Archive for März, 2012

Dunkle Wolken

Sonntag, März 25th, 2012

Kaum eine zweite Gegend  profitiert so stark von der Windenergie wie Ostfriesland. Enercon in Aurich ist als Marktführer für Windmühlen die Lokomotive. Aber auch kleinere Loks ziehen den Zug. Zu ihnen gehören – zumindest bisher – die Bard-Gruppe und die Schaaf Industrie AG (Siag)  mit ihrem Tochterunternehmen Siag  Nordseewerke GmbH, beide in Emden.

Bard betreibt selbst einen Offshore-Windpark, dem weitere folgen sollen. Die Firma stellt Anlagen in Emden selbst her. Siag Nordseewerke baut auf dem Gelände der früheren Werft, die  von Thyssen-Krupp geschlossen wurde, die Stahlbauteile für Windmühlen auf See. Der nahtlose Übergang vom Schiffbau zur Windmühlenproduktion kann als Musterstück für  ein Lehrbuch zum industriellen Wandel dienen.

Aber seit einiger Zeit ziehen dunkle Wolken über Emden auf: Bard entlässt jetzt 100 Mitarbeiter, weil Aufträge für Rotorblätter fehlen. Es tut sich momentan wenig auf See. Allerdings lassen sich bei Bard auch hausgemachte Probleme nicht übersehen. So machte ein mehrfacher Wechsel in der Firmenspitze stutzig.

Bei SIAG Nordseewerke droht Ungemach, seit die Firmenmutter Siag im Sauerland jüngst Insolvenz anmeldete. Davon ist die Tochter in Emden zwar vorläufig nicht betroffen – aber nur deshalb, weil die Norddeutsche Landesbank die Kredite nicht abzieht  und das Land Niedersachsen  dafür bürgt. Ob es auf Dauer gut geht, ist schwer zu sagen. Zum Glück hat Siag in Emden jedoch genug Arbeit, so dass von dieser Seite nichts zu befürchten ist.

Auf jeden Fall herrscht bei Politik, Wirtschaft und Verwaltung in Emden Alarmstimmung. Denn es wäre für die Stadt und für Ostfriesland ein schwerer Schlag, wenn Emden seine gute Stellung als Produktions- und Umschlagsort für Windmühlen einbüßen würde.  Verliert die Stadt den Vorsprung und das Wissen,  ist es für immer verloren.

Aber auch sonst sieht es momentan mit Windparks auf See nicht sonderlich gut aus. Sie droht vor die Wand zu fahren, weil es an schlüssiger Planung fehlt – und schlimmer noch: Wer finanziert die Projekte? So hörten wir dieser Tage aus Kreisen großer Banken, dass sie sich bei der Finanzierung dieser Parks sehr  zurückhalten, um es vorsichtig auszudrücken. Das sind Aussichten, die keine Freude aufkommen lassen.

 Es wird immer deutlicher: Wenn die Bundesregierung die Energiewende nicht bald als große nationale Aufgabe anpackt, werden in einigen Jahren die Atomkraftwerke wieder hochgefahren. Zurzeit jedenfalls geschieht wenig bei den Stromnetzen – und gar nichts bei neuen herkömmlichen Kohle- oder Gas-Kraftwerken, die flexibel auf Stromschwankungen und Mehrbedarf reagieren müssen.

Fortschritt als Schnecke

Sonntag, März 18th, 2012

Wer will, trägt heute das ganze Wissen und Geschehen der Welt in der Hosentasche. Dem Smartphone sei Dank. Das Zauberwort heißt Digitalisierung, eine relativ neue Form der Datenübertragung, deren Bedeutung nicht wenige mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichen. Jedenfalls krempelt die Digitalisierung fast alles um. Sie eröffnet ungeahnte Möglichkeiten und erleichtert das Leben, birgt natürlich auch Gefahren, so wie jede Medaille auch eine Rückseite hat. Relativ viele Menschen fühlen sich von der Digitalisierung überrollt, lehnen sie ab. Aber gegen die Digitalisierung zu sein ist ähnlich wie gegen den Winter zu sein. Oder gegen den Regen.

 Die Digitalisierung ist nicht mehr zu verrücken oder wegzudenken. Selbst die kleinste Firma funktioniert nicht mehr ohne Computer, Bauern füttern ihre Tiere computergeregelt, die Industrie steuert komplizierteste Arbeitsvorgänge elektronisch, Stichworte wie Internet, Handy, digitales Radio und Fernsehen, digitale Fotoapparate oder ferngesteuerte Haushaltsgeräte machen klar: Die Digitalisierung ist moderner Alltag.

Auch in Schulen hält das neue Lernzeitalter allmählich Einzug, auch wenn der Fortschritt eine Schnecke ist. Dazu fiel uns diese Woche ein Zeitungsartikel ins Auge, der den Zwiespalt im Verhältnis zum Internet und neuen Medien offenbart. Der Anlass: Der Schulausschuss des Stadtrates Leer ließ sich von einem Grundschulleiter und einer Lehrerin berichten, welche Erfahrungen sie mit dem Einsatz von iPads im Unterricht machen. iPads sind flache Computer, so genannte Tablet PC, die nur aus einem Bildschirm bestehen. Der Bildschirm hat keine Buchstaben- oder Zeichentasten mehr, sondern reagiert auf Berühren (Touchscreen). Er sieht je nach Fettgehalt der Fingerhaut bei Gebrauch leicht schmierig aus, aber sonst ist es eine bequeme Sache.

Die beiden Grundschullehrer in Leer erzählten voller Begeisterung von der revolutionären Neuheit in ihren Klassenzimmern und wie die Schüler davon profitieren. Natürlich gibt es an dieser Grundschule auch längst Wandtafeln, die wie Computer funktionieren (Whiteboards). Die Meinungen in der Lehrerschaft allgemein über den Multimedia-Einsatz im Unterricht sind geteilt. Darüber soll hier auch nicht diskutiert werden. Es geht um Reaktionen von Politikern im Schulausschuss der Stadt Leer, die vermutlich für viele stehen.

Eine SPD-Ratsfrau bat die beiden Lehrer nach einer halben Stunde, doch zu schweigen. Ein grüner Ratsherr hielt ihnen vor, wie ein Apple-Vertreter zu reden. Apple, deren genialer früherer Chef Steve Jobbs das iPad erfand, ist der Hersteller. Der Grüne wähnte sich offensichtlich obendrein nicht in einer Schulausschusssitzung, in der über technische Möglichkeiten im Unterricht informiert wird, sondern auf einem Parteitag oder in der Kultusministerkonferenz. Darauf lässt jedenfalls seine Frage schließen, ob mit dem iPad die Bildungsmisere verbessert werden könne. Eine CDU-Abgeordnete schließlich zweifelte daran, ob iPads schon in der Grundschule überhaupt sinnvoll seien. Es ist lange her, dass Deutschland ein Vorzeigeland des technischen Fortschritts war.

 

Abschlussdeich – kühn und fast philosophisch

Montag, März 12th, 2012

Viele Ostfriesen segeln oder schippern mit ihren Booten über das Ijsselmeer in den nördlichen Niederlanden. Und wer mit dem Auto nach Amsterdam über den Rijksweg 7 nach Amsterdam fährt, kennt das große Gewässer ebenfalls, das er über einen mächtigen Deich passiert. Dieser Deich heißt Abschlussdeich (niederländisch:  Afsluitdijk) und ist ein gigantisches Bauwerk: 32 Kilometer lang, 90 Meter breit. Es trennt die frühere Zuidersee, heute  Ijsselmeer genannt,  vom Wattenmeer.

Durch den Abschlussdeich wurde das Ijsselmeer ein Binnengewässer, das nur noch durch zwei große Schleusen mit der offenen See verbunden ist. Fünf Jahre bauten die Niederländer am Abschlussdeich, ehe sie ihn im Mai 1932 in Betrieb nahmen.

Warum wir diese Geschichte erzählen:  Schon seit Jahren taucht in Ostfriesland immer mal wieder der Gedanke auf, es den Holländern in der Außenems in Höhe der Knock bei Emden gleich zu tun. Eine kühne Vorstellung. Die Industrie- und Handelskammer für Ostfriesland und Papenburg nahm sie jetzt offiziell in ihr Maritimes Papier auf,  das sie neulich vorstellte. Es geht darum, wie man die Unterems schiffbar hält.

Bekanntlich krankt der Fluss seit Jahren an einer erheblichen Verschlickung. Der Grund dafür: Die Flut ist stärker als die Ebbe und drückt mehr Schlick in die Ems, als die Ebbe hinaus befördert. Schon lange  überlegen und prüfen Wasserbauer, wie sie des Schlicks Herr werden können. Sie doktern hin und her am Thema. Aber den Stein der Weisen haben sie noch nicht gefunden.

Jetzt kommt der Abschlussdeich ins Gespräch . Er ist eine Vision. Denn er ist nicht nur sehr teuer, sondern würde die Pflanzen- und Tierwelt des Dollarts und der Ems stark ändern. Unsere gegenwärtige Einschätzung: Eher werden einige hundert Millionen Euro für den Bau locker gemacht  als dass die Widerstände von Umwelt- und Naturschützern überwunden werden können. Sie würden sich mit Händen, Füßen und Anwälten wehren.

Dabei  würde es natürlich nicht so sein, dass es hintern einem Abschlussdeich keine Natur mehr gäbe. Nein, aber es gäbe eine andere. Zum Beispiel wäre Schluss mit der seltenen  Brackwasserzone in der Ems, die dort entsteht, wo sich Salz- und Süßwasser mischen. Dort gedeihen andere Tiere und Pflanzen als in reinen Süß- oder reinen Salzwasserbereichen.

Es ist fast eine philosophische Frage, ob denn Brackwasser einen höheren Wert besitzt als  Nichtbrackwasser, ob eine Salzwiese mehr bedeutet als eine andere. Uns ist jedenfalls die Aussage einer führenden Naturschutz-Funktionärin noch deutlich im Ohr, die bei einer der vielen Ems-Diskussionen klar sagte, dass sie Brackwasser in diesem Fall höher einstufe als Süßwasser. Diese Aussage zeigt die Richtung an.

 Über die Beziehung des Menschen zur Natur lässt sich trefflich streiten. Und wir machen es uns auch nicht so einfach  und zitieren die Schöpfungsgeschichte aus Mose 1,28 als Anleitung zum Handeln: „Macht Euch die Erde untertan.“  Wir rechtfertigen damit nicht jeglichen menschlichen Eingriff in die Natur, was die Bibel dort zweifellos auch nicht meint. Aber darüber nachdenken, ob eine Art Natur höherwertiger  ist als eine andere, muss erlaubt sein.

 

Selbst Facebook kennt Grenzen

Sonntag, März 4th, 2012

Auch bei Facebook wachsen die Bäume nicht in den Himmel.Das Soziale Netzwerk, das weltweit einige hundert Millionen Menschen für persönliche und berufliche Kontakte nutzen, ist kein Selbstzweck. Nur wer die richtige Idee hat, wer die Stimmungslage richtig einschätzt, kann innerhalb kurzer Zeit Massen von Menschen mobilisieren. Beispiele in jüngerer Zeit sind die Occupy-Bewegten, die in Zelten vor Banken frieren und gegen deren Finanzgeschacher protestieren. Oder die Demonstranten, die eine Zensur des Internets durch die Acta-Richtlinien der EU fürchten und deshalb von heute auf morgen europaweit auf die Straßen gingen.
Jetzt versuchte es eine Gruppe nicht näher genannter Menschen, den 1. März zum Tag des Tankboykotts auszurufen. Als Zeichen des Unmutes gegen die seit Wochen steigenden Spritpreise sollte am Donnerstag keiner tanken. Gerufen haben sie, aber kaum jemand hat sie erhört. Die Aktion war, auch in Ostfriesland, ein Schlag ins Wasser. Daraus den Schluss zu ziehen, dass den Leuten der Preis egal ist, führt jedoch in die Irre. Über den alten Witz „Was kümmert mich der Spritpreis, ich tanke immer nur für 20 Euro“, kann heute keiner mehr lachen. Was nicht bedeutet, dass sich die Autofahrer zu einem Tankboykott verleiten lassen. Sie sind eben Realisten, die wissen, dass sie machtlos sind gegen die Preise der Konzerne. Da kann selbst Facebook nicht helfen.

Die Regierung hat im vorigen Jahr versucht, mit Hilfe des Kartellamtes den Sprit-Multis enge Preisabsprachen nachzuweisen. Das ist den Kartellwächtern nicht gelungen. Allerdings sagen sie, dass es auf dem Benzinmarkt kaum Konkurrenz gibt. Darin dürfte ein Großteil des Übels liegen, mal abgesehen von Währungsschwankungen und von Kriegen oder Unruhen in Ölförderländern. Der Ölmarkt ist ein Markt, der in Dollar abgerechnet wird, hat also viel damit zu tun, wie der Euro im Vergleich zum Dollar steht.

Die beste Möglichkeit, die eigenen Kosten für Sprit zu senken, ist immer noch, weniger zu fahren. Das wiederum klingt im Ohr von Pendlern wie Hohn, wenn sie aufs Auto angewiesen sind. Ein wenig mehr Spielraum haben allerdings Pendler, die mit Bus oder Zug zur Arbeit fahren könnten, es aber vermeiden. Oder die sich allein ins Auto zur Arbeit setzen, statt zu zweit, zu dritt oder zu viert. Das ist öfter möglich als getan.

Die Autohersteller basteln schon seit Jahren an Motoren mit geringerem Verbrauch. Sie stoßen allmählich an Grenzen. Der Kunde reagiert längst. So ist der Trend zu kleineren Autos unverkennbar. Die Politik hat noch die Möglichkeit, das Tempo auf Autobahnen zu begrenzen. Denn zweifellos kommen wir auch mit 120 ans Ziel, gar nicht mal so viel später. Aber dieses Fass öffnen wir heute nicht mehr. Wir wollen uns doch an diesem schönen Wochenende nicht unbeliebt machen.