Herolde aus dem 3D-Drucker

Die drei Herolde des Gallimarkts in Leer stehen für 500 Jahre Tradition. Sie trommeln, klingeln und rufen. Einst könnten sie auch als Symbol für den Einzug der vierten industriellen Revolution bei uns in regionalen Geschichtsbüchern auftauchen.  Diese Revolution, auch die digitale genannt, ist zwar längst da, doch die Herolde machen sie jetzt sichtbar. Seit diesem Tag Anfang Dezember – als die drei Männer in ihren historischen Gewändern sich im „Emspark“ scannen ließen und sich kurze Zeit später originalgetreu als Figuren bestaunen konnten, 25 Zentimeter hoch. Es war angemessen, dass Bürgermeisterin Beatrix Kuhl eigens zu diesem Anlass gekommen war.

3D-Drucker stülpen die Fertigungsweise um, wie wir sie kennen. Bisher wird ein Produkt aus einem Stück Holz, Kunststoff oder Metall geschnitten, geschlagen, gefräst oder gedrechselt. Das Werkstück entsteht durch Trennung, es gibt auch Abfall. Jetzt aber ist das Gegenteil möglich: Es wird nichts mehr zerkleinert bis zum fertigen Ergebnis, sondern hinzugefügt. Fachleute nennen das „additive Fertigung“, plakativ gesagt 3D-Druck. Das Gerät braucht nur zwei Dinge: einen Bauplan und einen Rohstoff – zumeist flüssige Kunststoffe, Harze, Keramikpulver, aber auch Metall. Alles ist denkbar. Selbst Hausbau. Mit Bauplan und Rohstoff gefüttert baut der 3D-Drucker nach elektronischer Anleitung das Werkstück, zum Beispiel eine lebensechte Figur.

Schon jetzt krempelt die neue Technologie die Zahntechniker-Branche um. Neue Zähne müssen nicht mehr mühsam einzeln nach Gussdruck angefertigt werden, sondern können nach einem Scan durch den Zahnarzt von einem 3D-Drucker ausgespuckt werden. Aber nicht nur Zähne, auch Prothesen, Prototypen in der Forschung oder Ersatzteile fürs Auto. Ähnliches ist für maßgefertigte Kleidung, Schuhe und auch Produktionsteile denkbar – fast alles kann künftig aus dem 3D-Drucker kommen.

Eine Vision für den Einzelhandel: Schuhhändler könnten im Internet den Bauplan für ihr neuestes Modell verkaufen, eine App vermisst die Füße passgenau – und aus diesen Daten fertigt der 3D-Drucker im Copyshop um die Ecke den maßgeschneiderten Schuh.

Das Ganze geht auch schon zu Hause. Einfache 3D-Drucker gibt es für unter 1000 Euro. Sie können Gartenzwerge oder Weihnachtsengel aus Kunststoffen drucken. Sicher ist: 3D-Drucker werden sich durchsetzen und großen Einfluss auf weite Teile der Wirtschaft haben. Der Wachstumsmarkt ist digital.

Die Frage ist nur, ob Unternehmen den Schuss hören. Viele Betriebe hinken hinterher. Zu wenig Industrie-Unternehmen seien für die Zukunft gerüstet, sorgt sich der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Aber auch die digitale Infrastruktur hat Nachholbedarf. Auf dem Lande und in Kleinstädten fehlt der Zugang zum schnellen Internet.

Grundsätzlich hat der Landkreis Leer die digitalen Zeichen erkannt. An den Berufsbildenden Schulen (BBS) und bei der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie ist in der Informatik-und Programmier-Ausbildung einiges im Gange. Auch das Software-Netzwerk Leer rührt sich.

Dabei bietet Leer zum Beispiel Handwerkern beste Möglichkeiten: Bei den Berufsbildenden Schulen hat der Landkreis ein „Experimentierhaus“ für 1,8 Millionen Euro gebaut. Weit und breit einmalig. Dort lernen  Schüler und Auszubildende modernste Haustechnik. Der Wermutstropfen: Nur wenige Handwerksmeister nutzen für sich und ihre Mitarbeiter das „Experimentierhaus“. Nach Schulschluss steht es praktisch leer da.

 

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