Archive for Dezember, 2014

Nicht vom Brot allein

Dienstag, Dezember 30th, 2014

Der frühere Oberkreisdirektor des Landkreises Leer Peter Elster, der bei vielen Älteren noch heute einen legendären Ruf genießt, wusste: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Als Pastorensohn mag ihm diese Erkenntnis mit in die Wiege gelegt worden sein, aber er lebte auch danach. So prägte er fast ein Vierteljahrhundert als Präsident die Ostfriesische Landschaft.

Im Landkreis Leer machte er den Oberkreisdirektor, heute den jeweiligen Landrat, zum Schlossherrn. Sein Einsatz rettete Gut Stikelkamp, die Haneburg und die Evenburg vor dem Verfall. Das alles konnte er nicht im Alleingang auf die Beine stellen. Er brauchte politische Mehrheiten im Kreistag.

Eines Tages gab er den Abgeordneten einen bemerkenswerten Satz zu bedenken: „Ihr werdet später nicht daran gemessen, wie viele Radwege und Straßen ihr gebaut habt, sondern war ihr fürs kulturelle Erbe getan habt.“ Die Abgeordneten nahmen sich den Rat zu Herzen.

Er wirkt bis heute nach. Elsters Nachfahren blieben sich ihrer Verantwortung bewusst – in Zeiten knapper Finanzen nicht selbstverständlich. Über den Wert von Kultur in seinen verschiedenen Formen zu schreiben, würde  den Platz sprengen. Aber die kulturelle Landschaft des Landkreises  ist reicher geworden. In der klassischen Musik ragt Leer schon lange über den Durchschnitt hinaus. Das neue „Theater an der Blinke“ sorgt für frischen Schwung. Am Profil der Theateraufführungen will Landrat Bernhard Bramlage noch feilen. Er möchte auch junge Leute direkt ansprechen.

Das Schloss Evenburg, renoviert und restauriert, inmitten eines herrschaftlichen englischen Landschaftsgartens gelegen, hat mit der norddeutschen Park- und Gartenkultur sein Schwerpunkt-Thema gewonnen. Ausstellungen und Events wie „Das kleine Fest im großen Park“ locken viele Menschen. Die Evenburg ist fester Teil im regionalen Tourismus-Angebot.

Die Kreismusikschule, vor einigen Jahren finanziell auf der Kippe, steht wieder auf solidem Fundament. Ihre Basis ist die musikalische Früherziehung. Grundsätzlich gilt für alle Bürger: Wer Musik machen möchte, kann ein Instrument in der Musikschule lernen – wer Talent hat, sogar so gut, dass er es studieren könnte. Die Kreismusikschule geht auch mit Projekten in Kindergärten und Grundschulen. Nach wie vor veranstaltet sie Konzerte.

Das Kunsthaus in Leer kommt Schritt für Schritt voran auf seinem Weg zum Archiv ostfriesischer bildender Kunst. Es birgt bereits 17 Sammlungen in seinem Archiv. Erste Ausstellungen waren erfolgreich, auch die letzte namens „Ferne Nähe“ mit der aus Weener stammenden Marikke Heinz-Hoek.

Jüngste Perle in der kulturellen Kette ist die Gedenk- und Begegnungsstätte Ehemalige Jüdische Schule in Leer. Sie will das Gedenken an die ausgerotteten jüdischen Bürger aus Leer wachhalten und aktuelles jüdisches Leben zeigen. Gegenwärtig arbeiten Hausleitung und Schulen an einem pädagogischen Konzept, um Kindern und Jugendlichen jüdisches Leben nahezubringen.

 Der kurze Überblick zum Jahreswechsel zeigt: Peter Elster braucht sich seiner politischen Nachfahren nicht zu grämen. Die Kultur im Landkreis Leer ist in guten Händen

Die neue Online-City

Sonntag, Dezember 21st, 2014

Um mit einer schon etwas abgeschmackten, aber stimmigen Anleihe bei einem Weihnachtslied zu beginnen: Süßer die Kassen nie klingen. Nach ersten Umfragen und mehrwöchigem Augenschein lässt sich sagen, dass der Einzelhandel übers Weihnachtsgeschäft wenig klagen kann. Viele Menschen kaufen, als ob es kein Morgen gäbe.

Sie tun es, weil sie Spaß dran haben. Aber auch, weil sie wissen, dass Geld auf der Bank nur dumm herum liegt, jedenfalls keine Zinsen bringt. Und der niedrige Spritpreis wirkt wie ein kleines Konjunkturprogramm. Unerwartet kommt für viele ein weiteres hinzu: Wegen des vorigen milden Winters gibt es Geld zurück vom Gasversorger. Da ist dann noch ein Geschenk mehr drin für die Enkel oder liebe Anverwandte.

Im Moment hat der Handel alle Hände voll zu tun. Das normalisiert sich bald wieder – und auch die Sorgen kehren zurück. Handel ist Wandel – eine uralte Erkenntnis. Aber jetzt kommt wirklich Neues. Die Digitalisierung schreitet fort, auch im Handel. Mehr als zehn Prozent des Umsatzes in Deutschland läuft bereits übers Internet. Die DHL-Auslieferer und andere auf den Straßen zeugen davon.

Einkaufen im Internet ist in – aber kein Grund, dieses Geschäft Amazon oder Zalando & Co. zu überlassen. In mehreren Städten laufen Projekte, wie man Internet und Einzelhandel verknüpft. In Leer gibt es auch Überlegungen für eine Verkaufsplattform im Internet. Zurzeit hört man davon allerdings nichts.

Das Konzept könnte so aussehen: Einkaufen im Internet, aber bei Leeraner oder auch Weeneraner Einzelhändlern – und die Ware wird noch am selben Tag geliefert. Die großen Verbrauchermärkte in Leer sind schon länger auf diesem Weg unterwegs.

Aber es geht auch um die Innenstadt. Das Online-Geschäft ist natürlich eine Konkurrenz für Einzelhändler, aber auch eine Chance, selbst davon zu profitieren und die Innenstadt zu beleben. Nach dem Motto: Wenn Kunden schon online kaufen, dann doch bitte bei uns.

Das Einkaufsverhalten ändert sich. Die eine oder andere Stadt passt sich an und probiert Neues: Der Kunde bestellt online und lässt sich die Ware nach Hause liefern – noch am selben Tag. Oder er schaut sich vom Sofa aus die Angebote an und bestellt etwas, bevor er in die Stadt fährt und dort Kaffee trinkt. Er kann es sich bringen lassen oder selbst im Geschäft abholen.

In Wuppertal geht man einen Schritt weiter mit dem Pilotprojekt „Online City“. Online und Stadt sollen zusammenwachsen: In der Rathaus-Galerie werden Anfang 2015 Räume geschaffen, um online bestellte Waren nach Ladenschluss anholen zu können. Andersherum sollen Onlinehändler die Möglichkeit bekommen, in der Rathaus-Galerie wieder einen Laden aufzumachen – und so praktisch nebenbei die Innenstadt zu beleben. Rathaus-Galerie kann anderswo für andere Immobilien mit Leerstand gelten.

Der Händler in Wuppertal zahlt acht Prozent vom Nettowarenwert für den Verkauf über die Internetplattform. Der Kunde ist mit 5,95 Euro Versandkostenpauschale dabei, wenn er die Ware an der Haustür empfangen will.

Patentrezepte gibt es nicht. Entscheidend ist, dass Rathaus und Handel an einem Strang ziehen. Auch, um zum Beispiel die Kundschaft mit einem kostenlosen öffentlichen W-Lan in der Innenstadt zu beglücken.

 

Rote Zahlen blühen

Sonntag, Dezember 14th, 2014

Erst wunderten wir uns, dass die Stadt Papenburg sich eine Landesgartenschau zutraut. Dann zogen wir den Hut vor unseren südlichen Nachbarn, als sie am Ende der halbjährigen Schau im September eine positive Bilanz zogen. Doch jetzt stellt sich heraus: Der Respekt war verfrüht. Der Weihnachtsmann zeigt die Rute, denn die Gartenschau ist zwei Millionen Euro teurer als geplant. Die ohnehin finanzschwache Stadt muss bluten.

Wer wagt, gewinnt eben nicht immer. Zum Wagnis gehört ein scharf kalkuliertes Risiko. Manchmal hilft schon ein Blick über den Zaun, um die Finger von einem Plan zu lassen. Denn die  Gartenschau in Papenburg ist nicht die erste, die finanziell vor die Wand fährt. Rund die Hälfte in Norddeutschland hat in den vergangenen zehn Jahren rote Zahlen eingefahren.

Das schreckt bereits ab. So hat Bad Iburg die Bewerbung für die Landesgartenschau Niedersachsen 2018 wegen des zu großen Risikos zurückgezogen. Die Ausrichterstädte Wolfsburg und Winsen an der Luhe können ein Lied von defizitären Landesgartenschauen  singen – während Bad Essen 2010 gegen den Trend schwarze Zahlen schrieb.

Sinn und Zweck der niedersächsischen Gartenschauen ist, den Tourismus anzukurbeln, die Lebensqualität zu erhöhen, das Image zu verbessern, Investitionen zu fördern und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Außerdem geht es um städtebauliche, soziale, ökologische und ökonomische Zwecke. Das Übliche eben, was so verlangt wird, wenn Fördergeld aus Hannover fließen soll.

Die Gartenschau in Papenburg war mit ursprünglich elf Millionen Euro, jetzt 13 Millionen,  nicht gerade billig. Fachleute halten höchstens noch eine einstellige Millionenzahl für angemessen, weil überall in Deutschland teure Schauen schon in einem Finanzdesaster gemündet sind.

Sieben Millionen Euro standen in Papenburg im so genannten Durchführungshaushalt, der die Kosten fürs Personal und den laufenden Betrieb auflistet. Vier Millionen Euro wies der so genannte Investitionshaushalt aus, mit dem alle Bauvorhaben finanziert wurden. Für den Durchführungshaushalt zeichnet die Geschäftsführung der Schau verantwortlich, für die Investitionen die Stadt. Zeitungsberichten zufolge ist Geld zwischen den beiden Haushalten hin und her geschoben worden, so dass irgendwann der Überblick verloren gegangen sein muss. Kontrolle? Wenn überhaupt, dann lasch. Oder wurde nach dem Prinzip „Augen zu und durch“ gehandelt? Wie auch immer: Als man die Kosten jetzt zusammenzählte, standen zwei Millionen Euro mehr als gewollt auf der Soll-Seite.

Das ist peinlich – und für den Haushalt der Stadt eine Katastrophe. Wir hören schon das Argument aus dem Rathaus, dass die Investitionen gut angelegt sind und langfristig Geld in die Kasse spülen. Aber uns fehlt der Glaube.

Unter dem Strich bleibt: Die Landesgartenschau hat viele Besucher nach Papenburg gelockt. Aber sie ließ schon wegen schlechten Wetters nicht alle Blütenträume reifen und dann jetzt  sogar nachträglich etliche platzen. Nachhaltigkeit jedoch kann man ihr nicht absprechen: Sie lässt auf Jahre rote Zahlen blühen.

 

Angst frisst Argument

Sonntag, Dezember 7th, 2014

Waldsterben? Da war doch was. Das erste große rein deutsche Umweltdrama, dass sich sogar in die Sprachen mehrerer Nachbarländer einschlich. Jedenfalls herrschte riesige Aufregung im Land. Doch 2003 erklärte die grüne Umweltministerin Künast das Waldsterben offiziell für beendet. Die westdeutsche Politik hatte den Katalysator für Autos vorgeschrieben, und den  Dreckschleudern der DDR-Industrie ging aus bekannten Gründen die Luft aus. Der Wald wundert sich bis heute, dass er lebt.

Wir Deutschen sind im Ausland längst bekannt als ein Volk, das gern an Verschwörungstheorien glaubt und eher seinem verzagten Herzen traut als wissenschaftlicher Erkenntnis. Kluge Leute sagen, die Deutschen seien Opfer der Romantik – nicht nur, weil sie noch hunderte Jahre später den Wald als mystischen Ort verklären.

Die Süddeutsche Zeitung notierte jüngst zu diesem Thema: „Wo Ängste sich breit machen, versagt das Argument.“ Das ist natürlich schlecht für ein Land, das seinen Wohlstand nur mit bester Technik und technischen Erneuerungen sichern kann.

Viele begegnen Technik mindestens skeptisch, lehnen sie gar ab, ohne deren Chancen und Risiken abzuwägen. So sagte diese Woche ein Politiker im Umwelt-Ausschuss des Leeraner Kreistags in rigoroser Absolutheit: „Fracking braucht niemand.“  Er unterschied nicht zwischen Erdgas-Fracking aus Sandstein,  das seit Jahrzehnten in Niedersachsen erfolgreich und ohne schädliche Nebenwirkungen praktiziert wird, und dem Fracking aus Schieferstein, das zweifellos Risiken birgt, aber gar nicht erst erforscht werden soll, wenn die Gegner sich durchsetzen. Anlass für die Äußerung des Abgeordneten ist der Plan, eventuell in Backemoor die Erdgasförderung mit Fracking (aus Sandstein) fortzusetzen.

Angst frisst Argument auch in anderen Fällen. Nehmen wir die Funkmaststrahlung, gegen die sich in jüngerer Zeit in Leer, Westoverledingen oder Möhlenwarf Widerstand regte. Es gibt keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis für Strahlenschäden durch Funkmasten, was ja indirekt auch dadurch belegt wird, dass Demos gegen Funkstrahlen gern mit Handys organisiert werden.

Es gibt Menschen, die Kassenbons in Supermärkten nicht anfassen – weil sie mit Bisphenol gedruckt werden, das angeblich Krebs auslöst. Die Menge ist jedoch so gering, dass sie beim schlechtesten Willen nicht krank machen kann. Bons sammeln und dann essen soll man natürlich nicht.

Phänomene der jüngeren Jahre sind Hysterien um BSE, Gammelfleisch oder EHEC auf Sprossen. Alles unappetitlich, für Betroffene zum Teil gefährlich. Tatsächlich sind Lebensmittel hygienisch jedoch heute auf einem so hohen Stand wie nie zuvor. Wurmkraut jedenfalls ist als Hausmittel überflüssig geworden. Die Menschen werden nicht ohne Grund (und nicht ohne Chemie) so alt wie heute, und nie blieben sie im Schnitt so lange fit. Trotzdem quält nicht wenige eine schleichende Angst vor einem Lebensmittelskandal oder vor belastetem Fleisch oder Gemüse.

Diese Angst verlieren sie kurzzeitig erst, wenn sie sich ans Steuer setzen. Dabei zählt Autofahren unbestritten zu den größten Risiken des Alltags,