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Inklusion ohne Netz

Sonntag, August 11th, 2013

Kinder, die die jetzt  feierlich eingeschult wurden, stehen vor einer Lernlaufbahn, wie sie ihre älteren Geschwister, Eltern und Großeltern nicht kennen: Sie besuchen eine inklusive Schule. Inklusion oder inklusive Schule bedeutet, dass behinderte und nichtbehinderte Kinder im selben Klassenraum vom selben Lehrer unterrichtet werden – sofern es die Eltern behinderter Kinder wünschen. In feinstem Behördendeutsch schreibt das Kultusministerium, worum es geht: „Grundschulen nehmen seit dem 1. August 2013 alle Schülerinnen und Schüler mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Förderschwerpunkt Lernen im 1. Schuljahrgang auf.“ Gleiches gilt für die fünften Jahrgänge an weiterführenden Schulen.

Die Inklusion ist nicht plötzlich und überraschend vom Himmel gefallen – im Gegenteil, Deutschland hat sich viel Zeit damit gelassen. Völkerrechtlich verbindlich hat die Bundesregierung im Dezember 2006 die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen unterzeichnet und sich damit verpflichtet, ein inklusives Schulsystem zu verwirklichen. Die Kultusministerien haben die sechseinhalb Jahre jedoch kaum genutzt, diese einschneidende Änderung des Schulsystems ordentlich vorzubereiten. Guter Wille reicht jedenfalls nicht.

Von Ausnahmen vielleicht abgesehen sind Lehrer fachlich und psychologisch nicht auf die Inklusion vorbereitet worden. Zwei Stunden pro Woche sollen sie bei Bedarf von Sonderpädagogen der Förderschulen unterstützt werden, die sich speziell um die behinderten Schüler kümmern. Das ist nach gängiger Meinung aller Fachleute nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass Inklusion machbar und sinnvoll ist. Aber sie setzt praktisch eine neue Schule voraus. Nicht die Behinderten müssen sich ihr anpassen, sondern umgekehrt müssen Schulen ihr Lehr- und Lernwesen total umkrempeln. Nur dann werden sie den berechtigten Ansprüchen aller gerecht: der behinderten Kinder, aber auch der nichtbehinderten und nicht zuletzt der besonders leistungsstarken.

Inklusion verlangt ein radikales Umdenken in erster Linie bei Lehrern, aber auch bei (allen) Eltern. Deswegen erscheint es fast sträflich, wie diese Schulrevolution ohne nötige intensive Vorbereitung von Lehrern, Eltern und Schülern in Gang gesetzt wird. Alle betreten Neuland, denn deutsche Schulen sind meilenweit von Inklusion entfernt. Der Sozialverband (SoVD) stellt klar fest: „Deutschland ist trauriges Schlusslicht im europäischen Vergleich.“ Deshalb ist es natürlich höchste Eisenbahn, dass Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam lernen können. Aber es besteht die Gefahr, dass die inklusive Schule in Misskredit gerät, wenn der gute Vorsatz nicht angemessen umgesetzt wird. Sie startet ohne Netz und doppelten Boden.