Archive for März, 2015

Schnapsverkauf und Rechnen

Sonntag, März 22nd, 2015

Jugend und Schnaps ist ein Problem – auch wenn es kleiner geworden sein soll. Komasaufen ist nicht mehr so angesagt wie vor einigen Jahren. Aber für Entwarnung ist es zu früh.  Krankenhausärzte können Wochenende für Wochenende ein Lied von alkoholvergifteten Jugendlichen singen.

Aber Aufklärungskampagnen in Schulen, Medien oder Arztpraxen zeigen langsam Wirkung. Und überall in Deutschland kontrollieren Kreis- oder Stadtverwaltungen, ob in Läden das Verkaufsverbot an Jugendliche unter 16 beziehungsweise 18 eingehalten  wird.

Verantwortlich für das Verhalten ihrer Kinder sind natürlich die Eltern. Aber an der Quelle sitzen Verkäufer und – meistens – Verkäuferinnen. Hier setzen die Testkäufe an, die auch die Kreisverwaltung Leer regelmäßig vornimmt. Neulich machte ein 16-jähriger Testkäufer wieder eine Runde durch Lebensmittelläden, Kioske und Tankstellen – wie immer unter Aufsicht der Jugendbeauftragten des Landkreises und der Polizei.

Und siehe da: Fast jede dritte Verkaufsstelle in den Testgemeinden Weener, Bunde, Hesel und Uplengen versorgte den Jugendlichen mit Alkohol. „Das war schon mal besser“, stellten die Beauftragten fest. Vorbildlich verhielten sich nach ihrer Aussage übrigens alle kontrollierten sechs Tankstellen und ein Kiosk in Bunde.

Ein Lebensmittelmarkt verfiel ins andere Extrem: Dort wurde der Testkäufer weder nach  Alter noch Ausweis gefragt. Andere Verkäuferinnen zeigten zwar guten Willen und ließen sich den Ausweis zeigen – trotzdem händigten sie den Schnaps aus. Das macht den Laien stutzig, ist aber für Fachleute an der Tagesordnung. Nicht nur in Ostfriesland, wie böse Zungen behaupten könnten, sondern in ganz Deutschland.

Grund sind mangelnde Rechenkenntnisse. Jugendbeauftragte Karin Frieling drückt sich diplomatisch aus: „Den Kassierern fällt der Vergleich des Geburtsjahres zwischen Ausweis und Mindestgeburtsjahr von 16 oder 18 unglaublich schwer.“ Obwohl moderne Kassen bei Alkohol einen Piepton abgeben und auch das Mindestgeburtsjahr anzeigen. Der klassische Fall sieht so aus: 1997 ist das Geburtsjahr eines 18-Jährigen, also das so genannte Mindestgeburtsjahr. Ist der Testkäufer vom Jahrgang 1999, ziehen manche Kassierer oder Kassiererinnen daraus den Schluss, dass 99 ja „mehr“ ist als 97 – und verkaufen den Schnaps. So jedenfalls schildern es die Jugendbeauftragten des Landkreises und der Polizei.

Dieses Zahlenproblem gab auch den Anstoß für eine „Alterskontrollscheibe“, die tatsächlich so heißt. Sie ähnelt einer Parkscheibe und soll dem Verkaufspersonal helfen, das Alter von Jugendlichen auszurechnen – indem einfach das aktuelle Datum eingestellt wird, um so den Abgleich mit dem Ausweis zu erleichtern. So lässt sich – theoretisch jedenfalls – ohne langes Kopfrechnen erkennen, ob der Kunde über 16 ist und lediglich Bier, Wein oder Sekt oder über 18 ist und neben Tabak auch Alkohol jeglicher Art kaufen darf.

Die Scheiben gibt es kostenlos beim Landkreis. Wer seinen Kopfrechenkünsten nicht traut, sollte sich eine besorgen. Denn beim Verstoß gegen das Jugendschutzgesetz ist ein Bußgeld fällig. Beim ersten Mal 200 Euro, bei weiteren Verstößen mehr. Zahlen muss übrigens der Verkäufer persönlich, nicht der Ladenbesitzer.

Arbeit oder Angeln

Sonntag, März 15th, 2015

Die Kreistagsabgeordneten im Landkreis Leer haben sich vermutlich in ihren schlimmsten Träumen nicht ausgemalt, vor wer weiß wie vielen aufgeregten Menschen in der Viehhalle von Leer tagen zu müssen. Am Montag ist es so weit. Einziger Debattenpunkt: Der Masterplan Ems 2050, mit dem die Landesregierung an der Ems die Umweltlage verbessern und gleichzeitig die Lebensader der Meyer-Werft und der anliegenden Häfen retten will.

Seitdem der Plan bekannt ist, geht es im Landkreis Leer hoch her. Bauern lassen ihre Trecker rollen und malen Spruchbänder. Sie wirbeln in einer gut organisierten Kampagne die politische Landschaft durcheinander und beherrschen die veröffentlichte Meinung.

Sie fürchten um ihre Zukunft, weil 700 Hektar Agrarland für Umweltprojekte gebraucht werden – in den nächsten 35 Jahren. Der Landkauf dürfte für die Regierung das kleinste Problem sein. Gute Preise reizen zum Verkauf, wie einst beim Autobahnbau erwiesen.  Offen bleibt die Frage, wie sich die Landwirtschaft bei höheren Grundstückspreisen entwickelt. Viele Bauern sehen das skeptisch und lassen sich vom Angebot der Regierung, in einem Arbeitskreis mitzumachen, nicht beeindrucken.

Ein Kernproblem ist, weniger Schlick in die Ems zu lassen und so die Wasserqualität zu verbessern. Und das Überleben der Meyer-Werft zu sichern. Kurzum: Die Kreuzfahrtschiffe müssen auch künftig die Nordsee erreichen. Sonst können Werftarbeiter und Mitarbeiter von Zulieferern, es sind einige tausend, bald ihre dann unbegrenzte Freizeit mit Angeln an einer renaturierten Ems ausfüllen.

Unsereins hörte neulich bei einem Besuch in Brüssel: Die EU wird nicht fackeln, bei einem Nein des Kreistags ein „Vertragsverletzungsverfahren“ gegen die Bundesrepublik anzustrengen. Dann ist an der Ems der Ofen aus. Die EU wird sich nicht länger – wie seit 15 Jahren – von Niedersachsen auf der Nase herum tanzen lassen. Außerdem muss sie bei eigenem Nichtstun mit Klagen von Umweltverbänden rechnen.

Normalerweise wäe eine Mehrheit für den Masterplan im Kreistagr keine Frage. CDU und SPD würden gemeinsam dafür sorgen, denn wenn es um die Super-Werft ging, waren sie sich immer einig. Doch diesmal ist alles anders. Die SPD-Fraktion steht zur Fahne und besinnt sich ihrer Tradition als Partei der Arbeit und sieht die Chance, Wirtschaft und Umwelt an der Ems unter einen Hut zu bekommen. Landrat Bramlage, SPD, indes hegt grundsätzliche juristische Einwände.

Die CDU, die sich gern ihrer Nähe zur Wirtschaft rühmt, spielt im Landkreis Leer eine Sonderrolle. Im Gegensatz zu ihren Parteifreunden im Emsland will sie nein sagen zum Masterplan. Sie folgt dem CDU-Landtagschef Thümler, der den Plan als „sittenwidrig“ abgekanzelt hat. Generalsekretär Thiele, Mitglied im Kreistag, bemängelt das Fehlen der Bauern im Masterplan-Lenkungsausschuss. Die Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann, ebenfalls Kreistagsmitglied, ist auf Tauchstation.

Wie stark ist noch der Arm von Ex-Minister Seiters, CDU, der hinter den Kulissen pro Masterplan arbeitet? Berührt der Appell von Landtagspräsident Busemann die Leeraner Parteifreunde? Beobachter fragen auch, warum sich die Industrie- und Handelskammer erst in letzter Minute erklärt oder der Verein Wachstumsregion Ems-Achse sich nicht für den Masterplan ins Zeug legt. Die Debatte darüber in CDU und Wirtschaft dürfte interessant werden. Doch unabhängig von Spekulationen: Am Montag sehen wir klarer.

 

 

Unter Strom

Samstag, März 7th, 2015

Es klang nach nichts Besonderem, als neulich das „Bladdje“ den Ausbau einer Straße zwischen Zuidbroek und Appingedam meldete: „Vierspurig nach Eemshaven und Delfzijl“. Illustriert war der Bericht mit Fotos vom Windpark „Westereems“ und von Hochspannungsleitungen, die den Strom von den Eemshaven-Kraftwerken zu den Kunden bringen. So unspektakulär Überschrift und Meldung klingen, so viel mehr steckt dahinter:  Nicht weniger als völlig verschiedene Denk- und Handlungsweisen zweier benachbarter Völker.

Die Regierung in Den Haag und die Provinz Groningen nehmen mehr als 100 Millionen Euro in die Hand, um den zweispurigen „Rijksweg N 33“ zur Industriezone Eemshaven/Delfzijl auf vier Spuren zu verdoppeln. Der Grund: Das rasante Wirtschaftswachstum an der Emsmündung. Und Wachstum braucht Strom, Straßen, Schienen, Flüsse und Kanäle.

Während Ostfriesen in diesen Tagen drauf und dran sind, ihre Zukunft zu verspielen, machen in Sichtweite die Holländer Nägel mit Köpfen. 1973 eröffnete Königin Juliana den Eemshaven, über den die ostfriesische Wirtschaft damals nur den Kopf schüttelte. Ein Hafen in der Pampa, die Holländer haben einen Knall, hieß es.

Tatsächlich dümpelte er lange vor sich hin. Dieses Schicksal durchleidet gegenwärtig der Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven, der irgendwann auch den Durchbruch feiern wird. Hafenbau ist Generationensache, wissen Holländer, die etwas von Wirtschaft verstehen. Sie bauen deshalb für den Boom kommender Jahre vorausschauend die Zufahrt autobahnähnlich aus. Klassisch die Kritik des Grünen-Fraktionssprechers Harrie Miedema. Er sieht das Geld lieber im Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, zumal es auf dem genannten Rijksweg „bis jetzt noch nie zu Verkehrsstaus gekommen“ sei.

Trotz Proteste und Klagen, die es auch in Holland gibt, entwickelt sich der Eemshaven zu einem starken Zentrum für Energie und Datenspeicherung. Der riesige Windpark „Westerems“ wurde bereits vor Jahren verstärkt durch  höhere Mühlen („Repowering“). Die „Eemscentrale“, ein Gas- und Dampfkraftwerk, bringt eine Leistung von 2,4 Gigawatt. Weitere Kraftwerke entstehen, darunter ein Steinkohlekraftwerk der RWE aus Essen, gegen das sich ostfriesische Gemeinden wehren. Es wird allerdings gebaut. Ziel des gesamten Kraftwerks-Zentrum, genannt „Energy  Park“ , sind 7,5 Gigawatt.  Das entspricht einer Leistung von umgerechnet mehr als siebeneinhalb großen Steinkohle- oder Atomkraftwerken.

Strom in Hülle und Fülle ist der Hauptgrund, warum Google im Eemshaven 600 Millionen Euro in ein Rechenzentrum investiert. Großrechner zählen zu einer energieintensiven Branche, werden in diesem Zusammenhang aber selten genannt. Dort ist immer die Rede von Aluminiumhütten oder Stahlwerken – die wiederum für den Bau von Windkraftanlagen unerlässlich sind.

Nebenbei hat Eemshaven seiner Konkurrenz in Emden den Rang als Bau-, Lager- und Basishafen für Offshore-Windparks längst abgelaufen. Eemshaven versorgt mehrere Windparks auf See, Emden keinen. Demnächst geht ein „Heli-Port“ für Hubschrauber in Betrieb, ebenfalls für die Versorgung der Offshore-Industrie.

Handwerker mit neuen Besen

Sonntag, März 1st, 2015

Die Wirtschaftsmacht von nebenan. Mit diesem selbstbewussten Spruch macht das Handwerk Reklame. Zu Recht.  In Deutschland ist jedes vierte Unternehmen ein Handwerksbetrieb. In Ostfriesland erwirtschaften 5250 Handwerksbetriebe mit ihren 35.000 Mitarbeitern einen Umsatz von dreieinhalb Milliarden Euro im Jahr. Offenbar hat Handwerk immer noch goldenen Boden.

Trotzdem steht das Handwerk wie die gesamte Wirtschaft vor Problemen. Sie heißen Fachkräftemangel und Wirtschaft 4.0. Der Fachkräftemangel rührt daher, dass seit Jahrzehnten zu wenige Kinder geboren werden, und Wirtschaft 4.0 heißt, den raschen Vormarsch der Digitalisierung in Betriebe und Haushalte zu meistern.

Dazu braucht es wache und nicht zuletzt auch jüngere Leute, die mit dem Computer aufgewachsen sind – neudeutsch: Digital natives.  Nötig sind außerdem schlagkräftige Organisationen. Und da sah es bei unseren Handwerkern zuletzt mau aus: Die Handwerkskammer für Ostfriesland leistete sich eine 15-monatige Vakanz im Präsidentenamt. Tischlermeister Horst  Amstetter aus Emden hatte im November 2013 die Brocken hingeworfen.

Erst jetzt präsentierte die Kammer einen neuen Präsidenten und gleich einen neuen Vize dazu, genau gesagt eine Vizin. An der Spitze steht der 49-jährige Albert Lienemann, der in Holtrop einen Betrieb für Badgestaltung und Wärmetechnik besitzt. Das alteingesessene Unternehmen macht einen modernen Eindruck, was den Schluss zulässt, dass der Meister auf der Höhe der Zeit ist.

Standen an der Spitze der Kammer bisher eher Honoratioren-Typen, so hat sich das jetzt stark geändert. Jedenfalls sieht Albert Lienemann nicht so aus, als ob er mit Schlips und Kragen auf die Welt gekommen ist. Neu ist auch die Vizepräsidentin, die erste Frau überhaupt im Vorsitz der Kammer: Elke Münniks, 31 Jahre, Friseurmeisterin aus Wiesmoor. Sie führt mit einer Kollegin einen großen Frisier-, Wellness- und Schönheitspflege-Salon.

Schon optisch fällt Elke Münniks aus dem Rahmen der eher biederen Kammervollversammlung: Jung, knallrot gefärbte Haare, modische Undercut-Frisur, Tattoos an den Armen – und bestens mit ihrem Betrieb auf Facebook vernetzt.

Acht Männer und Frau Münniks zählen zum Vorstand der Kammer. Unter ihnen hält nur Schornsteinfegermeister Friedrich Lüpkes die Fahne des Landkreises Leer hoch. Das ist vermutlich kein Zufall. Zu diesem schwachen Bild passt, dass Handwerker das weithin einmalige Angebot des „Experimentierhauses“ an den Berufsschulen in Leer nur selten für Fortbildungen nutzen. Bauleute, Metallbautechniker, Versorgungstechniker (früher Klempner, Heizungsbauer und  Installateure), Elektro- und Informationstechniker können sich dort auf den neusten Stand der Technik bringen.

Schließlich erhebt das Handwerk den Anspruch als der „offizielle Ausrüster der Energiewende“. Tatsächlich sind mehr als 30 Gewerke damit befasst. Aber auf Sicht wird zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine Kluft klaffen, wenn „die Wirtschaftsmacht von nebenan“ die supermoderne Fortbildung nebenan schleifen lässt. Goldener Boden braucht Pflege.