Archive for Januar, 2012

Nicht alle sind schon wulff

Sonntag, Januar 29th, 2012

Sind denn schon alle wulff? Gelegentlich drängt sich der Eindruck auf. Das unsägliche Verhalten unseres Bundespräsidenten sorgt jedenfalls dafür, dass  dem einen oder der anderen das Mittelschott aus der Nase fällt und  das rechte Maß verliert, wenn auch im umgekehrten Sinne als der geistige Urheber im Schloss Bellevue.  Jedenfalls  erweist die Landtags- und Kreistagsabgeordnete Meta Janssen-Kucz von den Grünen ihrer Politiker-Branche einen Bärendienst, wenn sie eine Besichtigungsfahrt des Kreistags zum neuen Meyer-Schiff   „Disney Fantasy“ nach Bremerhaven ins Zwielicht rückt – so als ob alle Politiker bestechlich seien.

Die Papenburger Werft hat die Kreistage Leer und Emsland für den 11.Februar zu einer Führung durchs Schiff eingeladen und dafür einen Bus bestellt. Die Grünen lehnen die Teilnahme ab. Das ist  ihr gutes Recht. Aber ihre Begründung ist unlauter. Janssen-Kucz hält die Einladung für „juristisch grenzwertig“. Diese Worte wählt sie nicht zufällig, denn sie weiß genau, dass die Einladung juristisch korrekt ist. Mit „grenzwertig“ versucht sie jedoch, Zweifel zu säen. Das gelingt ihr natürlich in Zeiten von Wulff.

In Frage käme der Vorwurf der so genannten Vorteilsnahme. Darauf stehen im Strafgesetzbuch eine  Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren. Vorteilsnahme bedeutet, wenn ein Amtsträger, übertragen ein Kreistagsabgeordneter, für sich oder einen anderen für seine Dienstausübung einen Vorteil fordert oder sich versprechen lässt. Einen Schritt weiter wäre es schon Bestechlichkeit, wenn der Abgeordnete einen  Vorteil als Gegenleistung  fordert,  sich versprechen lässt oder annimmt, und zwar dafür, dass er eine Diensthandlung vorgenommen hat oder künftig vornimmt. Mit anderen Worten: Wenn der Abgeordnete von Meyer eine Busfahrt mit allem Drum und Dran fordert und dafür mögliche Beschlüsse pro Meyer fällt.

Im Falle der Busfahrt nach Bremerhaven lässt sich auch mit schlechtestem Willen weder Vorteilsnahme noch Bestechlichkeit konstruieren.  Abgesehen davon, dass ein Kreistag als Gruppe (Kollektivorgan) für die genannten Paragrafen des Strafgesetzbuches  nicht in Frage kommt.  Aber auch jenseits der Juristerei  schießt Janssen-Kucz weit übers Ziel:  Allein die Vorstellung, eine fünf- bis sechsstündige (!) Fahrt im Bus (!) an einem Sonnabend (!)nach Bremerhaven (!) ist schon gruselig genug, um an einen Vorteil zu glauben, geschweige an ein Vergnügen.

Auch vom Materialwert ist der grüne Vorwurf ziemlich daneben. So kostet ein 51-er Bus nach Bremerhaven  440 Euro. Umgelegt auf die einzelnen Mitfahrer macht das 8,60 Euro. Meyer wird seine Gäste nicht mit knurrenden Mägen durchs Schiff gehen lassen, so dass noch ein paar Euro für Speis‘ und Trank hinzukommen. Aber nicht so viel, dass ein Kreistagsabgeordneter sich der Werft verpflichtet fühlen müsste. Verpflichtet fühlen muss er sich jedoch den Arbeitsplätzen bei  Meyer, und deshalb ist es nur gut, wenn er sich ein qualifiziertes Bild von der Leistung der Werft macht und sich nicht von den Grünen irre machen lässt, denen die ganze Richtung nicht passt. Zum Glück sind nicht alle wulff.

 

Sprache ist Macht

Sonntag, Januar 22nd, 2012

Das Unwort des Jahres 2011 heißt „Döner-Morde“. Die unabhängige Jury aus Sprachwissenschaftlern  hatte es bei der Wahl des Unwortes  wahrscheinlich selten so leicht wie diesmal. Denn es wurden ja keine Döner ermordet,  wie auch. Dahinter verbergen sich von Neonazis umgebrachte Menschen, die in der Türkei oder auf dem Balkan geboren wurden oder deren Eltern von dort stammen.

Die „Döner-Morde“ führen uns mitten ins Thema. Es geht um die Sprache. Sie ist weit mehr als ein bloßes Verständigungsmittel, sondern sehr vielseitig. Deshalb beschränken wir uns hier auf die Sprache in Politik, Wirtschaft und Militär. Ihnen dient Sprache als Machtinstrument. Mal aufklärerisch und  mitreißend, mal werbend,  ablenkend  oder verschleiernd. Wer genau hinhört, kann über die Sprache die Urheber entlarven.  Sicher ist:  Wer bestimmte Begriffe besetzt und mit sich verbindet, hat die Köpfe der Menschen schon halb gewonnen. Dafür arbeiten Heerscharen von sprachgewandten Spezialisten in Werbeagenturen, Pressestellenvon Parteien,  Firmen und Verbänden. Es geht fast immer nur um das Eine: Die Menschen für sich zu gewinnen, was grundsätzlich natürlich nicht schlecht sein muss. Das versucht der Verliebte auch mit seiner Liebsten.

Aber gehen wir in die Praxis jenseits von Liebe. So reden Verwaltungsleute ungern von Giftmüll, sondern nennen ihn Sondermüll. Und was Landwirte, Gärtner oder die Pharmaindustrie unter Pflanzenschutzmitteln verstehen, müssen wir nicht näher erläutern. Statt Müll zu verbrennen, führen sie ihn lieber der thermischen  Verwertung zu. Die Müllkippe ist längst aus der Mode, es muss schon ein Entsorgungspark sein. Und Kriminalitätshochburgen gelten heute als soziale Brennpunkte, während mangelnde Integrationsbereitschaft als Segregation verniedlicht wird.

Unsere Alten sollen wir nicht mehr Alte nennen. Sie gehen als  Senioren durch die Welt. Wenn eine Behörde sich bei einem Bau verrechnet hat, vermeidet sie das Wort Kostensteigerung, sondern erkennt einen Nachbesserungsbedarf, gern auch eine Planabweichung. Hören wir von einer Preisanpassung, ahnen wir Böses: Preise oder Gebühren steigen.

Nirgendwo wird mehr gelogen und verschleiert als im Krieg. Ein paar Beispiele: Kollateralschaden sind Tote, Weichziele sind Menschen, ethnische Säuberung ist Völkermord, Kanonenfutter sind Menschen. Die Nazis trieben es auf die Spitze, als sie KZ-Häftlinge, die zu schwach zum Arbeiten waren, als „unbrauchbares Menschenmaterial“ abtaten. Bekannt ist die Reichskristallnacht, die in Wahrheit ein Pogrom an Juden war.

Die Wirtschaft vermeidet auch das offene Wort. Mit Freistellung verrät sie einen merkwürdigen Freiheitsbegriff, meint aber nichts anderes als eine Entlassung, die aber auch unter Personalmaßnahmen firmiert.  Gesundschrumpfen heißt Gewinnmaximierung, hinter einer Lohnspreizung steckt unterbezahlte Arbeit, abhängig Beschäftigte gelten als Humankapital.

Die Liste ist nicht unendlich, aber sehr lang. Sie zeigt: Wie im sonstigen Leben kann auch gegenüber der Sprache ein gesundes Misstrauen nicht schaden.

 

 

Grau und trotzdem bunt

Sonntag, Januar 8th, 2012

Es ist 30 Jahre nach zwölf, sagt der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg. Aber es ist nicht zu spät – um sich ernsthaft Gedanken zu machen, wir wir damit umgehen, dass es immer mehr alte und immer weniger junge Menschen gibt. Birg will mit seinem Blick auf die Uhr nur sagen: Seit 30 Jahren wissen wir, dass unser Land grau wird, wir uns aber nicht weiter darum gekümmert haben. Grau werden tut ja bekanntlich auch nicht weh.

 Aber allmählich klemmt es. Firmen klagen über Nachwuchsmangel, in den Rathäusern steht man vor unangenehmen Aufgaben, zum Beispiel die eine oder andere Schule zu schließen, weil zu wenig Kinder da sind. Aber das sind nur die Anfänge.

An der Rente mit 67, die ja ohnehin erst in knapp 20 Jahren fällig ist, wird kein Weg vorbeiführen. Sie ist weniger eine Frage von Politik als von Adam Riese. Politisch kann es nur darum gehen, die Übergänge in die Rente menschenfreundlich zu gestalten und dafür zu sorgen, dass Ältere nicht länger aus Betrieben ferngehalten werden. Klar ist, dass eine Krankenschwester mit über 60 keine Patienten mehr heben, ein Tiefbauer im Alter nicht mehr im nasskalten Schacht arbeiten oder ein Dachdecker nicht mehr über den First turnen kann. Ihnen muss geholfen werden. Klar ist auch, dass Betriebe die Älteren nicht länger abschieben oder fernhalten dürfen. Dafür gibt es auch keinen vernünftigen Grund, denn die Menschen werden ja im Schnitt nicht nur älter, sondern bleiben auch länger fit als früher. Es spricht also alles dafür, dass sie länger arbeiten, zumal die Zahl derjenigen kleiner wird, die für die Rente der Alten zahlen müssen.

 Der Landkreis Leer hat die Zeichen längst erkannt. Seit mehreren Jahren arbeitet eine Demografie- Beauftragte gemeinsam mit Abgeordneten, Verwaltungsleuten und Menschen aus Wirtschaft und Organisationen daran, wie der demografische Wandel bei uns gemeistert werden kann.

 Die Europäische Union hat 2012 zum Europäischen Jahr des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen ausgerufen. Sie will uns auf die Möglichkeiten hinweisen. 65 heißt nicht länger Hörnstuhl und Däumchendrehen. Die geburtenstarken Jahrgänge, also die Alten von morgen, werden die Chance haben, länger zu arbeiten und ihre Erfahrungen weiterzugeben, sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen und möglichst lange gesund zu bleiben. Fachleute sprechen vom „aktiven Altern“, und immer geht es dabei auch um die Solidarität zwischen Alt und Jung.

Selbstbestimmtes Leben im Alter fällt nicht vom Himmel. Stichworte dafür sind altersgerechte Beschäftigung, Gesundheitsversorgung, Sozialdienste, Erwachsenenbildung, Ehrenamt, altersgerechtes Wohnen, Internet-Dienstleistungen und vernetzte Bus- und Zugverbindungen, damit auch Ältere in die Gemeinde- und Stadtzentren fahren können. Dafür lohnt es sich doch, alt zu werden und in die Hände zu spucken. Das Leben wird grau – und trotzdem bunt.