Archive for Dezember, 2010

Julius Caesar oder Uli Hoeneß

Donnerstag, Dezember 30th, 2010

„Von Jugend auf gewöhnen sie sich an Strapazen und sind auf Abhärtung bedacht“, lobte einst der Römer Julius Caesar unsere Vorfahren, die Germanen, und tadelte damit indirekt seine Landsleute im sonnigen Italien. Nun, das ist mehr als 2000 Jahre her und die Zeiten ändern sich, was wir hier gar nicht beklagen wollen.

Die Älteren haben sich schon immer über die Jugend und jüngeren Erwachsenen ausgelassen. Das soll auch heute so sein. Wir beziehen uns ausdrücklich auf die bayerische moralische Großinstanz Uli Hoeneß, der seinem Superstar Bastian Schweinsteiger vor nicht allzu langer Zeit vorhielt, ihm würde „zu viel Zucker in den Hintern geblasen“ – um ihm wenige Monate später einen Arbeitsvertrag über fünf Jahre mit schlappen 50 Millionen Euro anzudienen. Das nur nebenbei.

Um solche Dimensionen geht es hier in der Jahresendkolumne gar nicht. Wir bescheiden uns schlicht mit dem Winter und Schulausfall. Winter ist ja genau genommen ein viel zu großes Wort für das Wetter, das uns, die Zeitungen, Radio und Fernsehen „in ‚t Proot hollt“, seit es ein paar Grade friert und etwas Schnee liegt.

Mehrmals im Dezember fiel schon die Schule aus. Die Älteren unter uns konnten nur staunen. Weil ihr Langzeitgedächtnis gut funktioniert, erinnerten sie sich, dass es winters viel kälter war und viel mehr Schnee lag. Aber fiel alle naselang die Schule aus? Das hat es bis weit in die 70er Jahre nicht gegeben. Die Busse fuhren, und wer als Schüler nicht mit dem Bus fuhr, schob sein Fahrrad durch den Schnee oder ging zu Fuß. Eng gezogene Grenzen mit Anspruch auf Busbeförderung gab es nicht. Mütter weckten ihre Kinder an Schnee- und Eistagen etwas früher, damit diese auch ja nicht zu spät zur Schule kamen.

Heute muten viele Eltern ihren Kindern nicht mehr zu, mal ein paar hundert Meter oder auch ein, zwei Kilometer durch den Schnee zu stapfen – trotz perfekter Winterkleidung. Unzählige rufen gar bei der Kreisverwaltung an und beschweren sich, dass der Landrat die Schule nicht früher absagt. Dann könnten die Kinder und – unausgesprochen – die Mütter ja ausschlafen. Oder eine Frau verlangt in einem Leserbrief ebenfalls vom Landrat, gefälligst schon am Tag vorher die Schule abzusagen, weil sie als Berufstätige so schnell keinen Menschen findet, der auf ihre Kinder aufpasst. Als ob man für solche Fälle nicht selbst vorsorgen müsste.

Unsereins bekennt sich als altmodisch, wenn es altmodisch ist, dass der Staat vorrangig die Pflicht hat, Schule stattfinden zu lassen – und nicht dafür sorgen muss, dass Eltern und Kinder im Winter ausschlafen können.

Eine Frage ist jedoch noch nicht entschieden: Tendieren wir nun eher zu Julius Caesar oder zu Uli Hoeneß? Vielleicht fällt uns 2011 eine Antwort ein.

Einig Weihnachtsmarkt – eine Polemik

Freitag, Dezember 10th, 2010

Deutschland einig Weihnachtsmarkt. Eine Lawine von Bretterbuden überrollt das Land. Vielerorts, so in Leer, hämmerten und schraubten schon in der stillen Woche im November ganze Brigaden die Latten zusammen, schlangen Tannenzweige ums Holz der Rummelbuden, entstaubten die Süßer-die-Glocken-nie-klingen-CDs und drehten tausende von Birnen in die Lichterketten. Bis Totensonntag hielten weite Teile der Geschäftswelt und wohltätiger Organisationen noch mühsam die Luft an – um sie am Montagmorgen danach abzulassen. Die Schalter wurden nahtlos vom Totengedenken umgelegt, Licht an, heißa, es ist Weihnachtsmarkt. In Leer begann er sogar fast eine Woche früher, ehe der Bürgermeister ihn offiziell eröffnete.

Es ist ein Mysterium, aber ohne Weihnachtsmarkt lässt sich in diesen Tagen nicht viel verkaufen. Wäre es anders, dann wäre es anders. Die Frage ist nur, war erst der Bedarf da oder die Nachfrage. Aber es ist wie es ist: Massen von Menschen touren bei Sauwetter in Bussen und überfüllten Bahnen quer durch die Republik zu grün getrimmten Buden. Kegelklubs, Frauenkränzchen und Gymnastikgruppen fahren von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt zu den Weihnachtsmärkten. Sie futtern – immer häufiger – eine Halbmeter-Bratwurst, frieren sich die Füße ab vor Ständen, in denen Berliner in Öl getaucht werden, das selbst strapazierte Geruchsnerven unangenehm reizt. Das wiederum hat den Vorteil, dass man die Ausdünstungen der Gyros-Bude nicht mehr wahrnimmt.

Unsereins wird sein Leben lang nicht begreifen, warum man sich freiwillig der Kälte aussetzt und diese mit heißem, klebrigem, rotem Zuckerwasser bekämpft. Später dämmert es, warum man es Glühwein nennt: Der Kopf glüht, angefeuert vom Fusel, der unterm Schädel vibriert wie ein alter Klopfsauger.

Aber hier soll keinem das Vergnügen am Galli-, pardon Weihnachtsmarkt vergällt werden. Jedem das Seine. Kein Vorwurf auch gegen Kaufleute und Wohltäter, die Weihnachten als Vehikel für den Verkauf nutzen. Weihnachten ist eben Marktwirtschaft (geworden). Zumindest drängt sich der Eindruck auf.

Deshalb loben wir hier ausdrücklich nicht den viel gerühmten „Wiehnachtsmarkt achter d‘ Waag“ in Leer, der sich mit seinem Angebot vom Üblichen abhebt und wo die Leute noch selbst singen. Alles schön und gut. Es hat jedoch einen Beigeschmack, wenn die Veranstalter bei jeder Gelegenheit betonen, dass es nicht um Kommerz geht, sondern um Wohltätigkeit. Als wenn Kommerz etwas Schlimmes wäre – und als wenn die Veranstalter es nicht dem Kommerz zu verdanken hätten, dass sie mit dem Weihnachtsmarkt an der Waage keinen persönlichen Reibach machen müssen.