Archive for November, 2015

Provinz ist eine Frage des Kopfes

Sonntag, November 29th, 2015

Ostfriesland geht es ein bisschen so wie dem Ruhrgebiet. Beider Ansehen ist schlechter als das tatsächliche Sein. Beim Wort Ruhrpott tauchen in vielen Köpfen immer noch qualmende Schlote und rußige Bergmannsgesichter auf, obwohl es sie längst nicht mehr gibt. Bei Ostfriesland drängen sich kranzbärtige Männer in blaugestreiften Fischerhemden oder der Pilsumer Leuchtturm nach vorne – im Alltag längst ausrangiert oder technisch ausgemustert.

Ein rückständiges Image kann sich Ostfriesland aber nicht leisten. Die Fachtagung „Beste Bildung bindet“ des Landkreises Leer machte es in diesen Tagen wieder deutlich: Junge Menschen halten Leer für provinziell. Auf Deutsch: Leer und Umgebung liegt für sie hinterm Mond.

Das hat zur Folge, dass die Bildungsabwanderung immer noch nicht gestoppt ist. Dabei braucht der Landkreis in wenigen Jahren viele neue Fachkräfte, weil die alten in Rente gehen.

Noch vor wenigen Jahrzehnten blieb vielen jungen Ostfriesen nichts anderes übrig, als ihr berufliches Glück in der Fremde zu suchen. Es gab in der Heimat  kaum Jobs und viel zu wenig qualifizierte Ausbildung für sie. Das ist heute anders. Windenergie, maritime Wirtschaft, VW, Maschinenbau, Meyer-Werft, Software- und Elektronik-Unternehmen haben viel Schwung in die Wirtschaft gebracht. Auch die Hochschule Emden-Leer wirkt.

Im Landkreis Leer lässt es sich gut leben und arbeiten. Die so genannte Infrastruktur stimmt: Die Gegend ist mit Auto und Bahn gut angebunden, medizinische Versorgung, Schulen, Kindergärten, Altenpflege, Einkaufen – alles kein Problem. Beim schnellen Internet allerdings ist noch Luft nach oben.

Aber es hapert am Image. Teure Marketing-Aktionen allein helfen nicht viel weiter. Der Landkreis Leer ist deshalb auf dem richtigen Weg, wenn er vorrangig auf Bildung im weitesten Sinne setzt. Die Randlage auf der Landkarte kann er nicht ändern. Wer Großstadtluft atmen will, wird hier nicht glücklich. Deshalb bleibt nur eins: Selbstbewusst die eigenen Stärken stärken.

Ein Mittel ist der geplante Bildungs-Campus mitten in Leer auf dem bisherigen EWE-Gelände zwischen den beiden Gymnasien – ergänzt um die frühere Markthalle, wo die Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie (VWA) unterkommt. Hochschule Emden-Leer,  Berufsakademie Ostfriesland, Seefahrtschule, Volkshochschule, VWA, die Gymnasien und die Berufsbildenden Schulen: Leer hat einiges zu bieten.  Der Landrat hat eigens eine Stabsstelle Hochschulen eingerichtet, um Struktur in die Bildungs-Landschaft zu bringen. Das ist gut so.

Neben der reinen Arbeit für die Bildung bleibt viel zu tun, um auch die so genannten weichen Faktoren auf Vordermann zu bringen. Es fehlt in Leer an Wohnungen für Singles und Paare. Junge Leute vermissen auch Kneipen und Klubs, ebenso kulturelle Angebote – weniger die Hochkultur, sondern niederschwellige Kultur, wie sie in Ansätzen im Zollhaus, bei der Leeraner Kneipennacht mit Musik oder beim „Free for all“-Rockfestival in Stapelmoor zu finden ist. Auch schlechte Busverbindungen ärgern junge Leute, für die ein eigenes Auto nicht mehr unbedingt als Statussymbol gilt.

Das Image einer Region zu ändern ist ein hartes Stück Brot, aber machbar durch Taten und Fakten. Die Richtung jedenfalls stimmt in Leer, in vielen Fällen auch die innere Haltung. Denn Provinz ist eine Frage des Kopfes, nicht des Landstriches.

 

 

 

 

Ostfriesland-Schau vor dem Aus

Sonntag, November 22nd, 2015

Totgesagte leben länger – aber ewiges Leben ist ihnen nicht beschieden. Mit genau diesen Worten begann an dieser Stelle am 12.Oktober 2014 der Kommentar über die Ostfriesland-Schau in Leer, die damals gerade vorbei war. Die Stadt Leer als Veranstalterin und die ausrichtende Firma machten lange Gesichter: Nur 68.000 Besucher waren gekommen. Nicht wenige Beobachter zweifelten diese Zahl sogar als zu hoch an.

Ihre große Zeit hat die Verbrauchermesse mit Baumarkt längst hinter sich. Einst passierten mehr als 180.000 Menschen die Tore auf der Nesse in Leer. Die Ostfriesland-Schau brummte.„Jüst dat, wat elk sehn mutt“, lautete der Erfolgs-Slogan.

Schon lange gab es auf der Messe nichts mehr zu sehen, was neu ist. Sie siechte dahin. Offensichtlich hat sie sich schon lange überholt. Da half vor Jahren auch kein Wechsel der Ausrichterfirma. Die Ostfriesland-Schau bekam die Kurve nicht mehr.

Unbeeindruckt von Bedenken schlug die Stadt Leer vor einigen Jahren den ersten Sargnagel ein, als sie die Ostfriesland-Schau terminlich vom Gallimarkt trennte. Dafür mag es verkehrstechnische Gründe gegeben haben, aber der Messe tat es nicht gut. Das Trio Viehmarkt, Ostfriesland-Schau und Gallimarkt mit verkaufsoffenem Sonntag wirkte wie ein Besuchermagnet.

Die Zugpferde der Leeraner Wirtschaft lassen sich schon sehr lange nicht mehr vor den Messekarren spannen, sieht man einmal von Bünting mit dem Teeausschank ab. Die Gemeinden Weener, Bunde, Jemgum und Firmen aus dem Rheiderland meiden die Messe ebenfalls seit einigen Jahren. Großunternehmen wie VW oder EWE präsentieren sich mit abgespecktem Programm.

Besonders für jüngere Leute – so bis Mitte 30 –  mangelt es an attraktiven Angeboten. Wirtschaft und Gesellschaft stecken mitten im digitalen Wandel, alles dreht sich um Apps, Bits und Bytes, aber in den Hallen der Ostfriesland-Schau dominieren Schuhcreme, Staubsauger, Haushaltsgeräte, Wunder-Reinigungsmittel, Gurken-Schnellschäler oder süßer Wein. Für die Messe selbst gibt es nicht mal eine Website.

Deshalb: Kein Vorwurf, keine Kritik an Firmen, die auch im nächsten Oktober die Messe meiden. Schließlich muss ein Unternehmen gewinnbringend arbeiten und wirft deshalb kein Geld aus dem Fenster, wenn es nicht davon ausgehen kann, dass es durch die Tür in größerer Menge wieder hereinrollt.

Der Stadt Leer hängt die Ostfriesland-Schau, die seit 1949 alle zwei Jahre über die Bühne geht, längst wie ein Klotz am Bein. Aber einen radikalen Schnitt scheut das Rathaus. Bezeichnend: Der Verwaltungsausschuss rang sich diese Woche nur zu einem halbherzigen Beschluss durch, der aber wie ein weiterer Sargnagel wirken wird: Statt neun Tage dauert die Messe im nächsten Oktober nur noch vier – von Freitag, dem 30. September, bis Montag, dem 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit.

Manche kleine Firmen hatten geklagt, der personelle Aufwand für neun Tage sei zu groß. Die Messe müsse kürzer sein. Doch für größere Firmen dürfte sich der hohe finanzielle Aufwand für den Stand und den Aufbau bei vier Tagen nicht lohnen, zumal bei bescheidenem Besuch. Deshalb wagen wir zu sagen: Die Ostfriesland-Schau steht vor dem Aus. Es könnte sogar sein, dass sie nie mehr stattfindet – wenn sich im Frühjahr nicht genug Aussteller anmelden.

 

„Sauft nicht so viel“

Freitag, November 13th, 2015

Helmut Schmidt war als Kanzler und später auf seine alten Tage in der ganzen Welt unterwegs. Aber gelegentlich reiste er auch nach Ostfriesland. Hier fühlte er sich wohl. Seine ostfriesischen Genossen waren ihm nach der Mütze, weil sie wie er mit beiden Beinen auf dem Boden standen. Bundestagsabgeordnete wie Carl Ewen oder Günther Tietjen hatten Zugang zu ihm in Bonn, und in Wahlkämpfen ließ er sich dann gelegentlich bei ihnen blicken.

Wir kramen ein wenig im Gedächtnis und denken zurück: In den 70er Jahren, Schmidt war Kanzler, besuchte er Wiesmoor. Dort war damals im Kalten Krieg ein Flugabwehrraketen-Bataillon der Bundeswehr stationiert. Die Raketenstellung lag abseits im Moor. Offiziere und Mannschaften wieselten aufgeregt durch die Stellung, kontrollierten streng die Journalisten, die nur auf Kommando fotografieren durften. Bemerkenswert: Raketen und  elektronische Geräte waren komplett abgestellt. Der Grund: Ärzte hatten Schmidt gerade einen Herzschrittmacher eingesetzt. Die Bundeswehr fürchtete um die Gesundheit des Kanzlers – und war zeitweise nur bedingt abwehrbereit.

1982 in Emden: Der Kanzler half der ostfriesischen SPD im Landtagswahlkampf. Er redete an einem Ort, an dem vermutlich weder vorher noch später eine Versammlung stattgefunden hat – in der alten Brikettfabrik am Hafen, eine Kokerei. Anfang des 20.Jahrhunderts gebaut, blieb sie bis in die 50er Jahre in Betrieb. Die Halle stand leer, geschwärzt von Ruß, einige Funzeln brachten nur wenig Licht ins Dunkle, es war lausig kalt. Doch Schmidt gefiel’s. Er verdrückte hinter der Bühne noch schnell ein mitgebrachtes Butterbrot, um anschließend die mehr als 1000 Zuhörer mit einer fulminanten Rede von den Stühlen zu reißen.

April 1989, Schmidt war als Kanzler längst in Rente: Er nahm sich, völlig ungewöhnlich, einen ganzen Tag Zeit für den Besuch eines einzelnen Bundestagsabgeordneten. Es war Günther Tietjen aus Leer. Tietjen saß im Bundestag nie vorne, aber er hatte als Geschäftsführer der so genannten Kanalarbeiter, heute Seeheimer genannt, unter den SPD-Abgeordneten einigen Einfluss.

Schmidt dankte Tietjen mit dem Besuch auf besondere Art für die loyale Arbeit. Der CDU schmeckte die Wahlhilfe nicht so recht, aber Tietjen ließ die Kritiker geschickt ins Leere laufen. Er nutzte seinen guten Kontakt zu Rechtsanwalt Heinrich Klasen, dem CDU-Fraktionschef. Beide schätzten sich aus gemeinsamer Arbeit im Stadtrat. Tietjen kannte das noble Bürgerhaus von Klasen auch von innen. Die Stofftapeten und architektonischen Feinheiten wären sicherlich nach Schmidts Geschmack. Also lud Klasen den ehemaligen Kanzler mit Tietjen und ausgesuchten Begleitern zum Morgentee in sein Haus ein. Schmidt genoss es sichtlich.

Später zog Tietjen dann mit Schmidt noch zur Neuen Straße in die Kneipe von Marten Wientjes, die es leider nicht mehr gibt. Beide tranken ein Bier mit den Männern, die dort zum Frühschoppen am Tresen hockten. Der Hamburger Schmidt schnackte kurz mit ihnen, tippte dann grüßend an seine Prinz-Heinrich-Mütze und verabschiedete sich:  „Tschüß, und sauft nicht so viel.“

Politikerschelte ist in

Samstag, November 7th, 2015

Komisch ist es schon. Da möchte gefühlt die halbe Welt gern in Deutschland leben, aber hier steht Politikerschelte hoch im Kurs. Wer über Berlin, Hannover oder gar Brüssel herzieht, findet leicht Beifall. Skepsis, Verachtung oder Wut beschränken sich jedoch nicht auf „die da oben“. Selbst Kommunalpolitiker haben einen schweren Stand.

Wir reden hier nicht über kaum druckreife Pöbeleien gegen Flüchtlinge oder deren Helfer – vornehmlich bei Facebook und Co., aber auch in Zuschriften an Redaktionen und Bloggern. Nein, es geht um Politik(er)verachtung, die so manchem Ratsmitglied die Arbeit schon vergällt hat und mögliche Kandidaten davon abhält, sich bei der Kommunalwahl im Herbst 2016 aufstellen zu lassen.

Seit dem Zweiten Weltkrieg sind wir mit der Parteien-Demokratie alles in allem gut gefahren. Auch in Ostfriesland. Die kommunale Selbstverwaltung ist ein Erfolgsmodell. Sie leidet seit einigen Jahren jedoch daran, dass immer weniger Bürger bereit sind, im Gemeinderat, Stadtrat oder Kreistag mitzumachen. Das mindert auf Dauer die Qualität, weil mangels Masse die Auslese zu kurz kommt.

Nicht wenige Bürger belächeln Kommunalpolitik. Dabei verdient sie Anerkennung. Sie erfordert von den Frauen und Männern in den Räten einen hohen Einsatz an Zeit und Kraft. Sie müssen sich ständig über neue Sachverhalte kundig machen, auf Sitzungen vorbereiten, mit kritischen Bürgern auseinander setzen,  bei der Verwaltung informieren, Vorhaben in der Fraktion diskutieren, öffentlich reden – das alles erfordert Disziplin, Ausdauer und hohes Verantwortungsbewusstsein für die Allgemeinheit.

Und dann kommen da Leute, die mehr Bürgerbeteiligung verlangen. Nichts gegen Bürgerinitiativen. Sie können gute Gründe haben und sind im Idealfall  das Salz in der Kommunalpolitik. Aber meistens haben sie einen Nachteil: Sie verfolgen kein Gesamtinteresse, sondern ausschließlich ihr eigenes. Dagegen ist nichts einzuwenden. Schwierig wird es nur, wenn sie ihr Eigeninteresse absolut setzen und rigoros vorgehen – und gewählte Politiker für dumm, verwaltungshörig oder naiv erklären. Jeder kann für eigene Interessen fechten. Aber Rat oder Kreistag müssen das Ganze im Auge behalten und letztlich die Verantwortung tragen, während die Bürgerinitiativen sich längst aufgelöst haben.

Im Landkreis gibt es zurzeit einige Beispiele, wo Eigen- und Gemeinnutz sich beißen. In Uplengen wollen Bürger keine Windmühlen. Sie sagen es nicht direkt, sondern fordern einen  Abstand zwischen Windmühle und Häusern von zehn Mal die Höhe der Anlage. Bei einer 100-Meter-Mühle bedeutet das einen Abstand von einem Kilometer, bei 130 Metern schon 1,3 Kilometer. Überall angewandt, wäre es das Ende der Energiewende, weil kaum noch eine Mühle gebaut werden dürfte.

Oder Ihrhove: Dort wollen Bürger den Ausbau einer Straße verhindern, an der sie wohnen. Der Gemeinderat wog die Argumente ab. Er musste sich monatelang harte Vorwürfe anhören, auf teilweise unterirdischem Niveau. Aber er widerstand dem Druck. Bei einer Versammlung fühlte sich ein Ratsherr wie vor Gericht auf der Anklagebank.  Und den besonnenen Bürgermeister Eberhard Lüpkes beschlich ein ungutes Gefühl: „Es muss uns mit Sorge erfüllen, dass Parteien Mühe haben, Kandidaten zu finden.“ Recht hat er.