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Brinker und Baumann: Beide ohne Mittelschott

Der Fall EWE um Rückzahlung von Gasgebühren und was damit zusammenhängt läuft ab wie im Lehrbuch. Er ist vergleichbar mit einer Lawine, die sich aus einem Schneeball zu einer Kraft entwickelt, der keiner gewachsen ist.

Der Fall EWE ist auch ein Beispiel, dass hochbezahlte und fachlich fähige Manager nicht wahrhaben wollen, dass sie in einer Mediengesellschaft leben, die nach eigenen Gesetzen funktioniert. Der EWE-Vorstand jedenfalls hat keine Ahnung davon oder – mindestens so schlimm – schlägt sie in vermeintlicher Machtvollkommenheit in den Wind. Über Gründe kann man nur spekulieren. Aber es liegt nahe, dass der wirtschaftliche Erfolg des zweifellos guten Unternehmens dem einen oder anderen das Mittelschott aus der Nase gebrochen hat. Hochmut kommt vor dem Fall, wussten schon die Alten.

Es passt, dass gerade im Augenblick des größten öffentlichen Ärgers und schmerzender Gerichtsurteile gegen die EWE das Vorstandsmitglied Heiko Harms in die Wüste geschickt wird. Die EWE kann noch so oft behaupten, dass die Entlassung nichts mit der Gaspreis-Affäre zu tun hat – es glaubt ihr keiner. Tatsächlich scheitert Harms daran, weil er eine Zusammenarbeit mit der Telekom in Sachen Breitbandnetz nicht auf die Reihe bekommen hat. So verlautet es aus gut informierten Kreisen. Nach außen sieht es so aus, als ob Harms das Bauernopfer für Vorstandschef Werner Brinker spielen muss. Nach Logik der Lawine ist Brinker der nächste, der kippt. Allzu hohe Wetten auf sein Überleben würden wir nicht setzen.

Dem Fass den Boden schlägt EWE-Boss Brinker mit seinem Geständnis vor dem Kreistag in Leer aus, dass die EWE eine fällige Gaspreiserhöhung wegen des Wahlkampfs vor der Landtagswahl 2008 verschoben und dadurch 50 Millionen Euro in den Sand gesetzt hat. Das allein schreit zum Himmel. Diese Wahlkampfhilfe diente der CDU als Regierungspartei. Grund: Wer regiert, kann keine Diskussionen um Preiserhöhungen gebrauchen – auch wenn er direkt damit nichts zu tun hat.

CDU-Kreistagsfraktionschef Dieter Baumann aus Warsingsfehn interpretiert diese Wahlkampfhilfe jedoch auf abenteuerliche Weise. Er sagt, die EWE habe den Gaspreis deshalb eingefroren, damit er nicht in den Landtag komme. Baumann mag seine Verdienste als EWE-Kritiker haben, aber hier überschätzt er seine Person gewaltig. 50 Millionen, um Baumann zu verhindern – ein Witz. Seine siegreiche SPD-Konkurrentin Johanne Modder beleidigt er obendrein als „Landtagsabgeordnete von Gnaden der EWE“. Das ist höchst stillos. Außerdem unterstellt Baumann den Wählern damit politische Unreife. Noch so ein Fall ohne Mittelschott.

 

Der Beitrag wurde am Freitag, den 19. November 2010 um 17:12 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Politik, Wirtschaft abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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