Archive for April, 2013

Schleichendes Internet

Sonntag, April 28th, 2013

Die Autobahnen 31 und 28 ins Ruhrgebiet und Richtung Bremen sind längst Alltag. Gegen harten Widerstand schließlich doch gebaut, erwiesen sie sich schnell als Segen. Aber sie kamen 20 Jahre zu spät. Ähnliches droht Ostfriesland jetzt mit den Pisten der modernen Zeit, den Daten-Autobahnen.

Unsere Gegend und weite Teile Nordwestdeutschlands bleiben vorläufig vom schnellen Internet abgehängt. Die Regierung in Berlin redet zwar gern von ihrer Breitband-Strategie, aber dabei belässt sie es. Tatsache ist: Unternehmen und Privatleute in den Ballungsgebieten arbeiten längst mit schnellem Internet, während Ostfriesen sich zwischendurch die Haare schneiden lassen können, während sie auf die Übertragung großer Datenmengen warten. Das ist für Privatnutzer sehr lästig, für Betriebe ein echter Wettbewerbsnachteil.

Das ganze Land hat einen Anspruch auf Hochgeschwindigkeits-Anschlüsse. Doch leider ist es kein politisches Allgemeingut, dass schnelles Internet zur Grundversorgung gehört wie Straßen, Wasser oder Strom.

Zu allem Verdruss baut sich eine neue dunkle Wolke auf: Die Telekom, der die meisten Netze gehören, will die Datenmengen drosseln – also Internet-Flatrates ab einer bestimmten Datenmenge begrenzen. Wer die Begrenzung nicht will, muss deutlich mehr zahlen, so der Plan der Telekom. Rechtlich ist das eine komplizierte Angelegenheit. Aber es geht nicht zuletzt um Netzneutralität. Das heißt: Die Telekom darf ihr Netz nicht dazu missbrauchen, sich selbst Vorteile zu schaffen und Konkurrenten den Wettbewerb erschweren.

 Der Kommunikationsriese vom Rhein beschwichtigt natürlich. Viele Kunden seien gar nicht betroffen, weil sie keine 75 Gigabyte verbrauchen. Ist diese Menge abgesurft, wird der Datendurchsatz gedrosselt – eben langsamer gemacht. Doch entgegen den Telekom-Erzählungen gibt es schon viele Menschen, die mehr als 75 Gigabyte im Monat herunterladen.

 Mit E-Mail, Surfen, hin und wieder Online-Shopping und ein paar Filmen und bleibt man tatsächlich darunter. Aber allein wer Windows7 neu installiert, verbraucht schon 1,6 Gigabyte. Onlinespiele kommen auf höhere Mengen. Das E-Paper der RZ kommt im Monat auch leicht auf ein Gigabyte. So kommt eins zum anderen – und eine Stunde Spotify am Tag frisst im Monat immerhin 15 Gigabyte. Wer nun sagt, was geht mich Spotify an: Es ist ein Musikdienst, den immer mehr Menschen nutzen. Millionen Songs stehen zur Auswahl. Und hier kommt wieder die Telekom ins Spiel: Wer Spotify per Internet hört, bekommt die Gigabytes angerechnet. Aber wer die Musik mit dem Handy über das T-Mobil-Mobilfunknetz (Telekom) lädt, bleibt verschont – denn dort wird der Datenverkehr des Telekom-Kooperationspartners Spotify nicht gezählt.

 Die politische Stoßrichtung kann nur lauten: Schnelles Internet ohne Einschränkung für alle – und der Telekom auf die Finger schauen, ob sie eine Monopolstellung missbraucht und die Netzneutralität verletzt.  

Ohne Industrie geht’s nicht

Sonntag, April 21st, 2013

Manche Länder haben geglaubt, dass es ihnen auch ohne Industrie gut geht. Sie sind auf einem Holzweg, allen voran die Engländer. Im Gegensatz zu den Deutschen, die immer noch fast ein Viertel ihres Wohlstandes aus der Industrie schöpfen, die wiederum die Basis vieler Dienstleister und Forscher ist. „Zurück zur Industrie“ – das hat sich jüngst die EU auf ihre Fahnen geschrieben. Die Franzosen haben sogar einen Minister für Re-Industrialisierung.

Wir Ostfriesen profitieren massiv von der Industrie. Motoren des Aufschwungs waren zunächst VW in Emden, dann in jüngeren Jahren vor allem Enercon in Aurich mit allem Drum und Dran. Einschließlich einer neuen Gießerei in Georgsheil – in den Augen mancher eine altmodische Industrie.

Die Verbindung Enercon und Gießerei bringt es auf den Punkt. Dort trifft Windmühle auf Wirklichkeit. Dort paaren sich alte und neue Industrie. Alt gegen neu auszuspielen wäre ökonomischer Selbstmord. Denn auch Windräder brauchen Stahl – außerdem Kupfer, Gusseisen, Beton, Glasfaser, Aluminium, Epoxidharz, Lacke und natürlich die Metalle der Seltenen Erden.

Windräder stehen für das Gute und Saubere, für technische Erneuerung – aber auch für eine industrielle Basis, ohne die wir Windräder zwar montieren, aber nicht produzieren können. Jegliches Wirtschaften jedoch braucht eine solide Infrastruktur für Verkehr, Energie und Kommunikation – also Straßen, Wasserwege, Schienen, Flugplätze, Stromkabel, Breitbandnetze, eben Kommunikationsnetze jeder Art.

Aber da wird’s schon schwierig. So lesen wir vom Protest gegen die Ortsumgehung B 210 neu in Aurich, die gleichzeitig Autobahnzubringer werden soll. 30.000 Pkw und 1800 Lkw quälen sich täglich durch den Stadtkern – nicht zuletzt, weil Enercon wächst und wächst. Der Marktführer bietet Tausenden Arbeit und spült Gewerbesteuern ohne Ende in die Stadtkasse. Diese Seite der Medaille zu polieren und die andere, eine vernünftige Straßenverbindung, zu schwärzen – das passt nicht.

Weiter: Umweltverbände lehnen die Vertiefung der Außenems um einen Meter ab. Sie wissen nicht, was sie tun. Unterlässt man es, läutet man den Tod auf Raten für den Hafen ein, der auf Tidefreiheit angewiesen ist. Deshalb muss die Fahrrinne bis zur Knock 8,7 Meter tief sein.

Gespannt sind wir auf die Einwände gegen den geplanten Offshore-Hafen am Rysumer Nacken – der genau auf dem Gelände entstehen soll, das Grüne und Umweltschützer einst als Hafenstandort ins Spiel gebracht haben. Heute entdecken sie dort seltene Tiere und Pflanzen.

Auch die alte Binnenwasserstraße Ems gerät wieder ins Visier der Umweltschützer. Laut Gerichtsbeschluss darf die Ems europäisches Naturschutzgebiet und in die so genannte Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) der EU aufgenommen werden. Für die Industrie, speziell für die Meyer-Werft, lässt es auf Dauer nichts Gutes ahnen. 

Bank-Geschichten

Sonntag, April 14th, 2013

Bertolt Brecht ließ Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“ die rhetorische Frage stellen „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Es war die künstlerische Form einer Aussage, die er schon früher mal getroffen hatte: „Der Bankraub ist eine Initiative von Dilettanten. Wahre Profis gründen eine Bank.“

Nun wollen wir hier nicht alle Banken über einen Kamm scheren. Aber die Finanzkrisen dieser Welt, für die jetzt – neben den Steuerzahlern – die Sparer bluten müssen, rühren sicher nicht von Bankräubern. Zu allem Unglück sind Steuerzahler und Sparer häufig ein- und dieselben Personen. Sie werden also doppelt beraubt, um es mit Brecht zu sagen.

Sparen heutzutage kommt dem Verbrennen von Geld gleich. Die Inflationsrate liegt seit kurzem bei anderthalb Prozent, eine Zeit deutlich drüber. Selbst Spitzenzinsen für Fest- und Tagesgeld klettern in Ausnahmen nur noch auf 1,5 Prozent. Fürs Sparbuch gibt es sage und schreibe 0,25 Prozent Zinsen, während Banker wegen des historisch niedrigen Leitzinses der Europäischen Zentralbank von 0,75 Prozent vor Lachen wahrscheinlich nur schwer in den Schlaf kommen. Mit diesem tatsächlich lächerlichen Prozentsatz refinanzieren sie ihre Kredite. Dafür kassieren sie für einen Dispozins von ihren Kunden locker mehr als zwölf Prozent, und für einen Kredit über vier Jahre sind in der Regel mehr als acht Prozent fällig.

Das alles vorweg geschoben kommen wir nun zur anderen Seite, den Bankkunden. In diesen Tagen schütteln viele Ostfriesen den Kopf über zwei merkwürdige Geldaffären in Leer und im Kreis Aurich. In Leer hat ein Postbank-Mitarbeiter zahlreichen Kunden deutlich höhere Zinsen für Anlagen eingeräumt als die Postbank sie deutlich sicht- und lesbar anbietet. Es geht insgesamt um satte Millionenbeträge, die in die Taschen von Anlegern flossen. Ob der Postbank-Mitarbeiter ein selbstloser Wohltäter ist oder sich auch selbst bereichert hat – nichts Genaues ist bisher bekannt.

Bei der Sparkasse Aurich liegt der Fall anders. Dort hat ein mittlerweile schon pensionierter Mitarbeiter praktisch nebenher eine eigene Sparkasse betrieben, sogar noch im Ruhestand – ohne dass Sparkassen-Kontrolleuren etwas auffallen konnte. Denn die Kunden zahlten das Geld nur in bar. Weil der Betrug über Jahre lief, muss die eingezahlte Summe sicher siebenstellig sein. Letztlich blieben Kunden auf 370.000 Euro sitzen, die ihnen die Sparkasse jedoch ersetzen will – angeblich um das Vertrauen der Kunden nicht zu verlieren.

 Warum eigentlich? Wer große Summen Bargeld anlegt, hat es in vielen Fällen nicht sauber erworben. Auf Deutsch: Er leitet Schwarzgeld am Finanzamt vorbei in die Wäschetrommel einer Bank. Offen bleibt die Frage, warum Menschen einem Sparkassen-Mitarbeiter selbst dann noch Bargeld in die Hand drücken, obwohl dieser längst in Rente ist. Oder was zum Teil vermögende Leute sich dabei denken, wenn ihnen ein kleiner Schaltermitarbeiter der Postbank deutlich höhere Zinsen zuschustert, als sie in den Prospekten oder auf der Homepage ausgewiesen sind – oder das Geld in Gold anlegt, was die Postbank gar nicht im Programm führt. Frühe Kirchenväter wussten schon, warum sie das Zwillingspaar Gier und Geiz als eine Todsünde einordneten.

Arme Kinder bleiben draußen

Samstag, April 6th, 2013

Schon der Name lässt Pickel reifen, aber unabhängig von sprachlichem Schliff verdient das Bürokratiemonster namens „Bildungs- und Teilhabepaket“ der Bundesregierung höchstens das Prädikat „gut gemeint“. Das ist schlecht genug. Schlimm ist, dass penible Bürokraten in Berlin schwer verständliche Vorschriften gedrechselt haben. Mit schlimmen Folgen: Viele Kinder, die es bitter nötig haben, kucken in die Röhre.

 Das Bildungs- und Teilhabepaket, kurz Bildungsgeld, gibt es seit zwei Jahren. Die Bilanz sieht mau aus: Nur die Hälfte der Kinder im Landkreis Leer, die dafür in Frage kommen, profitieren davon. Der Grund: Ihre Eltern stellen keinen Antrag. Dafür gibt es mehrere Gründe.

 Hauptgrund ist höchstwahrscheinlich, dass ein Normalbürger wie Sie und ich das sechsseitige Formular entweder nur mit größten Mühen oder gar nicht versteht. Wenn wir uns dann in den Kopf eines Langzeitarbeitslosen, Sozialhilfeempfängers, Wohngeldbeziehers oder Asylbewerbers hineinversetzen, können wir uns ausmalen, was geschieht. Er wirft, ohnehin gefrustet von Behörden und komplizierten Vorschriften, das Formular in die Ecke. Nun kann man argumentieren, dass Leute, die Geld vom Staat kassieren, sich gefälligst Mühe geben sollen. Zweifellos richtig, aber leider spricht das Leben eine andere, manchmal schwer verständliche Sprache.

 Manche Menschen haben sich vom gesellschaftlichen Leben und vom Staat verabschiedet. Ihnen ist auch egal, ob ihre Kinder mittags regelmäßig in der Schule oder im Kindergarten zu essen bekommen. Ihnen sind Kinder und regelmäßige Mahlzeit den einen Euro nicht wert, den sie beisteuern müssen.

 Oder sie verzichten auf Nachhilfe für ihre Kinder, obwohl der Staat bezahlt – allerdings muss die Schule die Notwendigkeit bescheinigen. Zur Nachhilfe bringen, einen Schein anfordern – das ist manchen Eltern zu viel Mühe. Der Staat gibt auch Geld für Mitgliedsbeiträge in Sportvereinen oder für die Musikschule – aber eben nur, wenn es abgerufen wird.

 Nun könnte man sagen, wer nicht will, der hat schon. Aber darf der Staat Kinder für die Misere ihrer Eltern haftbar machen ? Nein. Kinder aus armen Familien haben es bereits im normalen Alltag im Kindergarten und in der Schule schwerer als andere. Ihnen muss der Weg geebnet werden, mit allen Mitteln. Sie haben sonst überhaupt keine Chance, später einmal selbst ihres Glückes Schmied zu sein. Die Bundesregierung hat es gut gemeint, als sie den Teufelskreis zwischen Armut und Bildungsrückstand durchbrechen wollte. Aber leider ist es ein glatter Fehlschlag. Auswege sind Kindergartenpflicht und Ganztagsschulen.

Arbeiten, wo andere arbeiten

Montag, April 1st, 2013

Die Menschen in Deutschland trauen den Ostfriesen wirtschaftlich nicht viel zu. Tourismus okay, Himmel, Wind und Weite, dann noch Windkraft. Das war’s, wie eine neue Studie der Hochschulen  Emden-Leer und Jade Wilhelmshaven im Auftrag des Vereins „Region Ostfriesland“ ergibt.

Dazu passt, dass sich seit Jahren der Spruch  „Arbeiten, wo andere Urlaub machen“ hoher Beliebtheit erfreut, wenn es darum geht, auf Messen oder mit  Anzeigen Fachkräfte nach Ostfriesland zu locken.  Doch dummerweise denken Leute, die arbeiten wollen, gar nicht dauernd an Urlaub.  Sondern an Arbeit. Deshalb lautet ein Ergebnis der Studie, den Spruch ins Gegenteil zu verkehren: „Arbeiten, wo jeder arbeiten will.“

Eigentlich keine überraschende Erkenntnis. Denn Arbeit zieht Arbeit an. Leider kann man sie nicht huckepack nehmen und dort wieder abladen, wo wenig ist oder es irgendwelchen Politikern am grünen Tisch am besten passt.

Ostfriesland hat in den vergangenen Jahren einen kräftigen Aufschwung genommen. Es ist der Wind, hier wahrlich ein himmlisches Kind. Er bringt Licht, Kraft und Wärme. Nebenbei pustet er die Not vieler Arbeitsloser zur Seite. Trotzdem: Ostfriesland hat ein Image-Problem, nach innen und nach außen.  Himmel, Weite und frische Luft blähen die Segel der Touristiker. Aber Städte- und Regionsmarketing muss an anderen Stellschrauben drehen, endlich Abschied nehmen von Kühen auf der Weide und Männern mit Kranzbart im Fischerhemd. Die Stadt Aurich schlägt bereits einen frischen Kurs ein. Sie präsentierte sich auf ihrem Neujahrsempfang in einem modernen Image-Film als wirtschaftsstarker Standort mit lokaler und globaler Verantwortung für den Klimaschutz, wo es sich gut arbeiten und leben lässt, weil die gesamte Infrastruktur für Jung und Alt stimmt. Ohne eine Spur verstaubter ostfriesischer Folklore.

Ostfriesland besitzt mit der Windenergie einen Markenkern, ist laut Studie eine „Weltmarktregion für Wind und Wetter“.  Aber die Ostfriesen machen zu wenig daraus. Es mangelt an systematischen Image-Kampagnen, für die es längst Konzepte gibt. Aber es fehlt der Mut, sie umzusetzen. Unternehmer schließen fest die Taschen, Politikern fehlen Mut und Durchsetzungskraft gegen Totschlagargumente wie „Für das Geld könnten wir auch zwei, drei Kindergärtnerinnen einstellen“.  Dass mit einer florierenden  Wirtschaft  noch mehr Kindergärtnerinnen eingestellt werden könnten, lassen sie dabei gern außer Acht.

Eines jedoch kann auch die beste Image-Werbung nicht wegwischen: Ostfriesland liegt geografisch am Rand und ist Provinz. Das mag nicht jeder. Andererseits gibt es Menschen, die gerade die Vorteile der Provinz schätzen. Nicht zuletzt die Eigengewächse.  Aber immer noch klagt Ostfriesland über die so genannte Bildungsabwanderung. Junge Menschen ziehen zum Studieren oder nach der Lehre fort – und nur wenige kehren zurück. Sie wollen nicht arbeiten, wo andere Urlaub machen, sondern arbeiten, wo andere arbeiten.