Inklusions-Labor Bingum

„Alles geht, nichts muss.“ Ein kluger Satz  von Achim Becker. Der Leiter der „Schule am Deich“ in Bingum, eine Förderschule mit Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, weiß um die Schwierigkeit, das Miteinander von behinderten und nicht behinderten Kindern in Schulen zu lernen.

Inklusion als Wort ist in vieler Munde und gesetzlich festgelegt. Aber wie sie funktionieren soll, so dass alle davon Vorteile haben, weiß so recht noch keiner. Erfahrungen gibt es wenig, die Ausbildung der Lehrer hinkt hinterher, Eltern sind verunsichert und wissen nicht, was das Beste für ihre Kinder ist. Inklusion ist vergleichbar mit einer Operation am offenen Herzen.

Deshalb ist es gut, dass in Bingum vorsichtig ein Versuch startet. Nach dem Motto „Schritt für Schritt“. Es ist ein geplanter Glücksfall, dass neben der Grundschule die neue Förderschule gebaut wird, verbunden durch eine Pausenhalle. Beide zeigen einen starken Willen, aus der Inklusion einen Erfolg zu machen. Zunächst sollen Kinder beider Schulen gemeinsam in Sport, Kunst und Musik unterrichtet werden.

Aus dem Inklusions-Labor in Bingum könnten bald andere Schulen Nektar saugen. Die Verhältnisse dort lassen sich aber nicht eins zu eins kopieren, weil es die Kombination Grundschule – Förderschule anderswo nicht gibt – auch nicht geben kann, weil das Bingumer Projekt großzügig unterstützt wird vom Ehepaar Prahm aus Leer, der „Aktion Mensch“ und der Bünting-Stiftung.

Sieht man genauer hin, hat es Inklusion an allgemeinbildenden Schulen schon immer gegeben. Es kommt nur auf die Art der Behinderung an. Es ist natürlich einfacher, ein körperlich behindertes als ein geistig behindertes Kind gemeinsam mit nichtbehinderten Jungen und Mädchen zu unterrichten. Aber die meisten Lehrer schaffen es, weil behinderte Kinder nicht stören und wie selbstverständlich wahrgenommen werden.

Mehr als kompliziert wird es jedoch für Lehrer, wenn sie es mit schwer verhaltensgestörten Kindern zu tun haben, die nicht ruhig sitzen, dauernd reden, schreien, durch die Klasse laufen, weder Recht noch Regel kennen, andere vom Lernen abhalten oder gar mit Stühlen oder Büchern werfen. Sie senken das Niveau, können aber nicht speziellen Schulen anvertraut werden. Ein Dilemma, denn dagegen wächst kein pädagogisches Kraut, da kapituliert auch der beste Inklusions-Wille.

Schulen wird die Inklusion verordnet. Freiwillig ohne Aufhebens schreiben sich nicht wenige Sportvereine die Inklusion auf ihre Fahnen, ohne es von vornherein so zu nennen. Für sie ist es längst selbstverständlich, dass Behinderte bei ihnen Sport treiben, sagt der Vorsitzende des Kreissportbundes, Jörg Kromminga. Er verschweigt aber nicht, woran es oft hapert: an Barrierefreiheit in den Sportanlagen, an Übungsleitern, die für Behindertensport ausgebildet sind, oder an geeigneten Sportgeräten.

Der Landkreis Leer will mit dem Kreissportbund jetzt einen Aktionsplan aufstellen und auch mit guten Beispielen für die Inklusion werben. Wie sagt Achim Becker? „Alles geht, nichts muss.“

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