Archive for April, 2014

Internet der Dinge

Sonntag, April 27th, 2014

Allmählich dämmert es dem letzten Hinterwäldler, dass unsere Infrastruktur zum großen Teil verrottet, veraltet oder vernachlässigt ist. Im Gespräch ist ein Schlagloch-Soli. Und die Bundesregierung will überschüssige Steuern nicht für Steuersenkungen nutzen, sondern das Geld in die Reparatur von Straßen, Brücken und Schienen stecken. Die alte Infrastruktur darf nicht vernachlässigt werden.

Dabei ist es schon höchste Eisenbahn für eine zusätzliche neue. Es sind die Datenautobahnen, ohne die rasant wachsende Datenmengen nicht schnell genug oder gar nicht transportiert werden können. Gebote der Stunde sind schnelles Internet für alle und Breitband überall mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von mindestens 50 Mbit pro Sekunde. Ohne schnelles Internet hinkt ein Unternehmen schnell hinterher, Privatnutzer grämen sich ebenfalls. Dabei kann das Internet  geografische Nachteile ausgleichen, unter denen Regionen wie Ostfriesland leiden, die weit vom Schuss liegen.

Doch während Ostfriesland noch auf die umfassende Breitbandversorgung wartet – und auch nicht genug darum kämpft -, sind moderne Unternehmen die Leiter der vierten industriellen Revolution bereits mehrere Stufen nach oben geklettert. Vierte industrielle Revolution, auch Industrie 4.0 genannt, klingt großartig und ist es auch. Sie steckt nicht mehr in Kinderschuhen, sondern ist stellenweise Alltag.

Symbol der ersten industriellen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts ist die Dampfmaschine, bei der zweiten ab Beginn des 20. Jahrhunderts geht es um Massenproduktion dank Strom, die dritte mit Beginn der 1970er Jahre wird geprägt von der Automatisierung durch Elektronik – und jetzt die vierte vernetzt Menschen, Maschinen und digitale  Systeme. Im „Internet der Dinge“ reden Maschinen praktisch miteinander, um „M2M-Kommunikation“ frei zu übersetzen.

Die Energiewende wird uns die Industrie 4.0 mit so genannten intelligenten Netzen (Smart Grids) bald ins Haus bringen. Am – allerdings simplen – Beispiel eines intelligenten Getränkeautomaten lässt sich deutlich machen, was 4.0 heißt: Ein Sensor im Automaten erkennt, dass Cola ausverkauft ist; er meldet es ans Lager; der Bestand im Automaten wird über den Server überprüft; ein Fahrer wird benachrichtigt und über die beste Route zum Automaten informiert; der Fahrer füllt Cola nach; der Automat meldet dem Lager, wenn er gefüllt ist.

Oder längst geübte Praxis in Großstädten: Immer weniger Menschen kaufen ein Auto, sondern leasen es für die Strecke, die sie fahren wollen. Sie schließen einen Vertrag mit einem Leihunternehmen, erhalten einen Chip, laden sich eine App aufs Smartphone, schauen übers App nach einem parkenden Leasing-Auto aus, öffnen dessen Tür mit dem Chip, zünden den Motor mit dem Chip, der Chip registriert die Fahrzeit und regelt die Bezahlung. Der Nutzer lässt das Auto am Ziel stehen, wo es für den nächsten Fahrer parkt, der es über seine App dort findet. Car2go oder Car2drive sind solche Leihsysteme, die von BMW und Sixt sowie Daimler und Europcar betrieben werden.

Wir sind schon mittendrin in der Industrie 4.0. Auch wem’s nicht gefällt: Wir müssen uns darauf vorbereiten. Sonst hängen uns aufstrebende Nationen ab. Kulturpessimismus ist fehl am Platz.

Rathaus ist kein Ponyhof

Freitag, April 25th, 2014

Bürgermeister kann man nicht studieren. Genau so wenig wie Bundeskanzler oder Ministerpräsident. Auch Firmenchef oder Führungskraft ist kein Studienfach oder Ausbildungsberuf. Das ist auch gut so – weil es an der Spitze von Rathäusern, Regierungen und Unternehmen nicht in erster Linie auf Fachwissen ankommt.

 Entscheidend sind so genannte weiche Faktoren wie Umgang mit Menschen, Führungskraft, Durchsetzungsfähigkeit, schnelle Auffassungsgabe, flexibles Denken, Rhetorik, Erfahrung, Weitblick und im besten Fall Charisma. Sekundärtugenden wie Fleiß oder Pünktlichkeit kommen hinzu, robuste Gesundheit und seelische Stabilität können nicht schaden.

Kaum ein Mensch verfügt über all diese Fähigkeiten, aber je mehr es sind, desto besser eignet er sich als Chef. Viele wahlberechtigte Menschen in Ostfriesland und anderswo haben am 25. Mai die Möglichkeit, daran mitzuwirken, einen Chefposten zu besetzen. Denn neben der Europawahl, bei der es jedoch keine direkte Persönlichkeitswahl gibt, stehen in zahlreichen Städten und Gemeinden die Bürgermeister zur Wahl. Im Landkreis Leer sind es neben den drei Rheiderland-Gemeinden auch die Stadt Leer sowie die Gemeinden Moormerland, Westoverledingen und Ostrhauderfehn. Außerdem steht im Landkreis Leer die Wahl des Landrats auf der Tagesordnung.

Landrat Bernhard Bramlage kann sich auf weitere Amtsjahre einstellen. Der Sozialdemokrat wird sogar von der CDU unterstützt und von den Grünen „geduldet“, jedenfalls hat er keinen Gegenkandidaten. Das ist kein Stück fürs demokratische Lehrbuch, sondern eher der Realität geschuldet. Wer nicht einen Super-Gegenkandidaten aufbieten kann, besitzt gegen einen starken und angesehenen Platzhirsch kaum eine Chance. Ähnlich sieht es in Bunde aus, wo Bürgermeister Gerald Sap seit Jahren allseits anerkannt die Gemeinde führt.

 Auch der Bürgermeister von Westoverledingen, Eberhard Lüpkes, hat keinen Widersacher. Er macht ebenfalls unangefochten einen guten Job. Westoverledingen liefert nebenbei noch ein Phänomen, das ähnlich anderswo auftaucht, wenn auch nicht in so krasser Form. Dort haben sich ein Mann und eine Frau in letzter Minute zu einer Kandidatur entschieden – frei nach dem Motto, dass man es ja mal als Bürgermeister versuchen könne. Als ob ein Rathaus ein Ponyhof ist. Zum Glück ließ der Wahlleiter die Bewerbungen nicht zu. Sie waren gesetzeswidrig.

In der Regel haben Wähler ein gutes Gespür, wer sich fürs Bürgermeisteramt eignet. Sie entscheiden sich weniger nach Programmen oder Versprechen der Kandidaten, sondern danach, wem sie den Job zutrauen.

Schwarze Gesellen

Donnerstag, April 17th, 2014

Krähen können Menschen um den Schlaf bringen, sie nicht zur Ruhe kommen lassen und ihnen den letzten Nerv rauben – aber wertvolle Geschöpfe im Sinne der geltenden kulturellen und philosophischen Normen sind sie trotzdem. Leider fehlt es ihnen an Synapsen in ihren winzigen Gehirnen, die man in Schwung bringen könnte, um ihr Verhalten der zivilisierten Umwelt anzupassen, in die sie immer weiter vordringen.

Andererseits wissen wir nicht, was in einem Vogel so vor sich geht. Krähen jedenfalls sagt man nach, dass sie ein Spatzenhirn weit übertrumpfen. Sie stehen im Ruf einer gewissen Intelligenz, wobei wir uns hier nicht versteigen, ihnen gar Vernunftbegabung zuzuschreiben. Immerhin sind sie so schlau, bei der Müllabfuhr fehlerfrei zu erkennen, dass sich eine Pickattacke nur auf den Restmüllsack lohnt. Altpapier und Verpackungsmaterial jedenfalls lassen sie unangetastet. Und wenn sie ein Singvogelnest  im stets wachen Auge haben, warten sie so lange, bis die Brut genug gewachsen ist für eine offensichtlich schmackhafte Mahlzeit.

Das alles lassen wir als Lauf der Natur schicksalsergeben durchgehen. Aber wer das Pech hat, im Einzugsbereich einer Krähenkolonie oder einer Ansammlung ihrer Artgenossen, der Elstern, zu leben, kommt schon mal auf Gedanken, die ihm für gewöhnlich fremd sind. Natur hin, wertvolle Kreatur her – irgendwann pfeift er darauf, wenn er Tag und Nacht kaum Ruhe findet. Denn diese hässlichen Gesellen in schwarzen Federn krächzen vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne aus heiseren Kehlen – und spritzen gefühlt alle zehn Minuten ihren ätzenden Kot auf Dächer, Straßen, Wege, Autos und gern auch auf Köpfe und Mäntel.

Unsereins bewundert die Langmut einer Gesellschaft, die es mit strengen Natur- und Vogelschutzgesetzen sicherlich gut meint, aber sich nicht an eine Korrektur traut, wenn der Schutz zur Plage mutiert. Früher regelten Jäger die Geburtenkontrolle, wenn bestimmte Vögel Überhand nahmen. Sie ballerten Schrot in die hohen Gelege. Dann war erst mal Ruhe für eine Weile. Aber über diese Methode auch nur nachzudenken, verbietet sich heute.

Damit ist natürlich keinem geholfen. Anwohner der Faldernstraße in der Altstadt von Leer ließen sich etwas anderes einfallen. Sie vergrämten mit einer handgemachten Krachklatsche die Krähen – zumindest für eine Zeitlang. Aber sie verlagern das Problem natürlich nur. Die Menschen in Leer am Garrels’schen Garten, an der Rathausbrücke zur Nesse und an der Seeschleuse leiden weiter unter den Krähen, in Weener am alten Friedhof gilt das Gleiche, um nur einige Beispiele zu nennen.

Guter Rat ist teuer. Es erscheint fast aussichtslos, und während der Brutzeit ist es sogar verboten, überall den Krähen in Wohngebieten mit Krach zuzusetzen – um sie so dorthin zu vertreiben, wo sie hingehören: Auf den Acker. Die aufdringlichen Vögel werden jedenfalls nicht kampflos das Feld räumen. Ganz so schlecht scheint die Methode Schrot doch nicht zu sein, je länger wir darüber nachdenken. Aber nach den Gepflogenheiten der geltenden Korrektheit darf das hier vermutlich gar nicht stehen.

 

 

 

VW und der Oberbürgermeister

Sonntag, April 6th, 2014

Es war eine Glücksstunde für Emden und ganz Ostfriesland, als vor 50 Jahren die Volkswagen AG mit den Bauarbeiten für eine Autofabrik auf dem Larrelter Polder begann. Wenige Monate später rollte  bereits der erste VW-Käfer vom Band, mehrere Millionen folgten.

Der Käfer ist Geschichte, aber die Fabrik blüht und gedeiht immer noch. 8600 Menschen finden dort gut bezahlte Jobs. Ihre Arbeitsstätte ist der größte Industriebetrieb zwischen Bremen und Ems. Aber das ist nicht alles: VW schlägt über Emden fast seine gesamte Ein- und Ausfuhr um. Im Autoumschlag nimmt Emden nach Bremerhaven und Zeebrügge (Belgien) den dritten Rang in Europa ein. In Zahlen: Mehr als eine Million Autos und 800 Schiffe jährlich.  Die Deutsche Bahn freut sich ebenfalls über lange Güterzüge, mit denen sie Autos von und nach Emden rollen darf.

Es gab vorige Woche also beste Gründe, sich in Emdens guter Stube, der A-Lasco-Bibliothek, zu einer festlichen Versammlung zu treffen. VW hatte eingeladen und 300 Gäste kamen. Der gesamte Vorstand mit Konzernchef Martin Winterkorn war nach Emden gejettet, auch Ministerpräsident Stefan Weil und Wirtschaftsminister Olaf Lies fanden sich ein, um nur die prominentesten Namen zu nennen.

Nur einer fehlte: Emdens Oberbürgermeister Bernd Bornemann. Nicht unentschuldigt, so dass man es ihm gar als Schwänzen hätte ankreiden können. Nein, er sagte ab wegen Urlaubs in den USA. Das finden viele Leute in Emden und anderswo nicht gut.  Manche machten ihrem Unmut Luft in den örtlichen Zeitungen.  Emder Politiker äußerten recht milde Kritik, selbst wenn es in ihrem Innern gekocht haben mag. Sie wollten wohl kein Öl ins Feuer gießen.

Man muss Bornemann zu Gute halten, dass VW den Termin mindestens einmal verschoben hat – und ein USA-Trip mit mehreren Leuten will geplant sein. Der Oberbürgermeister muss den Anlass als nicht so wichtig angesehen haben, jedenfalls hielt er eine Stornierung der Reise nicht für angemessen. Beraten lassen hat er sich offensichtlich nicht. Sonst wäre er kaum über den großen Teich geflogen, zumal der Jubiläumstermin seit November feststand.

Selbst bei viel Verständnis für Bornemanns Gründe, dem Festakt fernzubleiben: Seine Entscheidung ist falsch. Es mag nicht jedem schmecken, aber Emden und weite Teile Ostfrieslands hängen von VW ab. Da ist strategische und taktische Klugheit im Sinne eines guten Klimas angesagt. Ein Oberbürgermeister kann zwar die Faust in der Tasche ballen,  aber wenn VW-Boss Martin Winterkorn aus besonderem Anlass die Aufwartung macht, dazu den Ministerpräsidenten, den Wirtschaftsminister und ostfriesische Prominenz einlädt, bleibt ihm kaum eine Wahl: Er muss den dunklen Anzug aus dem Schrank holen und die Amtskette anlegen. USA hin, USA her. Ein Teil seines mit gut 100.000 Euro nicht schlechten Gehalts muss er als Schmerzensgeld verbuchen.