Archive for Juli, 2015

Vögel und Yamtamtam

Freitag, Juli 24th, 2015

Die Leute von den Inseln waren uns Festländern noch nie ganz geheuer. Besonders die Borkumer auf ihrem zwei Dampferstunden entfernten großen Sandhaufen. Ihre Lieblingsbeschäftigung heißt Touristen ausnehmen, seitdem sie die Strandräuberei an den Nagel hängen mussten.

Im Winter, genau am 5. Dezember, wenn andere Ostfriesen oder Holländer auf den Nikolaus warten, scharen sich auf Borkum Hunderte von Männern – aber nur die dort lebenden Eingeborenen. Und solche, die dort das Licht der Welt erblickten, es aber in die Fremde gezogen hat. Um junge Frauen mit einem Kuhhorn zu verprügeln. Stellvertretend jagen  verkleidete und maskierte Klaasohms (junge Männer) die Frauen und züchtigen sie auf  brachiale Art.

Abgesehen haben es die Klaasohms, angefeuert von ihren Geschlechts- und Gesinnungskumpanen, nur auf unverheiratete Frauen. Mütter mit Kindern und alte Frauen lassen sie in Ruhe. Dem weiblichen Freiwild bleibt nur eine Chance, den – echt -schmerzhaften Kuhhornhieben auf dem Hintern zu entkommen: Sich in ihren Wohnungen zu verbarrikadieren.

Die Vorgeschichte rührt aus der Zeit, als das Mittelalter sich soeben der Neuzeit geöffnet hatte. Damals waren Borkumer Männer über Monate auf See und jagten Wale. Die Frauen hatten somit freie Bahn. Um ihnen bei der Rückkehr zu zeigen, wer Herr im Haus und auf der Insel ist, haben die Walfänger ihre Frauen erst mal verprügelt. Dieser archaischen Sitte frönen ihre Nachfahren bis heute.

Zwar verstehen die Borkumer sich als modern, werben für sich als „attraktive, erlebnis-orientierte Gesundheitsinsel“. Aber tatsächlich gelingt es ihnen kaum, ihr 80er-Jahre-Image abzustreifen. Denken wir an Borkum, tauchen vor uns braune Badfliesen und dunkle Möbel des Gelsenkirchener Barocks auf. Und über den Stammtischen wabern Altmänner-Witze durch stickige Kneipenluft.

Diesen ganzen Muff will die PR- und Marketing-Chefin, eine ehemalige Radiojournalistin von einem dieser nervenden Gute-Laune-Sender, wegpusten – und so jüngere Gäste auf die Insel locken. Sie könnte leichter eine Locke auf einer Glatze drehen. Borkum ist nun mal nicht Norderney oder Sylt. Borkum ist Borkum. Eine Familieninsel, für Jüngere uncool, langweilig, leicht spießig.

Da hilft auch kein Werbe-Gag, mit dem es Borkum jetzt versucht. Die völlig unschuldigen „Borkumer Zugvogeltage“ müssen dafür herhalten. Man wirbt für sie mit eindeutig zweideutigen – und so gewollten –  Anzeigen in der Bild-Zeitung. Überschrift „Vögelurlaub macht man auf Borkum.“

Wer oft drüber spricht, hat’s nötig, lautet eine alte Lebensweisheit. Aber – die Borkumer sind nicht allein. Auch Edeka will mit Sex die biedere Ecke verlassen – beschränkt dies aber auf Online-Medien, um ältere Kunden nicht zu erschrecken. Im „Edeka Video-Blog“ springen dem Betrachter „Genussgesichter“ von jungen Männern und Frauen ins Auge. „Orgasmus oder Leckereien – Erkennst Du den Unterschied?“, fragt Edeka, ehe sie das Rätsel auflöst. Dieser Edeka-Kochchannel bei Youtube trägt übrigens den anspruchsvollen Namen „Yamtamtam“. Darauf kommt nur, wer Lebensmittel liebt.

Hartes Brot

Samstag, Juli 18th, 2015

Kommunalpolitik ist oft ein hartes Brot. Manchmal ist es selbst nach langem Kauen nicht verdaubar, von genießen gar nicht zu reden. Ein gutes Beispiel dafür ist die unendliche Geschichte vom Ausbau des Logaer Wegs in Leer. Er ist längst nicht mehr, wie der Name vermuten lassen könnte, ein kleiner Weg von Heisfelde nach Loga. Nein, er hat sich zu einer Verbindungsstraße entwickelt, auf der am Tag bis zu 6100 Fahrzeuge gezählt werden.

Die Anlieger haben mehr Autos als früher, viele Ortskundige nutzen die Straße als  Schleichweg, weil die Verkehrsführung in Leer oft langwierige Staus verursacht. Da kommt einiges zusammen – so viel, dass der Logaer Weg einer Rüttelpiste ähnelt. Er hätte längst saniert werden müssen.

Das Rathaus hat den Sanierungsbedarf vor langer Zeit erkannt und das Nötige in die Wege geleitet: Entwürfe gemacht, ein Planungsbüro beauftragt, der Rat tagte mehrmals, und und und. Fest steht, dass für eine gut zwei Kilometer lange Strecke rundweg dreieinhalb Millionen Euro fällig werden. Weil es keine Anlieger-, sondern eine Verbindungsstraße ist, schießt die Landesregierung eine Million zu, die gleiche Summe übernimmt die Stadt. Den Rest tragen Anlieger.

Dabei geht es in der Regel um je 3- bis 9000 Euro. Einige wenige müssen sogar bis zu 17.000 Euro auf den Tisch legen, ein paar andere kommen mit 2500 davon – je nach Grundstücksgröße, Nutzfläche und Sanierungsaufwand. Kein Wunder, dass es Ärger und Verdruss gibt. Und natürlich eine starke Bürgerinitiative (BI).

Man muss kein Psychologe sein, um dies zu behaupten: Das viele Geld ist die Triebfeder der BI, die sich mit großem persönlichen Aufwand und Anwälten gegen den Straßenausbau wehrt. Sie führt Lärmbelästigung und Sicherheitsbedenken ins Feld.

Die Straße soll insgesamt zwölf Meter breit werden. Davon bleiben fünfeinhalb Meter für die Fahrbahn, je drei Meter für einen Rad- und Fußweg. Letzteres ist strittig, weil Stadtbaurat Schoch Radfahrer gern auf der Straße sieht und deshalb – Sicherheitsbedenken der BI zum Trotz – einen Radweg mit Schutzstreifen auf der Fahrbahn markieren will. Die BI möchte außerdem, dass (ihre) Autos auf der Fahrbahn parken dürfen.

Stärkste Hebel der Anlieger sind jedoch keine verkehrlichen Argumente, sondern ihre Grundstücke. Die Stadt braucht davon jeweils einige Quadratmeter. Die meisten Anlieger sträuben sich vorerst gegen einen Verkauf. Die Verwaltung erwägt deshalb, die Fußwege erst mit Lücken zu bauen – in der Hoffnung, dass irgendwann die Anlieger die Nase voll haben von dem Provisorium und ihren Grund und Boden verkaufen.

Ob bei einem lückenhaften Ausbau die Landesregierung überhaupt zu ihrem Zuschuss steht, weil Lückenbau nicht vorgesehen ist, weiß die Verwaltung noch nicht. Vor einer Sitzung des zuständigen Ausschusses hatte sie jedenfalls nicht in Hannover angerufen. Sagt das Land nein, dann müsste die Stadt eine Million Euro mehr zahlen. Das kann sie vermutlich nicht, weil sie klamm ist.

Stadtrat und Verwaltung kommen nicht voran, weil sie ihr schärfstes Schwert, eine Enteignung, nicht ziehen wollen. Hartgesottene Realisten fühlen sich bestätigt, dass man die Frösche nicht fragen darf, wenn man einen Teich trockenlegen will.

 

 

 

 

Alte am Steuer

Sonntag, Juli 12th, 2015

Was den Amerikanern die Waffe im Schrank ist uns Deutschen das eigene Auto vor der Haustür. Unsereins ist die deutsche Eigenart lieber. Aber sie hat Schattenseiten. Eine davon: Auch hier gilt „Je oller desto doller“. Gemeint ist nicht das Alter des Autos, sondern des Fahrers.

Die Bevölkerungszahl sinkt, aber die Zahl älterer Menschen mit Führerschein wächst. Sieben von zehn der 76- bis 80-Jährigen besitzen einen. Mit dieser Feststellung tasten wir uns langsam an ein Thema heran, das als Tabu gilt: Gesundheitstests für alte Autofahrer. Politiker scheuen es, weil sie die Wut der älteren Wähler fürchten.

Freiwillig gibt kaum jemand den Führerschein ab. Und viele (erwachsene) Kinder sind schon daran gescheitert, wenn sie ihren fahruntauglichen alten Eltern den Verzicht nahegelegt haben.

Dabei sprechen Zahlen des Statistischen Bundesamtes Bände: Demnach sind Menschen über 75 bei einem „Unfall mit Personenschaden“ in mehr als drei Viertel der Fälle die „Hauptverursacher“. Ähnlich schlecht schneiden die jüngsten Fahrer (18 bis 21 Jahre) ab. Häufigste Unfallursachen der Alten sind Fehler bei Vorfahrt, Abbiegen und Wenden.

Verkehrsforscher der Technischen Universität Dresden fanden heraus, dass 40 Prozent der untersuchten über 75-Jährigen eine stärkere Brille brauchten. Dazu passt eine Aussage des Berufsverbandes der Augenärzte: Das Problem sehschwacher Autofahrer, übrigens jüngere wie ältere, erlebe jeder Kollege „mehr oder weniger täglich in seiner Praxis“. Ärzte dürfen jedoch keine Meldung bei der Behörde machen, weil sie an die Schweigepflicht gebunden sind.

Beim Test fanden die Verkehrsforscher noch heraus, dass alle Alten beim Rechtsabbiegen auf den Schulterblick verzichteten. Dafür stehen die über 75-Jährigen – wenig überraschend – unter den Geisterfahrern an der Spitze. Ihr Anteil übertrifft den der 35- bis 45-Jährigen ums Dreifache.

In Deutschland gibt es kaum etwas, was nicht reguliert ist.Zu den Ausnahmen zählt, dass jeder Autofahren darf, der einen Führerschein besitzt – ob krank, halbblind, taub, gebrechlich oder medikamentengeschädigt. Der Sehtest vor der Führerscheinprüfung reicht fürs ganze Leben.

In der Schweiz gibt es verbindliche Gesundheitstests für Autofahrer, Italiener ab 50 müssen alle fünf Jahre zum Arzt, je älter noch öfter. Niederländer über 75 müssen die Beweglichkeit von Armen und Beinen, Blutdruck, Sehstärke und Urin testen lassen. Eine Studie aus den USA sagt, dass bereits regelmäßige Sehtest die tödlichen Unfälle von Alten um zwölf Prozent sinken lassen.

Hier in Deutschland jedoch bürsten ADAC und andere Autonarren vereinzelte Forderungen nach ärztlichen Untersuchungen mit dem dämlichen Argument ab, dass die über 65-Jährigen 21 Prozent der Bevölkerung ausmachen, aber nur 14 Prozent aller „Unfälle mit Personenschaden“ zu verantworten haben.

Was der ADAC nicht sagt: Alte Leute fahren meistens kurze Strecken, sind längst nicht so viel unterwegs wie jüngere. Folglich ist ihr Unfallrisiko pro Kilometer besonders hoch. Auf Fahrschwäche deutet auch hin, dass Alte nur selten in der Dunkelheit oder bei Glatteis einen Unfall verursachen. Laut Statistischem Bundesamt verunglücken sie meistens kurz vor Mittag – weil sie sich eben vor allem am späten Vormittag ans Steuer setzen.

Meyers Sündenfall

Sonntag, Juli 5th, 2015

Eine Werft ist kein Ponyhof. Sie muss sich auf einem schwierigen Markt behaupten,  knapp kalkulieren und Kosten sparen, wenn möglich auch Steuern. Deshalb ist es das Recht der Meyer-Werft, ihren Firmensitz nach Luxemburg zu verlegen. Normalerweise hätte hier „das gute Recht“ gestanden. Aber diesmal muss es ohne Adjektiv auskommen.

Das stört das Management eines starken Unternehmens nicht weiter. Was kümmert es die Eiche, dass sich eine Sau an ihr scheuert, sagt der Volksmund. Aber ganz so einfach ist es diesmal nicht. Meyer ist zwar eine souveräne Firma, seit mehr als 200 Jahren im Geschäft. Aber im freien Raum schwebt sie nicht. Wie nur wenige Betriebe, mit Ausnahme vielleicht der Energiekonzerne, ist sie auf die Politik und indirekt auch auf das Wohlwollen der Menschen, sprich Wähler, in ihrem Umfeld   angewiesen.

Jahrzehntelang hat eine große politische Mehrheit der schiffbautechnischen Muster-Werft den Rücken gestärkt, ihren immer größeren Schiffen den Weg zur See freigebaggert, ein Sperrwerk gebaut, Abermillionen Mark und Euro aus Steuergeld eingesetzt, politischen Ärger gegen industriefeindliche Gegner ausgehalten – und gesetzliche Vorschriften großzügig ausgelegt. Immer für die Werft. Sie hat dafür  Arbeitsplätze geschaffen und das Auskommen vieler Menschen gesichert und gemehrt. Alles richtig, alles schön, alles gut.

Und jetzt dies: Die Werft verlegt klammheimlich ihren Firmensitz nach Luxemburg, berüchtigt als Steueroase. Und führt merkwürdige Gründe an: Sie will dadurch einen Aufsichtsrat vermeiden. Mit einigem Wohlwollen kann man die Sorge nachvollziehen, nicht mehr unumschränkter Herr im eigenen Haus zu sein. Aber dieses Haus ist keine kleine Schiffbaubude mehr, sondern längst ein Großbetrieb mit 3000 Mitarbeitern. Und dafür sieht das Gesetz einen Aufsichtsrat vor. Ihm gehören auch Arbeitnehmer an, die aber nichts blockieren können.

Die jüngst erfolgreichen Verhandlungen über sieben neue Aufträge führt Meyer als Anlass an: Ein Aufsichtsrat wäre dabei „extrem hinderlich“ gewesen. Tatsache ist: Kein Aufsichtsrat mischt im operativen Geschäft mit. Werftchef Bernard Meyer müsste es wissen, sitzt er doch in drei Aufsichtsräten. Jede große deutsche Firma hat einen Aufsichtsrat und fährt in der Regel gut damit. Wichtig ist nur, ihn mit kompetenten Leuten zu besetzen. Im Wesentlichen hat er das Management zu kontrollieren und die Strategie des Unternehmens festzulegen – dabei kann er gelegentlich auch Geschäftsführungen vor Unsinn bewahren.

Die Behauptung Meyers, durch den Umzug nach Luxemburg keine Steuern sparen zu wollen, mag glauben wer will. Die Lebenserfahrung sagt: Was rechtlich möglich ist, wird getan. Zumal Luxemburg das Steuersparen leicht macht, gehört es doch zum Geschäftsmodell dieses Zwergstaats.

Meyer will von Luxemburg aus den Einkauf für seine Werften tätigen. Dann braucht er das Material nur etwas teurer an seine Werften zu verkaufen, so dass sich deren Gewinne und folglich auch die Steuern mindern. Gleichzeitig steigt der Gewinn der Meyer-Firma in Luxemburg, weil dort die Steuern niedriger sind als hier. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt.

Schlimm an der Geschichte ist der Ansehens- und Vertrauensverlust der Werft bei Politik, Belegschaft und Bevölkerung. Das mögen weiche Faktoren sein, aber wer sie missachtet, kann hart fallen. Wie man es dreht und wendet: Es ist Meyers Sündenfall.