Archive for Juni, 2011

Gut angelegte Millionen

Samstag, Juni 25th, 2011

Ein kräftiger Wind wirbelt durch die Schullandschaft. Es begann vor einige Jahren wie ein laues Lüftchen, als immer mehr Eltern mit den Füßen gegen die Hauptschule abstimmten – obwohl diese es eigentlich nicht verdient hat, weil sie ordentliche Arbeit leistet. Der Ruf der Hauptschule hängt wohl damit zusammen, dass ihre Schüler lange im Kampf um die knappen Lehrstellen in die Röhre schauten.

Viele Eltern meldeten ihre Kinder deshalb auf Gedeih und Verderb auch mit Hauptschulempfehlung auf der Realschule oder, wenn vorhanden, auf der Gesamtschule an. Durchaus verständlich, denn wer will für sein Kind nicht das Beste. Außerdem setzten die Eltern weniger Kinder als früher in die Welt. Mit beidem schufen sie Tatsachen zu Lasten der Hauptschule. Diese sind so hart, dass die sprichwörtlich normative Kraft des Faktischen die CDU bewegt, sich nach Atomenergie und Wehrpflicht ein weiteres Herzstück aus der Brust zu reißen und die Hauptschule abzuschaffen.

In Niedersachsen gibt es seit neuestem eine Oberschule. Warum ein Zusammenschluss von Haupt- und Realschule ausgerechnet Oberschule heißt, erschließt sich uns zwar nicht, aber darum geht es nicht. Diese gemeinsame Schule kann Sinn haben, wenn das Konzept stimmt. Die Zeit wird schnell zeigen, ob die Landesregierung oder Skeptiker recht behalten. In Bunde jedenfalls findet die Oberschule auf Anhieb viel Zulauf, auch aus Weener und Jemgum, was logischerweise auf Kosten der dortigen Schulen geht. Auf jeden Fall wird sich in absehbarer Zeit die Schullandschaft im Rheiderland ändern.

Im übrigen Landkreis, ja in ganz Ostfriesland tut sich einiges. Zum Teil sind es Folgen der genannten Abstimmung mit den Füßen durch die Eltern – was nebenbei allgemein dazu führt, dass die Parteien langsam die Bildungspolitik von Ideologien entblättern. Ein Blick in die ostfriesische Runde zeigt, dass in Aurich vor allem die Realschule mangels Ganztagsangebot leidet und die Gesamtschule überquillt. In Pewsum und Marienhafe gibt es neue Gesamtschulen.

Im Landkreis Leer schlägt die neue Gesamtschule in Warsingsfehn gut ein. Es muss aber nicht immer eine Gesamtschule sein, wenn von Schulerfolgen die Rede ist. Genau heute erhalten erstmals 83 Schüler in Westrhauderfehn das Abiturzeugnis. Das Gymnasium Rhauderfehn erweist sich als Volltreffer mit rund 900 Schülern aus dem Overledingerland.

Im Landkreis können Schüler an den beiden Gymnasien und an den Berufsbildenden Schulen in Leer, am Gymnasium Rhauderfehn und an der Christlichen (Gesamt-)Schule in Veenhusen das Abitur machen. Es wird nicht lange dauern, bis zumindest die Gesamtschule in Warsingsfehn, vielleicht auch die neuen Oberschulen mit Oberstufen bis zum Abitur nachziehen. Wer hätte das vor einigen Jahren gedacht. Der Kreistag gibt schon länger viele Millionen für Bildung aus. Die sind gut angelegt. Denn der demografische Wandel mit starkem Geburtenrückgang rüttelt schon kräftig an den Geländern der Gesellschaft. Zu den ersten Vorboten gehört der Fachkräftemangel.

 

Wir sind Vorpommern

Samstag, Juni 18th, 2011

Einst galt Vorpommern als Sinnbild für Rückständigkeit. „Sieh‘ dich in Vorpommern um“, hieß es vor 100 Jahren scherzhaft-bissig, wenn jemand wissen wollte, wie es früher mal gewesen ist. Und heute? Ganz Deutschland ist Vorpommern – jedenfalls wenn es um die digitale Welt geht. Der aktuelle Beweis: Unser Innenminister Friedrich hat in diesen Tagen mit viel Rummel ein Nationales Cyber-Abwehrzentrum (NCAZ) in Betrieb genommen. Das hört sich bedeutend an, ist aber lächerlich.

Zehn Beamte arbeiten dort. Sie sind sozusagen die geballte Macht der 80-Millionen-Republik Deutschland, um die Attacken von Internet-Hackern auf Atomkraftwerke, Wasserwerke, Verkehrssysteme, Banken, Energieunternehmen oder Regierungs-Festplatten abzuwehren.

Das Cyber-Abwehrzentrum wirkt hilflos. Aber wundern muss sich keiner. Denn anders als in zahlreichen hungrigen Staaten liegen bei uns die vielen Vorteile des Internets brach. Nicht wenige Menschen fassen das Internet immer noch mit spitzen Fingern an, nutzen den Computer bestenfalls als Schreibmaschine oder – als Höhepunkt – schreiben E-Mails und surfen ein wenig. Alles andere bleibt ungenutzt. Dabei steuern Computer längst Wirtschaft und Versorgung des Landes. Aber es bleibt eine Sache von relativ wenigen Spezialisten. Im privaten Leben staunen bei uns Eltern immer noch, wenn ihre Kinder erzählen, dass der eine oder andere Lehrer in der Schule nicht mehr mit Kreide an die Tafel schreibt, sondern mit elektronischen Wandtafeln arbeitet, die Whiteboard oder Active Board genannt werden.

Anderswo wie zum Beispiel in Ägypten organisieren junge Leute per Facebook eine Revolution und jagen ihren Diktator in die Wüste. Das ist bei uns im demokratischen Rechtsstaat Gott sei Dank nicht nötig, aber das Beispiel zeigt die mögliche Wirkung von Facebook, Twitter oder Flickr, wie die virtuellen Kommunikationsmöglichkeiten so heißen. Viele Ältere werden auch staunen, dass ein soziales Netzwerk wie „nitestar“ aus Leer schon seit Jahren zigtausenden von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Landkreis Leer und umzu als Kennenlern-, Austausch- und Unterhaltungsmedium dient.

Politiker sind ein Spiegelbild der Gesellschaft – trotz aller Vorbehalte nicht schlechter, aber eben auch nicht besser als andere. Deshalb ist es logisch, dass die meisten Politiker in der Netzwelt  hinterher hinken. Zwar haben die Bundes- und Landtagsabgeordneten mittlerweile ordentliche Homepages, allerdings nicht immer auf neuestem Stand. Darüber hinaus nutzen sie die vorhandenen Kommunikations-Medien kaum, jedenfalls nicht systematisch. Eine Ausnahme bildet der Europaabgeordnete Matthias Groote, der im Netz viele Register zieht und damit auch Erfolg hat.

Im nahenden Wahlkampf vor der Kommunalwahl im September ist auf digitaler Basis nicht allzu viel zu erwarten. Es finden sich unter den Kandidaten im Landkreis Leer nur vereinzelte, die dazu in der Lage wären. Aber diese könnten eigentlich zeigen, was möglich ist.

 

 

Saatkrähen – die Schwarze Plage

Montag, Juni 13th, 2011

Naturschutz ist gut – selbst wenn einem Krähen den Schlaf rauben, den Tag vergällen, alles vollkoten oder einem mit ihrem Kräääh auf den Geist gehen. Der Mensch ist wahrlich eine bewunderswert tolerante Kreatur, wenn es um Krähen, speziell Saatkrähen geht. Sonst ließe er es sich nicht gefallen.

Diese schwarzen geflügelten Gesellen mit ihrem höchst unangenehmen Gekrächze zählen zu den Singvögeln, was zeigt, dass der Evolution nicht immer ein großer Wurf gelingt. Einst besiedelten die Saatkrähen offenes Acker- und Wiesenland, das mit hohen Bäumen oder Gehölzen garniert war. Der Mensch hat ihnen ziemlich zugesetzt. Vor allem Bauern zählten sie zum Feind. Denn wenn die Saatkrähen im Schwarm frisch keimende Pflanzen im Frühjahr aufs Korn nahmen, blieb nicht viel stehen und das Feld nahm die Farbe der Vögel an. Die Bauern dezimierten deshalb den Bestand, auch wenn ihre Feinde andererseits als Schädlingsvertilger nützlich waren.  Schließlich setzte der Staat die Saatkrähe auf die Liste der geschützten Vögel. Damit war Schluss mit Jagd auf sie.

Das Ende der Jagd war gleichzeitig der Beginn des Ungemachs, das allmählich einen Höhepunkt erreicht. Die Saatkrähen machen es sich mehr und mehr in den Innenstädten gemütlich. Was sie jedoch unter gemütlich verstehen, artet für die Menschen zur Plage aus. In Weener kennt man die Saatkrähen schon seit Jahrzehnten. Erstmals machten sie sich zwischen Rathaus und dem früheren Hotel „Zum Weinberge“ breit, heute nisten sie auch in den Bäumen des benachbarten Friedhofs. In Leer plagen Saatkrähen die Menschen im Umkreis des Ostfriesen-Hofs, aber auch mitten in der Stadt auf der Nesse, im Garrels’schen Garten und anderswo. Wo Krähen nisten, traut sich kaum jemand, sein Auto nachts draußen zu parken, weil es am nächsten Morgen so richtig dick und fies vollgekotet ist. Freude kommt auch beim Schrubben oder Kärchern der Bürgersteige auf.

Saatkrähen haben außerdem die Angewohnheit, schon eine Stunde vor Sonnenaufgang zu singen, was der Mensch als durchdringenden Lärm empfindet. Und spät am Abend drehen  die geselligen Vögel in Schwärmen noch ein paar Runden über die Dächer der Stadt,  vielstimmig mit kräääh, krääh.

Krähen in Wohngebieten sind unzumutbar. Unsereins ist dankbar, dass er nicht im direkten Einflussgebiet von Saatkrähen wohnt – und hätte Verständnis für Selbsthilfe. Aber keiner traut sich so recht. Das Geschrei von Vogelschützern, für die im Zweifel Naturschutz über Menschenschutz geht, würde das der Saatkrähen noch übertönen. Das Saatkrähen-Problem zeigt: Man kann eine gute Sache auch übertreiben. Die schweigende Mehrheit jedenfalls hat die Nase voll von Saatkrähen in Siedlungen. Man brauchte sie nur zu fragen – und dann handeln. Der Schutz der Saatkrähen würde  jedenfalls gelockert. Die Menschen, die unter diesen Tieren leiden,  wären unendlich dankbar.

 

 

Fortschritt – so oder so

Samstag, Juni 4th, 2011

Viele Menschen haben die informationstechnologische Revolution mit Computer und Internet längst nicht verdaut oder nicht einmal an sich herangelassen – schon stecken wir mitten in der nächsten industriellen Umwälzung namens Energiewende. Für unseren kleinen Landstrich abseits der großen Städte bedeuten Internet und Energiewende ein Fortschritt: Das Internet macht unabhängiger von Entfernungen und die Energiewende lässt sich ohne Wind von See nicht umsetzen. Schon heute arbeiten in Ostfriesland mehrere tausend Menschen in der Windbranche.

Zu den Gewinnern der Energiewende kann das heimische Handwerk gehören – wenn es auf Zack ist. Denn die billigste Energie ist diejenige, die nicht gebraucht wird. Aber bevor man auf Gas und Strom von außen verzichten oder den Verbrauch auf ein Minimum beschränken kann, müssen ältere Häuser so gedämmt werden, dass sie keine Kälte hereinlassen und keine Wärme abgeben.Solartechnik, Wärmepumpen, Kraft-Wärme-Kopplung wird Standard. Auf Bauhandwerker, Versorgungstechniker, wie Heizungsbauer, Klempner und Installateure heute genannt werden, und Elektro- und Informationstechniker wartet Arbeit satt.

An diesem Punkt schlägt auch die Stunde der Politik. Mit den Stromkonzernen wird sie das Abschalten von Atomkraftwerken relativ schnell regeln. Richtig ernst wird es, wenn es um den Preis geht, den die Menschen zahlen müssen. Der Bundestag kann ohne weiteres ein Gesetz für Gebäudesanierungen mit einer Frist beschließen. Aber können Leute mit kleinem Portemonnaie das auch bezahlen? Die Parteien, die auf diese Frage eine akzeptable Antwort finden, werden die nächsten Wahlen gewinnen.

Daran entscheidet sich auch, ob der Höhenflug der Grünen anhält. Letztlich geht es darum, Wohlstand und Arbeitsplätze zu sichern. Spätestens mit der Energiewende ist ein neuer Wachstums- und Fortschrittsbegriff fällig, über den der Bundestag in einer so genannten Enquete-Kommission schon diskutieren lässt. Die Zeit des „Immer mehr“ ist vorbei. Es zeichnen sich interessante Widersprüche ab, zum Beispiel zwischen fundamentalistischen Grünen und umweltbewegten Gruppen auf der einen und den mehr industriell geprägten Sozialdemokraten und Gewerkschaften auf der anderen Seite. Ist Öko fortschrittlich allein schon deshalb, weil es Öko ist? Oder ist Öko ein Schmiermittel eines industriell-technischen Fortschritts, der für Wohlstand sorgt?

Ein gutes Beispiel, wie schwer sich ein Verband wie der Naturschutzbund Nabu mit der neuen Zeit tut, zeigt sich am Windpark Holtgaste. Die dort stehenden zehn kleinen Mühlen sollen durch fünf große ersetzt werden, weil diese mehr Strom liefern. Nabu verzögert das Verfahren mit weit mehr als 100 Seiten Einwänden. Aber Nabu & Co. zeichnen sich gern mal durch abwegige Ideen aus. Wir erinnern hier nur an den Emskanal.