Archive for November, 2014

Inklusions-Labor Bingum

Sonntag, November 30th, 2014

„Alles geht, nichts muss.“ Ein kluger Satz  von Achim Becker. Der Leiter der „Schule am Deich“ in Bingum, eine Förderschule mit Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, weiß um die Schwierigkeit, das Miteinander von behinderten und nicht behinderten Kindern in Schulen zu lernen.

Inklusion als Wort ist in vieler Munde und gesetzlich festgelegt. Aber wie sie funktionieren soll, so dass alle davon Vorteile haben, weiß so recht noch keiner. Erfahrungen gibt es wenig, die Ausbildung der Lehrer hinkt hinterher, Eltern sind verunsichert und wissen nicht, was das Beste für ihre Kinder ist. Inklusion ist vergleichbar mit einer Operation am offenen Herzen.

Deshalb ist es gut, dass in Bingum vorsichtig ein Versuch startet. Nach dem Motto „Schritt für Schritt“. Es ist ein geplanter Glücksfall, dass neben der Grundschule die neue Förderschule gebaut wird, verbunden durch eine Pausenhalle. Beide zeigen einen starken Willen, aus der Inklusion einen Erfolg zu machen. Zunächst sollen Kinder beider Schulen gemeinsam in Sport, Kunst und Musik unterrichtet werden.

Aus dem Inklusions-Labor in Bingum könnten bald andere Schulen Nektar saugen. Die Verhältnisse dort lassen sich aber nicht eins zu eins kopieren, weil es die Kombination Grundschule – Förderschule anderswo nicht gibt – auch nicht geben kann, weil das Bingumer Projekt großzügig unterstützt wird vom Ehepaar Prahm aus Leer, der „Aktion Mensch“ und der Bünting-Stiftung.

Sieht man genauer hin, hat es Inklusion an allgemeinbildenden Schulen schon immer gegeben. Es kommt nur auf die Art der Behinderung an. Es ist natürlich einfacher, ein körperlich behindertes als ein geistig behindertes Kind gemeinsam mit nichtbehinderten Jungen und Mädchen zu unterrichten. Aber die meisten Lehrer schaffen es, weil behinderte Kinder nicht stören und wie selbstverständlich wahrgenommen werden.

Mehr als kompliziert wird es jedoch für Lehrer, wenn sie es mit schwer verhaltensgestörten Kindern zu tun haben, die nicht ruhig sitzen, dauernd reden, schreien, durch die Klasse laufen, weder Recht noch Regel kennen, andere vom Lernen abhalten oder gar mit Stühlen oder Büchern werfen. Sie senken das Niveau, können aber nicht speziellen Schulen anvertraut werden. Ein Dilemma, denn dagegen wächst kein pädagogisches Kraut, da kapituliert auch der beste Inklusions-Wille.

Schulen wird die Inklusion verordnet. Freiwillig ohne Aufhebens schreiben sich nicht wenige Sportvereine die Inklusion auf ihre Fahnen, ohne es von vornherein so zu nennen. Für sie ist es längst selbstverständlich, dass Behinderte bei ihnen Sport treiben, sagt der Vorsitzende des Kreissportbundes, Jörg Kromminga. Er verschweigt aber nicht, woran es oft hapert: an Barrierefreiheit in den Sportanlagen, an Übungsleitern, die für Behindertensport ausgebildet sind, oder an geeigneten Sportgeräten.

Der Landkreis Leer will mit dem Kreissportbund jetzt einen Aktionsplan aufstellen und auch mit guten Beispielen für die Inklusion werben. Wie sagt Achim Becker? „Alles geht, nichts muss.“

Zoff um Ladenöffnung

Sonntag, November 23rd, 2014

Ladenöffnungszeiten – kaum ein zweites Thema lockt in Leer mehr Leute hinterm Ofen hervor. Immer mal wieder füllt es  Zeitungsseiten, reizt Leserbriefschreiber, erregt Politiker, entzweit die Kaufmannschaft und ruft Gewerkschaft und Kirchen auf den Plan.

Dabei ist die Gesetzeslage klar: Jeder Kaufmann darf seinen Laden rund um die Uhr öffnen, pausenlos – aber nur an Werktagen. Aber es gibt Ausnahmen, die das Niedersächsische Gesetz über Ladenöffnungs- und Verkaufszeiten in aller Umständlichkeit regelt. So  müssen die Ladentüren sonntags geschlossen bleiben, es sei, es handelt sich um Bäcker-, Blumen- oder Zeitungsläden, Bahnhofskioske oder Tankstellen.

Eine Ausnahme vom allgemeinen Öffnungsverbot ist an vier Sonn-und Feiertagen im Jahr erlaubt – abgesehen von Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, Volkstrauertag, Totensonntag, Adventssonntage und Weihnachten. Kaufleute in allen Städten Deutschlands nutzen die Ausnahmeregelung, wie eben auch in Leer. Aber soweit bekannt gibt es nirgendwo anders so viel Zoff um  Ladenöffnungen an Sonn- und Feiertagen wie in Leer.

Jetzt haben die Grünen entdeckt, dass im Gesetz vom 1.Mai und vom Tag der Einheit (3.Oktober) keine Rede ist. Sie möchten, dass der Stadtrat, vertreten durch den Verwaltungsausschuss, entscheidet, ob am 1.Mai und am 3.Oktober die Läden öffnen dürfen. Der zuständige Ausschuss für Wirtschaft, Tourismus und Kultur folgte dem Grünen-Antrag bei einer Gegenstimme.

Die Versuchung, ein wenig Gesetzgeber zu spielen, muss übergroß gewesen sein. Politiker nähren das Vorurteil, der Wirtschaft auch dort Vorschriften zu machen, wo es überflüssig ist. Der 1.Mai und 3.Oktober sind bedeutsame Feiertage, aber so profan, dass man einen Einkaufsbummel damit verbinden kann, ohne in Gewissensnot  zu geraten.

Vermutlich passt den Regulierern im Rathaus die ganze Richtung nicht. Dagegen zu sein, ist ihr gutes Recht – aber das Rathaus der falsche Ort. Zuständig ist der Landtag.

Sonntagsruhe ist zweifellos ein hohes Gut – für die einen aus religiösen, für die meisten aus Arbeitsschutzgründen. Aber die Welt hat sich geändert, mit ihr Arbeit, Arbeitszeiten, Freizeitverhalten und Einfluss der Kirchen. Das ist der Hintergrund des geltenden Ladenöffnungsgesetzes, das einen Kompromiss aus Interessen des Handels, der Verbraucher, der arbeitenden Menschen und der Kirchen darstellt.

Sonntagsarbeit beschränkt sich längst nicht an vier Tagen auf  Verkäuferinnen. Sie gilt das ganze Jahr über für Krankenschwestern, Tankwarte, Köche, Kellner, Lokführer, Bäckereiverkäuferinnen, Hotelbeschäftigte, Journalisten, Brückenwärter, viele Industriearbeiter, Taxifahrer  oder Pastoren, um nur einige zu nennen.

Aber vielleicht ändert sich ja alles wieder. Am kommenden Montag wollen Kirchen und Gewerkschaft in Leer eine „Allianz für den freien Sonntag“ gründen. Es wird sich zeigen, ob daraus eine kräftige Bewegung wächst. Bisher ist die Abstimmung des Volkes mit den Füßen deutlich: An verkaufsoffenen Sonntagen quillt die Innenstadt in Leer über vor Menschen.

 

 

Leer ist eine IT-Hochburg

Sonntag, November 16th, 2014

Für manche Mitbürger sind es böhmische Dörfer, für andere wiederum Alltag in Beruf und Freizeit. Unsere Kanzlerin sprach neulich noch vom Neuland, dass wir mit dem Internet betreten. Aber die von ihr geleitete Bundesregierung hat allein in diesem Jahr elf Milliarden Euro für neue Technologien in den Haushalt gestellt.

Es geht um so genannte „Smart Production“, intelligente Produktion, in dem Herstellung und Computer miteinander „reden“. Stichworte sind das Internet der Dinge oder Industrie 4.0.

Wie sieht es mit der IT-Wirtschaft eigentlich bei uns im Landkreis Leer aus? Es wird den einen oder anderen überraschen: Leer ist eine IT-Hochburg – nicht vergleichbar mit Berlin, München oder Köln, aber anderen ländlichen Regionen deutlich überlegen. Es gibt Ostfriesen, die Leer überschwänglich das „Silicon Valley des Nordwestens“ nennen.

Wie auch immer: In Leer und umzu hat sich eine auffällige IT-Szene mit einem Dutzend  Firmen entwickelt. Jede macht ihr eigenes Ding, aber bei Ausbildung, Studium und  Fachkräftewerbung marschieren sie gemeinsam im Verein Software-Netzwerk Leer. Sie beackern ein weites Feld, auf dem viele weithin unbekannte Blumen blühen. So sorgt ein Unternehmen für maritime Software-Lösungen, entwickelt Internet-Applikationen, ERP-Lösungen und Fondsmanagementsysteme. Andere sind mit Kassensystemen und Warenwirtschaftssystemen für Textilhandel und –industrie oder mit Software für Bewerber- und Personalmanagement auf dem Markt.

Es gibt IT-Lösungen für die Kaffee- und Teebranche, ebenso sind digitales Tourismusmarketing und touristische Webprojekte dabei. Wer Software in der Umwelt- und Entsorgungsbranche sucht, ist hier gut aufgehoben, auch ein Spezialist für Marketing- und Software-Entwicklung, Internetseiten und Printmedien bietet Expertise an.  Eine andere Firma ist in der Logistikplanung, -Software und –Dienstleistung bewandert.

Die Bünting-Informationstechnologie GmbH arbeitet als zentraler IT-Dienstleister der Bünting-Gruppe – und mit ELV ist der größte deutsche Elektronik-Anbieter im Versandhandel zu Hause. Die Orgadata AG, 200 Mitarbeiter, entwickelt Kalkulations- und Konstruktions-Software, die Metallbauer in 72 Ländern im Fenster-, Türen- und Fassadenbau einsetzen.

Die IT-Firmen bilden in acht Berufen aus, von denen lediglich der Bürokaufmann nicht direkt der IT zuzurechnen ist. Lehrberufe sind Fachinformatiker Anwendungsentwicklung (Software) und Systemintegration (Hardware), Informatikkaufmann sowie IT-Systemkaufmann und Mediengestalter in Print- und Digitalmedien. Im dualen Studium können Abiturienten den Bachelor of Science (Wirtschaftsinformatik) und den Bachelor oft Arts (Business Administration) an der Berufsakademie Ostfriesland in Leer erlangen. Ganz neu: Ein nebenberufliches Studium als Informatik-Betriebswirt an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Leer.

Selten ist es ein Fremder

Sonntag, November 9th, 2014

Die Angst geht um in Neukamperfehn in der Samtgemeinde Hesel: Acht mal gingen Gebäude, Bauwagen oder Mülltonnen in Flammen auf – innerhalb weniger Wochen. Der Täter läuft frei und unerkannt herum. Die Brandserie ruft in dem Dorf jetzt eine Bürgerwehr auf den Plan.

Sie patrouilliert nachts auf den Straßen, leuchtet mit Taschenlampen in dunkle Ecken, hält  Menschen an und fragt nach Ausweisen. Angeblich ist die Bürgerwehr mit Baseballschlägern bewaffnet. Ortsbürgermeister und Gemeindebrandmeister haben nach eigenen Aussagen nichts gesehen, sondern nur etwas gehört – aber nicht von Kontrollen und Schlagwaffen, sondern nur davon, dass Leute unterwegs gewesen seien.

Nun, was sie (nicht) sagen, deutet darauf hin, dass die Geschichte stimmt. Wer will als Ehrenamtsperson schon Nachbarn oder Bekannte wegen eines Brandstifters Ärger bereiten, denn Menschen auf der Straße mit Baseballschlägern einzuschüchtern und den Ausweis herauszufordern, ist natürlich nicht erlaubt. Den Ausweis verlangen darf nur die Polizei.

 Andererseits ist es sehr verständlich, dass die Neukamperfehntjer um Hab und Gut und schlimmstenfalls um ihr Leben fürchten. Und deshalb nicht tatenlos auf das nächste Feuer warten. Ein Brandstifter mit bereits acht Bränden auf dem Konto bereitet mehr als ein mulmiges Gefühl. Ein Baseballschläger hilft zwar auch nicht und führt schon gar nicht zum Täter, aber er verleiht zumindest ein Gefühl von Stärke und Sicherheit. Ein  kleines Mittel gegen die Ohnmacht.

 Die Staatsmacht, die Polizei, tappt offensichtlich ebenfalls noch im Dunkeln. Aber mit Sicherheit wird sie den Täter ermitteln – hoffentlich schnell, damit er nicht erst auf frischer Tat ertappt wird, was wenigstens einen neuen Brand bedeuten würde. Bislang bleibt der Polizei nur, die Bürger vor eigenmächtigen Personenkontrollen zu warnen, was als Nötigung gewertet werden könnte.

Grundsätzlich ist eine Bürgerwehr ein Zerfall von Staat, seit längerer Zeit in ländlichen Gebieten Ostdeutschlands zu beobachten, wo rechtsradikale Kräfte das Feld beherrschen. Das ist in Neukamperfehn nicht der Fall, aber der Polizei traut man dort offensichtlich nicht zu, den Brandstifter zu fassen.

Raffinierten Straftätern auf die Spur zu kommen ist auch für geübte Kriminalisten nicht leicht. Obwohl der Täterkreis bei Brandstiftungen in der Regel sehr übersichtlich ist, was jeder Staatsanwalt und Polizist bestätigt – ohne hier ins Detail zu gehen. Der Brandstifter ist selten ein Fremder. Nach dem Ausweis zu fragen können sich die Neukamperfehntjer deshalb sparen. Mit recht hoher Wahrscheinlichkeit ist es einer von ihnen oder aus einem Nachbarort. Möglich, dass er sogar bei der Bürgerwehr mitmacht.

 

 

 

 

 

Schwimmen ist teuer

Sonntag, November 2nd, 2014

Eine Schwimmhalle – wir wollen nicht übertreiben – ist kein Fass ohne Boden, aber doch mit einem sehr tiefen. Viele Städte und Gemeinden haben in den letzten Jahren Schwimmhallen geschlossen, sogar Freibäder. Einfach weil sie sehr teuer sind. Im Rheiderland hält die Gemeinde Bunde ihre Schwimmhalle Mölenland mit viel Mühe und großem Einsatz über Wasser. Ein weiteres Hallenbad in Hesel findet viel Zulauf, aber ein Klotz am Bein der Gemeinde ist es schon.

Das dritte Hallenbad im Landkreis steht in Leer am Burfehner Weg und gehört der Stadt. Sie plagt sich damit schon seit langem. Es stammt aus den 60er Jahren – und weil es schon immer viel mehr gekostet als eingebracht hat, blieben Investitionen in Technik und Gebäude auf der Strecke. Streng genommen hat das Rathaus das Bad verkommen lassen – was man Rat und Verwaltung nicht unbedingt anlasten kann, weil die Stadt zwar schön, aber nicht mit Geld gesegnet ist wie beispielsweise Aurich, wo man sich ein Bad vom Allerfeinsten leisten kann dank hoher Gewerbesteuereinnahmen durch Enercon.

In Leer stehen Badegäste oft vor verschlossenen Türen des Hallenbades, das die Stadt vor sechs Jahren einem Papenburger Geschäftsmann verpachtet hat. Die Privatisierung des Betriebs erwies sich als Strohhalm, der schnell riss. Die veraltete Technik streikt oft, der Betreiber investiert zu wenig – und jetzt rutscht das Ansehen des Bades völlig in den Keller. Das Kreisgesundheitsamt musste das Bad schließen, weil Kakerlaken in Massen sich dort nähren und Schimmelpilz sich nach amtlicher Aussage „in großem Ausmaß“ ausgebreitet hat.

 Der Betreiber wäscht seine Hände in Unschuld. Er hat noch einen Vertrag bis 2027, aus dem er jetzt gern aussteigen möchte. Ohne ihm vorzugreifen, wird er einer Vertragsauflösung für’n Appel und ’n Ei nicht zustimmen. Die Ratsfraktionen sagten deshalb schon mal, dass sie keine Millionensumme für die Vertragsauflösung locker machen wollen.

Die Lage ist also so: Macht der Betreiber weiter, will er für die Kakerlaken-Bekämpfung nicht mehr als 10.000 Euro ausgeben. Das bedeutet: Das Bad krebst und gammelt weiter vor sich hin. Der beste Fall wäre, wenn Stadt und Betreiber sich auf einem angemessenen Niveau einigen.

 Aber eine zeitgemäße Schwimmhalle hätte Leer immer noch nicht. Sanieren oder neu heißt die Frage, die der Rat entscheiden muss. Beides geht ins Geld. Für einen Neubau schwirrt die Summe von 20 Millionen Euro durch die Stadt. Diese einmalige Investition wäre bei geschickter Finanzierung zu stemmen. Aber ins Geld gehen – auf lange Sicht und immer höher – die Folgekosten.

Deshalb blicken einige Politiker und Verwaltungsleute schon seit einiger Zeit über den Tellerrand und sprechen von einer großen Lösung, an der sich neben der Stadt Leer der Landkreis und umliegende Gemeinden beteiligen. Ein gemeinsames Interesse liegt auf der Hand: Bei einer Schwimmhalle geht es neben dem Schwimmspaß für die Bürger auch um Schulschwimmen und um eine touristische Attraktion.