Archive for Februar, 2014

Hinterher hinken

Sonntag, Februar 23rd, 2014

Manchmal verschweigt man etwas und sagt dennoch viel. Man muss kein gelernter Psychologe sein, um in diesem Sinne eine Liste der Unternehmerverbände Niedersachsen (UVN)  zu deuten. Darin macht die Spitzenorganisation von 70 Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbänden bekannt, welchen zehn großen Plänen sie in Niedersachsen den Vorrang gibt. Sie zählt Autobahnen, Bahnlinien, ein Schiffshebewerk bei Lüneburg, Stromnetze und – sehr löblich – den Breitbandausbau auf dem Lande auf.

Aber eine Baustellen-Forderung fehlt, auf die Emden und Ostfriesland so großen Wert legen und die immerhin den Weg in den Regierungsvertrag  von Rot-Grün in Niedersachsen gefunden hat: Der Rysumer Nacken in Emden. Unter diesem geografischen Namen verbirgt sich ein Hafen, der Emden den Weg in eine neue maritime Zukunft öffnen soll. Er ist weit mehr als ein Anleger, an dem Schiffe mit größerem Tiefgang festmachen können. Mindestens so wichtig ist, ein neues Industriegebiet zu  erschließen – auf einem mit Emsschlick aufgespülten Gelände, das unbebaut ist.

Dazu ein kleiner Treppenwitz: Umweltschützer haben damals auf den Rysumer Nacken als Ort eines neuen Hafens gedrängt. Heute sind sie und auch weite Teile der Grünen dagegen – weil sich ein Biotop entwickelt habe. Wenn der Hafen tatsächlich gebaut wird, ist deshalb mit Widerstand zu rechnen. Irgendein ein seltener Vogel oder ein Hamster wird sich dort schon finden lassen.

Von den Unternehmerverbänden ist kein Gegenwind  zu erwarten. Aber ihre  Vorrangliste mit den zehn Baustellen ohne Rysumer Nacken liefert  den Hafengegnern willkommene Munition. Wenn schon die Wirtschaft den Hafen für so unwichtig hält, dass sie ihn nicht mal erwähnt…

Die See und die maritime Wirtschaft stoßen im Binnenland schon immer auf Unverständnis. Deshalb braucht sie vor allem in Hannover eine kluge Lobby. Davon ist Emden weit entfernt. Die Stadt, die Industrie- und Handelskammer und der Arbeitgeberverband für Ostfriesland, übrigens Mitglied der Unternehmerverbände Niedersachsen, schreiben gelegentlich nette Briefe und reden mit hochrangigen Politikern.

Vor einer massiven Kampagne schrecken sie seit Jahren zurück.  Statt diese Erkenntnis des Emder Ehrenbürgers Henri Nannen zu beherzigen: Man muss  das Geld erst aus dem Fenster werfen, wenn es zur Tür wieder hereinkommen soll. Dem  früheren Oberbürgermeister Alwin Brinkmann hat er noch eine andere Weisheit mit auf den Weg gegeben: „Herr Brinkmann, wenn wir nicht selber was machen, andere geben uns nichts.“  Der Satz ist aktuell wie selten zuvor.

Es ist erstaunlich, dass Ostfriesland und vor allen Dingen Emden so gelassen zusieht, wie auf der anderen Seite von Ems und Dollart die Niederländer ihren Eemshaven einschließlich eines großen Industriegebiets  mehr und mehr aufmöbeln. Und weil es als Tabu gilt, wagt zumindest offiziell in Emden keiner an ein gemeinsames deutsch-holländisches Hafenkonzept für die Emsmündung auch nur zu denken. Dann schon lieber allein hinterher hinken.

Tante Emmas Enkel

Sonntag, Februar 16th, 2014

Ostfriesland ist ein zersiedelter Landstrich. Über Jahrhunderte konnte mehr oder weniger jeder sein Häuschen dort bauen, wo es ihm passte. Doch die Welt dreht sich. Dörfer veröden zu Schlafstätten. Kein Laden, kein Arzt, keine Kneipe, nur selten ein Bus. Und in Innenstädten kämpfen Einzelhändler ums Überleben, wenn sie nicht schon verloren haben.

Für den Rest sorgt der demografische Wandel. Immer mehr Ältere sitzen auf den Bänken, während der Sandkasten leer bleibt. Junge Familien zieht es dorthin, wo sie Kinder und Beruf unter einen Hut bringen können, zunehmend auch pflegebedürftige Eltern.

Aus dieser misslichen Lage gibt es nur einen Ausweg: In die Zentren der Dörfer und Städte muss wieder Leben einziehen. Heimat vor der Haustür könnte das Ziel heißen. Die Sehnsucht danach oder auch die schlichte Notwendigkeit spüren  Immobilienmakler schon länger. Immer mehr Menschen möchten ihre Einfamilienhäuser gegen eine moderne Wohnung im Dorfzentrum oder in der Innenstadt tauschen. Die Nachfrage ist größer als das Angebot – was dazu führt, dass die Preise durch die Decke stoßen. So ist die Innenstadt von Leer für Normalverdiener unbezahlbar. In  Weener allerdings wird sie zusehends unattraktiver.

Das Frage für beide Städte – wie für alle Gemeinden – ist gleich: Wie beleben wir das Zentrum? Leer hat auf der Nesse einen Stadtteil für Betuchte geschaffen. Okay, aber jetzt sind Wohnungen für Normalverdiener an der Reihe. Ob die geplanten Wohnungen auf dem früheren MZO-Gelände zu dieser Preisklasse zählen werden, bleibt abzuwarten. Unabhängig davon ist der genossenschaftliche Bauverein in Leer ein Glücksfall.

Die Innenstadt Weener würde geschäftlich aufblühen, wenn dort mehr Menschen leben würden. Für jedes Zentrum gilt: Wenn Menschen dort wohnen, öffnen wieder Läden, Arztpraxen, Apotheken, Pflegedienste und  Cafés. Auch Hilfen rund ums Haus wie Einkaufen, Schneeräumen oder Heckeschneiden wachsen aus dem Boden, neue Nachbarschaft entsteht. Leben im Wohnviertel der kurzen Wege – nichts alles, was früher gut war, ist heute schlecht.

Der Cap-Markt in der Moormerland-Siedlung in Leer, in dem Behinderte arbeiten, bietet einen Vorgeschmack auf das, was möglich ist. In Großstädten, wo mehr Menschen leben, lässt sich eine Wiedergeburt der Wohnviertel bereits beobachten. Eine Folge davon: In Anlehnung an den tot geglaubten Tante-Emma-Laden gründen junge Leute kleine Supermärkte. Kunden können dort normal einkaufen, aber auch  ihren Warenzettel auf Papier oder per Mail abgeben, die Ware selbst abholen oder sich ins Haus bringen lassen. Oder Vater und Mutter geben den Warenzettel ab, surfen in der Ecke mit W-Lan-Anschluss oder kümmern sich in der Spielecke ums Kind, während die Verkäufer den Warenzettel abarbeiten. Auch Ketten wie Albert Heijn oder Rewe öffnen neuerdings in den Innenstädten kleine Läden – wie Versuchslabore. Gelingt diese Pionierarbeit, werden sie bald als Tante Emmas Enkel in die Geschichte eingehen.

 

 

 

 

 

Der kleine Unterschied

Sonntag, Februar 9th, 2014

Deutschen und Holländern sagt man viele Gemeinsamkeiten nach, besonders auch uns Friesen diesseits und jenseits der Grenze. Aber es gibt – neben der von beiden Seiten sorgfältig gepflegten Rivalität im Fußball – einen großen Unterschied: Die Holländer, von alters her weltgewandte Händler, sehen in Wirtschaft und Technik eher die Chancen, während uns Deutschen zunächst die Risiken einfallen. Sehr zu Recht gelten wir als begabte Bedenkenträger.

Dieser Mentalitätsunterschied wurde vor wenigen Tagen in einer großen bezahlten Bekanntmachung des niederländischen Staates in der Rheiderland-Zeitung und anderswo wieder mal deutlich. Die „Rijksoverheid“ teilt mit, dass sie die Fahrrinne der Außenems zwischen dem Eemshaven und der offenen Nordsee für Schiffe bis 14 Meter Tiefgang ausbaggern will – und lädt die Rheiderländer ein, dazu ihre Meinung zu äußern. Schon mit der Überschrift lässt sie keine Zweifel aufkommen, worum es geht:  „Verbesserung Fahrrinne Eemshaven – Nordsee.“

Das behördliche Verfahren läuft, die Baupläne einschließlich Umweltverträglichkeitsprüfung, liegen öffentlich aus, auch in den Rathäusern von Bunde, Weener, Jemgum und Leer. 2017 soll alles fertig sein.  Im ersten Satz der Bekanntmachung sagen die Holländer, worauf sie ihre Politik ausrichten: „Auf die Verstärkung der wirtschaftlichen Entwicklung des Nordens der Niederlande.“ Das machen sie schon lange. Eine niederländische Prinzessin eröffnete bereits 1973 den Eemshaven, damals viel belächelt. 2008 kam Königin Beatrix zu einer Erweiterung. Der Hafen brummt. Deshalb muss die Fahrrinne vertieft werden.

Das müsste normalerweise in Ostfriesland einen Jubelsturm auslösen. Aber der bleibt aus, denn still ruht die See. Der Grund: Emden fehlen die großen Schiffe. Dafür braucht die Stadt dringend einen neuen Hafen, den sie am Rysumer Nacken bauen will – fast in Sichtweite des Eemshavens. Aber mehr als ein großes Palaver ist es bisher nicht. Wirtschaft und Politik kommen nicht in die Hufe, während an Emden der Offshore-Boom vorbeirauscht und die Holländer den Eemshaven aufrüsten.

Dabei könnten Schiffe vom Rysumer Nacken bei den Holländern ab Eemshaven praktisch Huckepack mitfahren. Die Fahrrinnen-Vertiefung dort in der Außenems käme wie gerufen und obendrein umsonst. Die Emder selbst müssten lediglich ein paar Unterwasser-Kuppen zwischen dem Rysumer Nacken und dem Eemshaven-Fahrwasser abtragen  – dann könnten tiefgehende Schiffe den neuen Hafen leicht anlaufen. Aber statt in Hannover Dampf zu machen und auch selbst Geld in die Hand zu nehmen, warten die Emder auf einen Investor, der nicht kommt. Und sehen verzagt zu, wie nach dem Dollarthafen vor Jahren auch ihr Hafen am Rysumer Nacken den Fluss heruntergeht. Zum Nachteil ganz Ostfrieslands.

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