Archive for September, 2011

Soldaten – einst und jetzt

Samstag, September 24th, 2011

In früheren Jahrhunderten  waren die meisten Menschen   froh, wenn die Soldaten abzogen. Und wenn sie einrückten, waren sie höchst unwillkommen. Ältere Rheiderländer erinnern sich, dass in den 1950er Jahren nach Gründung der Bundeswehr nicht wenige Menschen vor den ersten Soldaten in Weener ausspuckten. Die Bundeswehr war in den ersten Nachkriegsjahrzehnten ein ungeliebtes Kind.

Das sieht heute anders aus.  Die Bundeswehr ist anerkannter Teil der Gesellschaft – und wenn sie aus einer Stadt abzieht, was seit dem Fall des Kommunismus öfter vorkommt, fließen in den betroffenen Standorten die Tränen. Weniger aus militärischen, mehr aus strukturpolitischen Gründen. Mit anderen Worten: Kommunalpolitiker sehen die Bundeswehr als Wirtschaftsfaktor. Sie bietet viele Arbeitsplätze, sorgt für Aufträge im Handwerk und damit für Steuereinnahmen.

Aus Ostfriesland zieht sich die Bundeswehr mehr und mehr zurück – was sogar strategische Laien nachvollziehen können. Ihr Gastspiel in Weener ist praktisch vorbei. Das Gerätedepot gibt es nicht mehr, das Marinematerialdepot liegt in letzten Zügen. Jetzt droht der Ausbildungswerkstatt für elektronische Berufe das Aus. Dieses Überbleibsel des Gerätedepots hat für unsere Gegend eine erhebliche Bedeutung, denn es bietet Lehrstellen auf hohem Niveau. Dafür lohnt sich zu kämpfen.

Leicht zu gewinnen ist der Kampf nicht, denn die Bundeswehr wird radikal reformiert. Die Wehrpflicht gehört bereits der Vergangenheit an, jetzt geht es um die Strukturreform, die mit Standortschließungen verbunden ist. Verteidigungsminister de Maiziere wird sie durchsetzen – auch gegen Widerstand. Er ist ein solider und geradliniger Politiker, ein ganz anderes Kaliber als sein Vorgänger zu Guttenberg. Den einen oder anderen Kompromiss wird er akzeptieren, aber nicht von seiner Linie abrücken.

Deshalb schwebt der Luftwaffen-Stützpunkt Wittmund in erheblicher Gefahr. Ihm droht die Schließung. Als Ersatz winkt vielleicht eine Mini-Lösung, so eine Art Start- und Landepunkt bei Übungen über der Nordsee. Dem Standort Aurich läutet ebenso das Sterbeglöckchen.

Auch der Standort Leer mit seinen Sanitätern gilt nicht als unantastbar. Für Leer sprechen zwar erhebliche Investitionen in den letzten Jahren, aber eine Bestandsgarantie sind sie nicht. Leer liegt nun mal abseits, und das Kasernengelände stößt von seiner Größe her an Grenzen. Hier soll kein Teufel an die Wand gemalt werden, aber Kenner der Bundeswehr schließen ein böses Erwachen in Leer nicht aus.

 

 

Strippenziehen schlägt Wählerwillen

Samstag, September 17th, 2011

Mit Kommunalwahlen ist es manchmal ein Kreuz. Denn das Wahlsystem lässt zu, dass Bewerber in Gemeinderäte und Kreistag kommen, die weniger Stimmen haben als andere, die draußen bleiben müssen. Wir haben die Zahlen vom vorigen Sonntag aus diesem Gesichtswinkel angeschaut. Das Ergebnis stimmt nachdenklich: Die Position auf der Liste besitzt im Zweifel mehr Gewicht als der Wählerwille.

 Nehmen wir den Wahlbereich Rheiderland/Borkum für den Kreistag in Leer: Weil die SPD sie weit oben auf die Liste setzte, zieht Ute Prang, Weener, mit nur 581 Stimmen wieder in den Kreistag. Der Borkumer Eberhard Weiß mit 1275 Stimmen sowie die Weeneraner Fritz Wessels (1205) und Friederich Sap (669) schauen in die Röhre. Ähnlich in Leer: Klaas Plagge sammelt 568 Stimmen und ist drin, während sich Jochen Kruse mit 971 schwarz ärgern kann. Auch Remmer Schröder mit 688 Stimmen liegt deutlich vor Plagge. Folgewirkungen einer Parteientscheidung auch bei den Grünen in Weener für den Kreistag: Hajo Rutenberg erntet die Frucht seines guten Listenplatzes. Lutz Drewniok (622) besitzt zwar bei Wählern mehr Rückhalt als Rutenberg (587), aber Grünen-Wille schlägt Wählerwillen.

 Noch bemerkenswerter ist das Ergebnis für den Stadtrat Leer: Im Wahlbereich II ziehen Susanne Westermann mit 100 und SPD-Ortsvereinschef Hans Fricke mit 240 Stimmen in den Stadtrat. Johann Lohmeyer verzeichnet 254 – und kann zu Hause bleiben. Mehr als Susanne Westermann mit ihren beklagenswerten 100 Stimmen weisen noch Günter Ammermann (240), Gerold Ernst (144), Hermann Visser (127), Gerald Nicolai (126) und Maike Bluhm (105) auf. Sie stehen jedoch auf schlechteren Listenplätzen. Wenig begeistert dürfte auch Ihno Völker (158) im Wahlbereich I sein, dass nicht er, sondern Heike Nicolai (134) ins Rathaus zieht.

Bei der CDU in Leer sieht es kaum besser aus. Hier sicherten sich Kandidaten vordere Ränge, die bei der Nominierung der Liste erfolgreich gegen etablierte Christdemokraten geputscht haben, was letztlich zur Spaltung der CDU und zur Gründung der CDL-Gruppe führte. Gerd Lübbers, in Nüttermoor die treibende Kraft und hochgeschätzte Person, nützen seine 562 Stimmen gar nichts. Er kommt nicht wieder in den Stadtrat. Dafür rücken dort jetzt Ulf-Fabian Heinrichsdorf mit 179 und Michael Popke mit 150 Stimmen ein. Ähnliches widerfuhr Michael Weber im anderen Leeraner Wahlbereich: Seine 399 Stimmen reichen nicht für einen Sitz, während Hedda Warners (346) und Jung-Unionist Alexander Beitelmann (230) sich über ihren Einzug in den Rat die Hände reiben.

Alles in allem zeigen die Beispiele, dass der Landtag mit einer einfachen Änderung des Wahlrechts mehr Demokratie schaffen könnte: Auf der Liste entscheidet nicht mehr der numerische Rang, sondern die Zahl der Stimmen. Auf einen Schlag wäre Schluss damit, dass innerparteiliches Strippenziehen sich hier mehr auszahlt als Volkes Wille. Ach ja: Bewerber mit schwachen Ergebnissen könnten sich um die Demokratie verdient machen – sie brauchten nur auf das ihnen zustehende Mandat zu verzichten. Aus Respekt vor den Wählern.

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Querschüsse

Samstag, September 10th, 2011

Emden hat eine überragende Bedeutung für das ganze Ostfriesland. Nicht erst in jüngerer Zeit, sondern schon seit Jahrhunderten. Der Grund liegt auf dem Wasser. Wohl und Wehe der Stadt und Ostfrieslands hängen entscheidend von einem freien und offenen Zugang Emdens zur See ab.   Dafür muss sich praktisch jede Generation ins Zeug legen. Dieser Kampf  zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.

Jetzt ist es mal wieder so weit. Der Emder Hafen ist erstens ziemlich voll mit Betrieben und zweitens für viele Schiffe nicht mehr erreichbar. Dieses Problem verschärft sich mehr und mehr, und wenn in wenigen Jahren noch größere Pötte die Weltmeere durchpflügen, droht Emden das Abseits.

Die Emder wissen das und wollen deshalb einen neuen Hafen bauen, weiter hinaus zur Nordsee an die Knock, auch Rysumer Nacken genannt. Dort liegt viel Land brach, ideal für einen neuen Hafen, weil nichts im Weg steht. Die Stadt hat die Planung fertig. Behörden von Bund und Land liefern sich noch ein skurriles Tauziehen, das aber angeblich bald beendet werden soll: Sie tun sich schwer, Gelände zu tauschen. So gehört der Rysumer Nacken dem Bund, der Wybelsumer Polder dem Land. Bei einem Tausch könnte das Land den Hafen bauen und der Bund Spülgut aus der Ems auf dem Wybelsumer Polder lagern – beides ist nötig. Aber die Behörden kriegen den Tausch bisher nicht auf die Reihe. Man glaubt es kaum.

Den scheidenden Emder Oberbürgermeister Alwin Brinkmann plagen jedoch noch andere Sorgen. Er hegt den Verdacht, dass der neue Emder Hafen in Hannover nicht oben auf der Liste steht, sondern hinter Cuxhaven und Brake zurücktreten muss. Wirtschaftsminister Bode widerspricht. Er muss dies allerdings noch durch Taten beweisen. Wirtschaft, Landkreise, Städte und Gewerkschaften in Ostfriesland jedenfalls stehen wie ein Mann hinter dem neuen Hafen. Sie haben dies der Landesregierung neulich in einer unzweideutigen gemeinsamen Resolution  verklart. In dieser Frage kennen die Ostfriesen keine Parteien.

Es bedeutet jedoch nicht, dass der Hafenbau ohne Querschüsse abgeht. Nabu und andere Umweltschutzverbände haben vorsorglich angekündigt, dass sie sich gegen den Hafen sperren werden. Das überrascht nicht. Für sie fällt der Wohlstand vom Himmel. Und dass der neue Hafen nicht zuletzt wegen der Windparks auf hoher See nötig ist, interessiert offensichtlich wenig. Von den Offshore-Windparks hängt ja auch nur der Erfolg der Energiewende ab, die Nabu & Co. mit Macht wollen.  Aber dieser Widerspruch stört sie nicht.  Strom kommt ohnehin aus der Steckdose.

Jacqueline un uns Platt – oder: Ostfriesen haben ihre Sprache verraten

Samstag, September 10th, 2011

‚N Fraumenske ut Frankriek mit de moi Naam Jacqueline – se leevt schiens in Weener – hett disse Week völ Stoff upwirbelt mit hör Leserbreef in ‚t Bladdje. Se reegt sük darover up, dat disse Maand in Ladens blot platt proten worden sall. De Oostfreeske Landskupp will dat so, un dar kann man ok nix tegen seggen. De Heeren van d‘ Landskupp, besünners abers Frau Nath van d‘ Plattdütsbüro, gahn glatt so wiet, dat de Verkoopers ok dann platt proten sölen, wenn de Kunden up Hochdüts an d‘ Gang sünt, abers Platt tominsten verstaan könt.

 De „Plattdütsmaant“ van d‘ Landskupp is en good Gelegenheit, mal over uns Spraak natodenken. Un wall Jacqueline dat ok mitkriegen sall, geiht dat nu up Hochdüts wieder.

Die gute Französin, der unser ostfriesisches Platt offensichtlich Ohrenschmerzen bereitet, hat in ihrem Frust ziemlich viel Unsinn geschrieben, und verschiedene Leserbrief-Schreiber haben ihr das in ihren Antworten auch deutlich zu verstehen gegeben. Schade ist nur, dass Jacqueline oder ähnlich Denkende in zehn, zwanzig Jahren kaum noch einen Grund finden werden, ihre krasse Abneigung gegen das Plattdeutsche auszudrücken. Denn dann wird sie kaum noch jemand damit behelligen.

Plattdeutsch ist längst auf dem Rückzug. Selbst in Grundschulen in rheiderländer und ostfriesischen Dörfern spricht nur noch eine Mini-Mini-Minderheit von Haus aus platt. Unser Plattdeutsch ist keine Muttersprache mehr – weil die Mütter mit ihren Kindern nicht platt sprechen, größtenteils die Sprache gar nicht mehr beherrschen. Oma und Opa können dieses Manko nur selten ausgleichen. Deshalb steht die Sprache über kurz oder lang vor dem Aus. Sie wird höchstens ihren Folklore-Charakter bewahren, zum Beispiel im plattdeutsches Theater.

Frau Nath vom Plattdütsbüro – offiziell mit k hinter dem s geschrieben, was hier aber keiner spricht – möchte sogar, dass in Schulen zur Hälfte „up Platt“ unterrichtet wird. Gegen bilingualen Unterricht ist grundsätzlich nichts einzuwenden, im Gegenteil, auch nicht gegen Platt und Hoch im Wechsel. Aber Frau Nath macht sich Illusionen. Die Schulen sind dazu gar nicht in der Lage, weil es selbst auf dem Lande an plattdeutsch sprechenden Lehrern fehlt. Dieser Mangel lässt sich auch nicht beheben.

Die Ostfriesische Landschaft kämpft seit Jahren für das Plattdeutsche. Es gleicht einem Kampf gegen Windmühlenflügel. Kurse in Schulen, Kindergärten oder Volkshochschulen – alles schön und gut. Aber sie brechen den Trend nicht. Tatsache ist: Wir Ostfriesen haben eines unserer höchsten Kulturgüter, unser Identifikationsmerkmal Nummer eins, unsere plattdeutsche Sprache, schlicht und einfach verraten.