Archive for Juni, 2014

Schulschluss

Sonntag, Juni 29th, 2014

Diese Schule machte Schule. Trotzdem müssen wir hier heute ihren Abgesang anstimmen. Der Stadtrat Weener mag schlagende Gründe haben, die kleine Grundschule Stapelmoorerheide für immer zu schließen. Tatsächlich wurde die Kette, die sie hielt, immer schwächer – bis sie jetzt gerissen ist.

Ursachen liegen auf der Hand:  Im Rathaus fehlt seit Jahren das Herz für diese Schule, die Schulbehörde behandelt sie wie ein lästiges Anhängsel und ins Raster der amtlichen Schulpolitik passt sie auch nicht mehr. Langsam blutet sie über die Jahre aus und zum Schluss drückt sie als Ballast auf die Stadtkasse. Also weg damit.

In den 70er Jahren steht sie schon mal auf der Kippe.  Die Samtgemeinde Oberrheiderland ist gerade aufgelöst worden, wird 1973 Teil der Stadt Weener. 1976 kommt die CDU in Hannover ans Ruder. Ihr Kultusminister Werner Remmers nutzt die Chance, sich und seine Politik zu profilieren – mit der Schule Stapelmoorerheide als Muster. Als die Heidjer mit Demos und anderen Mitteln gegen die Schließung protestieren, reist der Minister persönlich an. Er befördert Stapelmoorerheide zum Pilotprojekt für kleine Schulen in ganz Niedersachsen.

Die Stadt Weener macht ebenfalls Nägel mit Köpfen und baut die Schule modern aus. Damals steht das Rathaus noch unter Dampf, mit dem leider viel zu früh gestorbenen Bürgermeister Ewald Dreesmann und Stadtdirektor Peter Teichmann an der Spitze.

Hauptlehrer Geerd Müller leitet die Schule. Nicht vom Schreibtisch aus. Er hat Ecken und Kanten, an denen sich der eine oder andere stößt, aber er weiß, was er will – und packt an. So richtet er schon früh an der Schule einen naturnahen Turngarten ein, den ersten weit und breit. Haltungsschäden bei den Kindern sind damals auf der Heide ein Fremdwort, und wer die Schule verlässt, beherrscht mindestens den Felgaufschwung am Reck. Heute eine Utopie. Bäume dienen zum Klettern, und die restlichen Sportgeräte schmiedet Meister Reinhard Schmidt nebenan in seiner Bude. Schüler arbeiten beim Turngartenaufbau mit.

Aber das ist nicht alles: Geerd Müller stellt den Heidjer Kinderchor Weener auf die Beine, der schnell weithin bekannt wird. 45 Jungen und Mädchen erfreuen viele Menschen mit ihrem Chorgesang. Sie treten im Fernsehen in Saarbrücken unter den acht beliebtesten Kinderchören auf, neben Größen wie den Regensburger Domspatzen oder dem Tölzer Knabenchor. Der Bruder von Papst Ratzinger klopft Chorleiter und Kindern auf die Schultern. Turngarten, Kinderchor – wer es erlebt hat, erzählt es noch den Enkeln.

Aber irgendwann geht es bergab.  Die Stadt kümmert sich nicht um eine wirksame Siedlungspolitik, die das Aus der Schule hätte verhindern können. Von der Schule selbst gehen keine Impulse mehr aus. Ende der Vorstellung.

Persönliche Anmerkung: Der Schreiber dieses Kommentars hat das ABC in der damaligen Volksschule Stapelmoorerheide gelernt und ist in dem schönen Dorf im Süden des Rheiderlandes aufgewachsen.

Gut gemeint

Sonntag, Juni 22nd, 2014

Das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint. Besser als Kurt Tucholsky mit dieser lebensnahen Erkenntnis lässt es sich kaum auf den Punkt bringen, wenn jemand in bester Absicht nur Schaden anrichtet. Jeder kennt das, weil er es fast täglich beobachten kann.

Ärgerlich ist nur, wenn der Schaden nicht schnell wieder zu beheben, sondern von Dauer ist. Sozusagen nachhaltig, um einen Lieblingsausdruck der Menschen zu benutzen, die es vielleicht gut meinen, in Wirklichkeit aber andere Leute nur erziehen wollen. Volkserzieher sozusagen.

In Leer gibt es dafür seit einiger Zeit ein schönes Beispiel. Die Stadt hat die Georgstraße – für weniger Ortskundige: Wo C&A und die Polizei zu Hause sind –  aufwändig erneuert und ihr einen neuen Verlauf gegeben. Sie will damit aber nicht nur den Verkehr anders lenken, sondern auch Volkserziehung betreiben – in diesem Fall an Autofahrern exekutiert. Dummerweise geht dies zu Lasten von Radfahrern, obwohl die Planer es gerade mit ihnen gut meinen.

Die Gutmeinenden haben den Radfahrern ihren exklusiven Radweg genommen und zwingen sie auf die Straße. Dort schreiben sie ihnen einen Weg vor, der an seiner gestrichelten Linie jeweils recht auf der Fahrbahn zu erkennen ist. Der Sinn der Übung: Autofahrer sollen langsamer fahren. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, aber hier werden Radfahrer der Gefahr ausgesetzt.

Die Straße ist relativ schmal. Bei Gegenverkehr muss der Autofahrer hinter dem Radfahrer bleiben, wenn er sich an die Vorschriften hält. Denn er kann den vorgeschriebenen Abstand beim Überholen eines Radfahrers nicht wahren. Die Praxis sieht entsprechend aus: Nicht alle Autofahrer handeln vernünftig, sondern überholen haarscharf. Wer einmal den Luftzug eines überholenden Autos an seinem linken Bein gespürt hat, weiß, wovon die Rede ist. Spätestens dann wechselt er auf den Bürgersteig.

Verkehrsexperten, allen voran der noch amtierende Bürgermeister,  haben sich vor einiger Zeit die Lage angeschaut. Sie kamen, wenig überraschend, zu dem Ergebnis, alles sei gut. Eine gestrichelte Linie auf der Fahrbahn schütze den Radfahrer sogar besser als ein Radweg, verkündeten sie dem staunenden Volk. Diese Theorie mag teilen wer will, aber wer es mit sich selbst gut meint, pfeift auf Bürgermeister und Experten und nutzt den Bürgersteig. Auch wenn er eine Ordnungswidrigkeit begeht.

Dann kann er heil und munter einige Meter später mit dem Rad kreiseln. Denn zur neuen Georgstraße gehört ein richtig teurer Kreisverkehr. Ein Witz von Verkehrsplanung. Es ist weder eine Straßenkreuzung noch eine vielbefahrene zweite Straße vorhanden. Denn die Ledastraße, die dort in die Georgstraße mündet, wird vergleichsweise wenig befahren.  Einiges deutet darauf hin, dass sie sogar bald als verkehrsberuhigte Straße ausgewiesen wird. Dann hat Leer einen Kreisel ganz spezieller Art.

Beim Tunnel fing’s an

Sonntag, Juni 15th, 2014

Besser als der Regionalrat Ostfriesland kann man sich nicht selbst ins eigene Knie schießen. Er forderte, die Bauarbeiten am Emstunnel während der Sommerferien in Nordrhein-Westfalen ruhen zu lassen – um Urlauber von Rhein und Ruhr vor dem Stau zu bewahren.

Beschlossen hatte der Vorstand dies schon Anfang April, aber nie öffentlich gemacht. Aus gutem Grund, denn der Baustopp war zwar gut gemeint, aber mit der Realität nicht zu vereinen. Warum der Regionalrat Monate später die Forderung nach einem Baustopp  doch noch an die Presse schickte, ist schleierhaft. Jedenfalls fand sie bundesweit Beachtung. So titelte Focus-Online: „Ostfriesen fordern Reparaturstopp am Emstunnel zur Urlaubszeit.“

Doch Regionalrats-Chef Hans-Dieter Haase, SPD-Landtagsabgeordneter aus Emden, musste einen peinlichen Rückzieher machen. Die Forderung sei veraltet gewesen, gab er kleinlaut zu. Was Haase nicht gefallen kann: Aus der Posse wurde ernsthafter politischer Streit. Mit der Tollpatschigkeit holte er sich eine Debatte über Sinn und Unsinn des Regionalrates an die Backe. So verlangt die FDP-Landtagsabgeordnete Hillgriet Eilers die Abschaffung.

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Meta Janssen-Kucz stößt ins gleiche Horn, geht aber klüger vor.  „Hopp oder top für den Regionalrat, die Frage muss in diesem Jahr politisch beantwortet werden“, lässt sie dem Regionalrat eine Chance. Gegenwärtig jedenfalls sei er „wirkungslos“. So ist es. Der Regionalrat mit seinen 53 Mitgliedern aus Kreistagen und dem Stadtrat Emden sowie den beratenden Landtags-, Bundestags- und Europaabgeordneten hat keine verbindlichen Kompetenzen.

Dabei hätte der Regionalrat genug zu tun. Zum Beispiel das Kirchturmdenken zu überwinden, für Ostfriesland in den Hauptstädten zu werben oder Ostfriesland-Marketing anzustoßen. Gemeinsame ostfriesische Interessen gibt es mehrere: Regionalplanung,  Krankenhäuser, Rettungswesen, Abfallbeseitigung, Wirtschaftsförderung, Hafen- und Straßenbau, Emssanierung, Tourismus  oder öffentlicher Personennahverkehr. Doch der Regionalrat ist weit davon entfernt, sie zu bündeln.

Der Zug ist abgefahren – weil der ursprünglich parteiübergreifende Plan einer Direktwahl des Regionalrates nie ernsthaft vorangetrieben wurde. Die Direktwahl wäre die Vorstufe für einen Großkreis Ostfriesland gewesen. Heute wird sich zum Beispiel der Landkreis zu Recht hüten, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden – allein wenn er sich die Schulden ansieht, die Aurich und Emden mit ihren Krankenhäusern drücken, während das Klinikum Leer schwarze Zahlen schreibt.

Die ostfriesische SPD erkennt offenbar die Lücke, die der Regionalrat lässt – und will die Zugkraft der Marke Ostfriesland nutzen. Sie startet jetzt eine offene Debatte über die Zukunft der Region und nennt sich schon mal „Die Ostfriesland-Partei“.

Bonität sitzt zwischen den Ohren

Mittwoch, Juni 11th, 2014

Aus einem Spleen wird ein gefragtes Produkt, aus einer guten Idee ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Wir reden von – meist jungen – Leuten, die tüfteln, originelle Gedanken in Produkte oder Dienstleistungen umsetzen. Kurz, die etwas machen, ohne von vornherein unbedingt ans große Geld zu denken.

Manche wissen es selbst nicht, aber sie sind Treiber der Wirtschaft. Große Unternehmen schaffen auch Innovationen, aber längst nicht immer und nicht genug. Zu oft fahren sie auf eingefahrenen Gleisen. Die Wirtschaft braucht aber stetigen frischen Wind, sie braucht letztlich die schöpferische Zerstörung, um neues Wachstum zu erreichen.

Anstöße dazu kommen oft von jungen Firmengründern mit innovativen Geschäftsideen. Erneuerungen sind die Motoren der Wirtschaft, ohne sie geht es nicht voran. Das gilt für alle Branchen, ob jung oder alt. Besonders gilt es für die digitale Technik, die Gründern voll in die Karten spielt. Sie öffnet ihnen manche Chancen. Musterbeispiele sind Enercon in Aurich und ELV in Leer, beide von einst jungen Gründern auf Champions- und Bundesliga-Niveau gehievt.

Erst allmählich setzt sich in den Köpfen von Politik, Wirtschaft und Bevölkerung der Wert von Gründern für die Allgemeinheit fest. Aber auch der Unternehmergeist ist nicht sonderlich ausgeprägt. Der Gründerreport 2013 der IHK für Ostfriesland weist einen Tiefstand bei Existenzgründungen auf.

Dieser allgemeine Mangel hat sich mittlerweile bis Berlin herumgesprochen. So beschäftigt sich Kanzlerin Merkel in einem ihrer jüngsten wöchentlichen Video-Podcasts ausführlich mit dem Thema Firmengründungen. Sie bringt günstigere Steuern für Gründer ins Gespräch und mahnt eine neue gesellschaftliche Akzeptanz von Gründern an. Dazu gehört auch, ein Scheitern nicht als Untergang zu betrachten. Gründer verdienen eine zweite und dritte Chance. Wie übrigens in den USA.

Der Kanzlerin Wort in das Ohr von Immobilienbesitzern, die Gründern ungern einen Gewerberaum verpachten. Und Banker machen Gründern den Zugang zu Fremdkapital schwer. Sie sprechen oft eine andere Sprache als Gründer, denken in anderen Kategorien. Es leuchtet eben nicht jedem Banker oder Hausbesitzer ein, dass die Bonität von Gründern zwischen den Ohren sitzt – in Form von Geschäftsideen, und nicht in dicken Konten.

Der Unternehmensberater Jürgen Brüna aus Rhauderfehn kennt das Problem. Er hat deshalb den Gründerpreis Nordwest ausgelobt, der dieser Tage erstmals in Leer verliehen wurde. Preise gab es für Lösungen, wie man nicht standardisierte Ladungen auf Seeschiffen befestigt, für Katalysatoren in Biogas-Anlagen, für originelles Tischlerhandwerk, für besondere Kinderkrankenpflege und für ein einfaches, aber überzeugendes Mittagsrestaurant. Immerhin 68 Unternehmen beteiligten sich am Wettbewerb. Ein guter Beitrag, um hierzulande ein positives Gründungsklima zu schaffen – und ein Mutmacher für Frauen und Männer, sich selbstständig zu machen.