Archive for Juli, 2010

Betriebe vor Problemen: Älter und innovativ

Samstag, Juli 24th, 2010

Unseren Betrieben geht langsam, aber sicher der Nachwuchs aus – jedenfalls wächst er nicht mehr so nach, wie es nötig ist. Lehrlingen und Fachkräften werden rote Teppiche ausgelegt, weil sie hier und da schon knapp sind. Der Verein Wachstumsregion Ems-Achse, in dem sich Landkreise, Kommunen und Unternehmen entlang der Ems zwischen Bentheim und Nordsee zusammengetan haben, spürt den bedrohlichen Trend und steuert gegen.

Sie wirbt die Ems-Achse bei Hochschulabsolventen und Fachkräften. Die Kampagnen heißen „Beste Köpfe – beste Chancen“ und „Ems-Achse mobil“, und in einer Datenbank sollen die Betriebe ihre offenen Stellen anbieten. Damit das Ganze auch klappt, hat die Ems-Achse sogar eigens einen Mann dafür eingestellt. Der Staat schießt großzügig Geld zu.

Die Vorzüge unserer Region herauszustreichen, ist die eine Aufgabe. Die weitaus schwierigere bürdet der demographische Wandel, also die alternde Gesellschaft, den Betrieben auf, gerade den kleinen und mittleren. Denn es wird immer schwerer werden, den Personalbedarf mit jungen Leuten zu decken – einfach weil es zu wenige geben wird. Nachwuchs wird zur knappen Ware und damit teuer, und womöglich kündigt er nach kurzer Zeit, weil ein besseres Angebot lockt.

Für die Praxis bedeutet das nichts anderes, als alles dafür zu tun, die Mitarbeiter so lange wie möglich im Betrieb zu halten – auch wenn sie älter werden. Mitarbeiter mit 50 abschieben in den Vorruhestand funktioniert nicht mehr. Sie werden endlich zum wertvollen Produktionsfaktor. Firmen werden es sich kaum noch erlauben können, die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern zu verschleißen. Die Chefs müssen sich um Gesundheits-Management kümmern und Arbeitsabläufe auf Ältere abstimmen, und sie müssen Arbeitszeiten anbieten, die Älteren und nicht zuletzt Frauen mit Kindern angemessen sind.

Weiterbildung steht oben auf der Tagesordnung. Eine der schwierigsten Aufgaben wird sein, Wissen in der Firma zu halten und neues in die Köpfe der Älteren zu bringen – denn der bisher übliche Weg, dass junge Mitarbeiter neues Wissen aus Berufsschulen und Hochschulen mitbringen, wird für manche Unternehmen verbaut sein. Das Beruhigende: Ältere sind nicht weniger leistungsfähig als jüngere. Sie haben nur andere Stärken, und sie lernen anders. Mit älterer Belegschaft zu wirtschaften und gleichzeitig innovativ zu sein heißt die Herausforderung der nächsten zehn Jahre. Nur eine Firma, die sich rechtzeitig darauf einstellt und attraktiv als Arbeitgeber bleibt oder wird, meistert den demographischen Wandel.

EWE, Recht und Gerechtigkeit

Samstag, Juli 17th, 2010

Recht und Gerechtigkeit sind meistens zwei Paar Schuhe. Deshalb wissen Juristen, dass man vor Gericht ein Urteil erwarten kann, aber längst keine Gerechtigkeit. Nehmen wir dafür das Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) vom Mittwoch über das Preisgebaren des Energieversorgers EWE AG aus Oldenburg. Darin stellen die höchsten Richter glasklar fest, dass die EWE seit dem 1. April 2007 den meisten ihrer Erdgas-Kunden unberechtigt zu viel Geld abgeknöpft hat. Insgesamt rund eine Viertelmilliarde Euro, umgerechnet auf den Durchschnittshaushalt so 200 bis 300 Euro. Dieses Geld steht fast allen Gaskunden der EWE zu.

Erstritten hat es eine 56-köpfige Klägergruppe aus Ostfriesland und dem Oldenburger Land, der man juristischen Scharfblick nicht absprechen kann. Ihnen steht mindestens ein Bundesverdienstkreuz zu, eher jedenfalls als Bundestrainer Löw für den dritten Platz bei einer Fußball-WM. Die Kläger haben sich um rund 600.000 Verbraucher verdient gemacht.

Das Urteil ohrfeigt die EWE und ist alles andere als ein Ruhmesblatt für deren gut dotierte juristische Abteilung. Preise müssen rechtlich wasserdicht gestaltet werden – anders geht auch der Rest von Kundenvertrauen verloren.

Das Urteil des BGH ist deutlich. Gerecht ist es natürlich nicht, kann es nicht sein. Gerecht wäre, wenn die EWE und andere Unternehmen, die zu Unrecht zu viel Geld für ihre Waren kassieren, gesetzlich automatisch verpflichtet wären, den Schaden wieder gut zu machen, mit Zins und Zinseszins. Aber so verbraucherfreundlich sind unsere Gesetze nicht – siehe auch den Fall der alten Frau, die vor vier Jahren vom OP-Tisch des Borromäus-Hospitals in Leer gestürzt ist und schwerste Langzeitverletzungen erleiden muss. Sie wartet bis heute trotz entsprechendem Richterbeschluss auf Schadensersatz, Schmerzensgeld und Rente vom Krankenhaus bzw. dessen Versicherung.

Aber zurück zur EWE. Das Unternehmen, immerhin der fünftgrößte Energieversorger Deutschlands und mit einer Bilanzsumme von 5, 798 Milliarden Euro die größte Firma in Weser-Ems, denkt bisher nicht daran, ihren Kunden das zu viel eingestrichene Geld von sich aus zurückzuzahlen. Jeder Einzelne soll ausrechnen, was ihm zusteht und diese Summe dann in Rechnung stellen. Das Verursacherprinzip wird auf den Kopf gestellt. Selbst dann ist nicht sicher, ob die EWE zahlt oder es auf eine Klage ankommen lässt. Sie kalkuliert natürlich, dass vermutlich die meisten Kunden nicht in der Lage sind, diese Rechnung detailliert aufzumachen. Selbst Helmut Schmidt hat ja mal gesagt, dass er seine Energierechnung nicht versteht.

Eigentlich könnte jetzt die Stunde der EWE-Eigentümer schlagen. Das sind mehrheitlich Städte und Landkreise, also wir, die Bürger. Sie sind in der EWE-Verbandsversammlung organisiert und könnten dem Vorstand direkt und über den vom Leeraner Ehrenbürgermeister Günther Boekhoff geleiteten Aufsichtsrat so viel Druck machen, dass die Kunden bekommen, was ihnen zusteht – getreu höchstrichterlichem Recht. Es wäre sogar gerecht.

Konflikt in Windkraftfirma: Arbeiter gegen Arbeiter

Freitag, Juli 9th, 2010

Die alten Schlachtordnungen stimmen nicht mehr. Am 1. Mai gingen Milchbauern und Gewerkschafter in Emden Hand in Hand auf die Straße, in diesen Tagen demonstrierten dort 350 Mitarbeiter des Windkraftanlagenherstellers Bard Energy gegen die IG Metall. Ein spektakulärer Vorgang: Arbeiter laufen Sturm gegen eine klassische Arbeitervertretung.

Vollends durcheinander geraten sind die Schlachtordnungen dadurch, dass Bard die Arbeitsniederlegung seiner Mitarbeiter fördert und bezahlt. Der Lohn für ausgefallene Stunden lief weiter. Das hat einen Beigeschmack – zumindest schmälert es die beabsichtigte Wirkung. Wie gut hätten die Demonstranten erst dagestanden, wenn sie nach Feierabend auf eigene Kosten die IG Metall ausgepfiffen hätten.

Hintergrund des Spektakels sind Vorwürfe der IG Metall gegen Bard, die Firma gefährde die Gesundheit von Mitarbeitern mit einem neuen Härtemittel für Epoxidharze in der Windmühlenflügel-Produktion. Das Mittel gilt als schädlich für die Atemwege. Bard kläre die Mitarbeiter nicht genügend über Schutzmöglichkeiten auf und tue zu wenig für den Arbeitnehmerschutz. Jedenfalls hätten Mitarbeiter über Atembeschwerden, Nasenbluten, Juckreiz und Allergien geklagt, sagt die IG Metall, der außerdem sauer aufstößt, dass Leiharbeiter kaum über Schutzmöglichkeiten informiert worden seien.

Der Betriebsratsvorsitzer und die Firma weisen die Vorwürfe als falsch zurück. Sie sind empört, zumal sich bereits Kunden irritiert gezeigt hätten über die vorgeblichen Missstände. Die Firmenleitung nahm es zum Anlass, den Verlust von Arbeitsplätzen zu beschwören. Das gab den Anstoß zur Demo.

Die im Wortsinne verrückten Zustände bei Bard deuten auf schwere Unstimmigkeiten zwischen der IG Metall, die nach eigener Angabe eine dreistellige Mitgliederzahl unter den 700 Bard-Beschäftigten zählt, und der Firmenleitung hin. Sie könnten Bard schlecht bekommen. Denn die Windenergie-Branche gilt als saubere Industrie – dieses Image nähme Schaden, wenn die sauberen Mühlenflügel schmutzig hergestellt würden, sprich: zu Lasten der Gesundheit von Arbeitern.

Die Sache lässt sich eigentlich leicht klären: Gewerbeaufsichts- und Gesundheitsamt brauchten nur zu untersuchen, ob Bard gegen das Arbeitsschutzgesetz verstößt. Sollte das der Fall sein, muss Bard die Missstände schleunigst abstellen, auch Sanktionen wären fällig. Sind die Vorwürfe falsch, bekommt die IG Metall ein Problem.

Bei den Auseinandersetzungen geht es natürlich auch um macht und Einfluss und Mitbestimmung. Andererseits: Ob eine Firma klug handelt, Arbeitnehmer mit drohendem Jobverlust zu verunsichern, sie mit finanzieller Unterstützung gegen die IG Metall zu positionieren und die Spaltung der Belegschaft zu riskieren; oder ob Arbeitnehmer sich eine Demo gegen die Gewerkschaft von der Firma bezahlen lassen sollten – das sind spannende Fragen. Auf jeden Fall schadet der Konflikt, wer immer ihn letztlich verantwortet, dem Betriebsfrieden und damit dem Unternehmen. Gefragt sind jetzt besonnene Köpfe.

Emskanal vor der Tür

Sonntag, Juli 4th, 2010

„Es ist etwas im Busch“, hieß am 6. März die Überschrift an dieser Stelle. Jetzt hat sich dieses Etwas aus der Deckung getraut. Auf deutsch: Der Emskanal parallel zum Fluss zwischen Leer und Papenburg oder weiter bis Dörpen steht vor der Tür. Der Grund: Die Umweltverbände WWF, BUND und Nabu, die den Kanal wollen, bestellen bei der Technischen Universität Berlin ein eigenes Gutachten, in dem es um die Renaturierung der Ems auf der genannten Strecke und um einen Kanal geht..

Es ist natürlich das Recht jedes Verbandes, so viele Gutachten zu bestellen, wie er lustig ist. Entscheidend in diesem Fall ist jedoch, wer es bezahlt: Einen Löwenanteil zu den Kosten von rund einer Million Euro steuern die Bingo-Stiftung und die Bundes-Umweltstiftung bei. Das klingt zunächst harmlos, ist es jedoch nicht, weil dieses Geld ohne Billigung der Landesregierung niemals fließen würde.

Hinter den Kulissen zeichnet sich seit einiger Zeit ein Sinneswandel in der Staatskanzlei und den zuständigen Ministerien in Hannover ab. Vieles deutet darauf hin, dass aus einer umfassenden ergebnisoffenen Machbarkeitsstudie nichts wird, zumal weder Land noch Bund dafür Geld ausgeben wollen. Da kommt das Gutachten der Umweltverbände gerade recht – und erhält vermutlich entscheidendes Gewicht. Um den Inhalt des Gutachtens vorauszusagen, muss man kein Hellseher sein: Bau des Emskanals, Rückentwicklung der Ems auf den Stand von 1950 oder ähnlich.

Es wird spannend, wie sich die Parteien im Landkreis verhalten. Die CDU lehnt den Kanal ab, stößt damit jedoch bei Parteifreunden im Land nicht unbedingt auf Zustimmung. Die Grünen äußern sich bisher strikt gegen den Kanal – aber halten sie dieses Nein im Ernstfall gegen ihre natürlichen Freunde aus den großen Umweltverbänden durch? Im Landkreis eventuell, aber in Hannover mit Sicherheit nicht. Die SPD tendiert gegen einen Kanal, hält aber eine ergebnisoffene Machbarkeitsstudie für sinnvoll. Die FDP hält nichts vom Kanal.

Nach Lage der Dinge müssten sich CDU, FDP, Grüne und SPD aus dem Landkreis gemeinsam in Hannover stark machen, dass eine ergebnisoffene Machbarkeitsstudie nicht durch ein tendenziöses Gutachten der Umweltverbände ersetzt oder mindestens vorbestimmt wird. Für den Emskanal bildet sich eine schlagkräftige Allianz mit Meyer-Werft, Umweltverbänden und maßgeblichen Kräften in der Landesregierung. Hinzu kommt: Politisch ist die Versuchung für den neuen Ministerpräsidenten McAllister und seine Landes-CDU sowie für die Grünen ziemlich groß, den Emskanal als Probelauf für Schwarz-Grün nach der Landtagswahl 2013 zu nutzen. Da spielen dann lokale und regionale Befindlichkeiten eher keine große Rolle mehr.