vermutlich liegt es eher daran, dass Gesangbücher heute nicht mehr die Rolle spielen wie früher – und dass Mitarbeiter in Betrieben wie der Meyer-Werft sehen, dass der evangelische Kollege ein genau so guter oder schlechter Mensch ist wie der katholische. Und umgekehrt.

Ganztagsschulen – eine Mogelpackung

Sonntag, April 25th, 2010

Ganztagsschulen sind auf dem Vormarsch. Auch in Ostfriesland. Grundsätzlich ist das eine gute, längst überfällige Sache. Aber bei näherem Hinsehen wird deutlich: Wo Schule drauf steht, ist nicht immer Unterricht oder pädagogisch versierte Betreuung drin. Es auf Mittagessen und Vereinsbetreuung zu reduzieren, wäre zynisch. Denn selbst ein Mittagsessen ist ein Fortschritt, weil längst nicht alle Kinder zu Hause mittags etwas Ordentliches auf den Tisch bekommen. Aber Sinn einer Ganztagsschule sollte natürlich etwas anderes sein: Eine bessere Bildung.

Und da liegt der Hase im Pfeffer. Es zeichnet sich ab, dass Ganztagsschulen eine Mogelpackung werden. Denn eines ist klar: Das Land schickt nicht mehr Lehrer und andere Fachkräfte in Ganzstagsschulen. Das heißt: Von ganztägigem qualifiziertem Unterricht, pädagogischer Betreuung oder fachlich versierter Hausaufgabenhilfe kann keine Rede sein.

Es mag halbwegs klappen in größeren Städten, wo ein gutes Angebot mit ehrenamtlichen Kräften eventuell auf die Beine gestellt werden kann – übrigens für 100 Euro im Halbjahr. Aber auf dem Lande sieht es damit eher mau aus. Dieses Problem wird sich bald im Landkreis Leer auftürmen, wenn die Ganztagsschule zur Regel wird. Bei den pädagogischen Betreuungskräften kennt man es schon heute.

Landespolitiker in Deutschland reden gern und oft über Bildung. Aber sie beschränken sich eher auf ideologisch gefärbte Wortgefechte. Die CDU hält das dreigliedrige Schulsystem für das A und O, während die SPD die Gesamtschule für eine Wundermedizin hält. Tatsache ist: In internationalen Schulvergleichen wie Pisa und anderen rangiert Deutschland unter ferner liefen.

Die Spitzenländer zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Kinder gezielt fördern und dafür Lehrer in ausreichender Zahl einsetzen. Sie lassen keine pädagogischen Laien in die Schulen, mögen sie noch so eifrig und motiviert sein. Außerdem bilden sie ihre Lehrer anders aus. So ist es undenkbar, dass Lehrer ohne vertieftes Studium das Fach Mathematik unterrichten. Hierzulande ist das gang und gäbe. Dazu passt ein Zitat von Professor Johann Sjuts aus Leer, der über die Didaktik der Mathematik schon viel geforscht hat: „Lehrkräfte mit einem hohen fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Können erzielen in ihren Klassen insbesondere im Fach Mathematik wesentlich höhere Lernleistungserfolge. Ausschlaggebend ist aber, dass sie sich nicht dem niedrigen Niveau durch geringere Ansprüche anpassen.“ Nicht nur für Eltern öffnet sich in der Schulpolitik ein weites Feld.

Millionen-Drama um Pleite von Bohlen & Doyen

Montag, April 19th, 2010

Gier, Raffsucht, Millionensummen, Verdacht auf Rechtsbeugung und Korruption im Amtsgericht, Handwerker mit offenen Rechnungen, Mitarbeiter, die um ihren Lohn gebracht werden, ein Gläubigerausschuss und ein Insolvenzverwalter, die unglaublich hohe Summen einstecken – mitten in Ostfriesland spielt sich ein Wirtschaftsdrama ab. Die Pleite des großen und bekannten Bauunternehmens Bohlen&Doyen (BoDo) in Wiesmoor aus dem Jahr 2007 erregt erneut die Gemüter. Sie beschäftigt Staatsanwälte und Wirtschaftsfachleute und bald auch Richter.

Die Pleite ist fast vergessen, als Anfang des Jahres ruchbar wird, dass Insolvenzverwalter Uwe Kuhmann aus Bremen 14,4 Millionen Euro an Vergütung und der sechsköpfige Gläubigerausschuss je 404.000 Euro an Aufwandsentschädigung kassiert haben. Der Gläubigerausschuss vertritt die Interessen der Gläubiger. Zu ihm zählt auch der Betriebsratsvorsitzende. Insolvenzrechtler halten Vergütung und Aufwandentschädigung für deutlich überzogen. Dem Insolvenzverwalter hätte laut Regelsatz knapp eine Million zugestanden. Aber beim Amtsgericht Aurich beantragte er eine um 1250 Prozent höhere Summe. Das Gericht stimmte zu.

Dieses Geld wird vorrangig der Masse des insolventen Unternehmens entnommen. Es fehlt also, um Gläubiger und Mitarbeiter zu bezahlen. Ein kleiner Bauhandwerker klagte öffentlich sein Leid. Er knabbert an einer offenen Rechnung von 20.000 Euro. Das Geld wird er kaum sehen. Allein von der Aufwandsentschädigung des Gläubigerausschusses hätte man 120 Handwerker mit ähnlichen Forderungen bezahlen können. Kommentar des um sein Geld geprellten: „Wir reden hier von Schweinepack.“

Ob es beim Amtsgericht mit rechten Dingen zugegangen ist, prüft jetzt die Zentralstelle für Korruptionsstrafsachen der Staatsanwaltschaft Osnabrück. Der Generalstaatsanwalt hat den Auricher Kollegen den Fall aus den Händen genommen. Es geht darum, ob Gläubigerausschuss, Insolvenzverwalter und Amtsgericht gemeinsame Sache gemacht haben. „Mangelnde Sachkunde“ könne eine Ursache der hohen Zahlungen sein, möglicherweise sei aber auch „Geld geflossen“, sagt die Generalstaatsanwaltschaft. Keine Ahnung von der Sache wären Armutszeugnis und Blamage – Korruption wäre schwere Kriminalität. Beides sind keine vertrauensbildenden Maßnahmen für die Justiz.

Kampf um kluge Köpfe

Freitag, April 9th, 2010

Der Kampf um kluge Köpfe ist längst entbrannt. Ihn zu gewinnen, entscheidet über die Zukunft der Unternehmen und der Region. Schon jetzt melden Wirtschaft und Schulen einen Mangel an Fachkräften. Es ist schwer, sie nach Ostfriesland zu locken oder hier zu halten .

Deshalb nutzt der Landkreis Leer seinen 125. Geburtstag nicht nur für einen Rückblick. Er streicht seine Stärken heraus und setzt Schwerpunkte auf gute Bildung und moderne Wirtschaft. Beides hängt eng miteinander zusammen. Aber es ist nicht alles.

Die Zukunft des Landkreises und der ganzen Republik ist grau. Es sterben mehr Menschen als geboren werden. Das ist bedauerlich, aber jedenfalls von heute auf morgen nicht zu ändern. Andererseits ist es erfreulich, dass wir im Durchschnitt älter werden als früher. Sicher ist, dass Alltag und Beruf bald erheblich anders aussehen als heute. Es ist aber kein unabänderliches Schicksal. Der Landkreis Leer hat vier Punkte auf dem Zettel, um die Herausforderung der alternden Gesellschaft zu meistern: Er will die Abwanderung junger Menschen stoppen, Wirtschaft und Beschäftigte auf Chancen und Risiken alternder Belegschaften vorbereiten, langes selbstständiges Wohnen im Alter möglich machen sowie die Infrastruktur und Siedlungsentwicklung in den Gemeinden auf den demografischen Wandel ausrichten.

Dieser demografische Wandel ist längst da. Erste Schulen stehen auf der Kippe, Kindergärten schließen. Betriebe klagen über Lehrlingsmangel – nicht nur, weil Bewerber schwach ausgebildet sind, sondern weil keine oder zu wenige sich melden. Schulen haben für bestimmte Fächer kaum noch Lehrer, und diese sind auch nicht zu erwarten. Einige Branchen müssen bereits viel Aufwand treiben, um tüchtige Ingenieure zu finden. Großstädte gelten als attraktiver.

Der Landkreis geht in die Offensive, die jedoch nur fruchten wird, wenn es ihm gelingt, gemeinsam mit Kommunen, Schulen und Wirtschaft eine Strategie zu entwickeln. Zum Beispiel, den Familienservice von der Krippe bis zur Altenbetreuung und -Versorgung optimal auszubauen. Fachkräfte, die einem Job in Ostfriesland grundsätzlich nicht abgeneigt sind, fragen immer häufiger zuerst: Wie sieht es mit guten Krippen, Kindergärten und Schulen für unsere Kinder aus? Was ist, wenn Oma und Opa nicht mehr gut auf den Beinen sind? Fragen, die überzeugende Antworten verlangen.

Identität der Ostfriesen: Mythos und Granat

Samstag, April 3rd, 2010

Ostfrieslands einzige Hochschule heißt künftig Hochschule Emden/Leer. Das hat der Senat entschieden. Die Vertreter der Professoren, Studenten und Hochschulverwaltung lehnen damit den Vorschlag „Ostfriesland“ ab. Das ist nicht weiter schlimm, denn entscheidend für Erfolg und Ruf der Hochschule ist einzig, dass sie exzellent ausbildet.

Doch bemerkenswert ist das Votum schon. Schließlich hieß die Fachhochschule Ostfriesland, ehe sie nach einer Fusionierung den unsäglichen Namen Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven trug – bis die Landesregierung die Groß-Hochschule wieder zerkleinerte und dafür einen neuen Namen brauchte.

Emden/Leer statt Ostfriesland – eine kleine Überraschung. Aber nur auf den ersten Blick. Ostfriesland ist den Ostfriesen, uns Ostfriesen, längst kein Wert mehr an sich. Von Zugereisten kann man es schon gar nicht erwarten. Ostfriesland, Friesische Freiheit – es sind Mythen, wertvoll einer Minderheit. Die kulturelle Identität der Ostfriesen – eine Wunschvorstellung. Längst unterscheiden wir nicht mehr zwischen ostfriesischen Landsleuten und „Duitsen“ – weder in der Realität noch im Sprachgebrauch.

Unsere Identität ging endgültig zu Bruch, als wir unsere plattdeutsche Sprache preisgaben – ohne Not, in Schulen sogar unterstützt. Regionale Identität ist auch ein Schutz gegen außen, aber wenn von außen eher Gutes, jedenfalls keine Gefahr kommt, kann sie überflüssig werden. Der reale Nutzwert der plattdeutschen Sprache ist gering, auch wenn der eine oder andere Geschäftsmann es gerne sieht, wenn seine Mitarbeiter plattdeutsch sprechen. Sprachpflege ist gut, aber als identitätsstiftende Muttersprache ist das ostfriesische Platt fast tot. Wer es nicht glauben mag: Kurz ein Ohr auf Kindergärten und Grundschulen richten.

Touristiker wollen mit Marketingstrategien den Begriff Ostfriesland bei Urlaubern etablieren, auch die Ostfriesische Landschaft müht sich um Ostfriesland als Qualitätsbegriff. Das ist in Ordnung, aber Ostfriesen verkörpern es nicht. Sichtbar ist etwas anderes: In Touristenorten wimmeln die Speisekarten von „Krabben“ – was nicht nur sachlich falsch ist, sondern ein unostfriesisches Bewusstsein offenbart. Der ausgestorbene Granat – ein Symbol für die Entwicklung fort vom typisch Ostfriesischen. Es geht eben auch ohne.