Archive for Mai, 2010

Gegen leere Dörfer

Freitag, Mai 28th, 2010

Es kommen weniger Kinder zur Welt, die Menschen werden älter, die Bevölkerungszahl sinkt. Diese unerfreuliche Tatsache firmiert unter dem Namen Demografischer Wandel. So richtig ernst genommen wird er noch nicht, obwohl lange bekannt ist, dass da etwas auf uns zurollt. Es ist schon „30 Jahre nach zwölf“, sagt ein führender Bevölkerungs-Wissenschaftler.

Gerade auf dem Lande wirkt sich verstärkt ab 2015 der Wandel aus. Erste Zeichen sind da. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Grundschule Ditzum schließen muss, wenn sich die Gemeinde nicht bald etwas einfallen lässt. Und eine denkbare Gesamtschule in der Stadt Leer würde die Haupt- und Realschule Jemgum gefährden.

Junge Leute wandern ab, Kinder bleiben aus, keiner kommt hinzu – selbst leere Dörfer sind keine Hirngespinste. Viele Dörfer sind schon heute reine Schlaforte. Kneipen sind tot, die Kirche streicht Pastorenstellen, mit Landärzten sieht es nicht rosig aus, Läden fehlen, Häuser stehen leer, die Abhängigkeit vom Auto wächst.

Vereine haben längst Nachwuchsprobleme. TuS Weener, Teutonia Stapelmoor, TuS Holthusen und Heidjer SV schließen ihre Jugendmannschaften nicht deshalb zusammen, weil sie sich so gern mögen. Nein, der Selbsterhaltungstrieb leitet sie – und das hat Vorbildcharakter. Denn Demografischer Wandel bedeutet nicht, dass Dörfer und Kleinstädte sich ihrem Schicksal ergeben. Der Landkreis Leer beschäftigt sogar eine Demografie-Beauftragte, die Kommunalpolitiker, Unternehmer, Vereine und Verbände informiert und Konzepte entwirft, wie der Wandel zu meistern ist.

In einigen Bundesländern tagen Dorfkonferenzen, um ihre Sache selbst in Hand zu nehmen. Sie besinnen sich darauf, dass es früher selbstverständlich war, sich privat gegenseitig zu helfen, zum Beispiel beim Hausbau, wie es im Rheiderland ja noch oft anzutreffen ist. Das könnte aufs Dorf übertragen werden – so beim Bau von Feuerwehr- und Dorfhäusern oder von Radwegen, wie es die Gemeinde Uplengen seit Jahren praktiziert. Nachbarschaftsläden, die ehrenamtlich geführt werden, um Alte oder Familien ohne Zweitwagen zu versorgen. Tauschbörsen, die es hier bereits gibt, könnten helfen, nach dem Motto „Tausche Rasenmähen gegen Marmeladekochen“.

Es ist viel Holz, das zu bearbeiten ist. Gelingt es, überleben die Dörfer. Anders gesagt: Dann hat das Rheiderland eine Zukunft.

Wehrbeauftragter Robbe: Abschied auf Augenhöhe

Samstag, Mai 22nd, 2010

Prominenz des politischen Berlin und der Bundeswehr, Weggefährten, Mitarbeiter und Freunde standen stramm vor einem Rheiderländer. Zeitweise sogar im Wortsinne. Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg ließ den Bunder Jung’ Reinhold Robbe am Mittwoch mit einer Serenade ehren, einem Teil des Großen Zapfenstreichs. Eine Ehre, die nicht jedem gebührt und nur wenigen zuteil wird.

Rekruten des Berliner Wachbataillons standen Spalier, als Robbe auf einem rotbespannten Podest die Serenade abnahm. Guttenberg und Generalinspekteur Volker Wieker hatten ihn in die Mitte genommen. Das Stabsmusikkorps der Bundeswehr spielte „Von guten Mächten treu und still umgeben“ von Siegfried Fritz, „American Patrol“ von Glenn Miller und Paul Linkes „Berliner Luft“, dann die Nationalhymne.

Robbe nahm den Abschied nach fünf Jahren als Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestags. Guttenberg hatte dazu ins Ministerium eingeladen. Der CSU-Politiker hielt nicht eine der üblichen Routine-Ansprachen, die kaum über das Ablesen von Lebensdaten hinauskommen. Im Gegenteil: Er nahm sich Zeit, die Leistung des Sozialdemokraten politisch und persönlich ausgiebig zu würdigen. Der gegenseitige Respekt war zu spüren und zu hören. Es war eine Laudatio auf Augenhöhe. Guttenberg räumte auch mit dem Vorurteil auf, dass ein Ungedienter wie Ex-Zivi Robbe nicht für das Amt des Wehrbeauftragten geeignet sei. Für den Minister hat er sich deswegen sogar als „Bereicherung der Bundeswehr“ erwiesen.

Der Bunder hat dem lange öffentlich kaum beachteten Amt des Wehrbeauftragten ein Gesicht gegeben. Er hat sich den Respekt der Soldaten erarbeitet, weil er deren Anliegen konsequent vertreten hat. Er hat sie regelmäßig auch in Afghanistan und anderen gefährlichen Einsatzorten besucht und jährlich rund 100 Truppenbesuche gemacht, entgegen alter Gepflogenheit meistens unangemeldet. Er setzte sich für die gesellschaftliche Anerkennung der Soldaten ein, forderte besseren Schutz bei Einsätzen und kümmerte sich um verletzte und traumatisierte Soldaten sowie um die Familien von getöteten Soldaten.

Das verschaffte ihm viel Respekt in der Bundeswehr – und beim Abschied dankten es ihm nicht zuletzt die anwesenden Soldaten mit langem Beifall, weit über Höflichkeitsapplaus hinaus. Reinhold Robbe blieb ostfriesisch-gelassen: „Ich melde mich ab.“

Wind stark wie Autos

Donnerstag, Mai 13th, 2010

Emder Energietage – das hört sich nicht spannend an. Dennoch haben sie es in sich. Den Lorbeer für die mittlerweile größte Energiemesse weit und breit verdienen sich die Emder Stadtwerke, deren Chef neulich sogar einen Vortrag auf einer Klimakonferenz in Brasilien halten durfte. Intelligenter Energieverbrauch als Exportschlager.

Der Wandel von fossilen Brennstoffen wie Kohle und Öl zu erneuerbaren Energiequellen wie Wind und Sonne ist in vollem Gang – und Ostfriesland gehört dabei zu den Gewinnern. Das zeigt schon ein Blick auf die Arbeitslosenstatistik, die nicht zuletzt wegen der Jobs in der Windkraftbranche viel besser aussieht als sonst in Krisenzeiten.

In der hochkarätigen Auftaktversammlung zu den Energietagen prophezeite Professor Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie, der Wind- und Sonnenkraft eine ähnlich prägende Entwicklung wie der Auto-Industrie in den letzten 100 Jahren. Dem Nordwesten traut er dabei eine große Rolle zu. Er warnt jedoch, die Wissens- und Wissenschafts-Region zu eng zu sehen. Sein Blick schweift von Bremen bis Groningen – und mittenmang Ostfriesland.

Windkraft-Marktführer Enercon beschäftigt schon heute direkt und indirekt mehrere tausend Menschen und hat noch Pläne. Aus dem Rheiderland mischt Enova aus Bunderhee auch im Windkraft-Geschäft auf hoher See bestens mit, Prokon-Nord in Leer ist zu nennen. Beim Logaer Maschinenbau arbeiten einige hundert Leute an Mühlenteilen vor allem für Enercon, in Georgsheil baute Enercon eine Gießerei. Der Emder Hafen hält seinen Umschlagrückgang jetzt in der Krise vor allem dank Enercon in erträglichem Rahmen. Nicht zu vergessen das Wind-Unternehmen Bard.

Ostfriesland entwickelt sich zu einer bedeutenden Energiedrehscheibe – mit der Übergangsenergie Erdgas und der Zukunftsenergie Windkraft. Gelegentlich schafft es Verdruss. Denn Erdgas braucht Kavernen und Pipelines, Windkraft starke Leitungen und Umspannwerke, um den Strom in Ballungszentren wie dem Ruhrgebiet zu leiten. Außer vereinzeltem Verdruss bietet es vor allem Wohlstand und Arbeitsplätze, aber auch andere Gewinn-Chancen – zum Beispiel für Gemeinden, die mit Industrieanlagen zu tun haben. Wie Jemgum. Allerdings müssen solche Gemeinden von sich aus die Füllhörner der Energiekonzerne freundlich, aber bestimmt anbohren.

„Die Friesen“ blitzen ab

Freitag, Mai 7th, 2010

Der Niedersächsische Staatsgerichtshof hat die Partei „Die Friesen“ mit ihrem Einspruch gegen die Landtagswahl 2008 abblitzen lassen. Darüber wundert sich keiner – bis auf „Die Friesen“ selbst. Sie gehen immer noch fest davon aus, dass sie als Partei einer nationalen Minderheit von der Fünf-Prozent-Hürde im Wahlgesetz verschont bleiben müssten. Ein Witz.

Der Staatsgerichtshof stellt klar, dass die Fünf-Prozent-Hürde in der Landesverfassung verankert ist und deshalb „keine Ausnahmen statthaft“ sind. Landesweit kamen „Die Friesen“ bei der Wahl auf 0,3 Prozent, im Wahlkreis Leer-Borkum immerhin auf 4,5.

Die Partei will weitermachen, wie ihr Vorsitzer Arno Rademacher aus Leer sagt. Viel Erfolg wird sie nicht haben, sondern höchstens als folkloristischer Tupfen in der Politik wahrgenommen. Denn sie schätzt Tatsachen falsch ein. Zum Beispiel meint sie, dass die „friesische Identität uns mindestens so stark prägt wie die deutsche Staatsangehörigkeit“. Sie lässt immer wieder anklingen, dass friesische Interessen im großen Gefüge untergebuttert werden. Wörtlich: „Unser Ostfriesland stirbt – und keiner hilft.“ Das lässt sich leicht widerlegen: Wäre es so und würden die Menschen es hier so empfinden, könnten sich „Die Friesen“ vor Zulauf gar nicht retten.

Ihnen fehlen Zugpferde, die sie für Wähler attraktiv machen. Außerdem steht in ihrem Programm – abgesehen von friesischer Ideologie – nichts an handfesten Forderungen, die nicht auch andere Parteien erheben: sanfter Tourismus, naturnahe Landbewirtschaftung, regionale Wertschöpfungsketten, innovative High-Tech-Industrie, öffentlicher Nahverkehr, Küsten- und Naturschutz.

„Die Friesen“ verkennen eines: Minderheiten schließen sich nur dann kampfbereit zusammen, wenn die Mehrheit sie drangsaliert. Dann entstehen sogar Sammelparteien wie die Südtiroler Volkspartei in Italien. Von Unterdrückung oder Diskriminierung kann bei uns aber keine Rede sein. Deshalb dienen „Die Friesen“ höchstens mal als Ventil für Protestwähler.

In einem aber haben sie Recht: In Europa verlieren Nationalstaaten mehr und mehr an Gewicht. Die Menschen brauchen deshalb eine identitätsstiftende Orientierung. Sie müssen wissen, woher sie kommen, wo sie stehen, wohin sie gehen. Dafür brauchen wir jedoch nicht „Die Friesen“. Wir haben ja die Ostfriesische Landschaft, die wir besser hegen und pflegen sollten.