Archive for März, 2014

Gleichseitiges Dreieck

Sonntag, März 30th, 2014

Die Energiewende ist für Ostfriesland ein Segen. Ihr verdankt das einstige Armenhaus den Aufschwung zur Boom-Region. Symbol dafür ist der Windmühlen-Hersteller Enercon in Aurich, der innerhalb weniger Jahre von einer Garagenfirma zum größten Windkraft-Unternehmen Deutschlands wuchs. Gründer und Eigentümer Aloys Wobben ist der reichste Mensch in Niedersachsen.

Windkraft ist gefragt in aller Welt, auch Deutschland hat noch Bedarf, denn erst ein Viertel des Stroms stammt aus erneuerbaren Energien, vor allem aus Wind, Sonne und etwas Biomasse. Aber auch bei den „Erneuerbaren“  wachsen die Bäume nicht mehr in den Himmel. Die Energiewende bereitet Probleme, weil sie höchst kompliziert ist und es um sehr viel Geld geht.

Die neue Bundesregierung bastelt an neuen Stromgesetzen. Wirtschaft und Umweltverbände markieren grell ihre Interessen. So droht Enercon damit, seine Investitionen auf Eis zu legen, wenn Energieminister Gabriel nicht in seinem Sinne spurt. Und Umweltverbände verlangen auf Großdemos, sofort aus Atom und Kohle auszusteigen. Sie hätten auf ihre Plakate auch schreiben können: Raus mit der Industrie aus Deutschland. Das wäre ehrlich gewesen.

Pustet man den Propagandaschaum zur Seite, wird eines deutlich:  Die Energiewende ist technisch machbar. Aber sie muss bezahlbar bleiben. Maßstab ist das energiepolitische Dreieck mit drei gleich langen Seiten. Sie heißen „Ökonomisch, sozial und ökologisch“.

Wir müssen uns hüten, alte und neue Industrien gegeneinander auszuspielen. Enercon bietet das beste Beispiel:  Wind braucht Stahl. Ohne Stahl kein Windrad, ohne Windrad keine Energiewende. Nebenbei gesagt: Stahl ist noch nicht alles – Windräder brauchen außerdem Kupfer, Gusseisen, Beton, Glasfaser, Epoxidharz, Lacke und, nicht zu vergessen, Metalle der Seltenen Erden.

Noch eines ist sicher: Selbst wenn wir rechnerisch den Strombedarf zu 100 Prozent mit Wind, Sonne und anderen erneuerbaren Energien abdecken könnten – so lange wir keine Großspeichertechnik haben, braucht Wind auch Gas und Kohle.

Das wirkliche Kostenrisiko ist der Börsenstrompreis. Denn die Höhe der Umlage für Erneuerbare Energien, die wir Stromkunden und Betriebe zahlen, ergibt sich aus der Differenz zwischen dem gesetzlichen Garantiepreis für erneuerbare Energien und dem jeweiligen Börsenpreis. Mit einer irren Konsequenz: Ist viel Wind oder Sonne im Netz, sinkt der Preis nicht etwa, sondern steigt für den Normalkunden. Je mehr Ökostrom, desto höher die Umlage. Diesen Teufelskreis muss die Regierung brechen. Sonst fährt die Energiewende vor die Wand.

Es wäre sehr bedauerlich, auch für Ostfriesland, wenn aus dem Segen ein Fluch würde. Und es wäre eine Blamage. Denn der Umstieg auf ein völlig neues Energiesystem ist das größte Innovationsvorhaben in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Es wird uns noch lange beschäftigen.

Campus ist aller Mühe wert

Sonntag, März 23rd, 2014

Es hört sich nach etwas Besonderem an – und ist es auch: Mitten in Leer soll ein Bildungs-Campus gebaut werden. Landrat Bernhard Bramlage bewegt diese Idee schon länger, jetzt will er offensichtlich bald Nägel mit Köpfen machen. Bürgermeister Wolfgang Kellner hat er auf seine Seite ziehen können, was beim notorisch angespannten Verhältnis zwischen Rathaus und Kreishaus nicht selbstverständlich ist.

Gemessen an der Größe weist Leer respektable höhere Schulen und Hochschulen auf. Zwei Gymnasien, gymnasiale Zweige an den Berufsschulen, die Berufsakademie Ostfriesland, die Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie, das Studienseminar für angehende Gymnasiallehrer, die Seefahrtschule und den Fachbereich Seefahrt der Hochschule Emden-Leer. Forschung, Entwicklung und Ausbildung organisiert oder betreibt auch das Maritime Kompetenzzentrum (Mariko).  Nicht zu vergessen die recht große Volkshochschule.

Eigenartigerweise tut die Stadt Leer herzlich wenig, sich öffentlich als Bildungsstandort zu profilieren. Volkshochschule und Berufsakademie springen in die Bresche und starten aktuell eine Sommerhochschule für Jugendliche. Der Plan des Landrats kommt jedenfalls wie gerufen.

Der Campus soll zwischen dem Ubbo-Emmius- und dem Teletta-Groß-Gymnasium eingerichtet werden. Bislang ist die EWE dort untergebracht. Es zieht sie jedoch  aus der Innenstadt in Autobahnnähe. Das passt, denn so gibt es Platz.

Studenten des Fachbereichs Seefahrt und Seefahrtschüler suchen seit Jahren händeringend kleine Wohnungen in Leer. Dabei muss gerade eine Mini-Hochschule mit weichen Faktoren punkten, wie gute und preiswerte Wohnungen in Hochschulnähe und mit einem lebendigen Studentenleben, auch und gerade in einer Kleinstadt, die es schwer hat, mit großen Städten Schritt zu halten. Ein Campus ist die Keimzelle für studentisches Leben.

Es fügt sich, dass auf dem Campus auch Platz ist für das Studienseminar, das vor einigen Jahren aus der Evenburg in die frühere Markthalle hinter Ceka umgezogen ist. Optimal ist es dort nicht untergebracht – und Städte wie Aurich würden das Studienseminar mit offenen Armen aufnehmen, zumal es bald mit dem gigantischen Energie-, Bildungs- und Erlebniszentrum (EEZ) wuchern kann. Deshalb besteht in Leer Handlungsbedarf.

Auch die beiden Gymnasien können vom Campus profitieren. Sinkende Schülerzahlen werden sie zu stärkerer Zusammenarbeit zwingen – und dafür bieten sich Labors und andere Fachräume zur gemeinsamen Nutzung an. Glücklich schätzen kann sich die Volkshochschule. Ihr jetziger Sitz in der Haneburg platzt aus den Nähten, sie ist an mehreren Stellen untergebracht. Auf dem Campus könnte sie unter ein Dach schlüpfen – als Teil einer großen Bildungsgemeinschaft.

Mit einem Bildungs-Campus ist allen gedient: Den dort untergebrachten Studenten, den Schülern der Gymnasien, den Kursusteilnehmern der VHS und den angehenden Studienräten. Der Landkreis und die Stadt Leer könnten ihr Image verbessern und den Hochschulstandort Leer stärken und sichern. Der Campus ist aller Mühe wert – denn er ist etwas Besonderes.

Dorf braucht Schule

Sonntag, März 16th, 2014

Wie viele Kinder mindestens braucht eine Grundschule, um bestehen zu können?  Eine schwierige Frage., über die sich auch Fachleute nicht einig sind. Um Antworten werden sich viele Gemeinderäte nicht mehr lange drücken können, denn nach und nach wird es kleinen Schulen an den Kragen gehen. Der niedersächsische Landesrechnungshof machte jetzt wieder einen Vorsto0 und setzte 62 kleine Grundschulen auf eine Schließungsliste. Darauf stehen zwei Namen aus dem Rheiderland: Ditzum und Dollart, genauer Ditzumerverlaat.

Aus Ostfriesland sind außerdem noch Wirdum im Landkreis Aurich und Burlage in der Gemeinde Rhauderfehn dabei. Letzterer  Schule hat der zuständige Gemeinderat bereits neulich den Todesstoß versetzt  – gegen den massiven Protest vieler Burlager Bürger.

Der Rechnungshof sagt öfter mal etwas zum Thema Geldverschwendung oder schlägt Sparmöglichkeiten vor. Seine Worte sind trotzdem nicht das Evangelium. Aber wie es aussieht, wollen die Erbsenzähler die Schulpolitik beeinflussen. Jedenfalls liefern sie der Landesregierung betriebswirtschaftliche Argumente, kleine Schulen zu schließen. Zuständig für Grundschulen sind zwar die Gemeinden, aber die Landesregierung kann ihnen über die Lehrerzuteilung ins Steuer greifen.

Es wäre zynisch, die Schließung einer Schule vorrangig als Finanzangelegenheit zu sehen. Es geht zwar nicht allein, aber in erster Linie um die Kinder und deren berufliche und gesellschaftliche Zukunft. Bildung gilt als Schlüssel für den späteren Lebensweg. Deshalb kann Bildungspolitik nicht nach Kassenlage betrieben werden. So sagen es Politiker auch bei jeder Gelegenheit.

Vorrang gebührt ohne Wenn und Aber der Pädagogik. Die denkbar beste Richtschnur: So lange es pädagogisch verantwortbar ist,  bleibt die Schule bestehen. Zu klein dürfen Lerngruppen natürlich  auch nicht sein. Zu klären ist ebenfalls, welche Strecken kleinen Kindern im Bus zur Schule zuträglich sind.

Der Rechnungshof schaut nur auf die Kasse. Das mag seine Aufgabe sein. Doch sein Blickwinkel ist eng. Gefragt ist politische Klugheit und Weitsicht. Denn Schule ist mehr als Schule. Sie wirkt tief ins Dorfleben. Dörfer haben es ohnehin schwer, seit die Menschen immer älter werden und gleichzeitig weniger Kinder zur Welt kommen. Die Schließung der Schule ist auf Sicht eine Rate für den Tod des Dorfes. Jedenfalls werden junge Familien einen Ort mit Schule vorziehen. Bevor das Dorf endgültig ausblutet, vergreist es. Liegt es verkehrsgünstig, verkommt es zur Schlafgemeinde, wo nichts mehr los ist. Dann steht  zwangsläufig auch die Freiwillige Feuerwehr vor dem Aus.

Ein Gemeinderat muss sich deshalb gut überlegen, was er tut. Rhauderfehn bietet sich als Testlabor an. Dort hat man die Grundschulen in Burlage, Rajen, Klostermoor und Hahnentange dicht gemacht oder steht unmittelbar davor. Die Folgen dürften  eine Lehre sein. So oder so.

Ins eigene Knie

Sonntag, März 9th, 2014

Der Bürgermeister der Stadt Leer, Wolfgang Kellner, hat sich ein Stück erlaubt, das ihm schnell schwer auf die Füße fiel. Das wäre nicht schlimm, wenn es ihn privat beträfe. Doch den Schaden hat die Stadt Leer. Nicht zu knapp.

Aber der Reihe nach: Kellner, der am 25. Mai wiedergewählt werden will, posaunte am vorigen Wochenende die Meldung in die Welt, dass Leer in seinem Hafen einen Umschlagplatz für Stück- und Massengüter bauen werde – für satte 21 Millionen Euro. Den Clou daran schob er gleich nach: Das Land Niedersachsen werde der Stadt fast die Hälfte der Kosten überweisen. Wirtschaftsminister Olaf Lies, SPD, habe ihm dies persönlich zugesagt. Kellner drückte es öffentlich so aus: Lies will „unser Vorhaben positiv begleiten“.

Tatsächlich war der Wunsch der Vater des bürgermeisterlichen Gedankens. Denn mit Schreiben vom 3. März an Kellner und gleichzeitiger Pressemitteilung teilte Minister Lies in mehr als deutlichen Worten sein „Erstaunen und Befremden“ mit. Kellner hatte dem Minister im Januar den Plan eines Hafenausbaus mit Kosten von lediglich sechs Millionen Euro vorgestellt. Lies signalisierte damals sein Wohlwollen. Er könne sich vorstellen, dass sich Stadt und Land diese Summe teilen.  Als Kellner dann vorige Woche einen Förderantrag von zehn Millionen Euro bei einem Gesamtvolumen von 21 Millionen in Hannover einreichte, fielen Lies und seine Beamten aus allen Wolken. Und waren sauer.

So sauer, dass der Minister einen Brief an den Bürgermeister schrieb und gleichzeitig an die Presse ging. Er wirft Kellner vor, „ein völlig falsches Bild“ zu erwecken und wünscht sich, „solche Irritationen der Öffentlichkeit zukünftig (zu) vermeiden und zu einer vertrauensvollen Gesprächsebene zurückzukehren“. Mit anderen Worten: Das Vertrauen ist futsch.

Es geschieht eigentlich nie, dass ein Minister einen Bürgermeister öffentlich derart in den Senkel stellt wie in diesem Fall. Lies blieb aber kaum eine andere Wahl, um Ansehen und Gesicht zu wahren.

Es ist äußerst unklug, einen Minister, bei dem man etwas erreichen will, öffentlich vor vollendete Tatsachen zu stellen, um es zurückhaltend zu formulieren. Es ist schon sehr dreist. Im Wahlkampf kann ein Politiker spontan mal die Nerven verlieren. Aber hier handelt es sich um eine geplante Aktion, vermutlich um Wähler zu ködern – im Lichte eines Großprojekts und der Gunst eines Ministers. Kellners Show war jedoch ein Schuss ins eigene Knie. Zum Schaden der Stadt Leer.

Hochgeklappte Bürgersteige

Montag, März 3rd, 2014

Zu einem Zeltfest gehörte in früheren Zeiten auch eine handfeste Keilerei. Nach etlichen  Bier und Klaren ballten junge Burschen die Fäuste, schlugen sich blaue Augen oder auch mal einen Zahn aus – aber sonst hielt es sich in Grenzen. Ganz so harmlos spielt sich das Geschehen heute nicht mehr ab.

Zeltfeste gibt es kaum noch. In den Dörfern ist ohnehin längst nichts mehr los. Aber in den Städten ballen sich Discos und Kneipen, die an Wochenenden junge Leute in Massen anlocken. Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Man hat Spaß und freut sich des Lebens.

Warum sich der Spaß für junge Leute heutzutage erst so richtig ab Mitternacht abspielt, bleibt jedoch ein Rätsel. Vorglühen zu Hause in der Clique – und dann so nachts gegen elf  auf die Piste, bis weit in den Morgen des nächsten Tags hinein.

Das ist eine lange Zeit, und nicht selten vernebeln Cocktails und Charlys in Mengen den Verstand. Der eine oder die andere rastet dann aus, pöbelt Unbeteiligte an, randaliert, verhält sich aggressiv, schlägt um sich, ersetzt die Faust gelegentlich durch eine Bierflasche oder Schlimmeres. Es ist nur eine Minderheit, aber sie reicht, um unschuldige Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen.

In Emden zum Beispiel nahm das Geschehen speziell in der Innenstadt nicht mehr zu duldende Ausmaße an – dort, wo sich Kneipe an Kneipe reiht. Der Volksmund nennt den Bezirk auch Bermuda-Dreieck, wo zwar keine Schiffe, aber Gäste mit zu viel Promille im Blut untergehen.

Der Emder Stadtrat verhängte vor einem Jahr eine Sperrstunde, um dem Übel beizukommen. Werktags von vier bis sechs und sonnabend- und sonntagsmorgens von fünf bis sieben werden die Bürgersteige hochgeklappt, wie man so schön sagt. Jetzt zogen Stadtverwaltung und Polizei erste Bilanz. Besonders ermutigend fällt sie nicht aus, denn die Zahl der Schlägereien und Beschädigungen hat nicht abgenommen.

Menschen, die früh zur Arbeit müssen, Kirchgänger, die zur Frühmesse unterwegs sind oder einfach Frühaufsteher, die sich die Beine vertreten oder den Hund ausführen, sind jedoch zufrieden. Sie müssen nicht mehr Spießruten laufen oder sich anpöbeln lassen.

Die Schlägereien finden jetzt übrigens früher statt, und die Schläger bleiben unter sich. Irgendwie ist es dann doch wieder so wie eh und je: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Nur die Gastwirte klagen. Das Bermuda-Dreieck lockt nicht mehr so viele Gäste wie vor dem Sperrstunden-Erlass. Sie suchen sich ihre Ziele in anderen Städten. Die Moral von der Geschicht‘: Auch eine Sperrstunde ist nur ein kleiner Schritt auf dem Weg zu einem friedlichen Miteinander.