Archive for September, 2015

Informatik statt Bonsai

Sonntag, September 27th, 2015

Viele haben über ihn gelächelt, als Günther Oettinger im vorigen Jahr vom Energie-Kommissar zum Kommissar für Digitale Wirtschaft bei der Europäischen Union umsattelte. Doch der frühere Ministerpräsident ist ein guter Beweis dafür, dass die Baden-Württemberger alles können – außer Hochdeutsch, wie sie selber sagen. Aber das nur nebenbei.

Hier geht es darum: Wo Oettinger Recht hat, hat er Recht. Er sprach in dieser Woche in Emden auf dem „Wirtschaftsabend“ der Industrie- und Handelskammer – natürlich über das Thema, für das er in Europa zuständig zeichnet.

Er zählte der versammelten ostfriesischen Wirtschafts- und Verwaltungselite auf, wie es mit der „digitalen Revolution“ bei uns aussieht. Ziemlich mau, um es klar zu sagen. Oettinger nannte dafür Beispiele.

Selbst der abgelegenste Aussiedlerhof hat Wasser, Festnetz-Telefon und sogar eine Straße. Aber höchst selten eine vernünftige Mobilfunk- und Internet-Verbindung. Daran hapert es nicht nur abseits der Siedlungen. Das ginge ja noch. Es mangelt in vielen Dörfern, an Stadträndern und sogar in manchen Gewerbegebieten an schnellem Internet. Das zu ändern ist dringend notwendig. Besser heute als morgen.

Oettinger malte das Bild sterbender Dörfer und – viel schlimmer -, sinkenden Wohlstands an die Wand, weil das Land nicht wettbewerbsfähig bleibt, wenn der digitale Durchbruch nicht gelingt.

Die Bundesregierung will zwar bis 2018 alle Haushalte mit Internet von 50 Megabit (Mbit) pro Sekunde versorgen. Doch das reicht nicht. Denn die Datenmenge wird rasant steigen. Deshalb ist es volkswirtschaftlich schlecht, wenn die Telekom ihre alten Kupferkabel, zum Teil schon marode, mit dem so genannten Vectoring aufrüsten darf und auch die EWE Vectoring nutzen will. Damit erreichen sie zwar kurzfristig mit 100 Mbit/s die doppelte Geschwindigkeit, vielleicht auch etwas mehr – aber auf Sicht eben zu wenig.

Vectoring ist lediglich eine Übergangstechnik, lukrativ für die Betreiber wie Telekom oder EWE, aber für Land und Nutzer keine Zukunftslösung. Oettingers Ansage ist deshalb deutlich: „Wir brauchen Glasfaser“. Tatsächlich können über Glasfaser riesige Datenmengen versandt werden. Glasfaser ist ein Daten-Turbo.

Glasfaser ist aber etwas teurer als Vectoring – dafür aber eine Investition, die künftigen Anforderungen gewachsen ist. Ohne Glasfaser steht man in wenigen Jahren wieder vor demselben Problem wie heute. Man muss investieren. Der EU-Kommissar weiß als ehemaliger Landespolitiker, dass Geld nicht unbegrenzt vorhanden ist. Deshalb scheute er sich nicht, seine Zuhörer mit einer gewagten These zu provozieren: „Um den weltweiten Anschluss zu behalten, sollten wir lieber Schlaglöcher als Funklöcher akzeptieren.“

Besser ist natürlich, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. Aber tendenziell hat Oettinger Recht.  Auch was Software-Unternehmer in Leer schon länger fordern, nämlich Informatik an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen, brachte der Gast aus Schwaben auf den Punkt: „Wir brauchen weniger Bauchtanz- und Bonsaikurse, dafür mehr Computer-Seminare.“

 

Milchpreis im Keller

Sonntag, September 20th, 2015

Verbraucher freuen sich. Milch, Butter, Joghurt – alles spottbillig. Milchprodukte sind für Aldi, Edeka, Lidl, Bünting und Co. ein Kampfmittel, um Kunden in den Laden zu locken. Aber die Medaille hat eine Rückseite, die nicht glänzt: Der Preiskampf der großen Lebensmittelkonzerne wird auf den Rücken der Milchbauern ausgetragen. Das ist nicht der einzige Grund für die Preismisere, aber er schlägt kräftig ins Kontor.

Im letzten April schaffte die Europäische Union die Milchquote ab, die den Preis leidlich, wenn auch nicht besonders gut stabilisiert hat. Die meisten Bauern haben im vorigen Jahr, als der Preis noch für Gewinn sorgte, die Kuhzahl erhöht.

Gleichzeitig rutschte China als großer Abnehmer in eine Konjunkturdelle und kaufte weniger Milchprodukte. Zu allem Übel kam der Russland-Boykott der EU hinzu. Russen und Chinesen sind normalerweise große Abnehmer. Milch ist längst eine Weltmarktware. Die Hälfte der deutschen Milch geht in den Export.

Diese genannten Umstände führen aktuell zur Überproduktion. Die ökonomische Binsenweisheit wirkt: Wenn das Angebot die Nachfrage übertrifft, sinkt der Preis. So funktioniert die Marktwirtschaft. Die meisten Bauern und auch Politiker finden es gut, dass die EU sich mit dem Ende der Milchquote aus dem Milchmarkt verabschiedet hat. Lediglich die Grünen und der Milchbauernverband BDM wollen die Quote zurück.

Ein kleines Sicherheitsnetz hat die EU jetzt trotzdem gespannt. Sie will 500 Millionen Euro locker machen, um den Milchpreis mit Direktzahlungen zu stützen, außerdem soll Milch aus dem Markt genommen werden. Knapp 70 Millionen Euro sollen deutschen Bauern zu Gute kommen. Wie genau das geschehen soll, weiß vermutlich noch nicht mal der Bundeslandwirtschaftsminister. Die Rede ist unter anderem von Zinszuschüssen. Viel helfen wird es kaum. Die Milchwirtschaft wird sich schon am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen müssen.

Sicher ist: Das Höfesterben geht weiter. Die Deutsche Milchkontor DMK mit Sitz Zeven, größtes deutsches Molkereiunternehmen, dem auch Bauern aus dem Rheiderland zuliefern, zahlt zurzeit 25 Cent pro Liter. Das deckt nicht einmal die Erzeugerkosten. Unternehmerisch gerechnet müssten es 40 Cent sein, um ein ordentliches Einkommen zu erzielen. Nur um die laufenden Kosten zu decken, müssten die Molkereien den Bauern 35 Cent überweisen. Keine Frage: 25 Cent sind ruinös.

Im Schnitt beträgt die Kuhzahl im Landkreis Leer um 80 pro Hof. 100 und mehr sind nötig, um  rentabel zu wirtschaften. Auch das deutet darauf hin, dass sich auf Sicht noch mehr Bauern vom Markt verabschieden.

Der Verbraucher kann nicht viel im Sinne der Bauern tun. Denn nicht er, sondern der Handel ist Käufer bei den Molkereien. Und dieses Geschäft erfolgt nicht auf Augenhöhe, der Handel ist zu mächtig. Im Laden kann der Kunde darauf achten, deutsche Produkte zu kaufen. Manche Bauern bieten auch einen „Ab-Hof-Verkauf“ an. Gut und schön, aber die Mengen fallen nicht ins Gewicht.

Der Milchmarkt ist ein weltweites Geschäft. Ohne den Export hätten wir nur noch die Hälfte der Milchbauern. Die Milchwirtschaft entspricht auch nicht – wie viele es träumen – dem grün-romantischen Bild kleiner regionaler Selbstversorger. Nein, sie ist komplex, arbeitsteilig und international verflochten.

 

 

 

 

 

Rote Teppiche ausrollen

Sonntag, September 13th, 2015

Das Blatt auf dem Lehrstellen-Markt hat sich gewendet. Konnten sich Betriebe lange Jahre die besten Jungen oder Mädchen aus einer Fülle von Bewerbern herauspicken, bleiben heute viele Ausbildungsplätze vor allem im Handwerk unbesetzt. Das ist nicht schön. Aber kein Grund, den Fachkräftemangel auf einen „Akademisierungswahn“ zurückzuführen, wie es neuerdings gern geschieht.

So einfach ist es nicht. Es wäre sträflich, Handwerk und Studium gegeneinander auszuspielen. Handwerksmeister und Kammern mit Weitblick warnen deshalb auch davor. Sie appellieren stattdessen an ihre Kollegen, sich mehr um den Nachwuchs zu kümmern.

Aus drei Gründen bleiben Lehrstellen offen. Erstens gibt es weniger Jugendliche. Zweitens steigt die Zahl der Abiturienten, die fast alle studieren wollen. Und drittens scheitern Bewerber an zu hohen Ansprüchen der Betriebe oder scheuen weite Anfahrten. Am ersten Grund können die Unternehmen nichts ändern, an den anderen schon. Deutlich gesagt: Sie müssen Auszubildenden den roten Teppich ausrollen. Über die Bezahlung nachdenken, Fahrkosten erstatten, Nachhilfe anbieten und Hauptschülern nicht länger die Tür weisen – außerdem Jugendlichen aus ausländischen Familien oder aktuell Flüchtlingen eine Chance geben. Und Gesellen lassen sich vielleicht durch einen kräftigen Zuschuss zur Meisterprüfung an die Firma binden.

Schulnoten sind nicht das A und O. Im Handwerk zählt auch, dass man geschickt ist. Früher galten zwei linke Hände schlimmer als schlechte Noten. So falsch war diese Einstellung nicht. Auf jeden Fall ist es ein Irrtum, sozialen Aufstieg an einer Abkehr vom Handwerklichen festzumachen.

Der frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin, SPD, setzt sich mit dem Stellenwert und der Zukunft der beruflichen und akademischen Ausbildung auseinander. Er stellt dabei den „nächsten Bildungsnotstand“ fest und sieht die Bildung in einer Doppelkrise: Die duale Ausbildung (Betrieb und Berufsschule) blute systematisch aus – was der Lehrlings- und Fachkräftemangel tatsächlich bestätigt. Auf der anderen Seite verliere der akademische Betrieb bei massenhaften Abiturientenzahlen an Substanz.

Er warnt deshalb vor einer „dünkelhaften Herabsetzung handwerklicher und technischer Begabungen“. Und rät zu einer Mischung nach Talent. Anders gesagt: Jeder junge Mensch lernt das, was er am besten kann. Von einer Akademikerschwemme kann aber noch keine Rede sein, schon gar nicht in Ostfriesland. Dann wäre das Einkommen von Akademikern längst gesunken, und Fachkräfte mit Lehre würden entsprechend mehr verdienen – was nicht der Fall ist. Beide Gruppen eint jedoch, dass nur wenige von ihnen arbeitslos sind. Dagegen ist jeder Fünfte ohne Ausbildung auch ohne Job. Das ist das eigentliche Problem.

Der Markt verlangt von Betrieben, heftig um Auszubildende zu werben. Wenn sie auf lange Sicht überleben wollen, bleibt ihnen keine andere Wahl. Jedenfalls können sich nur noch wenige wie einst gemütlich zurücklehnen und ihre Auszubildenden aussuchen. Wir erleben einen Wettbewerb der anderen Art.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Flüchtlinge und ein Foto

Sonntag, September 6th, 2015

Es hat etwas länger gedauert, bis Flüchtlinge aus Syrien, Irak und Afrika auch Ostfriesland erreichten. Es ist keine Medienangelegenheit mehr, sondern wird Alltag. Kreisverwaltung, Rathäuser, Hilfsorganisationen und freiwillige Helfer haben alle Hände voll zu tun. Die Menschen müssen registriert, untergebracht und versorgt werden. Die Kinder werden bald die Schulen besuchen. Flüchtlinge werden unsere Nachbarn.

Das Geschehen hier im Detail und mögliche gesellschaftliche Folgen zu schildern würde den Rahmen sprengen. Wer Zeitung liest oder die Tagesschau einschaltet, weiß ohnehin Bescheid. Wer weiter denkt, weiß auch: Die Flüchtlinge werden unser Land verändern, nicht nur sichtbar – und maßgeblich wird es an uns liegen, ob es ein gutes Ende nimmt.

Offen ist die Frage, ob eine deutliche Mehrheit des Volkes Flüchtlinge in großer Zahl aufnehmen, zumindest akzeptieren will. Davon hängt alles ab.  Man muss kein ausgewiesen guter Mensch sein, um zu versuchen, das Beste daraus zu machen. Es genügt schon, Realist zu sein. Denn es ist wie es ist. Die Flüchtlinge lassen sich nicht aufhalten. Ihre überwiegende Mehrheit ist „massiven Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Menschenrechtsverletzungen“ in ihrer Heimat ausgesetzt, wie eine UN-Untersuchungskommission festgestellt hat.

Wie einst unsere Landsleute aus dem Osten haben diese Menschen ein Anrecht, hier unterzukommen. Und wenn sie hier sind, gilt Artikel 1 des Grundgesetzes, nach dem die Würde des Menschen unantastbar ist.

Am Donnerstag dieser Woche ging ein Foto um die Welt, das wohl keinen Betrachter kalt lässt. An diesem Bild kommt keiner mehr vorbei: Ein dreijähriger syrischer Junge liegt tot am türkischen Strand, angespült, Gesicht im Sand, das rote T-Shirt durchnässt, ertrunken im Mittelmeer, nachdem das Schleuserboot gekentert war. Tot auch deshalb, weil Kanada zuvor der Familie des Jungen die Einreise verwehrt hatte und diese übers Mittelmeer flüchten musste – obwohl sie alle rechtlichen Voraussetzungen in Kanada  erfüllt hatte.

Dieses Foto könnte so stark wirken wie 1972 das eines siebenjährigen südvietnamesischen Mädchens, das nackt und schreiend um sein Leben läuft, gezeichnet von Napalmbomben. Es war der Anfang vom Ende des Vietnam-Kriegs. Die Strategen in Washington mussten die Waffen strecken.

Das Foto des toten Jungen könnte einer geordneten Flüchtlingspolitik in Europa zum Durchbruch verhelfen. Denn es ist stark. „Spiegel online“ empfindet eine „verstörende Symbolkraft“, der hartgesottene „Bild“-Politikchef schreibt „Es klagt mich an“. Und die italienische „La Repubblica“ bringt es so auf den Nenner: „Ein Foto, um die Welt zum Schweigen zu bringen.“ Oder behält die spanische Zeitung „El Periódico“ Recht? „Der Untergang Europas“ orakelt sie in ihrer Online-Ausgabe.

Vermutlich wirkt das Foto mehr als die dürre Meldung, dass in viereinhalb Jahren Bürgerkrieg in Syrien 250.000 Menschen umgekommen sind, 2500 Menschen im Meer ertrunken sind und im Nahen Osten wegen Kriegen zurzeit 13 Millionen Kinder nicht zur Schule gehen können. Es rührt die Herzen, reizt Hilfsreflexe und befeuert dann hoffentlich auch Vernunft und Verstand. Das wäre dann doch noch eine gute Nachricht.