Archive for Oktober, 2014

Sicherheit mit Gewalt

Sonntag, Oktober 19th, 2014

Ausgelassene Stimmung, Tanz auf den Tischen, es geht hoch her, junge Leute feiern ausgelassen Gallimarkt – bis das Geschehen aus dem Ruder läuft. Sicherheitskräfte sind der Lage nicht gewachsen und schlagen einen jungen Mann aus Jemgum krankenhausreif.  Zeugen sprechen von „Schlägen und Tritten ohne Ende“. Über die Schuldfrage wird ein Richter urteilen.

Der Vorfall auf dem Gallimarkt wirft erneut ein Schlaglicht auf eine Branche, die Sicherheit vorgibt, aber nicht im besten Ruf steht. Sie über einen Kamm zu scheren, wäre ungerecht. Aber von dem einen oder anderen schwarzen Schaf in einer sonst weißen Herde zu reden, würde der Sache auch nicht gerecht.

Sicherheitsdienste haben Hochkonjunktur. Keine öffentliche Veranstaltung, keine Disco kommt ohne sie aus. Private Sicherheitskräfte, neudeutsch gern „Security“ genannt, bewachen sogar Kasernen oder Behördenhäuser. Diese sind aber selten das Problem. Haarig wird es eher bei öffentlichen Festen, Jahrmärkten, Rockkonzerten oder eben in Discos, die heute Clubs heißen.  Fest steht natürlich, dass man für die Security keinen Klosterschüler einstellen kann. Denn nicht immer ist die Kundschaft friedlich, und fast immer ist viel Alkohol im Spiel.

Security-Kräfte bei Massenveranstaltungen schrecken in der Regel erst einmal ab allein wegen ihrer Muskeln wie aus Eisen und Oberarme dick wie mittlere Baumstämme. Der meist kahl rasierte Kopf sitzt auf einem bemerkenswert breiten Nacken. So weit, so gut. Das Dumme daran ist nur, dass diese Männer vorrangig ihre unbändige Kraft gerade dann einsetzen, wenn etwas anderes gefordert ist: Menschen zu beruhigen, Provokationen zu überhören, den Druck aus dem Kessel zu lassen – und wenn es dann doch aus dem Ruder läuft, die Polizei zu rufen.

Aber auf Entspannung werden Security-Kräfte gar nicht oder zu wenig ausgebildet. Sie sind im  Konflikt schlichtweg überfordert und regeln ihn deshalb auf ihre Art: mit bisweilen roher Gewalt, mit Tritten und Hieben. Im Extremfall lassen sie Frust und Hass an den armseligsten Menschen aus, an Kriegsflüchtlingen, wie jetzt in Heimen in Nordrhein-Westfalen.

Schlechte Ausbildung, persönliche Überforderung – eine gefährliche Mischung. Pauschal lässt es sich nicht behaupten, aber viele Security-Kräfte haben mit sich selbst genug zu tun, leben eher am Rand der Gesellschaft. Diese Menschen für Sicherheit sorgen zu lassen ist ein Widerspruch in sich. Eine Schande obendrein.

Grundlegende Besserung ist kaum in Sicht. Die Sicherheits-Branche boomt, die Nachfrage ist riesig. Aber es mangelt an geeigneten Fachkräften. Wer will schon nachts als Security arbeiten, wenn er einen anderen Job bekommen kann?

Ostfriesland-Schau – sie siecht dahin

Sonntag, Oktober 12th, 2014

Totgesagte leben länger – aber ewiges Leben ist ihnen nicht beschieden. Das gilt auch für die Ostfriesland-Schau in Leer, einst ein Großereignis.  „Jüst dat, wat elk sehn mutt“ – so lockte einst auf  Plakaten die biedere Ostfriesen-Maid mit der Teekanne die Massen zu einem Besuch.

Das Logo hat die Stadt Leer vor einigen Jahren modernisieren lassen – aber die Hülle verspricht mehr, als die Messe halten kann.  „Nix Neeis, elke  Jaar dat Sülvige“, sagen die Leute – dieser Eindruck hat sich – nicht von ungefähr – in den Köpfen festgesetzt. Dagegen kommt auf Dauer kein Marketing an. Mundfunk ist stärker als Rundfunk, wissen Reklame-Leute.

Einst passierten 180.000 Menschen die Messe-Tore. Diesmal will die ausrichtende Firma  80.000 gezählt haben, was aber Leute, die dort waren, als sehr kräftig getrommelt einstufen.  Auch ausstellende Firmen reden ihr Geschäft öffentlich nicht schlecht. Aber zufrieden sind die wenigsten – abgesehen von Direktverkäufern, die Schuhcreme, Staubsauger,  Haushaltsgeräte oder süßen Wein verkaufen.

Auch der Teeumsatz dürfte gut gewesen zu sein. Kein Wunder, denn viele Besucher kommen nur, um alte Bekannte zu treffen oder weil es eben Tradition ist. Das ist in Ordnung, aber nicht Sinn einer Messe, deren Zuschuss ja nicht unter Soziales im Haushalt der Stadt Leer auftaucht, sondern unter Wirtschaftsförderung.

Der weitaus größte Teil der Leeraner Wirtschaft dreht der Messe schon seit Jahren den Rücken zu, auch die Rheiderländer haben sich zurückgezogen. Der Weltkonzern VW bietet nur ein Minimalangebot – weil sich mehr nicht lohnt. Andere kommen gar nicht. Und die Informationstechnologie macht sich rar, was schon mal erklärt, warum junge Leute sich nicht blicken lassen. Die Ostfriesland-Schau siecht dahin. Die Zeiten haben sich geändert, die Menschen informieren sich mehr und mehr im Internet, attraktive Hinkucker und Zugpferde fehlen. Dem  Zuspruch abträglich ist, dass die Stadt die Schau zeitlich vom Gallimarkt gezerrt hat. Es fehlt seit Jahren  ein modernes Konzept. Ein bisschen Stand- und Zeltkosmetik reicht nicht. Es muss etwas sein, was die digitalen Medien nicht können.

Da kommt im nächsten Frühjahr die Leerkraft-Messe wie gerufen. Sie geht  in den Berufsbildenden Schulen an den Start und könnte eine Lücke schließen. Zwei Tage präsentieren sich das Handwerk und andere Branchen. Nicht nur mit Produkten.

Alles dreht sich um Energie & Kommunikation, Handwerk, Mobilität und Bildung. Eine Ausbildungsplatzbörse, offener Unterricht in allen Fachklassen, Fachvorträge und Foren runden das Programm ab. Was bedeutet die Energiewende für mein Haus, für meine Wohnung? Wie sieht Mobilität auf dem Lande künftig aus? Welcher Beruf ist der richtige für mich? Das sind nur einige der Fragen, auf die Jung und Alt eine Antwort suchen. Ziel ist das persönliche Gespräch zwischen Dienstleistern und Verbrauchern und die Vernetzung aller Beteiligten.  Ein vielversprechendes Konzept. Überspitzt gesagt: Die neue Ostfriesland-Schau heißt Leerkraft-Messe.

An der falschen Emsseite

Sonntag, Oktober 5th, 2014

Keinem Volk sind Google, Facebook & und Co. so unheimlich wie dem deutschen. Das hindert -zig Millionen jedoch nicht daran, mehr als andere Nationen rund um die Uhr die Dienste  dieser amerikanischen Internet-Giganten zu nutzen. Die Faszination und Notwendigkeiten des Internets besiegen eben im Zweifel den verborgenen  oder offenen Anti-Amerikanismus, der sich  gegen alles äußert, was aus den USA kommt oder damit zu tun hat: Google, Apple, Facebook, Freihandelsabkommen oder Chlorhähnchen.

Google flitzt unsichtbar und im Wortsinn unfassbar durchs weltweite Netz. Aber bald kommt der Konzern uns handfest nahe, praktisch in Sichtweite. Der Software-Riese baut im niederländischen Eemshaven an der Emsmündung ein Rechenzentrum – für sage und schreibe 600 Millionen Euro.

Was bedeutet das für Ostfriesland? Vordergründig gar nichts, denn Google gibt sein Geld in den Niederlanden aus. Wir können diese Investition interessiert beobachten – der eine oder andere jedoch mit einem weinenden Auge. Es tränt, weil Google an der falschen Emsseite baut.

Sehen wir es mal so: Selbst wenn Google gewollt hätte, wäre in Ostfriesland kein Platz für ihn. Die Holländer jedoch ernten, was sie seit Jahrzehnten im Eemshaven säen: eine umfassende industrielle (und touristische) Infrastruktur. Viele Ostfriesen haben in den 70er Jahren milde gelächelt, als nördlich von Delfzijl der erste Abschnitt gebaut wurde – in einer Gegend, in der sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten. Hafenbau ist eine Generationenaufgabe, wissen die Holländer und handeln danach. Mittlerweile ist der Eemshaven pickepacke voll mit Hafenanlagen und Industrie. Die vierte Erweiterung ist nächstes Jahr fertig.

Für Google kaufte der Hafenbetreiber Groningen Seaports kurzerhand 78 Hektar Fläche dazu. Die Amerikaner fühlen sich dort bestens aufgehoben, zumal sie den Strom unmittelbar von den dortigen Kraftwerken kaufen können. Mit einem kleineren Rechenzentrum in Eemshaven hat Google so gute Erfahrungen gemacht, dass jetzt der große Aufschlag folgt. Was die Nutzer der digitalen Welt oft vergessen oder übersehen: Großrechner schlucken sehr viel Strom. Sie gehören zu den stromintensiven Branchen, die zwingend  auf sicher und natürlich bezahlbare Energie angewiesen sind.

In zwei Jahren werden die riesigen Server für die Google-Suchmaschine, für Google-Maps und den E-Mail-Dienst des Unternehmens  die Arbeit aufnehmen.  Schon jetzt gibt die Großinvestition in Eemshaven für Ostfriesland einen Grund, darüber nachzudenken, warum aus einem neuen Hafen am Rysumer Nacken  in der Emsmündung vor Emden wohl nichts wird. Es tröstet nicht, dass wir von dort bei gutem Wetter bald mit bloßem Auge den Baufortschritt in Eemshaven beobachten können.