Archive for Dezember, 2015

Wenn der Pastor weg ist…

Donnerstag, Dezember 24th, 2015

Heute am Heiligen Abend sind die Kirchen bei uns und im ganzen Land rappelvoll. Wir wollen den Pastoren nicht vorgreifen, aber am Thema Flüchtlinge kommt keiner vorbei. Das liegt auf der Hand. Der Sinnstifter des christlichen Glaubens, Jesus Christus, wurde vor mehr als zweitausend Jahren auf der Flucht geboren, in akuter Lebensgefahr. Im Nahen Osten übrigens.

Also nichts Neues unter der Sonne, könnte man sagen. Heute sind wieder viele Menschen auf der Flucht – nach Deutschland zwar längst nicht so viele wie 1945, aber immerhin in Millionenhöhe. Das bewegt alle, beherrscht die Gespräche, hält Politik und Verwaltungen in Atem, weckt niedrige Instinkte und gleichzeitig beispiellose Hilfsbereitschaft, rührt Mitleid und Hass, setzt Kräfte frei bei Tausenden von Helfern und treibt gleichzeitig Menschen zu dumpfen Märschen auf die Straßen. Ein Drama – nur nicht im Theater, sondern mitten im Leben.

Die Pastoren heute und morgen werden die Flüchtlinge thematisieren, das Evangelium, also die frohe Botschaft, verkünden und versuchen, den Menschen Mut zu machen. Nach Weihnachten verschnaufen die Menschen ein wenig. An Silvester hält Frau Merkel im Fernsehen ihre Neujahrsansprache und wird es, wie schon vor einem Jahr, als selbstverständlich bezeichnen, dass wir Menschen auf der Flucht helfen. Recht hat sie, auch wenn der eine oder andere Zuschauer nicht ganz ausblenden wird, dass die Kanzlerin ziemlich naiv dazu beigetragen hat, die Tore sehr weit zu öffnen.

Spätestens am 4. Januar hat uns der Alltag wieder. Neue Flüchtlinge steigen in Leer aus den Bussen. Es schlägt wieder die Stunde des Landrates und der Bürgermeister, die mit Hilfe ihrer Mitarbeiter, des Roten Kreuzes, der Freiwilligen Feuerwehren, des Technischen Hilfswerks, der Kirchen, der Hilfsverbände, der Vereine und zahlreicher privater Helfer ihre Arbeit tun. Sie geben der Flüchtlingshilfe ein Gesicht und eine Struktur.

Verwaltungs-Chefs sagen öffentlich, dass alles schon irgendwie klappt. Unter vier Augen klingt es anders. Sie fühlen sich zum Teil von Hannover und Berlin alleingelassen. Bisher bekommen sie die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge mit strategischem Handeln, viel Einsatz und Improvisationskunst auf die Reihe. Das neue Jahr verlangt jedoch einen Rahmen, den Land und Bund setzen müssen.

Irgendwann können Landrat und Bürgermeister die staatlichen Versäumnisse nicht mehr mit eigenen Kräften ausbügeln. Es gibt viel zu tun: Die Flüchtlinge müssen schnell gezielt aufs Leben bei uns vorbereitet werden. Deutsch lernen, zur Schule gehen, Lehrstellen oder Jobs finden, überhaupt fit gemacht werden für die Arbeit in einer hochtechnisierten Arbeitswelt.

Bald drückt das Wohnungsproblem. Es gibt schon heute zu wenig Wohnungen für Normal- oder Geringverdiener. Ein Teil der Flüchtlinge wird länger arbeitslos sein. Dann können sie die ihnen zugewiesenen Wohnungen nicht bezahlen. Die Kommunen, finanziell ohnehin am Stock, bleiben auf den Kosten sitzen. Das schafft Verdruss bei Einheimischen, die deshalb zu kurz kommen. Einem Bürgermeister, der bei Jubilarbesuchen viel mitbekommt, schwant nichts Gutes: „Was die Gäste so reden, wenn der Pastor weg ist…“

Versuch macht klug

Samstag, Dezember 19th, 2015

Viele Wege führen zu einem Beruf. Üblich ist bei uns die duale Ausbildung, also das Zusammenspiel zwischen Betrieb und Berufsschule. Die halbe Welt beneidet uns darum, sogar US-Präsident Obama hat sich mal ausführlich danach erkundigt.

Aber neben dem Dualen System können junge Menschen, vor allem auch die ohne Lehrstelle, sich in einer ein- oder zweijährigen Berufsfachschule für einen Beruf fit machen. Wir reden hier von der einjährigen Berufsfachschule für Haupt- und Realschüler. Sie erhalten dort eine Grundbildung, die sich auf verschiedene Berufe bezieht. Wer das Jahr erfolgreich abschließt, kann das zweite und dritte Ausbildungsjahr in einem Betrieb absolvieren.

Während des Jahres an der Berufsfachschule gehen die Schüler an einem  Tag pro Woche in einen Betrieb, um Praxis zu schnuppern – umgekehrt zur Dualen Ausbildung, die fünf Tage Praxis und einen Berufsschultag vorsieht.

Doch reicht ein Tag pro Woche im Betrieb? Die Berufsbildenden Schulen II in Leer halten dies für zu wenig. Sie möchten an ihrer Berufsfachschule den Praxisteil gern auf zwei Tage ausdehnen, weil es sinnvoll und gut sei. Die Schulleitung beantragte deshalb über den Landkreis Leer als Schulträger beim Kultusministerium einen Modellversuch, den sie „3 plus 2“ nennt. Drei Tage in der Schule – zwei Tage im Betrieb.

Lehrer und Betriebs-Chefs streiten sich gelegentlich über die richtige Mischung von Theorie und Praxis in der Ausbildung. Aber diesmal sind sie sich einig: Der Praxisanteil muss größer werden. Der zweite Tag sorgt für einen fließenden Übergang in den Betrieb, sagen Lehrer und Praktiker.

Im Juni kam sogar die zuständige Staatssekretärin Erika Huxhold aus Hannover nach Leer, um sich über den Modellversuch zu informieren. Sie zeigte sich sehr angetan und sorgte für Optimismus in der Schule.

Doch jetzt kam die kalte Dusche: Aus dem Modellversuch wird nichts. Die Staatssekretärin konnte sich offensichtlich nicht gegen den so genannten Steuerkreis im Ministerium durchsetzen, der mit Funktionären aus  Gewerkschaften, Wirtschaftskammern, Arbeitsagentur und Städte- und Gemeindebund bestückt ist. Schulleiter Wilfried Steenblock ortet in diesem  Steuerkreis den Widerstand, der das Ministerium zum Rückzieher bewogen hat.

Steenblock und seine Kollegen sind sauer. Denn sie glauben an den Erfolg ihres Modells. 90 Prozent der Berufsfachschüler – absolut mehr als 280 im vorigen Schuljahr – begannen die betriebliche Ausbildung gleich mit dem zweiten Jahr. Ein zweiter Praxistag hätte die Qualität der Absolventen noch verbessert, sagt Steenblock. Er und seine Kollegen empfinden das Nein des Kultusministeriums als Schlag ins Gesicht.

Unverständlich ist es allemal. Das Ministerium hätte ja kein Stück für die Ewigkeit und schon gar nicht für alle Schulen im Land gezimmert. Es handelte sich ja erst einmal nur um einen Modellversuch – was nichts anderes bedeutet, als einige Jahre den Lauf der Dinge genau zu beobachten und zu untersuchen. Dann wird bewertet, ob die Löschtaste gedrückt oder der Modellversuch zur gängigen Praxis befördert wird. Doch davor drückt sich das Kultusministerium. Wie sagt jedoch der Volksmund ganz richtig? Versuch macht klug.

Sparkassen-Geheimnis

Samstag, Dezember 12th, 2015

Sein Name tut nichts zur Sache, aber ein Mann aus Leer hat eine Frage auf dem Herzen, die auch viele Bürger im Landkreis Leer seit vier, fünf Jahren bewegt. Er stellte sie dem Kreistag in der Bürgerfragestunde der jüngsten Sitzung.

Wie teuer wird die neue Sparkasse in Leer, wollte er wissen. Und schob nach: „Wieso wird daraus so ein Staatsgeheimnis gemacht?“ Die anwesenden Bürger applaudierten, denn auch sie hätten es gern gewusst. Aber sie hörten keine Zahl.

Der Verwaltungsrat der Sparkasse hat seinerzeit beschlossen, die Kosten des Neubaus in der Innenstadt zu verschweigen. Nur eine Handvoll Eingeweihte weiß Bescheid. Neben dem Vorstand natürlich. In der Bilanz taucht die Summe erkennbar nicht auf. Sie wird getarnt.

Der Abgeordnete Cybalski von den Grünen, der nach eigenen Worten zum „Geheimkreis“ zählt, möchte gern etwas sagen, traut sich aber nicht, weil er Angst hat, „ins Loch zu kommen“. Nun denn. Den Richter möchten wir sehen.

Die Geheimniskrämerei ist einfach albern. Wir erinnern uns an die damalige Begründung, in der die Sparkasse Wettbewerbsgründe anführt. Welchen Vorteil hätten OLB oder Ostfriesische Volksbank, wenn sie die Baukosten wüssten? Welchen Nachteil hätte die Sparkasse? Fast jedes Unternehmen nennt die Kosten, wenn es in einen Neubau investiert. Und öffentlich-rechtliche Unternehmen erst Recht.

Sparkassen – und darauf legen sie großen Wert – sind zumindest der Form nach keine herkömmlichen Unternehmen, sondern in der Regel so genannte Anstalten des öffentlichen Rechts. Träger der Sparkasse Leer-Wittmund ist ein Sparkassenzweckverband, an dem die Landkreise Leer und Wittmund sowie die Städte Leer und Weener beteiligt sind.

Die Sparkasse gehört also den Bürgern. Der Vorstand sollte das Sparkassengeheimnis deshalb auf Konten und Geldgeschäfte beschränken und nicht auf Baukosten überdehnen.

Von gebotener Transparenz keine Spur. Das führt dazu, dass die Leute über horrende Baukosten spekulieren. Wem mal der Gesprächsstoff ausgeht: Mit dem Thema Sparkassen-Neubau bringt er die Unterhaltung wieder in Schwung. Zwischen 30 und 80, gelegentlich 100 Millionen Euro werden da gehandelt. Die Spekulation treibt Blüten. Dem Ansehen der Sparkasse ist dies abträglich. Aber irgendwann kommt die Summe heraus – und dann fällt der Sparkasse ihr Schweigen so richtig auf die Füße.

Wo wir schon beim Thema Sparkasse und Offenheit sind: Es wird nicht mehr lange dauern, dann kommen die Gehälter von Sparkassendirektoren auch in Niedersachsen auf den Tisch. Als Vorbild dient Nordrhein-Westfalen, das in einem Transparenzgesetz längst die Offenlegung der Sparkassengehälter vorschreibt.

In einem Interview vom 13.Januar 2013 mit dem „Handelsblatt“ hat der damalige SPD-Spitzenkandidat und heutige Ministerpräsident Stephan Weil auf die Frage, ob er sich so etwas auch in Niedersachsen vorstellen könne, geantwortet: „Ja …. Es spricht eine Menge dafür, die Gehälter von Sparkassenvorständen zu veröffentlichen.“

Wohl wahr. Die Vorstände großer Unternehmen haben einsehbare  Gehaltszettel, ebenso Regierungs-Chefs, Minister, Abgeordnete, Landräte, Bürgermeister, der gesamte öffentliche Dienst und viele andere. Nur nicht die Sparkassenvorstände. Noch nicht – denn Weil hält ja sicher, was er vor einer Wahl verspricht.

Die Deutsche Bahn

Sonntag, Dezember 6th, 2015

Der Bahnhof in Leer spiegelt die Lage der Deutschen Bahn. Kein Dach über den Bahnsteigen, kein Kofferrollband an der Treppe in der Unterführung, keine durchgehende Pflasterung, Dreck. Der reale Zustand in Leer spricht für die Gesamtlage: Die Bahn lässt ihre Kunden im Regen stehen.

Das gilt für ganz Deutschland, besonders aber für Ostfriesland. Die Bahn widerspricht zwar, aber sie lässt seit Monaten den Nordwesten bahntechnisch verrecken, weil sie für die Strecke Emden-Münster vom Nahverkehr abgekoppelt wird. Der Grund: Mit dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember übernimmt die Westfalenbahn den Betrieb.

Ob es besser wird? Schlechter werden jedenfalls kann es kaum. Sage und schreibe 1086 Züge fielen allein bis September dieses Jahres zwischen Emden und Münster aus. Gut, der Streik schlug ins Kontor, auch gegen Unwetter kann die Bahn nichts ausrichten. Aber bei der Hälfte der Ausfälle lag es an ihr selbst: Kein Personal, Bauarbeiten, technische Pannen an Loks, Weichen oder Signalanlagen. Von fehlenden Waggons, kaputtem Reservierungssystem, fehlendem Bistro oder falscher Wagenreihenfolge gar nicht zu reden.

Wenn die Bahn fährt, ist sie längst nicht immer pünktlich. Nur gut 87 Prozent der Regionalzüge kommen zur rechten Zeit an. Bei den Fernzügen ist sogar jeder vierte unpünktlich. Nicht wenige Fahrgäste halten diese Aussage der Bahn für geschönt.

Die Bahn ist ein komplexes Unternehmen, mit sich selbst überfordert. Deshalb sollen demnächst Experten der Schweizerischen Bundesbahn (SBB) die Fahrpläne basteln. Die SBB gilt als der pünktlichste Bahnbetrieb Europas.

Zugfahren ist angenehm – so lange man es nicht mit der Deutschen Bahn zu tun hat. Einige Beispiele: Vor Monaten brannte in Mülheim/Ruhr ein Stellwerk komplett aus. Es ist zuständig für die meistbefahrenen Bahnstrecken in Europa. Aber es gibt dafür keinen Ersatz – neudeutsch kein Backup.  Seit dem Brand jedenfalls rumpeln die Züge langsam und auf Umwegen durchs Ruhrgebiet oder umkurven es total.

Das wirkt sich bis nach Ostfriesland aus. So meidet beispielsweise sonntagsabends der IC von Norddeich nach Köln die Städte Recklinghausen, Gelsenkirchen, Oberhausen, Duisburg und Düsseldorf – und fährt einen  Umweg über Hagen und Wuppertal direkt nach Köln. Für Wochenendurlauber und Pendler ins Ruhrgebiet oder nach Düsseldorf ist das mit Umstieg verbunden.

Am vorigen Sonntag setzte die Bahn noch ein Ungemach drauf: In Münster stellte sie eine Weiche falsch. Der Zug fuhr einige Kilometer, ehe der Fehler bemerkt wurde, und stoppte auf freier Strecke. Durchsage: „Wir fahren zurück in den Bahnhof.“  Nach einer Weile fuhr der Zug wieder an, aber vorwärts. Durchsage: „Wir fahren nonstop bis Dortmund.“ Also noch mehr Umweg.

Unsereins schaute in der DB-App nach einer Verbindung von Dortmund nach Düsseldorf. Alles klar, in Dortmund war Zeit, in einen – natürlich verspäteten – IC nach Düsseldorf umzusteigen. Doch die Bahn lässt keine Überraschung aus: Der Zug fuhr einfach durch in Dortmund.

Der Schaffner empfahl den Umstieg in Hagen. Unsereins vertraute lieber der DB-App, fuhr bis Wuppertal und stieg um in eine Regionalbahn – und war so ungefähr eine halbe Stunde früher am Ziel – aber unterm Strich immer noch fast anderthalb Stunden zu spät. Die Deutsche Bahn.