Archive for Juni, 2015

Vectoring stoppt Glasfaser

Samstag, Juni 27th, 2015

Viele kennen es: Wer zu Stoßzeiten ins Internet geht, braucht Geduld und gute Nerven. Je mehr Nutzer im Netz, desto langsamer die Übertragung. Vom schnellen Internet können die meisten Menschen nur träumen. Für Privatleute ist das ärgerlich, für Betriebe geht es um die Wettbewerbsfähigkeit.

Und die Datenmengen steigen – jährlich geschätzt um 20 Prozent. Bald wird  das Internet zur Schnecke. Abhilfe verspricht nur der massive Ausbau des Breitbandnetzes, gerade in Randgebieten wie Ostfriesland, wo Datenautobahnen lebenswichtig sind.

Die Politik hat das Problem erkannt. Die Bundesregierung will das ganze Land bis 2018 mit einer Grundversorgung von 50 Megabits pro Sekunde beglücken. Aber man muss kein Prophet sein: Die Regierung nimmt den Mund zu voll.

Dabei springt sie viel zu kurz. Breitband mit 50 Megabits ist nur ein Strohfeuer. Mindestens doppelt so hohe Übertragungsraten wären ein Wort. Aber auf Sicht trotzdem nicht genug. „Den Breitbandausbau muss man größer denken“, sagt der Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, Garrelt Duin, ein Ostfriese. Ihn treibt die Sorge, dass man sich vor Ort mit kleinen Lösungen zufriedengibt, die schon in wenigen Jahren technisch nicht mehr mithalten. Das gilt vor allem für Gewerbegebiete, wo Firmen große Datenmengen hoch- und herunterladen müssen.

Hochgeschwindigkeits-Internet für dicke Datenpakete funktioniert am besten über Glasfaserkabel. Sie gehen aber ins Geld und rechnen sich für Telekom, EWE und Co. nur dann, wenn genügend Kunden am Netz hängen. Die Telekom scheut Glasfaser aber noch aus einem anderen Grund: Sie will ihr Kupferkabelnetz nutzen, das sie bei der Privatisierung  umsonst vom Staat erhalten hat. Nebenbei möchte sie Wettbewerbern den Zugang zu den Hauptverteilern verweigern.

Das Kupferkabelnetz, ohnehin an vielen Stellen marode, ist für große Datenmengen nicht ausgelegt. Telekom und auch EWE wollen es deshalb mit Vectoring aufrüsten. Das ist eine Software für VDSL im Kabelverzweiger.  VDSL wiederum ist eine Technik, die Daten über Telefonleitungen überträgt. Die EWE verspricht bei Vectoring Geschwindigkeiten bis zu 100 Megabits pro Sekunde.

Das hört sich gut an, hat jedoch einen Pferdefuß: Vectoring ist lediglich eine Überbrückungstechnik. Sie dient dazu, die Kupferkabel möglichst lange höchst rentierlich nutzen zu können. Für Betreiber ist Vectoring lukrativ – aber für Land und Nutzer keine Zukunftslösung. Auf Deutsch: Vectoring verzögert den Glasfaserausbau. Und macht ihn somit noch teurer.

Privatkunden mögen eine Weile mit 100 Megabits klarkommen. Aber Unternehmen stoßen damit an die Decke. Sie brauchen bald 250 Megabits und mehr. Was tun? Glasfaser bis ins Haus kostet viel Geld. Auf den Staat warten bringt nichts. Bund und Land können mit Beratung und Zuschüssen helfen, aber erfolgversprechend sind private und kommunale Akteure vor Ort.

Einzelne richten wenig aus, überkommunale Zusammenarbeit ist nötig. Es gibt Beispiele, wo Gemeinden und Private den Breitbandausbau selbst in die Hand genommen haben – und sei es, dass sie eine Landmaschine zum Kabelpflug umbauten. Phantasie und Einsatz sind gefragt. Denn in der Gigabit-Gesellschaft ist Schluss mit Vectoring. Und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts mit einer technisch nicht ausreichend leistungsfähigen Methode meistern zu wollen, ist ein Unding.

 

 

 

„Spöölbühn“ kauft Laptops

Sonntag, Juni 21st, 2015

Die „Verlaatjer Spöölbühn“ ist voll auf der Höhe der Zeit. Sie spielt gutes Theater – aber das ist hier nicht gemeint. Die Spielschar vom Dollart erlöste 1200 Euro bei ihren Aufführungen, kaufte davon zwei Laptops und schenkte sie der Grundschule. Auch der Kindergarten darf sie nutzen.

So weit, so gut. Indirekt beleuchtet der Bericht jedoch einen Missstand: Schule hinkt dem Alltag weit hinterher. Mal liegt es an den Lehrern, mal an der mangelnden  Ausstattung. Dabei ist es vorrangige Aufgabe der Schule, Kinder aufs Leben vorzubereiten.

Draußen tobt die moderne digitale Welt, während in vielen Schulen noch die Steinzeit herrscht. Wir reisen längst mit dem Navi statt wie früher mit dem Autoatlas. Heute können wir mit dem Mobiltelefon von unterwegs die Heizung anschalten oder die Jalousien herunterlassen. Den Schalter tragen wir in der Hosentasche – und im selben Gerät das ganze Wissen dieser Welt. Google, soziale Netzwerke, Online-Handel, Lesen am Smartphone, Roboter in der Altenpflege – das Leben hat sich verändert. Zwei Drittel der Deutschen arbeiten an einem digitalisierten Arbeitsplatz – also nicht mit Händen oder Muskelkraft, sondern mit Technik und Computern.

Die Schule stellt sich darauf nur zögernd ein. Tablet-PC und Whiteboard statt Kreidetafel? Die Antwort auf diese Frage wird meistens mit Kreide geschrieben – wenn sie überhaupt gestellt wird. Obwohl Schulbuchverlage längst Apps auf didaktisch hohem Niveau anbieten. Die Digitalisierung findet auf dem Schulhof statt, nicht in den Klassenzimmern. Es dürfte historisch einmalig sein, dass Schüler in bestimmten Wissensgebieten einem Teil ihrer Lehrer überlegen sind.

Bezeichnend: Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Kraus, lehnt mehr Computer und Internet in der Schule als „totale Zwangsdigitalisierung“ ab. Neben der Wortwahl ist auch die Denkweise von vorgestern. Er lehnt die Technologie ab, die er ohnehin nicht verhindern kann – statt deren Chancen und Möglichkeiten nutzen zu wollen. Nur mit dem PC wird natürlich nichts besser. Der Punkt ist, wie Lehrer die Geräte pädagogisch sinnvoll einsetzen. Doch nicht wenige Lehrer fremdeln mit der digitalen Welt. Das Land als Dienstherr bietet zwar Fortbildungen an, aber nicht verpflichtend.

Medienkompetenz, die alle Fächer angeht, wird an Schulen kaum vermittelt. Das höchste der Gefühle ist eher eine Projektwoche über die Gefahren des digitalen Wandels und der Computernutzung. Sie dürfte in den meisten Lehrerkollegien große Zustimmung finden. Aber das ist für sich allein nur eine Alibiveranstaltung.  Die Einführung eines elektronischen Klassenbuchs dürfte auf Ablehnung stoßen – nach dem Motto „Das gute alte Klassenbuch tut es ja auch, und was sollen wir mit Apps, Tablet und Whiteboard, so lange wir Papier und Kopierer haben?“

Mit Ruhm bekleckern sich auch Schulträger nicht allzu häufig. Darunter leiden Schulen, die Computer systematisch einsetzen wollen. Streikt der Server, dauert es nicht selten Tage oder gar Wochen, bis der Fachmann aus dem Rathaus das Gerät repariert. Keine Zeit, Urlaub oder krank. Kompetente Vertretung ist selten. Die „Verlaatjer  Spöölbühn“ ist da im Kopf schon weiter.

Der große Wurf fehlt

Sonntag, Juni 14th, 2015

In  Winschoten  ist nicht mehr viel los, um es salopp zu sagen. Die kleine holländische Stadt, von der Grenze eine Viertelstunde mit dem Auto entfernt, hat schon bessere Zeiten gesehen. Jetzt wollen Stadt und Unternehmer das Ruder herumreißen – mit einem „Factory-Outlet-Center“ von 20.000 Quadratmeter Verkaufsfläche.

65 Millionen Euro soll der Spaß kosten – und im Jahr anderthalb Millionen Kunden anlocken. Das sind fast so viele Menschen wie in Hamburg leben. Umgerechnet müsste also jeder Hamburger – vom Säugling bis zum Greis – einmal im Jahr in Winschoten einfallen, um dort Geld für überschüssige und nicht mehr ganz modische Klamotten auszugeben.

Nun, die Pläne sind nicht reif, die Winschoter überlegen noch. Während dort vielleicht noch Träume wachsen, melden Kaufleute in Ostfrieslands Einkaufsstadt Nummer eins bereits ihre Sorge wegen des Projekts an. Die Werbegemeinschaft Leer jedenfalls  fürchtet einen Kundenaderlass und spannt gleich mal die Industrie- und Handelskammer ein, die prompt in einem lauwarmen Schreiben ihre Bedenken gegen das Vorhaben anmeldete. Sie weiß natürlich, dass sie gegen die Pläne wenig ausrichten kann. Was auch gut so ist. Man denke es sich nur umgekehrt.

Der Protest aus Leer spricht nicht für Selbstbewusstsein. Als ob Tausende von Holländern, die vor allem an Wochenenden die Läden in der Innenstadt und an den Stadträndern bevölkern, und die vielen ostfriesischen Kunden plötzlich alle das Outlet-Center stürmen würden, wenn es denn entstehen sollte.

Leer entwickelt sich rasant seit einigen Jahren, Einkaufscenter wie Multi oder Famila wirken wie Magneten. Rings um den Hafen ist ein neuer attraktiver Stadtteil fast fertig, mit Wohnungen, Firmen und Restaurants. In der Innenstadt mangelt es auch nicht an Kunden. Trotzdem lässt sich nicht übersehen: Die Fußgängerzone kommt nicht so recht voran.

Ein Grund dafür ist, dass vor wenigen Jahren die Pläne für ein Einkaufscenter (ECE) im oberen Teil der Mühlenstraße grob und höchst emotional abgebügelt wurden. Gesteuert von einigen Kaufleuten und Immobilienbesitzern aus der Fußgängerzone versetzte eine Bürgerinitiative die halbe Stadt in Aufruhr und beeinflusste entscheidend auch die Kommunalwahl. Die Ankündigungen dieser Anti-ECE-Gruppe, selbst etwas auf die Beine zu stellen, stellten sich schnell  – nicht unerwartet – als heiße Luft heraus.

Jetzt ist die Rede von einem neuen Center im Häuser-Komplex Gröttrup-Mitte, wo die OLB und die EWE zu Hause sind. Ein Unternehmen aus Duisburg will dort Läden und Dienstleister unterbringen. Wie ernsthaft dieser Projektentwickler für innenstädtische Handelshäuser den Plan angeht, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall ist Leer gut beraten, ihm die Tore zu öffnen. Auch die Sparkasse ist baulich aktiv. Wenn dann noch Ceka und Leffers – wie mehrfach angekündigt – in die eigenen Häuser investieren, bleibt Leer Einkaufsstadt Nummer eins, zumal große Investitionen erfahrungsgemäß kleinere nach sich ziehen.

Die Innenstadt von Leer braucht endlich wieder einen großen Wurf, mit ähnlicher Wucht wie einst, als die Mühlenstraße – gegen Widerstand – zur  Fußgängerzone wurde. Dann können Kaufleute sich den bangen Blick nach Winschoten sparen.

 

Fürs kleine Halbe

Sonntag, Juni 7th, 2015

„Die Kommunalpolitik steckt in der Krise.“ So steht es wörtlich in einer großen Studie der Bertelsmann-Stiftung, die auch gleich Gründe mitliefert: „Mitgliederschwund der Parteien, Nachwuchsprobleme im Rat und sinkende Wahlbeteiligung.“ Alles andere als rosige Aussichten für die nächste Kommunalwahl am 11. September 2016.

Die Parteien suchen längst Kandidaten. Von sich aus melden sich wenige, kaum jemand kommt aus eigenem Antrieb. Den Ortsvereinen und-verbänden unserer Volksparteien geht das Volk aus, die Listen zu besetzen. Ähnliches erleiden  Gewerkschaften, Verbände, Kirchen und Vereine. Sie beklagen Mitgliederschwund und haben Schwierigkeiten, Vorstands- und Betreuerposten zu bekleiden.

Dieser Mangel steht in krassem Widerspruch zu Umfragen, nach denen drei von vier Deutschen mehr Mitsprache wünschen, bevor ihr Gemeinderat etwas entscheidet. Dabei hat unser Land, alles in allem genommen, mit der repräsentativen Demokratie die besten Erfahrungen gemacht. Trotzdem steht die Politik in Bund, Ländern und Gemeinden heute unter Generalverdacht, nichts Gescheites auf die Reihe zu kriegen.

Unser Verdacht ist jedoch ein ganz anderer: Viele Menschen wollen keine Verantwortung übernehmen für das große Ganze, sondern nur fürs kleine Halbe, für eigene Interessen. „Die Stunde des Bürgers ist die Stunde der Erregung“, schreibt dazu die Süddeutsche Zeitung.

In der Tat: Die Erregungsdemokratie hat bei uns Fuß gefasst. Gegen Bebauungspläne, Windkraftanlagen, Straßenausbau vor der Haustür, Einkaufscenter oder Biogasanlagen bringen Aktivisten ganz schnell eine Bürgerinitiative oder Unterschriftenlisten auf die Beine. Oder sie maßen sich an, wie im Kreis Aurich wüst mit einem kategorischen Nein gegen den geplanten Standort eines Krankenhauses zu protestieren, ohne viel Ahnung von dieser höchst komplizierten Frage zu haben. Auf höherer Ebene braucht nur jemand TTIP zu sagen, schon beschwören Gegner den Untergang des Abendlandes – und finden Gehör.

Die Erregung schwillt schnell ab, wenn es darum geht, sich im Gemeinderat oder im Kreistag in komplizierte Themen wie Bauleitplanung, Ortssanierung, Ausweisung von Windparks, Masterplan Ems oder Abwasserverordnung einzuarbeiten und darüber zäh zu diskutieren, um Mehrheiten zu finden. Es ist ein mühsames Geschäft, das viele sich nicht antun wollen. Der Bürger ist häufig eine Ein-Mann-Partei, sagte jüngst ein kluger Mann.

Hinzu kommt, dass sich Politiker, auch ehrenamtliche, unqualifizierte Vorwürfe anhören oder Schmähungen auf Facebook über sich ergehen lassen müssen – jenseits jeder sachlichen Kritik.

Ungefähr die Hälfte der Menschen bleibt Kommunalwahlen fern. Viele verharren im mosernden Abseits. Vorbei sind die Zeiten, als sich genügend Männer und Frauen verantwortlich fühlten und sich zur Wahl stellten. Wie der Bunder Kommunalpolitiker Horst Kuhl, um ein Beispiel zu nennen. Mehr Leute seines Schlages fehlen der Kommunalpolitik. Aber selbst er musste sich am Ende seiner jahrzehntelangen politischen Arbeit wegen seiner Haltung zum Masterplan Ems und zur Schließung von Sparkassen-Filialen Anfeindungen jenseits des Anstandes anhören. Es ist ein Kreuz.