Archive for September, 2014

Meyers Kunst

Sonntag, September 28th, 2014

Nur mit Mühe und hochklassiger Präzisionssteuerung schlich die „Quantum oft the Seas“ dieser Tage durch die Kurven der Ems von Papenburg zur Nordsee. Tausende Menschen an den Ufern bestaunten das drittgrößte jemals gebaute Kreuzfahrtschiff – erneut eine technische und logistische Meisterleistung der Meyer-Werft.

Das Kriechtempo des Schiffes sagt jedoch auch Laien: Viel größer, wenn überhaupt, geht’s an der Ems nicht mehr. Hier hat Meyer das Ende der Fahnenstange fast erreicht. Doch damit ist die Werft, die über mehrere Jahre aufgelastet ist, nicht mit ihrem Latein am Ende.

Bereits vor einigen Wochen gab sie bekannt, als Mehrheits-Eignerin  bei der kriselnden  finnischen STX-Werft einzusteigen. Der Handel ist mittlerweile unterschrieben. Meyer schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Er wappnet sich für den Bau von noch größeren Kreuzfahrtriesen, der in Papenburg nicht mehr möglich wäre.

Und sorgt mit dem Einstieg in Finnland für eine Pointe, wie sie im Wirtschaftsleben nicht alltäglich ist:  Meyer hält bewusst viele Zulieferer am Leben, aus Eigennutz. Denn ginge die STX-Werft Pleite, bestünde die Gefahr, dass sie Zulieferer mit in die Tiefe risse. Dann säße Meyer auf dem Trockenen. Der Grund: Neben Meyer und den Finnen bauen in Europa nur noch zwei, drei Werften in Italien und Frankreich große Luxusdampfer. Bricht eine von ihnen zusammen, fehlt Zulieferern die Nachfrage.

Die Papenburger sichern mit dem Finnland-Geschäft die gesamte Wertschöpfungskette im Kreuzschifffahrtsbau. Anders gesagt: Sie ziehen sich an den eigenen Haaren aufs Trockene – bevor sie in einen Sumpf geraten.

Meyers Ruf als Schiffbauer wurde nicht nur durch die „Quantum oft he Seas“, sondern jüngst indirekt auch durch den Weltkonzern Mitsubishi gestärkt. Die  Japaner hatten Meyer den Auftrag für den Bau von zwei Aida-Schiffen abgejagt – weil sie billiger waren.  Doch mittlerweile wissen wir: Sie können’s nicht. Mitsubishi erweist sich als überfordert und überschreitet den Ablieferungstermin um mindestens ein halbes Jahr – bei Meyer kann man die Uhr nach diesem Termin stellen.  Er dürfte wieder im Rennen sein, wenn die amerikanische Carnival-Reederei  weitere  Aida-Aufträge vergibt.

Kreuzfahrtschiffe zu bauen ist sehr kompliziert, nur eine Top-Werft bekommt es hin. Fachleute vergleichen den Bau eines Riesentankers und eines Luxusliners mit dem einer Garage und eines unterirdischen Bahnhofs. Die Kunst ist zum Beispiel,  das Schiff trotz geringen Tiefgangs bei hohem Schwerpunkt stabil zu halten. Neben Stabilisatoren, die unter Wasser ausklappbar sind,  helfen dabei unten dicke, in der Mitte jedoch dünne Stahlplatten, und oben sind die Decks und Aufbauten aus leichtem Aluminium.

Außerdem entscheidet eine ausgefeilte Logistik, ob ein Schiff pünktlich fertig wird. Meyer setzt bei einem Schiff bei engem Zeitplan mehr als 100 Zulieferer ein, die perfekt Hand in Hand arbeiten müssen. Wer mal ein Häuschen gebaut hat, weiß, wie schwierig das ist:  Selbst Handwerker von nur zwei, drei Firmen treten sich gegenseitig auf die Füße – wenn nicht alles genau geplant wird.

Der Stau – was wäre wenn…

Sonntag, September 21st, 2014

Alle reden vom Stau im Landkreis Leer. Wir auch. Aber nicht aus der aktuellen Perspektive. Die spricht für sich und bedarf keines Kommentars. Nein, wir knipsen den Rückfahrscheinwerfer an und  leuchten in Ecken der vergangenen 20, 30  Jahre.  Und stellen fest: Ein Rückblick lässt bemerkenswerte Rückschlüsse auf die Gegenwart zu.

Der Stillstand dieser Tage stellt  die Geduld vieler Menschen auf eine harte Probe. Wer sich im Stau jedoch die Zeit vertreiben will, kann die Gedanken spielen lassen und sich  auszumalen, wie es denn wäre, wenn…… Ja, wenn es damals in den 80-er Jahren  den  Autobahngegnern gelungen wäre, mit  ihren zähen Protesten die Autobahnplanung zu torpedieren  – wir stünden nicht nur in diesen  wenigen Wochen im Stau, nein, der gesamte Landkreis Leer wäre praktisch ein Dauerstau.

Die Grünen im Kreistag setzten alle Hebel in Bewegung, die SPD, mit der sie eine Gruppe bildeten, zu einem Nein zur Autobahn zu drängen. Sie schalteten auch ihre einflussreichen Spitzenleute in Bonn und Hannover ein – und im Landkreis sammelten grüne und grün angehauchte Aktivisten fleißig Unterschriften gegen die Autobahn. Der damalige Verkehrsminister Dollinger verstand bei einem Besuch in Leer die Welt nicht mehr, als ihm ein Wortführer eine dicke Unterschriftenmappe gegen die dringend benötigte Autobahn  in die Hand drückte.

Doch die großen Parteien und ihre damaligen Spitzenleute wie die Bundestagsabgeordneten Seiters, Tietjen und später Robbe setzten durch, dass die A31 in den Ausbauplan der Regierung kam. Der Kelch ging an Ostfriesland vorüber. Die einen oder anderen grünen  Autobahngegner sitzen übrigens noch  heute in den Räten. Nur dass ihr Gegner und der ihrer Geschwister im Geiste nicht mehr Autobahn, sondern Emsvertiefung und Meyer  heißt.

Ende der 80-er war der Tunnel fertig,  nach und nach wuchs die Autobahn. Aber es stockte irgendwann. Anfang 2000 hieß es dann aus Berlin, dass mit dem Lückenschluss der A 31 im Emsland nicht vor 2015 zu rechnen sei. Der Bund hatte kein Geld mehr, weil er das meiste in die frühere DDR stecken musste. Die A 31 als Gesamtprojekt drohte auf der Strecke zu bleiben. Vermutlich wäre die Lücke nie geschlossen worden, zumindest  wären noch keine Bagger angerollt.

Doch dann kam „Tullum“. Der Unternehmer Roelf Trauernicht aus Großefehn („Trauco“) setzte eine beispiellose Initiative in Gang und brachte Privatleute, Unternehmen, Kommunen, Landkreise und benachbarte Provinzen der Niederlande dazu, 105 Millionen Euro zu spenden. Niedersachsen gab 120 Millionen, der Bund musste nur noch 195 Millionen zuschießen.

Bereits 2004 war die Autobahn komplett fertig. Kanzler Schröder gratulierte mit „Hut ab“ – und „Tullum“, heute schon über 90, gebührt ewiger Dank und gerne auch ein Denkmal.

 

 

 

 

Ein ganz schlechter Zug von der Bahn

Sonntag, September 14th, 2014

Wer regelmäßig mit dem Zug fährt, kann ein garstig‘ Lied davon singen. Immerhin: Bahnfahren härtet ab – gegen alle möglichen Unzulänglichkeiten und Missgeschicke des Alltags.

Im Winter bricht die Heizung zusammen, bei Hitze die Klimaanlage, die wiederum bei Normalwetter vor allem im teuren ICE die Passagiere in Pullover oder Mäntel pustet. Verspätungen sind an der Tagesordnung, und in ländlichen Gegenden muss der Lokführer gefühlt an jedem zweiten Bahnübergang halten und kontrollieren, ob die Schranken unten sind, weil das Kontrollinstrument veraltet ist und seinen Geist aufgibt.

Die angezeigte Zugreihung stimmt oft nicht, das Reservierungssystem kollabiert, Waggons sind uralt und Sitze ausgesessen. Das Bistro hält nur Kaltgetränke vor, weil das Kaffeewasser aus oder die Maschine  kaputt ist. Verspätungen werden neuerdings nicht mehr als Verspätung, sondern als Verlängerung der Fahrzeit durchgesagt. Loks müssen die Geschwindigkeit drosseln, weil Schienen und Brücken marode sind.

Eine Krönung erfährt das Elend gegenwärtig in Leer. Dort will die Deutsche Bahn ihren Bahnhof sanieren und erneuern. Vor einigen Monaten begann sie mit dem Millionen-Projekt. In diesem Herbst sollte alles fertig sein. Es begann vielversprechend. Arbeiter rissen die Bahnsteige auf und die Dächer entlang der Gleise ab. Sie legten Bahnsteige höher und pflasterten sie ungefähr zur Hälfte – dann wurde der Bau gestoppt. Seit Wochen gleicht der Bahnhof einem Torso.

Der Grund: Baufachleute unterschätzten die Vibrationskraft schwerer Bohrer in der Erde, die dafür sorgten, dass beim Bohren im Tunnel in einem Imbissgebäude nebenan das Inventar verrückt wurde. Seitdem ist Schicht im Schacht – und sie suchen bisher vergeblich einen Rat. Zu allem Unglück stellte die Bahn plötzlich und überraschend fest, dass der uralte Wetterschutz an den Bahnsteigen unter Denkmalschutz steht. Jetzt überlegen Experten,  was zu tun ist, damit der Denkmalschützer nichts zu meckern hat. Das kann dauern.

Reisende stehen seitdem im Regen und bald in Sturm, Hagel und Schnee. Ihre Koffer können sie nicht rollen, sondern müssen sie schwer tragen, weil deren Räder  nicht mit dem Kies-Sand-Split-Gemisch kompatibel sind. Von verdreckten, verstaubten oder durchnässten Schuhen, je nach Wetterlage, gar nicht zu reden.

Das Transportband im Tunnel ist bereits unwiederbringlich abgebaut worden. Darunter leiden besonders alte, gebrechliche, behinderte oder nicht so stabile Fahrgäste, die ihr Gepäck jetzt treppab, treppauf schleppen müssen, ohne dass die Bahn die versprochene Hilfe leistet. Kurzum: Der Zustand ist ein ganz schlechter Zug von der Bahn. Sie sollte sich schämen.

Schulweg: Kiss and go

Sonntag, September 7th, 2014

Am liebsten würden manche Eltern ihre Kinder bis ins Klassenzimmer bringen. Dabei natürlich dem kleinen Kaiser oder der Prinzessin den Ranzen tragen. Der Schuljahrsbeginn nächste Woche wird es besonders vor Grundschulen wieder an den Tag bringen: Sehr viele Eltern, überwiegend Mütter, bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule statt sie zu Fuß gehen zu lassen.

Morgens und mittags entsteht vor Schulen ein kleines Chaos. Verstopfte Straßen, auf Bürgersteigen parkende oder wild wendende Autos, Gehupe, drängelnde und zwischen Autos herumwuselnde Kinder. Besonders schlimm ist es bei Regen, weil nicht wenige Eltern glauben, ihre Kinder seien aus Zucker. So manche Beobachter der Szene schütteln über das Geschehen vor Schulen schon seit langem den Kopf – nicht nur, weil es für Kinder viel gesünder wäre, ein paar Schritte zu gehen, sondern weil Eltern unfallträchtige Situationen provozieren.

Dieser Eindruck trügt nicht, wie jetzt wissenschaftlich erwiesen ist. Die Universität Wuppertal hat im Auftrag des ADAC 750 Grundschulen unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Je weniger Eltern ihren Nachwuchs zur Schule chauffieren, desto weniger werden Kinder verletzt.  Deshalb raten die Forscher, rund um Schulen ein Halteverbot von 200 bis 300 Metern zu erlassen. Das kann dann Folgen haben wie in Wülfrath. Das dortige Rathaus sah angesichts der Massen von Elterntaxis keinen anderen Ausweg mehr, als „Kiss-and-go-Zonen“ auf erreichbaren Parkplätzen einzurichten – für Eltern, die vom Transport ihrer Kinder nicht lassen wollen. Kiss and go: Kinder steigen aus, bekommen von den Eltern einen Kuss und gehen die letzten 300 Meter zu Fuß.

Im Auto leben Kinder laut Statistik nicht ungefährlich. Bei reinen Schulwegunfällen waren doppelt so viele Kinder in Autos betroffen als Schüler zu Fuß. Und Fahrrad fahrende Kinder verunglücken überwiegend in der Nähe der Schulen – wegen der Elterntaxis. Wer sein Kind aus Angst vor Unfällen, aus Bequemlichkeit oder Gewohnheit im Auto zur Schule kutschiert, gefährdet diese im schlimmsten Fall selbst.

Fachleute empfehlen Eltern,  mit ihren Kindern das richtige Verhalten im Verkehrsalltag  zu üben – und sie dann zur Schule gehen oder radeln lassen. Wie bei manchem anderen Bildungsthema wird auch Verkehrserziehung immer öfter zur Elternerziehung. Viele Väter und Mütter verkennen, dass man Kinder weder vernachlässigt noch in Lebensgefahr bringt, wenn man sie nach sorgfältiger Anleitung allein gehen lässt.

„Zu Fuß zur Schule“ heißt deshalb  eine Initiative des Deutschen Kinderhilfswerks und des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). „Die meisten Kinder finden es langweilig, mit den Eltern zur Schule zu kommen“, sagt das Kinderhilfswerk. Allerdings lassen sich manche Eltern nicht beirren, ihre Kinder überzubehüten. Darauf deuten Schilder mit Kindern hin, die an Eingangstüren von  Grundschulen zu finden sind: „Liebe Eltern, ab hier schaffen wir das allein.“