Archive for November, 2011

Krank

Samstag, November 26th, 2011

Der Fall des Arztes Dr. Neu in Weener soll hier nicht in Einzelheiten kommentiert werden – aber er wirft ein Schlaglicht auf das Gesundheitswesen, das oft zu Verdruss und Ärger führt.  Andererseits wollen wir nicht verkennen, dass unser Gesundheitswesen besser ist als in den meisten Ländern dieser Welt.  Wer hierzulande krank ist, kann damit rechnen, ordentlich und auf hohem Niveau behandelt zu werden.

Leider rühren im Topf Gesundheit zu viele Hände, die fast alle zugreifen. Wenn Ärztefunktionäre behaupten, das deutsche Gesundheitswesen ist unterfinanziert, so ist das natürlich grober Unsinn. Das Geld wird nur falsch verteilt. Der Topf ist mit irrsinnig vielen Milliarden Euro gefüllt, bezahlt von den arbeitenden Menschen und auch Rentnern, die Monat für Monat ihre Beiträge zahlen müssen, die obendrein regelmäßig steigen.

Daraus erwächst natürlich auch ein Anspruchsdenken, dem viele Ärzte auch gern nachgeben. Es wird verschrieben, geröntgt und „in die Röhre geschoben“, was das Zeug hält. Das geht ins Geld, ist aber nicht die einzige Ursache für Knappheit trotz Überflusses im Gesundheitswesen.

Das Gesundheitswesen ist eine riesige, schwer durchschaubare Geld-Umverteilungsmaschine. Alle greifen zu: Ärzte, Pharmaindustrie, Apotheker, Krankenhäuser,  Masseure, Physiotherapeuten, medizinische Labore, Heilmittelhersteller und –Verkäufer und andere mehr. Die stärksten Bataillone stellen die Pharmaindustrie und die Ärzte mit ihren Kammern, Kassenärztlichen Vereinigungen, Standesorganisationen und Gewerkschaften. Ihnen gegenüber stehen die Patienten mit ihren Krankenkassen, von denen es viel zu viele gibt. Zwischen den Fronten steht der jeweilige Gesundheitsminister, der einen der schwierigsten Jobs in Deutschland ausübt.

Für die ärztliche Versorgung sind die Ärzte selbst zuständig, genau: Ihre Kassenärztlichen Vereinigungen. Sie entscheiden, ob und wo ein Arzt sich niederlassen darf. Das wird künftig nicht einfacher. Dafür sorgt der demografische Wandel, aber auch die Tatsache, dass viele ausgebildete Ärzte gar nicht erst in den Beruf gehen oder  ins Ausland abwandern, wo sie mehr verdienen können. Oder sich als Privatärzte in reichen Landstrichen niederlassen, zum Beispiel im Landkreis Starnberg bei München, wo mehr Röntgengeräte stehen sollen als in ganz Italien.

Die Kassenärztliche Vereinigung in Aurich hat es übrigens auch in der Hand, den Knoten im Fall Dr. Neu durchzuschlagen. Wenn wir es richtig sehen, geht es ja um die Lizenz zum Röntgen,  die Dr. Neu bislang mit einer Ausnahmegenehmigung  hatte. Die Kassenärztliche Vereinigung brauchte diese Lizenz nur zu verlängern – und der alte Zustand wäre wieder hergestellt.

„Hléri“ und die Krähen

Samstag, November 19th, 2011

„Jantje-Möh hör Krei is dood“ – ein uralter, fast vergessener ostfriesischer Gassenhauer, den heute höchstens noch einige Alte nach dem zehnten Bier zum Besten geben . Aber das Lied führt uns zu einem Problem, dessen Lösung die Stadt Leer diese Woche in einem Krähen-Symposium gesucht hat. Ein Ratsherr hatte vor längerer Zeit über die Saatkrähen-Plage geklagt, diesem auch in Weener nicht unbekannten Phänomen aus schwer erträglichem Gekrächze und fiesen Kotmassen auf Gehsteigen und Autos.

Bürgermeister Kellner erinnerte sich offensichtlich des alten Politiker-Mottos „Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründe ich einen Arbeitskreis“, setzte noch eins drauf und rief zu einem ersten Leeraner Krähen-Symposium. Mit mächtigem Widerhall, denn 70 Krähen-Experten aus ganz Deutschland und den Niederlanden eilten nach Leer.

Fest steht, dass Krähen nicht doof sind. Sie wissen eben, dass sie unter Naturschutz stehen und so dem Menschen einen Schnabel drehen können. Sie trotzen jedenfalls jeder Vertreibung. Im schönen Lahr im Schwarzwald hat man es sogar mit Lautsprechern und CDs mit dem Geschrei von Falke, Bussard und Co. versucht. Doch „Krähen sind keine Schafherde, die man irgendwo hinlenken kann“, berichtete frustriert der Mann aus Lahr. Die Stadt Nienburg probierte es mit Krähenklatschen, was immer das sein mag, aber sie wurden in Jever erfunden, wie es heißt. Der Erfolg war gleich Null. Im Landkreis Leer haben vor sieben Jahren Jäger in Abstimmung mit der Tierärztlichen Hochschule Hannover Krähen gefangen. Naturschützer gingen auf die Barrikaden, die Jäger mussten passen. Der Gast aus dem fernen Lahr schließlich warf seine Vergrämungs-CD in den Müll und erwies sich in Leer als Pragmatiker: „Wir müssen mit den Saatkrähen leben.“

 So war auch keiner überrasacht, dass aus dem Symposium nichts herausgekommen ist. Aber man hat mal drüber gesprochen. Und wann gelangt Leer schon mal auf die Seite 1 der Süddeutschen Zeitung, und dann auch noch oben links ins „Streiflicht“, einem täglichen unübertroffenen journalistischen Leckerbissen. Die „Süddeutsche“ nutzt das Symposium zu einem Loblied auf die Klugheit der Krähen und allgemein der Rabenvögel. Sie erinnern an „Hugin und Munin, die auf Odins Schultern saßen und dem Obergott der Germanen immer ins Ohr sagten, was auf der Welt vor sich ging“. Wegen der Sprachbegabung der Krähen liegt es auch nahe, dass sie wussten, was „hlér“ bedeutet, nämlich „Weideplatz“. Und daraus schließt die „Süddeutsche“ messerscharf, dass alle Raben und Krähen als praktisch denkende Wesen dorthin zogen, wo ein „hlér“ zu finden war: „Das war im ostfriesischen Leer, vormals „Hléri“, der am Zusammenfluss von Leda und Ems gelegenen schönen und rührigen Stadt.“

Zum Schluss beleuchtet das „Streiflicht“ noch die philosophische Kraft der Krähen und das Verhältnis von Nietzsche zu diesen Vögeln. Aber das führt hier zu weit. Es fehlt der Platz.

Wasserstoffblondiert

Samstag, November 12th, 2011

Heute möchten wir etwas über die Niederländer loswerden. Stets legen sie größten Wert auf Weltoffenheit, Liberalität und Toleranz – alles zum Schein verkommen? Gern pflegen sie auch einen etwas herablassenden Blick auf uns bornierte Deutsche, die sie dann „Moffen“ schimpfen, nach dem Zweiten Weltkrieg auch ein sinnverwandtes Wort für Nazis. Wir tragen es geduldig und freuen uns, dass die Holländer nie Fußballweltmeister wurden (und werden).

Aber mittlerweile ist es kein Spaß mehr. Ein Zeichen für den Gesinnungswandel sind die Videokameras an den Grenzen, mit denen Autofahrer gefilmt werden. Ins Bild passt auch, dass die Holländer per Volksabstimmung den Vertrag über Europa („Lissabon-Vertrag“) abwiesen. Vor einigen Jahren hätten wir ihnen auch nicht zugetraut, dass sich ihre Regierung in Den Haag von einem Islamhasser wie Geert Wilders abhängig macht. Auf seine Stimme ist die rechtsliberal-christdemokratische Regierung angewiesen. Holland wandelt sich.

Aufsehen erregt jetzt  ein Bericht im angesehen „NRC Handelsblad“. Darin kommen in den Niederlanden stationierte Botschafter zu Wort, unter der Überschrift:“Die Niederlande sind nach innen gekehrt und provinziell.“ Sie beschäftigen sich mit sich selbst und „sehen Ausländer  zu Unrecht als Problem“, heißt es.  Das ist natürlich das genaue Gegenteil von weltoffen.  Die Zeitung sieht darin eine Gefahr, auch für den Wohlstand, den das Land seinem internationalen Ansehen und dem Außenhandel verdankt.

Das Wort der Botschafter hat Gewicht, denn es ist ungewöhnlich, dass Diplomaten sich so offen und kritisch über ihr Gastland auslassen. Der Deutsche Heinz-Peter Behr stellt fest, dass die Holländer „zu viel mit sich selbst beschäftigt sind“. Sein pakistanischer Kollege bedauert: „Sie stehen nicht mehr für die Problemlösung, sondern schaffen Probleme.“ Der Japaner rät, dass es wichtig bleibt, „nach außen zu schauen“. Der Inder erzählt, dass er in Den Haag seine Tomaten beim Marokkaner kauft, mit dem er französisch spricht, sich Käse und Oliven von einem Niederländisch-Franzosen und  Fisch bei einem Indonesier besorgt – und sagt: „Ich sehe darin kein Problem.“

 Der belgische Botschafter ist etwas zurückaltender, aber lässt sich dann doch aus mit Hinweis auf das Verhalten der Niederlande in der Euro-Krise: „Wir denken, dass Europa die richtige Antwort ist.“ Der israelische Botschafter nennt das Kind schließlich beim Namen. Politik funktioniere auch über Kompromisse – und urteilt: „Das tut Wilders nicht.“ Der Pakistaner erkennt „Anzeichen einer Islam-Phobie“, und der Israeli vernimmt, dass „Antisemitismus immer mehr zum guten Ton gehört“.  Armes Holland. Dann loben wir uns doch die Deutschen. Sie wählen aus Protest keine Leute wie den wasserstoffblondierten Wilders, sondern die Piratenpartei. Die Holländer könnten Deutschland ja ausnahmsweise mal zum Vorbild nehmen. Dann sollen sie gerne auch mal Weltmeister werden.

EWE und kein Ende

Samstag, November 5th, 2011

Wie schlimm muss es um den Vorstands-Chef einer Aktiengesellschaft bestellt sein, wenn er sich öffentlich von gut 50 Unternehmen in einer breit gestreuten ganzseitigen Zeitungs-Anzeige loben lässt, um seinen Job zu retten? Die Frage ist rein rhetorisch, denn die Antwort lautet kurz und bündig: Sehr schlimm. In einem normalen Wirtschaftsunternehmen hätte EWE-Vorstands-Chef Dr. Werner Brinker längst den Hut nehmen müssen, um weiteren Schaden abzuwenden. Der Top-Manager hat längst den Draht zur Wirklichkeit verloren. Egal, was er künftig tut oder lässt – er ist angreifbar.

 Aber die EWE ist kein normales Unternehmen, sondern mehrheitlich in der Hand von Städten und Landkreisen – und deren Vertreter in Aufsichtsrat und Verbandsversammlung lassen ihm bis heute alles durchgehen. Wohl wissend: Das Ansehen der einstigen Renommierfirma EWE stürzte in den Abgrund, und Brinker steht unmittelbar davor. Die Verzweiflungstat mit der Zeitungsanzeige ist nur ein sicheres Anzeichen dafür – unterzeichnet übrigens von Kabelherstellern, Anwälten, Architekten, Baufirmen, Werbe-, Marketing- und Eventagenturen, Autofirmen und anderen, die mit der EWE geschäftlich zu tun haben. Leider erwähnt der Text nicht, wer die Idee zur Anzeige hatte und wer sie forciert hat.

 Die Überschrift der Anzeige trifft jedoch voll den Kern: „EWE hat herausragende Bedeutung für die Region“. Gerade deshalb ist es so schade, dass die eigentlich sehr gute Firma EWE nicht aus den negativen Schlagzeilen herauskommt. Es ist ja nicht nur der leidige Gaspreisstreit. Hinzu kommt das merkwürdige Geschäftsgebaren von Brinker bei dem Projekt „sign“ zur Gewaltprävention an Schulen und bei einem Kuhhandel um die Stadtwerke Eberswalde, was insgesamt einige Millionen Euro gekostet hat, einschließlich einer saftigen gerichtlichen Geldbuße. Millionen für die Katz.

Die EWE – größtes Unternehmen in Weser-Ems, als Arbeit- und Auftraggeber auch für Ostfriesland bedeutend – wäre in der Lage, die Energiewende zu meistern. Sie besitzt große Erfahrung mit Energie und Netzen und hat – dank Brinker – rechtzeitig und klug ein neues Standbein aufgebaut: Die Kommunikationsgesellschaft EWE-Tel, die seit kurzem unter dem Dachnamen EWE firmiert. Energiewende ohne Atomkraft und ohne neue Kohle- oder Gaskraftwerke bedeutet in der Praxis: Umbau der Energieversorgung auf viele kleine regenerative Kraftwerke. Den Strom zur richtigen Sekunde an den gewünschten Ort zu bringen, wo er gebraucht wird, funktioniert nur mit so genannten intelligenten Netzen. Die Intelligenz kommt aus den Kommunikationsleitungen, zum Beispiel der EWE.

Viele unserer Kommunen sind gegenwärtig dabei, sich von der EWE abzunabeln und die Versorgungsnetze in die eigene Hand zu nehmen. Die Gelegenheit bietet sich, weil Konzessionsverträge mit der EWE auslaufen. Ob die Kommunen klug handeln, wird sich herausstellen. Auf jeden Fall brauchen Netzunternehmen eine gewisse Schlagkraft. Ganz heraus aus dem Geschäft muss die EWE nicht unbedingt bleiben, weil die Kommunen die Netze nicht selbst betreiben wollen.

 Die EWE zu schwächen, wäre vor dem Hintergrund der gigantischen Aufgaben ein riskantes Spiel. Am besten wäre, die Kommunen würden den 26-prozentigen Anteil des Energieriesen EnBW an der EWE zurückkaufen. Dann könnte die EWE bei der Energiewende noch besser als jetzt eine bärenstarke Rolle spielen – unter strenger kommunaler Aufsicht. Aber ohne Brinker.