Archive for Juli, 2013

EWE und ihr Fernseh-Flop

Sonntag, Juli 28th, 2013

Heimat-Live: Unsere Region. Unser Fernsehen.“ Bescheidenheit ist nun mal keine Zier der EWE. Der Energieversorger vereinnahmt gleich die ganze Gegend, will gar Fernsehen selbst machen – und landet einen millionenschweren Flop. Mit einem Geschäft, von dem er nichts versteht. In wenigen Wochen ist deshalb Feierabend mit dem privaten Fernsehsender, der seit zwei Jahren übers Internet zu empfangen ist.

 Mit einem eher langweiligen, nicht selten amateurhaftem Programm lässt sich heutzutage kaum ein Zuschauer hinterm Ofen weglocken. Die mediale Konkurrenz ist einfach zu groß – und meistens auch professionell gemacht. „Reportagen so einzigartig wie sie individuell sind“, trompetet der Sender auf seiner Homepage, und der hochtrabende Anspruch „Wir verstehen, was sie bewegt“ erweist sich lediglich als Kopfgeburt eines Reklamestrategen.

 Die EWE zieht jetzt die Notbremse und stellt den Sender vermutlich komplett ein. Hatte es zunächst noch geheißen, dass in Bremen ein Studio bleibt, so sieht es jetzt aus, als ob auch dort der Vorhang fällt – wie erklärtermaßen in Leer, Cuxhaven und Cloppenburg. Wie viel Geld die EWE bei ihrem Fernsehabenteuer verbrannt hat, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall liegt die Summe deutlich im zweistelligen Millionen-Bereich.

 Hinter „Heimat-Live“ steckt die New Content Media GmbH, eine hundertprozentige Tochter der EWE, die eigens für den Fernsehbetrieb gegründet wurde. Sie hält 24,9 Prozent am Sender, weil sich die EWE als öffentliches Unternehmen laut Landesmediengesetz nicht stärker an Rundfunkunternehmen beteiligen darf. Die restlichen 75,1 Prozent der Anteile an „Heimat-Live“ hält die Norddeutsche Fernsehbeteiligung GmbH in Bremen, die wiederum mit einer TV-Produktionsfirma verbandelt ist, die sich um das Programm von „Heimat-Live“ kümmert. So schließt sich der Kreis.

 Der EWE war offensichtlich zu wohl und hat sich mit einem eigenen Sender auf Glatteis begeben. Dabei ist sie – wie von Fachleuten vorhergesagt – heftig ausgerutscht. Der Volksmund weiß seit eh und je Bescheid: Schuster sollten bei ihren Leisten bleiben. Strom und Gas zu verkaufen ist etwas anderes als ein Fernsehprogramm zu machen. Theoretisch lassen sich zwar alle Dienstleistungen kaufen – aber wenn sie nichts mit dem Kerngeschäft zu tun haben, wird es haarig.

 Die EWE hat sich offensichtlich ein paar Zahlen angeschaut und sich diese als Zuschauermenge erträumt. So listet sie in ihren Mediadaten eine „technische Reichweite“ von 449.000 Haushalten auf, mit einem durchschnittlich frei verfügbaren Nettoeinkommen in privaten Haushalten von 18.194 Euro im Jahr. Da müsste sich der eine oder andere Euro abschöpfen lassen, mag die EWE gedacht haben, als sie Werbekunden damit den Mund wässrig machen wollte. Unter einer Bedingung hätte das Geschäft tatsächlich klappen können: Wenn die Strom- und Gasverkäufer aus Oldenburg tatsächlich gewusst hätten, was die Menschen bewegt.    

Herde von schwarzen Schafen

Sonntag, Juli 21st, 2013

Politik, Gewerkschaften, Kirchen, Unternehmen – plötzlich jaulen alle auf, seit in Papenburg zwei rumänische Arbeiter in einem Haus verbrannt sind, in dem sie zusammen mit zwei, drei Dutzend ihrer Landsleute untergebracht waren. Die Männer arbeiteten befristet auf der Meyer-Werft, beschäftigt über einen Werkvertrag beim Emder Dienstleistungsunternehmen SDS, tatsächlich jedoch bei einem rumänischen Sub- oder gar mehrfach Sub-Unternehmen. So genau lässt sich die Branche nicht in die Karten schauen.

 Auffallend: Alle Beteiligten waschen ihre Hände in Unschuld. Dabei ist die Ausbeutung von Menschen und die Beleidigung ihrer Würde mitten unter uns längst bekannt. Sie spielt sich unter dem Deckmantel von Werkverträgen auf größeren Baustellen aller Art oder in Betrieben der Fleischindustrie ab. Mitarbeiter von Zolldienststellen, die sich mit Schwarzarbeit oder anderem gesetzwidrigen Verhalten in der Arbeitswelt und vor allem in der Leiharbeitsbranche beschäftigen, halten sogar Vorträge darüber. Man muss nur hinhören – und wenn man will, daraus Konsequenzen ziehen.

Neue Gesetze sind nicht nötig. Das Arbeitnehmer-Entsendegesetz und das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz regeln die so genannten Mindestarbeitsbedingungen, an die sich alle deutschen Arbeitgeber halten müssen – ebenso alle ausländischen, die Arbeitnehmer nach hier entsenden. Aufgeführt sind Mindestentgeltsätze einschließlich Überstundensätze, bezahlter Mindestjahresurlaub, Höchstarbeitszeiten und Mindestruhezeiten, Bedingungen für die Überlassung von Arbeitskräften, insbesondere durch Leiharbeitsunternehmen.

In der Praxis sieht es in vielen Fällen so aus: Arbeitnehmer aus besonders armen EU-Ländern wie Rumänien und Bulgarien arbeiten in Deutschland für drei, vier, vielleicht fünf Euro die Stunde – hierzulande ein Hungerlohn, in der Heimat ein schönes Gehalt, höher als dort bei Lehrern oder Angestellten. Deshalb mucken diese Menschen selten auf.

Die Auftraggeber in Deutschland zahlen dem jeweiligen Dienstleister durchaus einen angemessenen Lohn – zum Beispiel die Meyer-Werft, die SDS in Emden zwischen 20 und 35 Euro je Stunde überweist. Laut SDS kommen acht bis zehn Euro netto bei den Arbeitern an. So die offizielle Angabe.

 Tatsächlich geht häufig ein Großteil des Geldes an den Arbeitern vorbei. Es versickert in Taschen von Sub-Sub-Unternehmen, deren Namen kaum bekannt und von den Behörden in Deutschland nur schwer zu packen sind. Allerdings kontrollieren die Behörden nicht systematisch und konsequent. Es fehlt nicht nur am Willen und an strikter Order von oben, sondern auch an qualifiziertem Personal.

Arbeitsmangel besteht nicht. Denn es handelt sich nicht um einzelne schwarze Schafe, wie gern behauptet wird. Ein hoher Zollbeamter schilderte vor einiger Zeit die Lage auf Baustellen jedenfalls ganz anders: „Ich rede von einer Herde schwarzen Schafen mit weißen Einsprengseln.“