Archive for Juli, 2014

Die Wahrheit ist untödlich

Sonntag, Juli 27th, 2014

Auch Kirchenleute sind von dieser Welt. Und so zetteln sie wie alle Normalsterblichen mal mehr, mal weniger Unsinn an. Manche mögen es bedauern, aber zum Glück drückt heute nicht mehr die Bürde weltlichen Regierens ihre Schultern, was unzähligen Menschen viel  Verdruss,  etlichen  das Leben gekostet hat – nur weil sie nicht auf Linie der geltenden Lehre waren.

In drei Jahren steht der 500. Jahrestag der Reformation ins Haus. Er beschert uns am 31. Oktober 2017 vermutlich einen arbeitsfreien Tag, so dass man sich gar nicht genug solche  Gedenktage wünschen kann. Emden, immerhin anerkannte Reformationsstadt,  rüstet sich schon jetzt fürs Jubiläum – und feiert nicht nur die großen Taten von Luther, Calvin und Zwingli, sondern leuchtet auch Schattenseiten der Reformation aus.

So betreiben seit Freitag theologisch beschlagene Leute kritische Nabelschau. Die Johannes-a-Lasco-Bibliothek, die Emder Mennoniten, das Ostfriesische Landesmuseum und die Universität Oldenburg rufen auf zu einer Veranstaltungsreihe mit  einer wissenschaftlichen Tagung und drei Ausstellungen. Das zentrale Thema hat fast lyrischen Klang: „Die Wahrheit ist untödlich – Martyrium und Protestantismus“.

Mit den Märtyrern sind vor allem Wiedertäufer gemeint, aber auch ihnen nahe stehende Quäker. Glaubensnachfahren sind die Mennoniten. Luther wollte ihnen massiv an den Kragen, gar den Hals umdrehen. In Emden jedoch fanden verfolgte Wiedertäufer Unterschlupf. Aber wohlgelitten waren sie nicht. Der reformierte Kirchenrat, damals identisch mit dem Magistrat, hat sie eher behandelt wie Verbrecher. Den Rechtgläubigen im Rathaus missfiel, dass die Wiedertäufer den Hut nicht vor ihnen zogen – weil deren  Glaube solche Ehrbezeugungen vor der Obrigkeit untersagt.

Ein Fachmann in dieser Angelegenheit ist der reformierte Pastor  Walter Schulz, ehemaliger Direktor und geistiger Vater der Johannes-a-Lasco-Bibliothek. Die Reformierte Kirche mit Sitz in Leer liegt mit ihm total über Kreuz. Man trifft sich seit Jahren vor Gericht. Eine Begleiterscheinung ist ein Hausverbot für Schulz in „seiner“ Bibliothek, die einst den Reformierten gehörte, heute der EKD.

Schulz sollte jetzt während der Tagung in der Bibliothek sein profundes Wissen über die Wiedertäufer in Emden vortragen. Doch die Reformierte Kirche, ganz in der Tradition ihrer Glaubens-Vorfahren, sorgte mit massiver Einflussnahme für ein Redeverbot. Nun ist Schulz kein Märtyrer, aber das Verhalten der Kirchenoberen aus Leer erinnert an das Verhaltensmuster des 16. Jahrhunderts. Selbst ein Kurzzeit-Asyl für einen Vortrag sprengt offensichtlich die  Toleranzgrenze.

Der Vorgang passt zum Thema. Er belegt, dass die Wahrheit untödlich ist. Die Emder Mennoniten jedenfalls öffnen Schulz die Pforten ihrer Kirche. Er darf dort, ausdrücklich außerhalb der Tagung, am 31. Juli seinen Vortrag über die Verfolgung der Quäker in Emden halten.

Die Macht der Sprache

Sonntag, Juli 20th, 2014

Die Hochschule Emden-Leer hat Großes vor: Sie will Ostfriesland gemeinsam mit der Wirtschaft, den Landkreisen und Kommunen zur Modellregion für innovative Technologien aufblühen lassen. Ins Auge fasst sie dabei kleine und mittlere Firmen, die sich mit dem Wissen der Hochschule gründen und ansiedeln.  Im Kern steckt dahinter die Sorge, dass die Hochschule zu sehr schrumpfen wird, weil zu wenige Kinder geboren werden und somit auch die Studentenzahl sinkt.

Die Hochschule bringt alle Voraussetzungen für einen Erfolg mit, weil Schwerpunkte ihrer Lehre und Forschung in nachhaltiger Technologie, industrieller Informatik und Automatisierung liegen – allesamt Schlüsselbegriffe einer zukunftsträchtigen Wirtschaft.

Der Plan hat nur einen Nachteil: Sein Name „Green Tech Ostfriesland“. Er lenkt in die falsche Richtung, wie auch der Name des gleichzeitig geplanten  „Zentrums für Grüne Technologien und Gesellschaft“ an der Hochschule. Der normale mittelständische Unternehmer denkt dabei höchstens an Windkraft, aber mehr noch an Müsli und vegetarische Vorschriften. Das jedoch würde den Plan vernichten, weil ihm die nötige umfassende Unterstützung fehlte.

Wir kommen zur Macht der Sprache. Ökologen, gesellschaftspolitische Träumer und wirtschaftspolitisch Einäugige haben beim Begriff „Green“  die Deutungshoheit gewonnen. „Green“ verbindet sich im Kopf vieler Menschen nur noch mit ökologischer Nachhaltigkeit.  Wer bringt zum Beispiel eine Firma, die sich über Generationen hält, mit Nachhaltigkeit in Verbindung?

Nachhaltig verkommt zu einem Modewort, das den Kern des Begriffs zertrümmert.  Denn korrekt  steht es für ein Dreieck, das „ökologisch, wirtschaftlich und sozial“ heißt. Ganz wichtig: Alle Seiten dieses Dreiecks sind gleich lang. Wer es sprengt und der Ökologie den Vorrang einräumt, untergräbt auf Sicht die wirtschaftliche und soziale Stabilität.

Die Hochschule springt deshalb zu kurz mit dem grünen Namen. Auf Wissenschaft sollte sie sich dabei nicht berufen. Der Grundgedanke der „Grünen Wirtschaft“ ist längst weiterentwickelt durch die „Blue Economy“, hergeleitet vom Blau des  Himmels, der Ozeane und des Planeten. Es ist ein Konzept, das die Ökosysteme schützt und zugleich neue Arbeitsplätze schafft. Blue Economy versteht Emissionen und Abfälle als fehlgeleitete Ressourcen, der Abfall des einen Produkts bildet das Ausgangsmaterial des neuen – eine Wirtschaftsweise, die ihre sozialen, ökonomischen und ökologischen Grundlagen immer wieder neu erzeugt.

Blue Economy entspricht nicht dem grün-romantischen Bild kleiner regionaler Selbstversorgergemeinschaften, in denen es nur gemeinwohlorientierte und selbstlose Unternehmen gibt. Es akzeptiert, dass unsere Wirtschaft komplex, arbeitsteilig und international verflochten ist. Mikrotechnologie spielt darin eine große Rolle.

„Green Tech Ostfriesland“  jedoch setzt im Kopf ein Kino in Gang, das die Hochschule in dieser Form vielleicht gar nicht sehen möchte.  Aber das macht die Sprache – die Macht der Sprache.

 

Aus dem Alltag einer Schule

Sonntag, Juli 13th, 2014

Schulleiter reden ihre Schulen gern schön. Drogen ? Mobbing? Vielleicht in der Großstadt, doch nicht hier. Probleme mit ausländischen Kindern? Da müssen sie nach Neukölln oder Duisburg gehen, bei uns ist alles gut. Standard-Antworten, die jeder Reporter kennt, wenn er sich um diese Themen kümmert.

Probleme zu leugnen – meistens aus Sorge um das Ansehen der Schule oder um lästigen Fragen der Schulaufsicht auszuweichen. Das mag sogar verständlich sein, den Problemen kommt man so aber nicht an die Wurzel.

Eine rühmliche Ausnahme bildet Grete Amelsberg. Die Leiterin der Gutenberg-Hauptschule in Leer beweist Courage und legte bei der Abschlussfeier für je zwei neunte und zehnte Klassen den Finger in tiefe Wunden. Öffentlich, die Zeitung war dabei.

Als erfahrene Pädagogin lobte sie die Schüler, die sich aktiv beteiligt, angestrengt und in Projekten ihre soziale Kompetenz bewiesen hätten. Es ist also nicht Hopfen und Malz verloren. Dann listete sie die Probleme auf – wie sie ähnlich an vielen Schulen auftreten. Grundsätzlich gilt: Leer ist überall.

Vielen  Schülern ist die Schule schnurzegal. Schlimmer: Ihren Eltern. Anders ist nicht zu erklären, dass von 70 Absolventen nur 50 zur Abschlussfeier kommen. Untermauert wird dies durch die Fehlzeiten: Im Schnitt schwänzt ein Neuntklässler fünf und ein Zehntklässler sechs Wochen im Jahr die Schule, wie Grete Amelsberg ausgerechnet hat. Nicht verschwiegen werden soll, dass einige Schüler jeden Tag da waren.

Zur Schilderung passt, was ein ehrenamtlicher Pate für Schüler aus schwierigen Familienverhältnissen in Norden erlebte: Er hatte einem Schüler ein Praktikum bei einer angesehenen Firma vermittelt. Ein Mitarbeiter holte ihn morgens zu Hause ab und brachte ihn abends zurück – aber nur zwei Tage, dann hatte der Schüler keine Lust mehr. Als der Pate die Eltern darauf ansprach, wussten sie nicht mal vom Praktikum ihres Sohnes.

An der Gutenberg-Schule hat es nach Aussage der Leiterin „sehr viele Klassenkonferenzen und Schulverweise gegeben“. Nicht zuletzt wegen Cyber-Mobbing. Cyber- oder auch Internet-Mobbing heißt, dass Schüler über einen Mitschüler per sms hinter dessen Rücken anonym ein Gerücht in die Welt setzen. Oder sie  filmen ihn mit dem Handy und stellen die Aufnahmen von entwürdigenden oder gewalttätigen Szenen ins Netz. Auch Lehrer zählen zu den Opfern.

Man muss kein Hellseher sein, um diesen Problemkindern eine steile Hartz-IV-Karriere vorherzusagen. Lösungsansätze hängen eng mit frühkindlicher Bildung und verbindlichen Ganztagsschulen zusammen – für die schwierigen Fälle kombiniert mit konsequenter Sozialarbeit. Der Staat muss ausuferndes Schulschwänzen systematisch bekämpfen. Das ist unbequem und teuer. Aber immer noch billiger, als einen Menschen von der Wiege bis zur Bahre mit Sozialhilfe durchzufüttern, nur weil er als Kind und Jugendlicher nichts gelernt hat.

Vom Lied des Kaufmanns

Sonntag, Juli 6th, 2014

Die Klage ist das Lied des Kaufmanns, weiß der Volksmund. Auch die Kaufleute in Ostfriesland singen gerne mit, und viele Chefs in Industrie und Dienstleistung stimmen ein. So dieser Tage auch Wilhelm-Alfred Brüning, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Ostfriesland und Papenburg. Er kritisiert die Städte und Gemeinden für ihre Steuerpolitik.

Steuerpolitik in Kommunen heißt vor allem Gewerbesteuer. Und hier hat in diesem Jahr tatsächlich jede fünfte der 64 Kommunen in Ostfriesland und im nördlichen Emsland hingelangt und die Hebesätze für die Gewerbesteuer um bis zu 50 Punkte erhöht. Der Hebesatz bestimmt, wie viel Gewerbesteuern ein Betrieb bezogen auf seinen Gewinn zahlen muss. Ist die Klage des IHK-Präsidenten also berechtigt?

Richtig ist, dass die Steuern sprudeln wie selten zuvor – dank der schon längere Zeit brummenden Wirtschaft.  Trotzdem sind viele Städte und Gemeinden klamm – weil der Staat, in diesem Fall das Land und der Bund – die Kommunen seit Jahren bei der Verteilung der Steuereinnahmen unter einem Arm verhungern lassen. Die Kommunen sind unterfinanziert. Neben den Grundsteuern A und B ist die Gewerbesteuer eine ihrer wenigen direkten Einnahmen, von denen sie dem Bund aber auch noch einen Teil abgeben müssen.

Der Gewerbesteuer-Hebesatz im Landkreis Leer liegt durchschnittlich bei 334 Prozentpunkten, in Niedersachsen bei 362 und im Bund bei 350. Weener, Bunde und Jemgum halten sich mit 330, 320 und 310 etwas zurück, während die Stadt Leer mit 370 Prozentpunkten deutlich mehr verlangt, mehr als Papenburg mit 345. Eindeutig den Vogel schießt in Ostfriesland die Stadt Emden mit 420 Prozentpunkten ab.

Um sich eine Vorstellung zu machen: In Emden zahlt ein Unternehmen bei einem Gewerbeertrag von 100.000 Euro immerhin 14.700 Euro in die Stadtkasse. In Leer würde dieses Unternehmen mit 12.950 Euro zur Kasse gebeten, während es in Jemgum mit 10.850 Euro davonkäme. Weener würde 11.550 und Bunde 11.200 Euro einziehen.

Diese Zahlen beweisen: Die Gewerbesteuer ist ein Wettbewerbsfaktor zwischen Kommunen bei der Ansiedlung von Betrieben. Den Rathäusern bleibt – neben guter Wirtschaftsförderung und kluger Grundstückspolitik – nur der Gewerbesteuersatz. Doch diesen Wettbewerb scheuen viele Kommunen. Und dummerweise  werden ausgerechnet arme Kommunen von der Kommunalaufsicht gezwungen, Steuersätze voll auszureizen. Obwohl niedrige Steuern ein Lockmittel für Betriebe sind.

Es ist kein Zufall, dass die Gewerbegebiete in Soltborg und Nortmoor bis zum Anschlag belegt sind – bei Hebesätzen von 320 und 310 Punkten. Die Nähe zur Autobahn spielt natürlich eine große Rolle, aber sie allein ist es nicht. Die Frage ist, warum sich die Kommunen nicht auf einen gemeinsamen günstigen Hebesatz einigen. Und damit gemeinsam werben. Gewerbesteuer-Oase Landkreis Leer – es gibt schlechtere Argumente.