Archive for Mai, 2013

Elendsspirale

Sonntag, Mai 26th, 2013

Die Reformierte Kirche steht vor einem Umbruch. Sie erhält in diesem Jahr eine komplett neue Führung. Auf sie warten gewaltige Aufgaben. Unweigerlich drängt sich der alte Grieche Sisyphos vors Auge, der immer wieder versuchte, einen schweren Stein den Berg hoch zu rollen. Aber kurz vor dem Gipfel polterte der Stein wieder ins Tal.

 Jeder Chef ist zu ersetzen. Das dürfte auch nicht das größte Problem an der Saarstraße in Leer sein, wo die Landeskirche ihren Sitz hat. Insgesamt zählt sie gut 180.000 Mitglieder, zu denen neben den meisten Rheiderländern noch mehrere tausend Ostfriesen, Grafschafter um Bentheim und Nordhorn sowie in ganz Deutschland verstreute Gemeinden gehören. Was der Kirche zu schaffen macht: Jahr für Jahr kehren ihr 1800 Mitglieder den Rücken.

 Diese Elendsspirale zu stoppen dürfte auch einer neuen Leitung schwer fallen. Der erste Neue ist Norbert Nordholt aus Schüttorf bei Bentheim. Er löst den langjährigen Präses Garrelt Duin aus Hinte ab, der aus Altersgründen nicht wieder kandidierte. Länger vakant ist die Stelle des Vizepräsidenten. Amtsinhaber Dr. Johann Weusmann zog es zu einem Leitungsposten der Rheinischen Kirche in Düsseldorf. Der Vizepräsident ist in der Regel Jurist und zuständig für Kirchenrecht und Finanzen.

 Demnächst muss die Gesamtsynode auch einen neuen Präsidenten wählen. Der aus Weener stammende Jann Schmidt geht in Ruhestand. Zur Wahl stellen sich zwei Männer, deren theologische Heimat die reformierte Lippische Landeskirche ist.

 Das Problem der Kirche ist strukturell und deshalb schwer zu beheben. Je mehr Mitglieder ihr davonlaufen, desto knapper wird das Geld. Längst wird an allen Ecken und Kanten gespart. Seit Jahren legt die Kirche Pfarrstellen zusammen. Dieser Trend setzt sich fort. Und der neue Präses spricht vage davon, „vielleicht an der einen oder anderen Stelle Zöpfe abzuschneiden“.

Hinzu kommt ein Problem, das sich bereits am Horizont abzeichnet: Trotz schwindender Pfarrstellen mangelt es bald an Pastoren. Vor einiger Zeit sah es eher umgekehrt aus. Bei jungen Menschen steht Pastor nicht oben auf der beruflichen Wunschliste. Die reformierten und andere Christen werden deshalb das Ehrenamt stärken müssen. Dummerweise steckt das Ehrenamt allgemein in der Krise.

 Schwer dürfte es auch werden, das reformierte Profil in Deutschland zu schärfen, was Kirchenpräsident Schmidt während der jüngsten Synodalsitzung verkündete. Dieser Wunsch kollidiert damit, dass die Reformierten ihre Forschungsstätte des reformierten Protestantismus, die A-Lasco-Bibliothek in Emden, in die Abhängigkeit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gebracht haben. Bei allen gegenteiligen Beteuerungen: Dort haben die Reformierten wenig zu melden, wenn es mal darauf ankommt. 

Planlose Energiewende

Montag, Mai 20th, 2013

Hals über Kopf hat Kanzlerin Merkel nach der Atomkatastrophe in Japan die Energiewende ausgerufen. Als erklärter Gegner der Atomenergie freut man sich, dass die Atomkraftwerke abgeschaltet werden sollen. Und wir Ostfriesen können uns freuen, dass der Wind eine moderne Industrie antreibt und der Region den Rücken stärkt.

Doch die Energiewende ist kein Selbstläufer. Sie lässt sich mit einer Operation am offenen Herzen vergleichen – mit einem Unterschied: Chirurgen am offenen Herzen haben einen Plan, bei allen Unwägbarkeiten. Für die Energiewende gibt es jedoch immer noch keinen.

Die Pleite der Siag-Nordseewerke in Emden und das folgende Hin und Her um die Zukunft des Zulieferers für Windparks auf See ist nur eines von vielen Beispielen, dass es mit der Energiewende gewaltig hakt. Die Offshore-Windparks auf der Nordsee hinken hinterher, die großen Stromleitungen lassen auf sich warten, kein Konzern investiert mehr in Gas- und Kohlekraftwerke. Und wo sich doch etwas regt, wie beim Bau von Umspannwerken, Wasserspeichern oder Windparks, wehren sich Bürger mit Händen, Füßen, Demos und Anwälten.

Viele malen sich die Welt schöner als sie ist. Selbst 100 und mehr Prozent Strom durch Wind und Sonne bedeutet eben nicht den Verzicht auf Gas- oder Kohlekraftwerke. Im Gegenteil: Je mehr erneuerbare Energie wir haben, desto mehr sind wir auf hochleistungsfähige und flexible Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen angewiesen. Denn der Wind schläft hin und wieder, und die Sonne scheint auch nicht immer. Dann müssen Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen den Strom liefern. Aber weil immer mehr erneuerbarer Strom auf dem Markt ist, wird der Strom aus Kohle und Gas selbst in Spitzenzeiten nicht gebraucht, sondern nur dann, wenn Wind und Sonne ausfallen. Dafür wiederum lohnt sich der Betrieb eines Kraftwerks nicht – und deshalb gibt kein Konzern dafür einen Cent aus.

Der erneuerbare Strom macht grundsätzlich erfreuliche Fortschritte, aber gleichzeitig den Strom auch teurer. Denn die Energieversorger müssen ihn den Betreibern von Windmühlen und Sonnenkollektoren zum Festpreis abkaufen, auch wenn sie ihn nicht brauchen. Das führt dazu, dass Deutschland zeitweise überflüssigen Strom zum Spottpreis ins Ausland liefern muss oder gar dafür bezahlt, um ihn später bei Bedarf teuer zurückzukaufen. Ein irres Spiel. Deshalb muss das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) dringend reformiert werden. Seinen Zweck als Anschubfinanzierer hat es längst erfüllt.

Wenn der Strompreis weiter klettert, spüren das nicht nur private Verbraucher. Auch die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie schwindet rapide. Der Strompreis hat für viele produzierende Unternehmen mittlerweile eine höhere Bedeutung als die Lohnkosten. Die Alarmglocken schrillen bereits. Die Energiewende braucht dringend einen Plan.

Nachhaltig

Sonntag, Mai 12th, 2013

Nachhaltigkeit ist ein inflationär gebrauchtes Modewort. Ob es passt oder nicht: Nachhaltig muss es sein. Mehr sein als scheinen täte auch in diesem Zusammenhang gut. Ein Muster für Nachhaltigkeit sind Unternehmen, die sich seit Generationen über Wasser halten – ohne dass ihnen das N-Wort jemals über die Lippen gekommen ist. Eines davon ist der Bauverein Leer, der in diesen Tagen hundert Jahre besteht.

Der Bauverein ist eine Genossenschaft. Den 2576 Genossen, die 16.818 Anteile von je 300 Euro besitzen, gehört das Unternehmen. Das hat mehrere Vorteile. Der erste handfest ist, dass der Bauverein über ein solides Eigenkapital verfügt. Das erleichtert das Geschäftsleben erheblich. Vorteilhaft ist sicher auch, dass die Mieter sich stärker für ihre Wohnungen verantwortlich fühlen.

Wie so viele Genossenschaften ist der Bauverein ein Kind der Not. Eine Hilfe zur Selbsthilfe. 1913 nannten die Menschen die Dinge noch beim Namen. „Bau von Häusern zum Vermieten oder Verkauf ab minderbemittelte Genossen“, formulierte der Bauverein damals den Gegenstand seines Unternehmens im Register des Amtsgerichts. Das Wort „minderbemittelt“ steht heute längst auf dem Index, aber wir wissen, was damit gemeint ist. Auch heute geht es beim Bauverein, der 1600 Wohnungen besitzt, überwiegend um so genannte kleine Leute, die ordentliche, aber bezahlbare Wohnungen brauchen.

Für eine Stadt wie Leer ist eine Genossenschaft wie der Bauverein sozialpolitisch ein Segen. Auf dem freien Markt stoßen die Mietpreise durch die Decke. Ein Ende ist nicht abzusehen, weil die energetische Gebäudesanierung im Zuge der Energiewende die Kosten treiben wird und zurzeit kein politisches Gegenmittel auf dem Markt ist. Auch der Bauverein arbeitet natürlich nicht im luftleeren Raum, aber er wirkt dämpfend auf die allgemeinen Mietpreise. Gleiches lässt sich in Emden feststellen, wo das Rathaus immer – auch gegen den Trend in anderen Städten – an der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewoba festgehalten hat.

Der Bauverein ist unabhängig, hat mit der Stadt Leer direkt nichts zu tun. Aber die Geschäftsführung ist klug genug, das eine oder andere Ratsmitglied im Aufsichtsrat oder als ehrenamtlichen Teil der Unternehmensleitung an sich zu binden. Diese Nähe zur Politik kommt dem Unternehmen zugute.

 Ganz nebenbei ist der Bauverein ein Stabilisator für viele Handwerksbetriebe der Bau-, Sanitär- und Elektrobranche. Noch eines zeichnet ihn aus: Er beschränkt sich nicht auf die Vermietung, sondern bietet zum Beispiel Servicehilfen für Alte zu erschwinglichen Preisen an. Beliebt sind die Nachbarschaftstreffs. Und mit alten- und behindertengerechten Wohnungen und demnächst mit einem Mehrgenerationenprojekt setzt er auch wohnungsbau- und sozialpolitische Akzente. Andere reden noch vom demografischen Wandel und der alternden Gesellschaft, der Bauverein handelt und baut im Wortsinn vor. Und von Nachhaltigkeit braucht ihm auch keiner etwas zu erzählen.

Autobahnen: Und sie nützen doch

Sonntag, Mai 5th, 2013

Die Grünen sind gegen Autobahnen. Das muss man nicht gut finden, aber kann es akzeptieren als Meinung einer Partei. Um ihre politische Haltung auf eine höhere Ebene zu hieven, lassen Parteien sie gern mal wissenschaftlich polieren. So auch die Bundestagsfraktion der Grünen: Sie bezahlte die Fachhochschule Erfurt für ein Gutachten, in dem diese untersuchen sollte, ob neue Autobahnen in Randgebieten Wachstum bringen. Die Erfurter nahmen neben Autobahnen im Osten die A31 und A28 in Ostfriesland und dem Emsland unter die Lupe.

Ihr Ergebnis: Neue Autobahnen bringen nichts für den wirtschaftlichen Aufschwung einer Region. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Die Industrie- und Handelskammer in Emden tat es trotzdem. Sie verkneift sich zwar den Begriff Gefälligkeitsgutachten, spricht aber von „wissenschaftlich verbrämtem Unsinn“.

 Sichtbar sind blühende Gewerbegebiete entlang der Autobahnen. Tatsächlich handelt es sich bei den Firmen dort nicht immer um neue von auswärts, sondern oft um heimische, die aus der Mitte der Städte an die Autobahn umziehen – und sich dort meist blendend entwickeln. Aber es gibt auch neue Betriebe, die vorwiegend wegen der guten Verkehrsanbindung kommen. Zum Beispiel der Verpackungshersteller Weidenhammer in Bunde. Und nur wer seine Hose mit der Kneifzange anzieht, glaubt, dass zum Beispiel Bünting noch in Leer säße ohne A28 und A31.

 Eine entscheidende Frage haben die Wissenschaftler nicht untersucht, weil es auch kaum möglich ist: Was wäre, wenn die Autobahnen nicht gebaut worden wären? Jeder Wirtschaftsförderer weiß aus Erfahrung, dass Betriebe besonders dann kommen oder bleiben, wenn sie ihre Waren schnell zu den Kunden bringen können. Dafür brauchen sie in erster Linie Autobahnen. Selbst wenn wir die Wachstumsfrage außen vor lassen: Mindestens so wichtig ist die Bestandspflege.

 Ohne die A31 wäre ein Lkw drei, vier Stunden unterwegs von Leer nach Bottrop, Richtung Bremen würde es ohne die A28 auch lange dauern. Das kostet Nerven, Zeit und Geld, es wirft eine Firma im Wettbewerb zurück – abgesehen von der Qual, unter der die Menschen damals litten, als die Autos noch durch ihre Dörfer und Städte rollten. Den Lückenschluss der A31 haben vor Jahren hunderte ostfriesische, emsländische und niederländische Unternehmen und Tausende Privatpersonen mit einer gewaltigen Millionensumme mitfinanziert. Weil sie wissen: Zeit ist Geld und manchmal auch Lebensqualität. Gerade eine Autobahn mildert die Nachteile einer geografischen Randlage.

 Heute geht es auch darum, Fachkräfte zu locken oder zum Bleiben zu bewegen. Ostfriesland steht nicht obenan auf der Wunschliste. Trotz aller Vorteile: Ohne Autobahn könnten die Fachkräfte-Anwerber in Ostfriesland ihre Arbeit einstellen. Keiner käme. Gute Verbindungen zu den großen Städten sind das A und O – für die Wirtschaft, für Menschen von außen und nicht zuletzt für die Ostfriesen selbst.