Land der Nichtschwimmer

Rein rechnerisch gesehen darf jedem vierten Jugendlichen und Erwachsenen eines nicht passieren: Ins tiefe Wasser fallen. Sie würden ertrinken. Denn 25 Prozent der Menschen über 16 können nicht schwimmen. Auch dieser Blick in die Statistik stimmt nicht heiter: Jedes dritte Grundschulkind kann sich nicht über Wasser halten.

„Wir werden ein Land der Nichtschwimmer“, stellt die Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG) fest, die im vorigen Jahr 773 Nicht- oder Schlechtschwimmer vor dem Tod bewahrte. Hinzu kommen einige Hundert, die ihr Leben der Wasserwacht des Roten Kreuzes verdanken.

Die Älteren unter uns mögen solche Zahlen kaum glauben. In ihrer Kindheit waren Nichtschwimmer die Ausnahme. Bademeister gab es nur in Städten, auf dem Lande brachte man sich gegenseitig das Schwimmen bei.

Heute gilt in vielen Familien nicht mehr das ungeschriebene Gebot, dem Kind das Schwimmen beizubringen. Sie schieben es auf die Schule. Doch die setzt nur selten Schwimmunterricht auf den Stundenplan, weil es an ausgebildeten Lehrern oder an Bädern fehlt. Weener mit dem beheizten Freibad ist da eher die Ausnahme, und das Hallenbad in Bunde platzt im Winter zeitlich aus den Nähten.

Kaum eine Kommune leistet sich noch ein Frei- oder gar ein Hallenbad. Zu teuer, sagen die Kassenwarte in den Rathäusern. Ein Bad nach dem anderen ist in den letzten Jahren geschlossen worden. Gebaut in den 60-er und 70-er Jahren und finanziert aus dem damaligen Wirtschaftswachstum, fehlt heute bei knappen Kassen das Geld für Sanierung oder Neubau. Denn Schwimmbäder sind kostspielig wegen aufwändiger Heiz- und Wassertechnik, hohem Stromverbrauch und hohen Personalkosten. Investitionen und laufender Unterhalt belasten die Haushalte stark.

Das Hallen- und Freibad in Leer ist dafür ein gutes Beispiel. Es stammt aus den 60-er Jahren. Die Stadt ließ es nach und nach vor die Hunde gehen, ehe sie es einem Privatbetreiber überließ, der es endgültig in die Grütze fuhr und jetzt aus dem Vertrag herausgekauft werden muss – für eine Summe, die von einer Million Euro nicht weit entfernt ist. Alles in allem ein Paradebeispiel öffentlichen Miss-Managements.

Aber das ist verschüttete Milch. Leer muss handeln. Eine Kreisstadt mit 34.000 Einwohnern stellt sich selbst ein Armutszeugnis aus, wenn sie den Bürgern keine Schwimmgelegenheit bietet und Kindern vorenthält, das Schwimmen zu lernen.

Was tun? Hin und wieder äußern Politiker vorsichtig den Wunsch, jetzt ein großes Rad zu drehen und ein attraktives Spaßbad zu bauen. Das jedoch wäre kommunaler Größenwahn – und würde das Schwimmlern-Problem nicht beheben. In Spaßbädern wird nicht geschwommen, sondern geplanscht und gerutscht.

Die Politik in Leer wagt nicht, sie denkt nicht im Traum daran, sich auf den Bau eines ordentlichen Freibades zu beschränken – beileibe keine Billiglösung. Es gibt kein Recht auf Schwimmen im Winter. Die Menschheit ist lange gut damit zurecht gekommen, nur im Sommer zu schwimmen. Will die Politik als Vertreterin der Bürger jedoch das sündhaft teure Rundum-Schwimmpaket, muss sie eine Priorität setzen: Gibt sie einem Hallen- und Freibad den Vorrang, muss sie anderes kleiner fahren. Straßenbau, Hafenpromenaden, Kultur oder andere schöne Dinge.

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