Archive for Januar, 2015

Helfer zu Opfern

Sonntag, Januar 25th, 2015

Helfer sind die Guten.  Aber mitunter brauchen sie selbst Hilfe – gegen Beleidigungen, Tritte, Schläge, Bisse, Spucke oder gar Waffen. Übertrieben? Keineswegs. Ob Polizisten, Sanitäter, Feuerwehrleute oder Mitarbeiter in Jobcentern, Sozial- oder Ordnungsämtern – fast alle waren schon feindseligen Attacken ausgesetzt. Auch in Ostfriesland.

Noch in frischer Erinnerung: Auf der Rathausbrücke in Leer versammeln  sich in der Neujahrsnacht traditionell viele Menschen, um dort den feuerwerkgetränkten Himmel besser zu sehen.  Als ein Feuerwehrmann vorsichtig mit seinem gekennzeichneten Auto über die Brücke zu einem Einsatz fahren will, zertrümmert ein Mann aus der Menge  kurzerhand die Windschutzscheibe. Keiner hält ihn anschließend fest.

Dieser Vorfall ist übel, aber noch relativ harmlos. Jedenfalls ist es kein Einzelfall, wie Polizei- und Rettungspraktiker bestätigen. „Gewalt gegen Rettungskräfte“ heißt eine Studie des Lehrstuhls  für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft der Ruhr-Uni Bochum, die sich über ein Jahr erstreckte. Daraus geht hervor, dass fast alle Rettungskräfte, genau 98 Prozent, verbale Gewalt erlebt haben: Sie wurden beschimpft, beleidigt oder beides. Von mindestens einem gewalttätigen Übergriff berichtete deutlich mehr als die Hälfte (59 Prozent) der Befragten – wobei der Gewaltbegriff weit gefasst wurde, also auch Anspucken und Wegschubsen einschloss.

Dies aus der Summe herausgerechnet, bleibt dennoch ein erschreckendes Ergebnis:  Fast jeder dritte Helfer (27 Prozent) sah sich strafrechtlich relevanten Delikten ausgesetzt. Dabei handelt es sich nicht immer um gezielte Übergriffe, sondern nicht selten um aggressives Abwehrverhalten von Patienten. Aber was übrigbleibt, reicht und ist ein gesellschaftliches Problem, das sich nicht auf soziale Brennpunkte beschränkt.

Polizei, Rotes Kreuz und Kommunen reagieren längst darauf.  Mit Kursen und Trainingsprogrammen, wie man durchgeknallten  Menschen begegnet. Auch  „körperschonende Abwehrtechniken“ helfen den Helfern in der Not. Der  Gesetzgeber hat ebenfalls schon reagiert und Rettungskräfte im Strafgesetzbuch der Polizei und anderen Vollstreckungsbeamten gleichgestellt, wenn es um Widerstand gegen sie geht.

Die Kreisverwaltung in Leer schützt sich seit einiger Zeit mit spezieller Türschließtechnik gegen Besucher, die ausrasten. Und im Zentrum für Arbeit in Leer arbeitet sogar Sicherheitspersonal. Alles eine Folge unliebsamer, sogar dramatischer  Erfahrungen. Vorsicht und Vorbeugung lehren auch, dass in vielen  Ämtern die Mitarbeiter nicht mehr allein mit Besuchern reden.

Patentrezepte gegen wachsende Gewaltbereitschaft kennt keiner. Bekannt ist jedoch der typische Täter, der Retter und Kommunalmitarbeiter angreift: Er ist männlich, zwischen 20 und 39 Jahre alt, längst nicht immer mit ausländischem Hintergrund und während der Tat angetrunken. Ein Zusammenhang mit Großveranstaltungen wie Fußball, Demos oder Volksfesten ist nicht erkennbar, sagt die Studie der Uni Bochum. Sie liefert damit wenigstens eine Diagnose, aber keine Therapie.

App in die Schule

Sonntag, Januar 18th, 2015

Manchmal ist es der einfache und unscheinbare Nachbar, der seiner Zeit weit vorauseilt. Wie der Mathe-Lehrer am Ubbo-Emmius-Gymnasium, der anno 1995  seinen Siebtklässlern beibringt, wie Algorithmen entstehen –  jene Kunst des Rechnens und Programmierens, die heute die digitale Wirtschaft und mehr und mehr unseren Alltag bestimmt.

Es dürfte damals die einzige Klasse geblieben sein, die der Studienrat mit Algorithmen vertraut gemacht hat. Er stieß auf heftigen Widerstand von Eltern, die ihren Protest markig vortrugen: „Unsere Kinder sollen hier richtige Mathematik lernen und nicht solchen Unsinn.“

Was nach 20 Jahren wie eine Anekdote klingt, ist heute immer noch Realität. „Das deutsche Bildungssystem ist den Anforderungen der neuen industriellen Revolution bisher nicht gewachsen. Sehr verkürzt kommt es für Menschen künftig aber darauf an, ob sie Programmieren können oder nach Programmen handeln müssen“, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung vorgestern in einem Kommentar über die Zukunft der Arbeit.

Es gibt keine zwei Meinungen darüber, dass wir am Anfang einer wirtschaftlichen Revolution stehen, die mindestens dem Beginn des Industriezeitalters oder der Erfindung des Buchdrucks gleich zu setzen ist. Industrie 4.0, Internet der Dinge, Big Data und Algorithmus heißen die Schlagworte.

Bernd Hillbrands, Chef des erfolgreichen Software-Unternehmens Orgadata aus Leer, forderte nicht von ungefähr vorige Woche beim Besuch von Kultusministerin Heiligenstadt in den Berufsbildenden Schulen in Leer, das Fach Informatik in den Stundenplan aufzunehmen.

Leer ist eine kleine Software-Hochburg, und die mehr als ein Dutzend Firmen suchen händeringend Mitarbeiter, die Programmieren können oder zumindest Informatik-Kenntnisse besitzen. Womit wir wieder bei den Algorithmen sind, den Grundlagen der Informatik. Programmieren heißt nichts anderes, als Algorithmen zu bestimmen. Darunter muss man sich eine aus vielen Schritten bestehende Verfahrensvorschrift zur Lösung eines technischen Problems vorstellen.  Konkret gesagt: Sie stecken in Autos, Handys, Haushaltsgeräten, Computern aller Art oder in immer mehr Maschinen, die sich praktisch selbst miteinander verständigen.

Weltweit haben neulich auf 70.000 Veranstaltungen Kinder und Jugendliche unter dem Motto „Hour of Code“  eine Stunde Programmierunterricht genossen, um mal am Thema zu schnuppern. Auch US-Präsident Obama schrieb eine Zeile. Nico Lumma, ein Pionier der Internet-Szene und Verfasser einer viel beachteten Netzkolumne, fordert seit langem: „Kinder müssen Programmieren lernen.“ Einfach deshalb, weil Programmieren immer wichtiger ist, um zu verstehen, wie die Dinge funktionieren, mit denen wir von morgens bis abends zu tun haben.

Lumma räumt auch mit dem Vorurteil auf, dass Mediennutzung nur passive Berieselung bedeutet und dumm macht. Sie kann kreatives Basteln sein. Die Entwicklung einer eigenen kleinen App sei der erste Schritt, die Beschäftigung auf Dauer mit dem Thema Programmieren hingegen lange überfällig. Bernd Hillbrands wird ihm zustimmen. Er ist nicht der einzige. Darum: App in die Schule.

Omar löscht bald neben Jan

Sonntag, Januar 4th, 2015

Dumpfbacken, angestachelt von Rechtsradikalen, Neonazis und NPD-Kadern, versuchen unter dem Namen Pegida schlummernde niedrige Instinkte gegen Menschen zu mobilisieren, die nicht deutsch sind. So spektakulär, dass die Bundeskanzlerin das Thema Fremdenfeindlichkeit in die Mitte ihrer Neujahrsansprache stellte.

Während Politiker und Journalisten die Rede und ihre Auswirkungen noch abwägen, schreitet in Ostfriesland ein Mann zur Tat – von dem man es auf Anhieb nicht erwarten würde. Er heißt Ernst Hemmen, wohnt in Großefehn, ist frisch gebackener Regierungsbrandmeister und damit kraft Amtes der Chef der 6000 Feuerwehrleute in Ostfriesland. Hemmen sieht Menschen anderer Religionen, Hautfarbe und Völker nicht als Feinde, Schmarotzer oder was es sonst noch an Vorurteilen gibt, sondern als Menschen, die in unserer Nachbarschaft leben. Und hier bleiben werden.

Gute Nachbarschaft an sich ist nicht immer einfach. Allein deshalb sollen mögliche Probleme unter einander fremden Menschen hier nicht klein geredet werden. Andere Menschen, andere Kulturen, andere Sitten – da müssen sich schon alle Mühe geben, um vernünftig und zivilisiert neben- und miteinander zu leben.

 Mit einem Fremdwort sprechen Politik, Kirchen, Gewerkschaften oder Arbeitgeber von Integration. Ernst Hemmen nennt sie „eines der großen Themen für die ostfriesischen Feuerwehr“. Deshalb will sich die Feuerwehr „gesellschaftlich offen zeigen“. Das ist nicht allein reiner Menschenliebe geschuldet, sondern hat einen ganz praktischen Hintergrund. Dennoch ist es richtig und gut.

Der Feuerwehr geht nach und nach der Nachwuchs aus – weil der demografische Wandel gnadenlos zuschlägt. Der Regierungsbrandmeister macht sich deshalb Gedanken, warum bisher nur wenige Männer und Frauen ausländischer Herkunft bei der Feuerwehr zu finden sind. Er nennt „Informationsdefizite“. Das ist sicherlich ein wichtiger Grund, der den Vorteil hat, dass er sich relativ leicht beheben lässt.

 Hemmen setzt mehrere Hebel zur gegenseitigen Information an. So sucht er die direkte Ansprache auf der bevorstehenden Weser-Ems-Ausstellung in Aurich. Eine Schlüsselrolle jedoch spielen die Jugendfeuerwehren. Sie können Alterskameraden aus Einwanderer- und Flüchtlingsfamilien mit kleinen Filmen über ihre Arbeit auf Youtube oder Facebook informieren und zum Mitmachen einladen. Der Regierungsbrandmeister will dafür einen Wettbewerb ausschreiben. Klar ist: Wer die Kinder begeistert, erreicht auch die Eltern.

 Integration ist Graswurzelarbeit. Die Idee des Regierungsbrandmeisters lässt sich auf Sport- und andere Vereine ausdehnen, wobei nicht verschwiegen werden soll, dass diese zum Teil schon seit Jahren ohne Aufhebens Kinder und Jugendliche aller Länder und Religionen aufnehmen. Man lese nur montags die Mannschaftsaufstellungen der ostfriesischen Fußballvereine.

Wir sind ein Zuwandererland, auch wenn dies maßgebende Politiker dies über Jahrzehnte verleugnet haben. Sträflich, wie sich jetzt herausstellt. Der Alltag ist längst bunt geworden. Deshalb wird es nicht mehr lange dauern, bis Omar neben Jan das Feuer löscht.