Archive for Oktober, 2012

Siag – ein exemplarischer Fall

Sonntag, Oktober 21st, 2012

Die Wellen schlagen hoch, seit die Siag Nordseewerke in Emden die Pleite beim Amtsgericht angemeldet haben. Wegen des Wahltermins im Januar türmen sie sich noch etwas höher als in normalen Zeiten. Aber unabhängig davon wirft der Fall Siag ein Schlaglicht auf Wirtschaftspolitik, wie sie bei uns betrieben wird. Man könnte auch sagen: Nicht betrieben wird.

Wirtschaft geht nur die Wirtschaft etwas an, sagen die einen. Wirtschaft muss zwar Profit einbringen, sonst funktioniert sie nicht – aber sie muss letztlich den Menschen dienen und für allgemeinen Wohlstand sorgen, sagen die anderen.

Siag Nordseewerke – der Name des Unternehmens sagt, dass dort nicht immer Bauteile für Windkraftanlagen auf hoher See gebaut wurden, sondern Schiffe. Als der Ruhrkonzern Thyssen-Krupp vor gut zwei Jahren den Schiffbau in Emden einstellte, wirkte es wie ein Wunder, dass die Werftleute fast über Nacht Offshore-Windmühlentürme bauten.

 Sie wechselten in eine auch heute noch zukunftssichere Branche. Denn die Energiewende wird nur mit den gewaltigen Windparks in der Nordsee gelingen. Dummerweise kommt die Energiewende nicht so voran, wie es nötig wäre. Es gibt einen erheblichen Planungs-, aber auch Finanzierungsstau. Zudem fehlt es an Leitungen, die den Strom von der See ins Land transportieren. Kurz gesagt: Banken, Investoren und Stromunternehmen warten auf Entscheidungen, dass sie sicher sein können, ihr Geld nicht in der Nordsee zu versenken.

Dieser Zustand kann Produktionsfirmen wie Siag das Genick brechen. Sie hat zwar eine gute Zukunft, geht momentan jedoch über eine Durststrecke, die für sie zu lang ist. Siag braucht eine Gehhilfe. Diese wird aber verweigert, weil ein Gutachten den Daumen senkt. Das wiederum veranlasst die Norddeutsche Landesbank (NordLB), keinen Kredit mehr zu gewähren – und die Landesregierung sagt, einen Kredit zu verbürgen, sei zu risikoreich. Jetzt wird der Ausweg offensichtlich in einer wie auch immer gearteten Insolvenz gesucht. Auch eine Bürgschaft erscheint wieder möglich.

Nach einer Pleite werden sich für Siag schnell Investoren finden. Sie können neu anfangen, und die Belegschaft kann weiterarbeiten – in der Regel jedoch in kleinerer Zahl und schlechter bezahlt.

Siag zeigt, dass es grundsätzlich an einer Industriepolitik fehlt, die vorausschauend handelt. Sie hätte von vornherein klar gestellt, dass Emden eine Schlüsselrolle in der Offshore-Politik spielt. Der Hafen liegt geografisch am nächsten zu den meisten Windparks, in Ostfriesland kommt der Strom an. Diese Grundsatzentscheidung hätte bedeutet, dass Offshore-Betriebe, die nationale Bedeutung haben wegen der Energiewende, bei anfänglichen Rückschlägen gestützt werden.

Regionalpolitisch wäre ein Ende von Siag sehr schlecht. Denn mit den Arbeitsplätzen würde auch die Akzeptanz für Offshore-Windkraft schwinden. Die ist nötig, weil die Ostfriesen einige Belastungen durch die Strom-Autobahnen tragen müssen. Das fällt ihnen leichter, wenn viele davon profitieren.

Ungelegte Eier

Sonntag, Oktober 14th, 2012

Über ungelegte Eier lässt sich trefflich spekulieren. Hinterher kakeln die Hühner sowieso, egal was aus den Eiern schließlich geworden ist. Besonders beliebt bei Journalisten und politisch interessierten Menschen sind Spekulationen, welcher Politiker nach einer Wahl „was wird“. Das bleibt in diesen Wochen nicht aus, denn am 20. Januar nächsten Jahres wird ein neuer Landtag gewählt und im September folgt der Bundestag.

 Politische Beobachter schauen zurzeit auch auf eine Rheiderländerin. Johanne Modder aus Bunde gilt als ministrabel, wie manche es in Verwaltungsdeutsch ausdrücken. Ob die SPD die Regierung übernehmen wird, ist natürlich noch ein ungelegtes Ei. Ihr Spitzenkandidat Stephan Weil präsentiert ungeachtet dessen und wie es üblich ist, nach und nach ein so genanntes Schattenkabinett – für den Fall des Falles. Wird Johanne Modder auf dieser Liste auftauchen? Eine spannende Frage.

 Wir spekulieren eher auf Nein. Als Vorsitzerin des SPD-Bezirks Weser-Ems hat sie zweifellos bei der Ministerfrage ein gewichtiges Wort mitzureden. Aber Modder ist stark in der Landtagsfraktion verwurzelt, deren parlamentarische Geschäftsführerin sie bereits ist und diese Arbeit gewissenhaft und anerkannt erledigt. Der Posten ist das Scharnier der Fraktion.

Johanne Modder geht Machtfragen nüchtern an und verrenkt sich nicht für ein scheinbar lukratives Amt. So hat sie es beispielsweise abgelehnt, die Nachfolge von Reinhold Robbe als Bundestagsabgeordneter anzutreten, was sie leicht hätte machen können. Aber sie sieht ihre politische Heimat eher in der Landespolitik. Alles in allem: Johanne Modder behält und baut ihre starke Position in der SPD und im Landtag aus, aber vorrangig in der Fraktion.

 Im Gespräch als denkbare Ministerin ist auch Meta Janssen-Kucz von den Grünen. Ihre Chancen halten wir eher für gering. Die Grünen könnten in einer Regierung zwei Minister stellen – maximal drei, wenn sie ganz groß abschneiden sollten. Vor Janssen-Kucz stehen noch mehrere Grüne mit Ambitionen.

 Bei der CDU wäre bei einem Wahlsieg im nächsten Jahr eigentlich Ulf Thiele aus Remels als Minister an der Reihe. Obwohl erst 41, sitzt er schon lange im Landtag – und als Generalsekretär der CDU Niedersachsen an einem Schalthebel der Macht, der in der Regel weiter nach oben führt. Alles andere als ein Ministeramt oder die Fraktionsführung für Thiele wäre eine Enttäuschung.

 Dieter Baumann von der CDU, Gegner von Johanne Modder, ist Neuling und müsste sich deshalb erst mal hinten anstellen. Mit 63 Jahren ist er außerdem nicht mehr der Jüngste und somit eher eine Übergangslösung. Neuling ist auch Sascha Laaken von der SPD, der im zweiten Leeraner Wahlkreis gegen Schwergewicht Thiele antritt und nur eine Außenseiterchance hat. Laaken ist jedoch mit 39 noch jung und hat seine politische Zukunft vor sich. Aber wie gesagt: Erst hat das Volk das Wort. Und hinterher kakeln die Hühner.

Größe

Sonntag, Oktober 7th, 2012

Der Windkraft-Pionier Bernhard Aloys Wobben gehört zu den wenigen genialen Menschen, die eine Vision haben und diese dann erfolgreich umsetzen. Der 60-jährige Elektronik-Ingenieur aus Aurich gründete 1984 sein Unternehmen Enercon. Er begann praktisch in einer Garage mit drei Mitarbeitern. Enercon beschäftigt heute weltweit deutlich mehr als 10.000 Mitarbeiter, setzt 3,5 Milliarden Euro im Jahr um, zählt zu den Weltmarktführern der Windenergiebranche und katapultierte den Chef innerhalb weniger Jahrzehnte zum reichsten Niedersachsen.

 Wobben ist hochdekoriert. Die Universität Kassel machte ihn zum Ehrendoktor, die Bundesrepublik verlieh ihm einen hohen Orden und die Ostfriesische Landschaft das Indigenat mit dem Titel des Ehrenostfriesen. Mehrere Umwelt- und Technik-Organisationen zeichneten ihn mit hochkarätigen Preisen aus.

 Enercon und Wobben – das ist ein wahres Erfolgsmodell. Es hat aber auch eine Schramme, weil Wobben seiner Abneigung gegenüber Gewerkschaften und betrieblicher Mitbestimmung ziemlich freien Lauf lässt – was einem Unternehmen dieser Größenordnung nicht gut zu Gesicht steht und ihm auf Sicht auch schadet.

 Unabhängig davon: Leider ist Wobben krank. Daraus macht er kein Geheimnis. Aber auch in seiner Krankheit zeigt der Unternehmer Größe. Er ordnet sein Unternehmen auf eine Weise, die den Bestand und auch den Standort Aurich als Firmensitz sichert. Denn seit wenigen Tagen ist Enercon eine Stiftung. Wobben hat seine Firmenanteile rechtskräftig auf die neu gegründete Aloys-Wobben-Stiftung übertragen. Die Familienstiftung ist alleinige Gesellschafterin der GmbH.

 Das heißt im Klartext: Das Unternehmen kann nicht verkauft, der Stiftungszweck nicht verändert werden. Auf diese Weise verhindert Wobben, dass ein Erbe mal auf die Idee kommt, seine Enercon-Anteile zu versilbern und sich damit einen schönen Lenz oder sonst etwas Firmenfremdes zu machen. Kaufinteressenten gibt es sicher mehr als einen, seien es Konzerne oder anonyme Fonds. Die Stiftung übt die Gesellschafter-Rechte aller zur Enercon-Gruppe gehörenden Firmen aus und ist verantwortlich für den langfristigen Bestand und Erfolg des Unternehmens.

 Auch als Stiftung ist Enercon gegen Marktschwankungen oder unternehmerische Flops natürlich nicht gefeit, aber sie schafft die Grundlage für eine langfristige Strategie – unabhängig von nervösen Marktzuckungen oder der Gier von Managern und Gesellschaftern, die den Hals nicht voll kriegen können.

 Von Enercon ist in den nächsten Jahren technisch noch einiges zu erwarten. Zum Beispiel widmen sich die Auricher verstärkt den Elektroantrieben. Aloys Wobben deutete vor einiger Zeit bei einem Besuch des EU-Energiekommissars Oettinger in Aurich an, dass er ein leistungsfähiges Elektro-Auto nicht für eine Utopie halte. Wenn der eher vorsichtige Wobben schon so etwas sagt…