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Mit dem Rücken zur See

Sonntag, September 23rd, 2012

In Holland wäre die Königin gekommen und hätte den Regierungschef gleich mitgebracht, wenn unsere Nachbarn einen Hafen vom Kaliber des Jade-Weser-Ports in Gang gesetzt hätten. Nun, der neue und einzige Tiefwasserhafen Deutschlands in Wilhelmshaven wird seinen Weg auch ohne höchste Prominenz aus Berlin machen. Deren Abwesenheit, mal abgesehen vom Niedersachsen Philip Rösler, bei der Eröffnung ist ein Symbol dafür, dass die meisten Hauptstadt-Politiker mit dem Rücken zur See sitzen. Aber wenn der Verkehrsminister aus Bayern und der maritime Koordinator aus Frankfurt kommt, darf man die Erwartungen nicht allzu hoch schrauben.

Für die Deutsche Bahn gilt Ähnliches. Nicht anders ist zu erklären, dass zwischen Oldenburg und dem Jade-Weser-Port bis heute nur ein Gleis liegt. Wenn hoffentlich bald Container in riesigen Mengen in Wilhelmshaven umgeschlagen werden, müssen sie ja auch ins Binnenland und von dort in den Hafen gebracht werden. Trotzdem: Mit dem Ausbau der Strecke hinkt die Bahn um Jahre hinterher.

Der Jade-Weser-Port ist unbedingt nötig, wenn Deutschland nicht zusehen will, wie die internationale Seefahrt noch mehr Güter über Rotterdam oder Antwerpen abwickelt. Bei alledem dürfen wir nicht übersehen, dass Ostfriesland ein massives Hafenproblem hat. Es geht um den Emder Hafen, von dem einige Tausend Arbeitsplätze in der ganzen Region abhängen.

Der alte Emder Hafen hat längst seine Grenzen erreicht. Es gibt keine Flächen mehr für Betriebe. Außerdem ist die Ems nicht tief genug und müsste längst zwischen Hafen und Knock um gut einen Meter vertieft werden, allein um den alten Stand zu halten. Nicht zu vergessen die Gefahr, die dem Hafen stets droht, wenn eine alte Schleuse ihren Dienst versagt.

Deshalb gibt es in der Emder Hafenwirtschaft, in der Politik, in der Industrie-und Handelskammer und den Gewerkschaften nur eine Meinung: Emden braucht zusätzlich zum alten einen neuen Hafen an der Außenems auf dem Rysumer Nacken. Dort ist viel freier Platz für Betriebe, und das Wasser ist ziemlich tief. Es fehlt jedoch, neben der Erschließung des Industriegebietes, ein Anleger für die Schiffe. Der kostet einige zig-Millionen.

 Und da beißt sich die Katze in den Schwanz. Das Land Niedersachsen wäre zuständig für den Hafen, unter dem man sich kein Becken, sondern einen Anleger vorstellen muss, der ins Wasser ragt. Das eigentlich zuständige Land schiebt den Emdern den schwarzen Peter zu und sagt, sie müssten in Vorleistung treten, um künftigen ansiedlungswilligen Betrieben etwas anbieten zu können. Die Emder wiederum argumentieren genau umgekehrt. Das Land sei für Anleger und sonstige Infrastruktur zuständig und müsse endlich in die Tasche greifen.

So geht es schon länger hin und her. Tatsache ist, dass Emder Firmen mit Investitionen zögern, weil sie auf den neuen Hafen warten. Außerdem werden mittlerweile die Schiffe immer größer und brauchen mehr Tiefgang. Schon heute kann der größte Teil der Weltmeerflotte den alten Emder Hafen nicht erreichen. Er droht abgehängt zu werden. Deshalb: Der Hafen am Rysumer Nacken muss her.