Archive for April, 2012

Geisterjagd

Samstag, April 28th, 2012

Der Teufel steckt manchmal im Detail. Wer wüsste das nicht aus eigenem Erleben. So  kommt denn auch ganz harmlos die Europäische  Union mit Plänen zu einer neuen Arbeitszeitrichtlinie daher – und schon scheint in Deutschland ein Eckpfeiler  des Ehrenamtes zu wackeln. Freiwillige Feuerwehr,  Technisches  Hilfswerk, Rotes  Kreuz und artverwandte Hilfsorganisationen lösen Alarm aus.  Ostfrieslands oberster Feuerwehrmann, Regierungsbrandmeister Arnold Eyhusen, sagt zwar „Wir jagen einen Geist“. Aber er wähnt sich nicht sicher, dass der Geist nicht eines Tages doch aus der Flasche entweicht – und stößt kräftig ins Horn.

Die Arbeitszeitrichtlinie regelt  zum Beispiel, wie lange ein Arbeitnehmer maximal arbeiten darf und welche Pausenzeiten ein Betrieb einhalten muss. Das ist grundsätzlich nichts Neues und sehr vernünftig. Neu und für das Ehrenamt bedrohlich sind allerdings Gedankenspiele, ehrenamtliche Tätigkeiten wie Feuerwehreinsätze der beruflichen  Arbeitszeit gleich zu setzen.  Da hört der Spaß auf. Denn in der Praxis könnte solch ein Fall eintreten: Ein Feuerwehrmann sitzt abends um acht zu Hause auf dem Sofa. Die Sirene oder sein Pieper schrecken ihn hoch zu einem Einsatz, der bis zwölf dauert – mit der Konsequenz, dass  er am nächsten Morgen um sieben nicht zur Arbeit darf,  weil er die vorgeschriebene Ruhepause nicht einhalten kann. Mit einer solchen Arbeitszeitrichtlinie, die  der Bundestag noch in deutsches Recht gießen müsste, wäre Ärger mit dem Chef programmiert, bei dem der Arbeitnehmer an schwächeren Hebel säße. Die Folge: Er sagt der Feuerwehr ade.

Nun wird auch in Brüssel nichts so heiß gegessen wie gekocht. Der SPD-Europaabgeordnete Matthias Groote hat bereits vor einigen Monaten offiziell eine Anfrage an die Kommission gerichtet, was es mit der Arbeitszeitrichtlinie und dem Ehrenamt auf sich habe. Die Antwort lässt den Schluss zu, dass die Kommission dem Ehrenamt in Deutschland nicht an den Kragen  will.  Jedenfalls hat sie bisher keinen Vorschlag gemacht, die rechtliche Stellung von freiwilligen Feuerwehrleuten zu ändern. Wenn Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Sozialverbände sich europäisch auf einen gemeinsamen Vorschlag im Sinne des deutschen Ehrenamts  einigen , ist sowieso alles in Butter. Dann übernimmt die Kommission den Vorschlag, an dem Sozialpartner zurzeit basteln.

Groote hat als Politiker schon Enten ertrinken sehen und ist deshalb auf der Hut. Deshalb heißt seine Parole „Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen – aber wir müssen aufpassen.“ Denn eines ist ihm klar: Wenn der Damm mit Feuerwehr und anderen Hilfsorganisationen brechen würde, käme  zwangsläufig die Frage auf, wie ehrenamtliche Arbeit in Sportvereinen oder Verbänden zu bewerten ist.

 Das Ehrenamt ist zweifellos der Kitt unserer Gesellschaft. Er darf nicht bröckeln. Zumindest darin sind sich alle deutschen Europaabgeordneten einig, unabhängig von ihrer politischen Farbe. Deshalb können Feuerwehren & Co. davon ausgehen, dass es schon gutgehen wird.

 

Staatsanwalt im Rampenlicht

Samstag, April 14th, 2012

Der Mädchenmord in Emden schlägt auch einige Wochen nach dem Verbrechen hohe Wellen. Die Tat am helllichten Tag mitten in der Stadt wühlt viele Menschen auf. Aber nicht nur die Tat selbst, sondern auch was danach geschah. Die Justiz präsentierte zunächst einen unschuldigen 17-Jährigen als Tatverdächtigen, ging damit sehr offensiv an die Öffentlichkeit, ein junger Mann rief über Facebook zur Lynchjustiz am vermeintlichen Täter auf, gut 50 durchgeknallte Menschen folgten dem Aufruf und forderten bis vier Uhr am Morgen vor der Polizeiwache die Herausgabe des festgenommenen jungen Mannes. Wie im Wildwestfilm.

Die Polizei sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt. Gegen acht Beamte laufen Disziplinarverfahren, unter anderem wegen Strafvereitelung im Amt. So soll geklärt werden, warum ein Durchsuchungsbeschluss in der Wohnung des pädophilen mutmaßlichen Täters nicht ausgeführt worden ist. Der Fall weist zweifellos viele Merkwürdigkeiten auf. So fällt auch auf, dass der Leiter der Kinder- und Jugendpsychologie Aschendorf, Dr. Caby, der den mutmaßlichen Mörder behandelt hat, sich zum wiederholten Male öffentlich die Hände in Unschuld wäscht und sich auf staatliche Vorschriften zurückzieht, die ihn gezwungen hätten, den Täter nicht weiter zu behandeln.

Ein weit schwereres Kaliber jedoch ist der Chef der Auricher Staatsanwaltschaft, der Leitende Oberstaatsanwalt Bernard Südbeck. Er setzt sich in Pressekonferenzen über den Fall gern in Szene, weist alle Vorwürfe zurück. Von außen können Ermittlungspannen schwer nachgewiesen werden, und tatsächlich hat die Polizei den Fall ja auch recht schnell aufgeklärt – wenn nur nicht der zunächst festgenommene 17-Jährige unschuldig gewesen wäre. Der Vorwurf, die Polizei hätte den jungen Mann nicht festnehmen dürfen, ist jedoch unberechtigt. Denn wenn starke Indizien gegen ihn sprechen, ist die Festnahme zwingend.

Der Skandal liegt darin, wie man mit dem Unschuldigen umgegangen ist. Und dafür ist der Leitende Oberstaatsanwalt zuständig. Er hätte dafür sorgen müssen, dass die Identität des Tatverdächtigen nicht bekannt wird, so lange keine schlagenden Beweise oder ein Geständnis vorliegen. Südbeck versteht es bislang, so zu tun, als ob er dafür nicht verantwortlich ist. In Sozialen Netzwerken lässt man ihm sein Fehlverhalten nicht durchgehen. Wer googelt, liest Schlagzeilen wie „Das Ermittlungsdebakel von Emden“, „Wie Staatsanwalt Bernard Südbeck ein Leben zerstörte“, oder Kommentare wie „unfähig“, „profilierungssüchtig“ und „nicht länger tragbar“.

 Südbeck, der neben seiner umfangreichen Arbeit in Aurich noch Zeit für den Vorsitz des CDU-Stadtverbandes Cloppenburg findet, steht „Immer wieder im grellen Rampenlicht“, wie die Nordwest-Zeitung titelte. Dazu passt ein langer Artikel, den die Süddeutsche Zeitung bereits im Mai 2009 schrieb. Überschrift: „Staatsanwalt unter Verdacht: Jagdszenen aus Oldenburg“. Damals arbeitete Südbeck in Oldenburg. Er wird in dem Bericht als „übereifriger Staatsanwalt“ bezeichnet, und „sein Fall ist für die gesamte deutsche Staatsanwaltschaft eine sehr unangenehme Personalangelegenheit“. Gemeint ist sein Verhalten, wie er den Fleischfabrikanten Tönnies, bekannt als Präsident von Schalke 04, damals vor Gericht bringen wollte. Wie auch immer: Südbeck ist gut vernetzt. Bevor er nach Aurich kam, leitete er das Referat für Personalangelegenheit und Personalentwicklung im Justizministerium in Hannover.

Philipp, der Ingenieur

Samstag, April 14th, 2012

Mit einer Vorhersage ist es so eine Sache. Später findet sich immer einer, der uns den Spiegel vorhält: Ätsch, schief gelegen! Trotzdem trauen wir uns heute einen Blick in die Zukunft zu, der dem einen oder anderen utopisch erscheinen mag, fern jeglicher Realität. Sie lautet: In einigen Jahren rollen Unternehmen die roten Teppiche aus, wenn sie Mitarbeiter gewinnen wollen. Ursache ist die alternde Gesellschaft oder der demografische Wandel. Anders gesagt: Die Menschen werden immer älter, der Nachwuchs wird knapp.

Dazu erzählen wir einfach eine Geschichte, ohne sie weiter zu kommentieren: Ein namhafter Politiker lädt regelmäßig Gäste aus verschiedenen Berufen ein, um mit ihnen über Gott und vor allem die Welt der Arbeit zu reden. Neulich saßen ein Professor und drei Manager aus der Wirtschaft in seiner Runde. Der Professor berichtete von einer E-Mail, die ihm ein junger  Mann geschickt habe – mit der simplen Frage: „Haben Sie einen Job für mich? Tim.“ Frage des Professors an die Manager: „Würden Sie überhaupt darauf reagieren?“ Die Antworten wie aus einem Mund: „Nee, da muss schon mehr kommen.“ Der Professor murmelte etwas in der Art „Das können Sie sich bald nicht mehr leisten“ und setzt die Geschichte fort mit Philipp, dem Ingenieur.

Er ist jung, dynamisch, erfolgreich, hat Studium und Praktika absolviert , ordentlich gelernt, war auch im Ausland – so, wie sich ein Chef seinen künftigen Mitarbeiter vorstellt. Philipp pflegt natürlich eine Homepage unter www.philipp-der-ingenieur.de. Sie lautet in Wirklichkeit etwas anders, aber das tut nichts zur Sache. Darauf bietet er sich als Mitarbeiter an: „Liebe Arbeitgeber, Sie wollen mich haben? Dann können Sie sich hier bewerben.“ Darunter ein Klick auf einen Button und interessierte Arbeitgeber sehen, welche Unterlagen sie bei Philipp einreichen müssen: Letzter Geschäftsbericht, Bericht des Betriebsrats, Sozialangebote im Betrieb, Lohnentwicklung, Vorstellung des Firmenortes samt Bildungs- und Freizeitangeboten.

Drei  Firmenchefs reichen ihre Unterlagen ein. Bald lesen sie eine E-Mail von Philipp, dem Ingenieur: „Sehr geehrter Herr, ich habe eine gute Nachricht für Sie. Sie gehören zu den Kandidaten, die ich zu einer Vorstellungsrunde einlade.“ Es folgen der Name des Lokals und die Uhrzeit, wann dort das Gespräch stattfinden soll. Die Herren machen sich pünktlich auf den Weg und treffen nicht nur Philipp, den Ingenieur, sondern auch seine Freundin und seine Mutter. Schließlich möchte die Freundin dort arbeiten, wo Philipp seine Zelte aufschlägt, und Mama will im Alter auch gut versorgt sein.

Hier endet die Geschichte noch nicht, aber sie zeigt, was auf Firmen zukommt, die in einigen Jahren neue Mitarbeiter einstellen wollen. Die Verhältnisse drehen sich total. Es ist eine Frage der Perspektive, ob dies gut oder schlecht ist. Aber sie könnte schneller Wirklichkeit werden als viele ahnen.