Archive for Mai, 2012

Esel auf dem Eis

Montag, Mai 28th, 2012

Wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis. Der Volksmund hat ein feines Gespür für Vergleiche. Hier überträgt er das Grautier, dem nicht gerade der höchste Intelligenz-Quotient nachgesagt wird, beispielhaft auf Menschen, die übermütig werden, weil es ihnen zu gut geht.

Wir kamen auf das Sprachbild  mit dem Esel,  als wir in diesen Tagen eine Meldung aus Aurich lasen, die zunächst  einen Blick auf den Kalender provozierte, ob nicht der 1. April ins Haus stünde. Aber nein:  Der Stadtrat in Aurich hat aber tatsächlich beschlossen, eine 320 – in Worten dreihundertzwanzig  –  Meter lange Bank auf dem Georgswall zu bauen. Nicht aus popeligem Beton,  sondern aus norwegischem Granit, der  zum besten und natürlich teuersten Gestein der Welt zählt. 650.000 Euro kostet der Spaß, den sich zwei Berliner  Architekten ausgedacht haben.

Granit aus Norwegen ist nicht erst heute begehrt. Auf das Gestein, das vor 950 Millionen Jahren entstand, haben  schon  die Nazis ein Auge geworfen. Bereits 1940 hat der oberste Reichsarchitekt Albert Speer im Auftrag von Hitler norwegischen Granit bestellt und riesige Rohblöcke brechen lassen. Nach dem „Endsieg“, der dann aber ausblieb, wollte er daraus gigantische Siegesmonumente bauen.

Etwas Vergleichbares gibt es in Deutschland nicht, tönte der Architekt. Der Deutsche  Steuerzahlerbund  konterte mit dem Satz, das sei „auch gut so“. Vielleicht bremst er damit den Weg des Auricher Bürgermeisters  Windhorst zum GröBaZ (Größter Bürgermeister aller Zeiten). Eine 320 Meter lange Bank für 650.000 Euro – es liegt wirklich außerhalb der normalen Betrachtungsweise.  Aber Aurich schwimmt, im Gegensatz zu den meisten Städten und Gemeinden, im Geld. Enercons Gewerbesteuer sei Dank. Rat und Verwaltung wissen offensichtlich nichts Vernünftiges mit den vielen Euros anzufangen. Dann kommt man auf solche Eseleien.

Schade, dass Hildegard Knef nicht mehr lebt. Sie käme bestimmt gern in die ebenfalls nicht gerade bescheidene Auricher Arena zu einem Konzert und sänge ihren dazu passenden Chanson, dessen letzten Vers wir hier zitieren:

Ja, wenn’s dem Esel zu gut geht,

dann trabt er aufs Eis,

um zu tanzen, wie jeder weiß;

und er kichert und ziert sich,

posiert ungeniert sich,

bläht auf sich vor Eitelkeit, und er ließe sich morden

für Ehren und Orden,

ist leider vom Menschen nicht weit.

Ja, wenn’s immer zu gut geht, stellt sich selber ein Bein,

na und dann, dann bricht er ein.

„Gefällt mir“

Montag, Mai 14th, 2012

Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Eine alte Journalisten-Regel, gegen die unsereins nur ungern verstößt. Denn wer interessiert sich schon für positive Nachrichten. Keiner , oder etwa doch einer? Also machen wir heute eine Ausnahme – und loben einen Politiker. Er heißt Matthias Groote, wohnt in Ostrhauderfehn und vertritt den Bezirk Weser-Ems in Brüssel und Straßburg im Europaparlament.

Der Sozialdemokrat ist mit 38 noch recht jung, aber schon ziemlich erfolgreich. Seit einiger Zeit leitet er den einflussreichen Ausschuss des Europäischen Parlaments für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.  Klar, dass Groote und zehn Mitglieder dieses Ausschusses im nächsten Monat zum UN-Klimagipfel nach Rio de Janeiro reisen sollten.  Dort wollen mehr als 100 Staats- und Regierungschefs und insgesamt 50.000 Teilnehmer aus 120 Staaten die Welt retten. Es geht um Klima, industrielle Produktion und Armutsbekämpfung.

Bei  solchen Großereignissen klettern überall die Hotelpreise – sei es beim Champions-Liga-Endspiel nächsten Sonnabend in München oder eben beim Umweltgipfel in Rio. Aber was die brasilianischen Veranstalter sich erlauben, geht auf keine Kuhhaut. Der ursprüngliche Übernachtungspreis von rund 190 Euro ist für eine Hauptstadt günstig. Aber dann kletterte der Preis allmählich auf 600 und schließlich auf 800 Euro – pro Nacht. Und die Zimmer werden nur wochenweise vermietet. Wer drei Nächte bleibt, zahlt demnach statt stolzen 2400 noch stolzere  5600 Euro.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Übernachtungskosten samt Nebenkosten für die Europaabgeordneten und einige Mitarbeiter hätten sich auf gut 100.000 Euro für drei Nächte belaufen. Die gesamte Reise hätte mit rund 200.000 Euro zu Buche geschlagen – auf Kosten der Steuerzahler. Das ist nicht zu verantworten, sagt Matthias Groote: Erstens sowieso nicht,  zweitens kämpfen wir mit einer Staatsschuldenkrise und drittens müssen wir den Menschen Sparmaßnahmen aufbürden . Vor diesem Hintergrund hat er die Notbremse gezogen. Er machte sich in Brüssel stark für eine Absage. Damit rannte er längst nicht bei allen Kollegen offene Türen ein. Aber er setzte sich spektakulär durch. Denn eine Reise aus Kostengründen abzusagen ist Neuland.

Die Frage ist jetzt: Schließen sich andere dem Protest an, der mittlerweile auch in internationalen Medien viel Beachtung findet? Groote jedenfalls hat sich um die Politikerbranche verdient gemacht. Bei  Facebook darf er sich über zahlreiche „Gefällt mir“-Klicks freuen.

Reederei am Pranger

Freitag, Mai 4th, 2012

Es ist eine böse Geschichte, öffentlich bloßgestellt zu werden, wenn man etwas auf dem Kerbholz hat. Noch schlimmer sind Menschen dran, die an den Pranger geraten, obwohl sie sich nichts zu Schulden haben kommen lassen. Der Pranger, der sich vom Mittelalter bis weit in die Neuzeit als öffentliches Strafwerkzeug gehalten hat, ist bis heute schwer auszurotten. Im öffentlichen Gedächtnis wird der klassische Pranger wachgehalten durch Namen von Plätzen – so gibt es in Weener und in Leer den Namen „Kaak“, womit wir jetzt wissen, wo unsere Ahnen am Pranger gestanden haben. Nichts anderes bedeutet „Kaak“.

Heute missbrauchen Journalisten ihre Medien gelegentlich als Pranger, und im Internet sind ganz normale Menschen unterwegs, die zum Beispiel Facebook als Pranger nutzen. Im März ereignete sich in Emden ein besonders übler Fall, als ein unschuldiger 18-Jähriger öffentlich des Mordes bezichtigt wurde, obwohl er absolut unschuldig war. Der Mob versuchte ihn dann zu lynchen.

An einem weiteren Pranger, von dem wir heute erzählen, standen wiederum Emder, diesmal die Reederei Bockstiegel. Das Unternehmen am Steinweg bereedert mehr als 60 Schiffe. Presse, Funk und Fernsehen dienten als ihr Pranger. Der Grund: Eine syrische Oppositionsgruppe drohte der Reederei per E-Mail, den Frachter „Atlantic Cruiser“ in die Luft zu jagen, weil dieser angeblich „schwere Waffen sowie Munition“ an Bord habe und im syrischen Hafen Tartus löschen wolle. Nicht alle Medien berichteten darüber korrekt im Konjunktiv. Manchen Menschen ist die Möglichkeitsform offensichtlich ohnehin fremd, denn sie luden aufgrund der Berichterstattung üble E-Mails bei der Reederei in Emden ab – in Richtung Kriegstreiber, Waffenhändler und Schlimmeres. Ohne Tatsachen zu kennen, erlagen einige Medien und ihre Nutzer offenbar der Versuchung, einer militanten syrischen Oppositionsgruppe eher zu glauben als einem ostfriesischen Reeder, für den zumindest wie für syrische Regimegegner die Unschuldsvermutung zu gelten hat.

 Die Mitarbeiter der Reederei fühlten sich wie am Pranger. Die Reederei musste sich rechtfertigen, warum sie den Frachter in internationale Gewässer des Mittelmeers zurückbeordert hatte. Und weil das Schiff angeblich stundenlang nicht zu orten gewesen sei, verbreiteten Medien und Internet-Nutzer das Gerücht, die Reederei habe die schweren Waffen unbeobachtet von Bord geschafft. Tatsache ist jedoch, dass der Frachter ohne Unterbrechung geortet worden ist – durch die Marine des EU-Staates Zypern, die Reederei selbst und den Flaggenstaat Antigua/Barbuda. Und zwar mit LRIT („Long Range Identification and Tracking“). Es ist ein satellitengestütztes Überwachungssystem für die Schifffahrt. Die Falschmeldung, dass der Frachter nicht geortet werden konnte, stammt vermutlich von einem Amateur, der das öffentlich zugängliche AIS-Überwachungssystem nutzt, das auf VHF-Basis funktioniert, einer Ultrakurzwelle ohne genügende Reichweite.

Die Reederei schließlich bat die Türkei, den Hafen Iskenderun anlaufen zu dürfen. Dort wurde der Frachter komplett gelöscht. Türkische Behörden untersuchten jedes Frachtstück. Aber darunter waren weder Kriegswaffen noch Munition. Der Frachter konnte daraufhin unbehelligt den Bestimmungshafen Bar in Montenegro anlaufen – an Bord neben normalem Stückgut 31 Tonnen seismografische Sprengkapseln, wie sie für die Suche nach Erdgas und Erdöl im Gestein verwendet werden.

 Die Moral von der Geschichte: Viel Lärm um nichts. Aber der Reederei-Chef und seine Mitarbeiter wissen, wie man sich am Pranger fühlt. Um vom großen finanziellen Schaden und vom zumindest zeitweiligen Ansehensverlust gar nicht zu reden.