Archive for Dezember, 2012

Trotz „Wiederline“

Sonntag, Dezember 30th, 2012

Ein kleines Rätsel zum Jahresende: Was versteht der normale Ostfriese oder Holländer unter  „Wiederline“? Wir schätzen, dass neun von zehn ratlos kucken. Bevor wir uns den Vorzügen zuwenden, die sich hinter dem Worträtsel verbergen, bringen wir erst mal Licht ins Dunkel: „Wiederline“ ist die Bahnlinie Leer-Groningen. Der Ausdruck ist eine Kopfgeburt von Werbestrategen.

Doch wir haben die begründete Hoffnung, dass Leer-Groningen trotz „Wiederline“ ein Erfolg wird. Denn seit dem Wechsel vom Sommer- zum Winderfahrplan am 9. Dezember hat der Streckenbetreiber Arriva gemeinsam mit der Provinz Groningen und der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen die Grundlage gelegt: Der Zug verkehrt werktags jetzt stündlich zwischen Leer und Groningen, 15-mal am Tag, und sonntags zweistündlich. Bis dahin rollte der Triebwagen nur achtmal am Tag hin und her – mit überschaubarer Fahrgastzahl.

Ein kurzer Fahrplan-Takt ist das Geheimnis aller stark genutzten Bahn- und Buslinien.  Wenn mögliche Fahrgäste erst lange überlegen müssen, wann sie fahren können, steigen sie lieber ins Auto. Das ist keine neue Erkenntnis, aber es hat ein bisschen gedauert, bis Arriva sie umgesetzt hat. Das hat natürlich damit zu tun, dass die Linie ab Leer nicht genug abwirft, um Gewinne zu machen. So mussten die Provinz Groningen und die Nahverkehrsgesellschaft in Niedersachsen, die für den öffentlichen Nahverkehr zuständig sind, sich erst einen Ruck geben, bevor sie etwas tiefer in die Tasche griffen.

Seit dem 9. Dezember stellten Verkehrsexperten und Arriva die Weichen neu. Und siehe da: Es fahren mehr Menschen mit der Bahn. Auf Anhieb zwischen 4- und 500 am Tag. Studenten, Einkaufsbummler, Urlauber, Geschäftsleute. Hin und zurück ab Leer kostet es 17,50 Euro, in Weener kann man ein- und aussteigen. Bunde müsste auch Haltestelle werden. Mit dem Auto nach Groningen ist es nicht billig: Sprit, Parken für drei bis 5 Euro die Stunde, Busfahrt in die Innenstadt – da kommt einiges zusammen. Entspannter ist die Zugfahrt ohnehin.

Arriva wartet bereits mit einigen Sonderangeboten für Gruppen, Kinder oder an einkaufsoffenen Sonntagen auf. Wir trauen dem Betreiber zu, die Linie attraktiv zu machen. Denn er versteht etwas vom Geschäft. Der britische Konzern beschäftigt 47.500 Mitarbeiter und fährt jährlich in zwölf Ländern anderthalb Billionen Menschen in Bahnen, Bussen und Fähren durch die Gegend. Arriva Nederland, zuständig für den öffentlichen Nahverkehr in der Provinz Groningen, ist Teil der Arriva Groep, die wiederum der Deutschen Bahn gehört.

Verkehr ist eben ein grenzenloses Geschäft. Dieser Gedanke muss auch die Reklameleute getrieben haben, als ihnen „Wiederline“ eingefallen ist: Eine Mischung aus  holländisch “Wieder zain“, deutsch „Wiedersehen“ und englisch „line“. Darauf muss man erst mal kommen.

Gänse oder Kavernen

Sonntag, Dezember 30th, 2012

Ostfriesland entwickelt sich mehr und mehr zu einer Energiedrehscheibe von internationalem Rang.Windkraft an Land und auf See und Erdgas in Kavernen beflügeln die Wirtschaft. Zusammen mit einigen anderen Branchen katapultierten sie Ostfriesland innerhalb weniger Jahre vom Armenhaus der Republik zu einer Boomregion. Arbeitslosenzahlen im Winter mit weit mehr als 20 Prozent jedenfalls sind längst Vergangenheit.

 Dieser Aufschwung hat natürlich einen Preis, den zu zahlen nicht jeder bereit ist. Jedenfalls so lange nicht, wie er sich über seine nicht geringen Dienstbezüge auf dem Konto freuen kann. Diese Menschen erwecken manchmal den Anschein, dass sie glauben, der Strom komme einfach aus der Steckdose. Aber gerade saubere Energie hat auch mit Schmutz, Lärm und Hitze zu tun, jedenfalls was die Windkraft angeht.

 Windmühle braucht Stahl – auf diesen Nenner kann man es bringen. Ein gutes Beispiel ist die Gießerei, die der Auricher Windmühlenhersteller Enercon in Georgsheil gebaut hat. Das ist nicht alles: Weit entfernt von unseren Augen holen chinesische Arbeiter die Metalle der seltenen Erden aus dem Boden. Ohne sie funktioniert keine Windmühle – und ein Handy auch nicht. Mit Verlaub gesagt: Diese Chinesen verrichten eine Schweinearbeit für unsere saubere Windenergie. Unter solchen Bedingungen würde in Westeuropa kein Mensch eine Hand rühren – zu Recht.

Der Strom von der Nordsee, der hoffentlich bald kommt, gelangt nicht einfach so in den Kohlenpott oder weiter nach Süddeutschland. Er muss über eine Stromautobahn transportiert werden, und diese wird zwangsläufig durchs Rheiderland führen. Darüber werden nicht alle erfreut sein – aber diejenigen vielleicht doch, die mit einem Arbeitsplatz von der Windkraft profitieren oder die ein Stück Land gegen gute Pacht für eine Windmühle hergeben.

Ähnlich ist es mit Kavernen in Salzstöcken. In und um Etzel in der Wittmunder Gegend lagern schon seit Jahrzehnten die Erdölreserven der Bundesrepublik, auch Erdgas wird dort gebunkert. Genau so in Nüttermoor bei Leer. Im selben Salzstock, nur auf der anderen Emsseite, entstehen seit einiger Zeit bei Jemgum mehrere Kavernen für Erdgas. Wenn als Folge der Aussolungsarbeiten Hausmauern reißen, ist das für Betroffene mehr als ärgerlich. Der Staat muss dafür sorgen, dass die Verursacher den Schaden begleichen. Aber zu beklagen, dass entlang der Landesstraße vor Jemgum einige Industrieanlagen in die Welt gesetzt worden sind, erscheint höchst diskussionswürdig. Gänse jedenfalls sorgen nicht für warme Stuben im Winter, und für den Wohlstand tragen sie auch nichts bei.

 Die Mini-Gemeinde Jemgum, seit ihrer Geburt in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts finanziell am Krückstock, blüht plötzlich auf und geht forschen Schrittes. Dank der Gewerbesteuer der Gasunternehmen. Die Gemeinde ist nicht mehr arm, und fast schon so sexy, dass man in den Rathäusern in Weener und Bunde auf die Idee kommen könnte, doch mal vorsichtig gen Jemgum mit den Augen zu zwinkern.