Archive for Mai, 2015

Nicht hinterm Mond

Samstag, Mai 30th, 2015

Ziemlich weit im Süden des Landkreises Leer liegt das Dorf Flachsmeer, erwachsen aus einer Fehnsiedlung und heute Teil der Gemeinde Westoverledingen. Der Ort liegt ein bisschen vom Schuss, aber längst nicht hinterm Mond – was zu beweisen ist.

Die meisten Flachsmeerer arbeiten in Papenburg oder Leer, jedoch bietet das Dorf selbst ebenfalls eine Reihe von Arbeitsplätzen. Vieles ist noch da, was der Mensch gern in seiner Nähe hat, jedoch längst nicht mehr überall selbstverständlich ist: Supermärkte, Apotheke, Bank und Sparkasse, Gasthöfe, Kranken- und Altenpflege, Schlachter, Textilhaus, Tankstelle, Gärtner und erstaunlich viele Handwerker.

Der Sportverein Viktoria ist aus dem Ort nicht wegzudenken, der Spielmannszug ist über die Gemeindegrenzen bekannt und die „Schlepperfreunde“ ärgern sich, dass in diesem Jahr das geplante 10. Trecker-Oldtimer-Treffen ausfällt. Es mangelt jedenfalls nicht am Vereinsleben. Prominentester Bürger ist der frühere Landrat, Landtagsabgeordnete und Landschaftspräsident Helmut Collmann.

Bemerkenswert an Flachsmeer ist noch die kleine Raiffeisenbank, die allen Fusions-Lockrufen der großen Konkurrenz eisern widersteht und selbstständig bleibt – bei guter  wirtschaftlicher Gesundheit. Die Bank zieht im Hintergrund vermutlich die Fäden einer Geschichte, die wir jetzt erzählen. Dass sie ausgerechnet in Flachsmeer, aber nicht in Emden, Aurich oder Papenburg spielt, ist dabei ein besonderes Kapitel.

Also: Heiner Jansen, Mitarbeiter der besagten Raiffeisenbank, entwickelte jetzt eine App für Smartphones, auf der sich der Gewerbeverein und ein Dutzend seiner Mitgliedsbetriebe mit Angeboten und Dienstleistungen vorstellen. Eine App ist ein Anwendungsprogramm für Smartphones und Tablets, sie dient zum Beispiel als Wetterkarte, zum Zeitunglesen oder eben einem Gewerbeverein als modernes Marketing-Instrument. Apps gehören mittlerweile für fast die Hälfte der Menschen zum Alltag.

Der Gewerbeverein Flachsmeer, 46 Mitglieder, leistet mit der App Pionierarbeit im digitalen Handel. Theodor Lübbers, Chef der Raiffeisenbank und  Kassenwart des Vereins, sagt, sie sei in Deutschland das erste Programm dieser Art. Glückwunsch und Respekt!

Zwar wirkt der Internet-Auftritt leicht selbstgemacht, was er auch ist. Die Texte „Über uns“ und die „Satzung“ des Gewerbevereins sind überflüssig. Aber, und das ist zunächst entscheidend: Die App ist übersichtlich und zeigt mit den individuellen Angeboten der teilnehmenden Betriebe in die richtige Richtung.

Das Vorbild aus Flachsmeer braucht viele Nachahmer. Die Flachsmeerer beweisen, dass Handel und Handwerk mit relativ geringem Aufwand einen längst nötigen Sprung ins digitale Zeitalter machen können. Sie müssen es nur wollen – und nicht wie in Leer sich lieber gegenseitig Knüppel zwischen die Beine werfen statt geschlossen zu handeln.

„Wat is dat dann?“

Samstag, Mai 23rd, 2015

Vor wenigen Tagen stand auf Seite 17 der Rheiderland-Zeitung ein kleiner Artikel, in dem VW-Chef Winterkorn zu Wort kommt. Er fordert von der Politik „mehr Tempo“ – beim digitalen Wandel. Er sprach beim „Forschungsgipfel 2015“ in Berlin, aber es hat auch mit Weener, Bunde oder Jemgum  zu tun.

Gerade die Autoindustrie hat die Digitalisierung lange unterschätzt. Der VW-Boss bestätigt es indirekt: „Tesla baut in Nevada die größte Batteriefabrik der Welt, Apple engagiert neuerdings reihenweise Autoexperten, und nicht nur Google arbeitet intensiv an Roboterautos, sondern auch chinesische IT-Riesen wie Baidu oder Alibaba.“ Vor diesem Hintergrund soll neulich auch Piëch seine Attacke gegen Winterkorn geritten haben.

Der große Konkurrent von VW heißt möglicherweise bald nicht mehr Toyota, sondern Google oder Apple. Die Herrscher der Internet-Plattformen sind mehr als Facebook oder iPhone, sie sind die Könige der Wirtschaft und schürfen das neue Gold, die elektronischen Daten. Hier zwei Beispiele für die neue Datenmacht: Die meisten Hotelbetten in Deutschland vermietet eine Firma, die kein einziges Hotel besitzt – HRS in Köln. Oder der neue amerikanische Taxigroßunternehmer Uber, der kein eigenes Taxi hat, aber bei uns die Taxibranche aufmischt.

Das Thema Digitalisierung trifft nicht nur die Großen. Auch wer von den kleinen und mittleren Unternehmen nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Wie man es richtig macht, zeigt das „Bladdje“ in Weener mit seiner frischen Internet-Präsenz.

In Ostfriesland fehlt in weiten Bereichen die Grundlage für die Digitalisierung: ein leistungsfähiges Breitband-Netz. So bleibt schnelles Internet auf dem Lande und in vielen Stadtteilen ein Traum. In manchen Orten kommt das Internet mit Übertragungsraten von mehr als sechs Mbit pro Sekunde kaum mehr an. Anderswo ist Schluss bei 16 Mbit/s. Viel zu wenig Saft.

Bis vor kurzem galten 50 Mbits/s als genug. Doch die Datenmengen steigen bald um das Doppelte und mehr. Dann reichen auch herkömmliche Kupferkabel nicht. Gefragt ist Glasfaser.

Ein Glasfasernetz kostet Geld – ist aber für die Standortsicherung eines Unternehmens und für die Lebensqualität eines Ortes erforderlich. Deshalb sollten Unternehmen und kommunale Politik gemeinsam nach günstigen Finanzierungsmöglichkeiten suchen, auch nach Investoren, die mit privatem Kapital den Netzausbau mitfinanzieren.

Netzausbau geht neuerdings billiger als lange gedacht. Denn nicht die Kabel, sondern Erdarbeiten treiben die Kosten. Sie können bis zu 90 Prozent eines Ausbaus ausnachen. Deshalb bieten sich alternative Verlegemethoden zum Baggern an – wie „Microtrenching“, das Fräsen schmaler Rinnen im Asphalt oder im Beton. Leerrohre im Tiefbau und Leitungen durch Abwasserrohre sind andere Möglichkeiten.

Hemmnisse lagern vor allem in den Köpfen. So war ein mittelständischer Telekommunikationsanbieter doch erstaunt über die Frage eines verantwortlichen Beamten, als er jüngst in einem Rathaus Pläne zum Verlegen von Glasfaser-Hausanschlüssen erläuterte: „Microtrenching – wat is dat dann?“

Lebenslang Grün-Weiß

Sonntag, Mai 17th, 2015

Drei Dinge im Leben kann man sich nicht aussuchen: Vater, Mutter und den Lieblings-Fußballverein.  Alles ergibt sich so und bleibt fürs Leben. Vor allem der Fußball, das Tor zur Welt. Das lassen wir uns auch von Leuten nicht ausreden, denen höchstens einfällt, dass 22 Jungen oder Männer hinter einem Ball herrennen. Sie lassen nicht mal den berühmten schottischen Fußball-Philosophen Bill Shankly gelten, trotz dessen umwerfender Erkenntnis: Beim Fußball geht es nicht um Leben oder Tod – es geht um mehr.

Wir jedoch genießen den tödlichen Pass, der in die Schnittstelle der Abwehr gespielt wird – und verweisen an die Deutsche Akademie für Fußballkultur in Nürnberg. Sie pflegt die hohe Ball-Kultur und lüftet ein wenig den Vorhang vor der schier unergründlichen Fußballer-Seele.

Zu unserem Erstaunen vermittelt die Akademie nicht, dass Fußball reine Männersache ist. Der so genannte Damen-Fußball ist in Wirklichkeit eine völlig andere Sportart, ohne dass wir ihm die Berechtigung absprechen wollen. 22 Mädchen oder Frauen laufen eben hinter einem Ball her. Aber das nur nebenbei. Es musste einfach mal `raus.

Fußball muss man – modisch ausgedrückt – ganzheitlich betrachten. Denn er erfasst den Menschen komplett. Herz und Seele, Kopf und Bauch. Er schießt den Adrenalinspiegel in euphorische Höhen und drückt die Befindlichkeit in dunkle Tiefen. Je nach Sieg oder Niederlage, Auf-oder Abstieg.

 Und noch eins:  Er gibt dem Wochenende eine Struktur. Schon jetzt graust sich der wahre Fan vor der  bundesligalosen Zeit, die unerbittlich näher rückt und diesmal weder mit einer Europa- noch mit einer Weltmeisterschaft überbrückt wird. Der Fan fängt dann an zu grübeln, welchen anderen Sinn das Leben noch haben könnte – ehe er davon am 14. August um 20.30 Uhr erlöst wird, wenn das erste Spiel der neuen Saison angepfiffen wird.

Leider in München, denn traditionell eröffnet  der Deutsche Meister mit einem Heimspiel die Saison. Der Gegner der Bayern steht noch nicht fest. Es wird wohl nicht der HSV sein. Zugegeben ein Tipp mit Hintergedanken, wie es sich vielleicht nicht gehört. Kenner wissen, was und wie‘s gemeint ist – aus grün-weißer  Sicht.

 Ostfriesland ist eben eindeutig Werder-Land. So bleibt es ein ewiges Rätsel, wie man sich dem HSV oder den Bayern verschreiben kann. Aber das Leben ist nun mal bekannt für seine Kapriolen. Wir nehmen es deshalb  ergeben hin, zumal die unterschiedliche Vereinsausrichtung die Fachgespräche über das Thema Nummer eins durchaus bereichert – wenn wir, um nur ein Beispiel zu nennen, die taktischen Fehler des großen FC-Bayern-Trainers skelettieren.

Um ehrlich zu sein: Kritiker des grenzenlosen Fußball-Enthusiasmus liegen nicht völlig daneben, wenn sie uns eingefleischten Liebhabern des gepflegten Rasensports  unterstellen, nicht ganz …… was auch immer zu sein. So sind die vorhergegangenen Zeilen auch nur für diesen Vorwand geschrieben worden: Der ruhmreichen ersten Mannschaft des SV Teutonia Stapelmoor zur Meisterschaft in der Ostfrieslandklasse B, Staffel 5, zu gratulieren. Lebenslang Grün-Weiß.

 

 

 

 

 

 

Innenstadt von Leer als großer Hotspot

Sonntag, Mai 10th, 2015

Leer ist eine kleine Hochburg für Informations- und Datenverarbeitung. Gut ein Dutzend kleine und mittlere Software-Firmen mit teils hohem Ansehen und Erfolg stützen diesen Ruf. Bünting verkauft längst Lebensmittel übers Internet, und mit ELV hat Leer den Marktführer im Elektronik-Versandhandel samt starker Entwicklungsabteilung in der Stadt. Orgadata, Connedata, Tridem und andere sind seit Jahren in der IT-Branche am Ball. Jeder in der Stadt könnte also wissen, worum es geht.

Umso mehr erstaunt es, dass Leer wie fast alle Städte der Region eine WLAN-Wüste ist. Der Handel klagt gern und oft über die Online-Konkurrenz. Aber statt sie offensiv anzugehen, erstarrt sie davor wie das Kaninchen vor der Schlange. Von Ausnahmen abgesehen. Doch es keimt Hoffnung: Bürgermeisterin Beatrix Kuhl, CDU, kündigte ein frei zugängliches WLAN in der Innenstadt an, wenn auch nur in Teilen.

WLAN ist die Abkürzung für das englische „Wireless Local Area Network“ (WLAN), deutsch „drahtloses lokales Netzwerk“. Es ist ein Funknetzwerk, das den Zugang ins Internet öffnet. In vielen ausländischen Innenstädten gehören offene WLAN-Netze und kostenloses Surfen zum Alltag.

Abgesehen von Hotels sieht es bei uns eher mau aus. Mal eben beim Warten an der Kasse E-Mails abrufen, online einen Tisch im Restaurant bestellen, den Stadtplan aufrufen, sich übers Kinoprogramm informieren, das „Bladdje“ online lesen oder gar eine Ware im Geschäft bestellen, die man in einer Stunde abholen will – mobiles Internet hat viele Vorteile, sofern  man sie nutzen kann. Denn längst nicht jeder hat einen schnellen Datentarif auf seinem Smartphone oder er hat sein Tariflimit schon überschritten. Dann ist öffentliches WLAN Geld wert. Und viele Niederländer würden sich freuen, weil sie in Leer teure Roaming-Gebühren umgehen würden, die im Ausland zur Last fallen.

Wie es aussieht, will das Rathaus den WLAN-Zugang vorantreiben. Klugerweise sucht die Bürgermeisterin dafür einen Anbieter und auch Sponsoren. Eigentlich liegt es im ureigenen Interesse des Handels, selbst aktiv zu werden. Er hat jetzt die Chance, auf den Zug zu springen und die Sache etwas größer zu denken. Denn offenes WLAN darf sich nicht auf einige Teile der Innenstadt beschränken. Das verärgert Kunden. Und schürt den Neid der Händler, die außen vor bleiben.

WLAN ist vorerst ein Image-Gewinn für die Stadt. Aber bald werden alle Städte nachziehen, so dass es selbstverständlich wird. Was vor Jahren ein Autobahnanschluss für Städte war, ist heute WLAN – das keineswegs nur  Jugendliche anspricht, wie manche meinen. WLAN ist eine Grundvoraussetzung, ein Werkzeug für moderne Wertschöpfung im Handel.

Unabhängig davon muss Leer die Fußgängerzone aufmöbeln, seinen eigenen Weg gehen und sich über eigene Stärken profilieren. Dabei nicht auf Großstädte wie Hamburg schielen, wie es die Bürgermeisterin tut. „Jungfernstieg-Atmosphäre kann man auch in der Mühlenstraße finden“, sagt sie öffentlich. Diesen Eindruck teilt sie wohl allein. Andere erwarten eher, dass die ganze Innenstadt ein großer Hotspot wird – inmitten von attraktiven Läden und Freizeitangeboten.

Infraschall – die neue Mode

Samstag, Mai 2nd, 2015

Die meisten Deutschen finden es gut, dass es mit dem Atomstrom bald zu Ende geht. Sie finden auch die Energiewende gut – zumindest in Umfragen und so lange Windkraftanlagen ihnen nicht unter die Augen kommen. Trotzdem wird viel Wind um Windkraft gemacht.

Verfechter des Stroms aus Wind schon von Amts wegen ist der niedersächsische Umweltminister Wenzel. Der Grünen-Politiker hat sich vermutlich bis vor einiger Zeit nicht mal im Traum vorstellen können, dass er sich mit Freunden im Geiste wegen Windkraft herumschlagen muss.

Landauf, landab schießen Bürgerinitiativen aus dem Boden, die zwar für Windkraft sind, aber gegen neue Windmühlen. So ganz nebenbei haben sie noch einen weiteren Feind ausgemacht, den die Windmühlen laufend gebären: Infraschall. So druckte die Bürgerinitiative „Fair-Wind“ aus Neermoor ein Plakat mit dicht gedrängten Windmühlen und dem Text: „So nicht. Windpark Neermoor verursacht Lärm und Infraschall.“ Um dann in den Angstmacher-Modus zu wechseln: „Das bedroht unsere Gesundheit.“ Schließlich die Forderung an die Politik: „Haltet Abstand von unseren Häusern.“

Der begnadete Populist Horst Seehofer hat längst das Wähler-Potenzial erkannt. Der  Ministerpräsident aus Bayern dient Bürgerinitiativen vielfach als Vorbild: Er will den Mindestabstand zwischen Windmühle und Haus festlegen aus der Nabenhöhe der Anlage, malgenommen mit dem Faktor zehn. Die Nabenhöhe der Enercon E-101-Windmühlen in Holtgaste beträgt 99 Meter. Andere sind noch höher. Minister Wenzel hat ausrechnen lassen, dass bei dieser Extremforderung nur noch 0,1 Prozent Landesfläche in Niedersachsen für Windparks in Frage käme. Es wäre das Ende der Energiewende.

Im Kampf um mehr Abstand von Windmühlen setzen Aktivisten den „Lärm“ nicht als einzigen Hebel an. Neu in Mode ist der Protest gegen Infraschall. Diese Art des Schalls ist nicht zu hören und kommt auch in der Natur vor. So bei Wellen, die an den Strand branden. Bisher sind uns Proteste dagegen allerdings nicht zu Ohren gekommen. Auch beim Autofahren sind wir relativ viel Infraschall ausgesetzt.

Wissenschaftliche Beweise für eine Verquickung von Infraschall und Gesundheit gibt es nicht, ebenso wenig wie bei Handy-Sendemasten. Wie es aussieht, ist Infraschall der neue Handy-Sendemast, der bislang unangefochten an der Spitze der angeblich gesundheitlich ruinösen Phänomene steht.

Interessant ist deshalb eine Studie, die uns aus Neuseeland von der Auckland-Universität erreicht. Forscher gingen der These von der verheerenden Wirkung von Windrad-Infraschall auf die Gesundheit nach. Sie kommen zu einem ganz anderen Schluss: Der Nocebo-Effekt könnte die Ursache für Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Gedächtnisverlust, Schwindel oder Übelkeit der Betroffenen sein. Nocebo ist das Gegenstück des bekannten Placebo-Effekts, bei dem ein Scheinmedikament die Krankheit heilt.

Die Studie sagt, dass Menschen, die Gesundheitsschäden von Windmühlen erwarten,  diese schließlich auch empfinden. Mehr Abstand zwischen Windmühlen und Häusern würde ihnen somit gar nicht helfen. Die Forscher raten deshalb zu mehr seriöser Information und weniger Panikmache – als Schritte zur Heilung.