Archive for Februar, 2015

Wolken überm Schloss

Sonntag, Februar 22nd, 2015

Auferstanden aus Ruinen glänzt die Evenburg in Leer-Loga heute in voller Pracht – so schön, wie sich das alte Schloss der Grafen von Wedel vermutlich nie gezeigt hat. Schlossherr ist der Landkreis. Er hat vor Jahren das verfallene Gebäude samt historischem englischem Landschaftspark gekauft und nach und nach aufgemöbelt.

Die Evenburg hat sich schnell zu einem Aushängeschild des gesamten Landkreises Leer gemausert, sie dient der Kultur und der Freizeit vieler Menschen, und sei es nur zu einem sonntäglichen Spaziergang durch den Park. „Das kleine Fest im großen Park“, nachempfunden einem Vorbild aus den Herrenhäuser Gärten in Hannover, ist auf Anhieb zu einem Höhepunkt des Sommers in Leer geworden, und die Konzerte in der Vorburg finden viel Anklang.

Zwar haben Schlaumeier in all den Aufbaujahren regelmäßig Querschüsse abgefeuert und dem Landrat Knüppel zwischen die Beine geworfen, weil sie über Ent- oder Bewässerung des Parks oder sonstige Vorhaben alles besser wussten. Aber durchsetzen konnten sie sich zum Glück nicht. Die weitaus meisten Menschen finden Evenburg und Park schlicht gut.

Doch seit einiger Zeit ziehen dunkle Wolken auf über dem Schloss. Der Bau des so genannten Gärtnerhauses an einer Parkecke am Rande der benachbarten Siedlung bildet den Anlass massiver Proteste. Aber ist er auch die Ursache? Zweifel drängen sich auf. 1700 Menschen haben einen Protestbrief unterschrieben, den eine Bürgerin am Mittwochabend Landrat Bramlage in einer Protestversammlung überreichte.

Das Gärtnerhaus – 33 Meter lang – ist alles andere als ansehnlich. Ein profaner Zweckbau, wie eben ein Haus aussieht, das einst Unterkunft und Lager der dortigen Gärtnerei war. Das Haus jedenfalls war und ist jetzt wieder Teil des gesamten Evenburg-Ensembles. Man kann lange streiten, ob man alles wieder so aufbaut wie es einst war. Aber Denkmalschützer denken darüber meistens anders als normale Menschen.

Um zum Kern zu kommen: Als Nachbar der Evenburg muss man das Gärtnerhaus nicht mögen, es hat tatsächlich das Zeug zu einem Dorn im Auge.  Aber es ist bei weitem kein Grund für einen organisierten Aufstand. Da könnte man andere Bausünden aufzählen.

Deshalb drängt sich die Vermutung auf, dass etwas anderes dahinter steckt. Ein Blick auf andere Pläne des Landkreises kommt der Ursache schon näher. Die stattliche Millionensumme an Steuergeld für den Wiederaufbau der Evenburg muss logischerweise zumindest teilweise zurückfließen. Deshalb rührt der Landkreis die touristische Trommel für die Evenburg, die ein öffentliches Anwesen ist, überregionale bauhistorische Bedeutung hat und nicht nur den Leeranern die Freizeit verschönern soll.

Im vorigen Jahr kamen 12.000 Gäste, angepeilt  werden 20.000. Deshalb soll auch das Café vergrößert werden. Das alles passt offensichtlich nicht in das Weltbild  vieler Evenburg-Nachbarn, nicht wenige von ihnen im Rentenalter. Bei der Protestversammlung jedenfalls überwogen die Silberköpfe. Sie fürchten um ihre Ruhe und um die absolute Beschaulichkeit ihres Viertels. So viele Menschen, und die kommen dann auch noch in Bussen. Nee, so haben sie sich das Schmuckstück nicht vorgestellt.

Parkinson blickte durch

Sonntag, Februar 15th, 2015

C. Northcote Parkinson war ein Mann mit feinem Sinn für Ironie und Humor. Den hat er vermutlich von seinem Vater geerbt, denn sonst hätte der Sohn sein Leben nicht mit diesem Vornamen bestreiten müssen. Aber Briten neigen zur Skurrilität, und so erklärt sich manches. Der junge C. Northcote scheute sich dann auch nicht, Soziologie zu studieren. Trotzdem hinterlässt er der Nachwelt etwas Bleibendes, vermutlich ewig Gültiges, solange es Bürokratie geben wird: Die Parkinsonschen Gesetze.

Dabei handelt es sich um prägnante Lehrsätze zur Verwaltungs- und Wirtschaftslehre. Dazu gehört die Erkenntnis, dass einige hundert Menschen ohne besonderen Arbeitsauftrag innerhalb kurzer Zeit eine Bürokratie aufbauen, so man sie lässt. Zum Bürokratiewachstum hat Parkinson gesagt, dass „Arbeit sich in dem Maß ausdehnt, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht – und nicht in dem Maß, wie komplex sie eigentlich ist.“

So ähnlich muss man sich das auch in der „Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV)“ der Bundesagentur für Arbeit vorstellen, die ihren Sitz in Bonn hat und Menschen helfen soll, die aus dem Ausland kommen und hier arbeiten wollen oder die von hier einen Job im Ausland suchen. Mit der ZAV haben drei Jahre lang auch der Verein Wachstumsregion Ems-Achse und ein Jahr lang die Kreisvolkshochschule Aurich-Norden zusammengearbeitet. Sie holten junge arbeitslose Spanier nach Ostfriesland und ins Emsland, die hier eine Lehre machen oder im Fall Aurich-Norden in der Gastronomie arbeiten sollten.

Im vorigen Jahr kamen 25, davor 47 Spanier an die Ems, die Volkshochschule vermittelte und betreute 24. Der Bund förderte die Ausbildung und stockte die jeweiligen Lehrlingsgehälter auf 812 Euro auf. Glatt lief das Programm nie. Erst floss das Geld nicht, dann schwappte die Bürokratie über Ems-Achse und Volkshochschule hinweg. „Bis zu 50 Anträge pro Auszubildenden“ mussten bearbeitet werden, gibt die Ems-Achse zu Protokoll. Entnervt zieht sich jetzt der Verein aus dem Projekt zurück, die Volkshochschule schloss sich an.

Die Bundesagentur für Arbeit, früher Arbeitsamt, ist seit eh und je ein Inbegriff für Bürokratie. Kritiker spotten gar von der „Inkarnation einer Behörde“. Den Titel für den besten Beweis der Parkinsonschen Gesetze macht der Agentur jedenfalls keiner streitig. Sie bläst virtuos einen relativ einfachen Vorgang künstlich auf: Junge arbeitslose Spanier kommen nach Deutschland,  wollen hier lernen und arbeiten, werden mit offenen Armen empfangen, Betriebe warten, Fachleute betreuen sie, allseits besteht guter Wille. Wo liegt das Problem? Trotzdem: Bürokraten machen daraus ein so großes, dass die gute Sache platzt.

Das ist Parkinson pur. Die einfachsten Themen und nicht die wichtigsten werden ausführlichst diskutiert – weil die meisten Teilnehmer etwas davon verstehen. Zu beobachten übrigens in Firmen, aber öffentlich auch in Ratssitzungen, wo Millionensummen durchgewinkt, aber über einen Straßennamen gern stundenlang geredet wird.

Wo wir schon mal beim Thema sind: Parkinson hat sich auch Gedanken über Arbeitseifer gemacht und diese in seinem Trägheitsgesetz formuliert: „Verzögerung ist die tödlichste Form der Ablehnung.“

Weizsäcker und sein Bild von Leer

Sonntag, Februar 8th, 2015

Der jetzt gestorbene frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker besuchte im Oktober 1985 die Stadt Leer. Grund war die damals enorm hohe Arbeitslosigkeit. Mehr als 20 Jahre später – unsereins interviewte ihn in seinem klassisch-gediegenen Büro „Am Kupfergraben“ in Berlin – erinnerte er sich noch bestens an Leer, wie er erzählte. Eigentlich erstaunlich. Es hatte denn auch einen besonderen Grund.

Seine Vorstellung von der Gegend rührte her vom Hörensagen über das Armenhaus der Nation. Um sich ein eigenes Bild zu machen, reiste er hochoffiziell nach Ostfriesland. In Leer angekommen, passten die vielen schmucken Einfamilienhäuser gar nicht zu seiner Vorstellung, die er im Hinterkopf hatte. Der damalige Direktor des Arbeitsamtes, Ulrich Buurman, habe ihn aufgeklärt: Arbeitslosigkeit in Ostfriesland sei nicht vergleichbar mit der im Ruhrgebiet. Hier helfen sich die Leute gegenseitig beim Hausbau, schaffen Werte mit Schwarzarbeit, halten ein Schwein zum Schlachten im Stall oder ziehen im Garten selbst Gemüse. Buurmans Schilderung blieb in Weizsäckers Gedächtnis haften.

Diese Zeiten sind vorbei. Sie sind besser geworden. Das Armenhaus entwickelte sich zur Boomregion, die Arbeitslosenzahlen sanken, liegen zeitweise unter Bundesschnitt. Dennoch: Die glänzende Medaille hat eine matte Rückseite. Die Einkommen in Ostfriesland sind mit Abstand die niedrigsten in Niedersachsen, wie das Statistische Landesamt meldet.  Der Landkreis Leer trägt mit 17.151 Euro pro Einkommen und Jahr sogar die rote Laterne. Der Wert für Weser-Ems liegt rund 2400 Euro höher, der für Niedersachsen noch etwas mehr. Dennoch: Unterm Strich steht Ostfriesland heute ungleich besser da als zu Weizsäckers Amtszeit. Aber ein Wohlstandsgefälle zu anderen Gebieten ist geblieben.

Dafür gibt es mehrere  Gründe. Es mangelt an Industrie, außerdem an hochrangigen Behörden, die sichere und recht hohe Gehälter zahlen. Wer bei VW arbeitet, hat gut lachen. Wer beim Windmühlen-Marktführer Enercon arbeitet, allerdings weniger. Er hat zwar einen sicheren Job, aber keinen Lohn, der an VW oder die Meyer-Werft heranreicht. Grundsätzlich gilt: Es fehlen Betriebe mit hoher Wertschöpfung, die mehr zahlen (können) und in denen auch bessere Tarife gelten.

Negativ wirkt sich außerdem aus, dass viele Frauen in Ostfriesland nicht arbeiten. Ein veraltetes Rollenverständnis („Die Frau gehört an den Herd“) hält manche Frau von der Arbeit ab, andere haben keinen Beruf gelernt oder zu lange eine Kinderpause gemacht, so dass sie erst mühsam wieder fit für den Job gemacht werden müss(t)en. Manchmal bietet sich schlicht keine geeignete Arbeitsstelle an. Erschwerend: Frauen bekommen häufig Familie und Beruf nicht unter einen Hut – was wiederum darauf schließen lässt, dass zu viele Arbeitgeber den Schuss nicht gehört haben. Sie richten ihre Arbeitsabläufe nicht familienfreundlich aus.

Das alles muss sich schnell ändern, denn die erste Problemwelle der älter werdenden Gesellschaft ist der Fachkräftemangel, die mit Macht anrollt und Firmen vom Markt spülen wird, wenn diese nicht gegensteuern. Der Schlüssel zum langfristigen Erfolg ist Bildung hoch drei. Hier hat der Landkreis mächtig aufgeholt. Gelingt mit dem geplanten Bildungs-Campus in Leer ein großer Wurf, wird er neuen Schub bringen. Weizsäcker wäre sicher gern zur Eröffnung gekommen.

Hafen Leer – lieb und teuer

Sonntag, Februar 1st, 2015

Vielen Menschen in Leer ist ihr Hafen lieb. Ein Vorzeigestück mitten in der Stadt, Naherholung vom Feinsten, beliebter Treffpunkt und Ziel mancher Spaziergänge. Darüber freuen sich natürlich auch die Bürgermeisterin und der Stadtrat. Doch sie kommen mit dem Adjektiv lieb nicht aus, sondern müssen im selben Atemzug auch „teuer“ sagen. Rein betriebswirtschaftlich rechnet sich kaum ein Hafen. Profit erwirtschaftet er indirekt – vor allem durch Umsätze mit Güterumschlag, Gewerbesteuer der anliegenden Betriebe und Einkommenssteuer der Beschäftigten.

Der Hafen in Leer dient, was viele übersehen, nicht nur der Freizeit der Leeraner und ihrer Gäste, dem Vergnügen von Ruderern und Sportbootfahrern oder dem Wohlgefühl der am Ufer lebenden Hausbesitzer. Nein, er ist auch ein Handels- und Industriehafen. Dieser Teil bereitet Kummer, denn er schreit nach Investitionen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Frage lautet, ob die Stadt dem gewerblichen Teil des Hafens eine Zukunft zutraut und ob sie ihr dann überhaupt eine bietet.

Ein Plan sieht vor, den Hafen zu einem modernen Umschlagplatz für Massen- und Stückgüter auszubauen. Das kostet viel Geld. Das Rathaus spricht von 21 Millionen Euro. Die Stadt hat aber nichts auf der Naht. Deshalb soll das Land Niedersachsen die Hälfte zahlen. Diese Rechnung macht Leer  jedoch ohne den Wirtschaftsminister. Zwischen den jeweils amtierenden Bürgermeistern Kellner und Kuhl und Wirtschaftsminister Lies gibt es darüber seit fast einem Jahr Verständigungsschwierigkeiten.

Tatsache ist, dass ein erster Bauabschnitt rund sechs Millionen Euro kosten würde. Die Hälfte würde das Land beisteuern. Leer tut sich jedoch schwer, die zweite Hälfte zu schultern. Politiker schwenken bereits um und reden von einem Plan B, was nichts anderes heißt, als den Hafen praktisch versanden zu lassen. Im Hinterkopf spukt ihr Wahlversprechen, ein millionenschweres neues Schwimmbad zu bauen. Der CDU-Ratsherr Hamer ist der erste, der sich öffentlich vom Hafen abwendet.

Dagegen sträubt sich die Hafenwirtschaft. Mit Recht. Hafenwirtschaft ist ein auf Dauer angelegtes Geschäft. Hafenbau sogar eine Generationenangelegenheit. Deshalb wäre Leer gut beraten, sich genau darüber klar zu werden, wie der Hafen zukunftsfähig bleiben und wie er sich zwischen den Konkurrenten Emden und Papenburg positionieren kann. Zumal mit dem jetzt vorgelegten „Masterplan Ems 2050“ die Aussicht besteht, das Schlickproblem der Ems zu lösen, das dem Hafen und der Schleuse seit Jahren zusetzt.

Der Spatz in der Hand – in diesem Fall der erste Bauabschnitt für sechs Millionen Euro – ist besser als die Taube auf dem Dach mit dem großen Wurf auf einen Schlag. Den Spatz einzufangen ist aller Mühe wert. Und dann sieht man weiter. Fürs Schwimmbad gibt es Lösungen mit dem Landkreis und Nachbargemeinden. Jedenfalls wäre es ein historischer Fehler, den Hafen mit dem Schwimmbad aufzurechnen.