Archive for Februar, 2016

Gehobene Mittelklasse

Samstag, Februar 27th, 2016

Daumen hoch. Der Landkreis Leer kann sich wirtschaftlich sehen lassen. In der Rangordnung nach Wirtschaftsstärke in Niedersachsen belegt er einen gehobenen Mittelplatz – mit 50,1 Punkten auf Platz 21 von 46. Nur um Zehntelpunkte besser schneiden Aurich und Wittmund ab, während Emden abfällt.

Um es einzuordnen: Spitzenreiter Wolfsburg kommt auf 60,4 Punkte, Schlusslicht Wilhelmshaven auf 44,1. Auf Platz 12 rangiert das Emsland mit 51,5. Die Zahlen stammen vom Institut der Deutschen Wirtschaft Köln.
Der Landkreis Leer hat sich beachtlich nach oben gearbeitet. Windenergie, maritime Wirtschaft, Maschinen- und Schiffbau, Handel und auch die Informations- und Kommunikationswirtschaft sorgen für den Schwung.

Als Jobmotor erweisen sich auch die Autobahnen 31 ins Ruhrgebiet und 28 nach Bremen. Das Emsland profitiert massiv von der A 31, auch das Rheiderland und der restliche Landkreis Leer schneiden sich ein schönes Stück vom Kuchen ab. Mit Sicherheit wäre zum Beispiel Bünting als größter Arbeitgeber nicht mehr in Leer.
Auch die Gemeinde Uplengen führt ihre Blüte nicht zuletzt auf die A 28 zurück. Der Beweis ist das stetig wachsende Gewerbe- und Industriegebiet an der Autobahn. Hinter der sichtbaren großen Zinkerei direkt an der Piste tummeln sich zahlreiche Betriebe, auch große Logistikunternehmen.

Uplengen hofft auf einen schnellen Bau der Küstenautobahn A 20, die bei Westerstede auf die A 28 treffen und bei Jaderberg die A 29 kreuzen würde – auch für den Landkreis eine schnelle Verbindung zum Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven. Vorsorglich vergrößert Uplengen sein Gewerbe- und Industriegebiet an der A 28.

Zwei große strukturelle Probleme muss der Landkreis Leer in den nächsten Jahren lösen. Stichworte sind schnelles Internet und Fachkräftemangel. Für das schnelle Internet muss der Landkreis den Weg bahnen. Geld dafür in die Hand nehmen muss jedoch vorrangig die Wirtschaft, in diesem Fall Kommunikationsunternehmen wie Telekom, EWE & Co. Nur wo der Markt versagt und sich eine private Investition nicht lohnt, ist der Staat in der Pflicht.

Zweite Baustelle ist der drohende Fachkräfte-Mangel. Schon jetzt fehlt manchen Betrieben der Nachwuchs. Vor allem viele kleine und mittlere tun sich schwer mit beiden Problemen. Sie verkennen die Dynamik des Internets und der Digitalisierung – und unterschätzen die Wucht des demografischen Wandels. Es dauert nicht mehr lange, bis erste Firmen nicht mehr über die Runden kommen, weil sie keine Leute haben, um Aufträge abzuarbeiten. Sie beugen nicht vor.

Ein besonderes Sorgenkind Ostfrieslands ist die Stadt Emden. Werften sind abgeschmiert, VW zahlt als Folge des Abgasskandals auf Jahre keine Gewerbesteuer und der Plan eines Hafens am Rysumer Nacken für große Schiffe liegt auf Eis. Seit mehr als einem Dutzend Jahren bekommen die Emder nicht einmal die Vertiefung der Ems zwischen dem alten Hafen und der Knock die Reihe. Der frisch angekündigte Liegeplatz für Großschiffe im Emder Außenhafen ist erst mal nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Besonders schlimm: Der Traum als Versorgungsrampe für die Windparks in der Nordsee erwies sich als Schaum. Das liegt an den Emdern selbst, die zu lange zauderten, statt auf den langsam anfahrenden Zug oder gar auf die Lokomotive zu springen. Den Traum erfüllt sich jetzt Cuxhaven.

Hausärzte gesucht

Samstag, Februar 20th, 2016

Man kann streiten, ob wir in Deutschland zu viele Ärzte haben und ob diese zu oft röntgen oder sonst eine Maschine anwerfen. Man kann den Kopf darüber schütteln, dass in München und Umgebung mehr Computer-Tomographen stehen als in ganz Italien oder ob privat zu zahlende ärztliche Zusatzleistungen mehr dem Wohl der Patienten oder dem Portemonnaie des Arztes dienen.

Unstrittig ist jedoch, dass der Mensch in zumutbarer Entfernung einen Hausarzt braucht. Erste Anlaufstelle bei Krankheiten, Versorgung bei Verletzungen, Betreuung chronisch Kranker, Behandlung von Zipperlein, Beratung und Untersuchungen – das sind seine Aufgaben. Und wenn er (oder sie) schwere Erkrankungen erkennt oder vermutet und die davon Betroffenen rechtzeitig an Spezialisten überweist, ist er ein guter Hausarzt.

Seit einigen Jahren mangelt es jedoch an diesen Allgemeinmedizinern, vor allem auf dem Lande. Und so auch im Rheiderland und im Overledingerland. Hier zeigt sich mit dem Fachkräftemangel die erste Problemwelle des demografischen Wandels. Bei den Ärzten schwappt sie, um im Bild zu bleiben, bereits über die Köpfe vieler Menschen.

Immer häufiger kommt es vor, dass ein Landarzt, der sich zur Ruhe setzt, keinen Nachfolger findet. Bingum und Stapelmoor sind nur zwei Beispiele, auch in Jemgum gab es früher mehr als einen Arzt.
Die Kassenärztliche Vereinigung beziffert die Ärzteversorgung in Leer-Süd mit 81 Prozent. Mit Leer-Süd meint sie das Rheiderland und die Gemeinden Westoverledingen, Rhauderfehn und Ostrhauderfehn. Wenn nur ein Arzt seine Praxis aufgibt, was zu erwarten ist, wird die kritische Marke von 75 Prozent unterschritten.

Deshalb versucht die Kassenärztliche Vereinigung gemeinsam mit den gesetzlichen Krankenkassen, Hausärzte mit Geld zu locken. Wer sich hier ansiedelt, erhält einen Investitions-Zuschuss von 60.000 Euro. Damit kann er eine gängige neue Praxis zu 60 Prozent bezahlen. Ob der Zuschuss die Hoffnungen erfüllt? Skepsis ist angebracht. Aber Nichtstun ist keine Alternative.

Der Landkreis Leer weiß um das Problem. So hat der Kreistag bereits vor mehreren Jahren ein Stipendien-Programm für Medizinstudenten aufgelegt. Studenten erhalten nennenswerte Zuschüsse während des Studiums, wenn sie anschließend im Landkreis Leer einige Zeit als Arzt arbeiten. Der Landkreis hofft, dass der eine oder andere später bleibt, eine Praxis aufmacht oder in einem Krankenhaus arbeitet.

Nicht verständlich ist, warum die Kassenärztliche Vereinigung und Krankenkassen bei Arztfilialen oder Zweigpraxen eine so rigide Politik betreibt. Sie verringern ab einer bestimmten Patientenzahl das Honorar. Zwei Ärzte, die in Bunde eine Gemeinschaftspraxis betreiben, hatten Zweigpraxen in Ditzum und Stapelmoor. Den Zweig in Stapelmoor haben sie jüngst abgeschnitten, weil er nicht genug Früchte trug. Das ist nachvollziehbar. Bei 700 Patienten im Quartal erhielten sie nur die Hälfte des normalen Honorars.

Die Probleme mit Ärzten bereiten ein ungutes Gefühl, aber sie sind nur Vorboten für andere Berufsgruppen. Der demografische Wandel mit den vielen alten und zu wenigen jungen Menschen lässt grüßen.

Großes Rad drehen

Sonntag, Februar 14th, 2016

Ein Wischer übers Display und die Welt öffnet sich vor den Augen. Das Smartphone ist fast wie das sechste Sinnesorgan vieler Kinder, Jugendlicher und Erwachsener bis 30, höchstens 35.
Der digitale Wandel erreicht nach und nach, aber zu langsam auch die Schulen, so dass Computer für Schüler nicht mehr nur ein Spiel sind. Computerspiele stehen aber für sie weit obenan. Für Eltern und Großeltern ist diese Welt oft wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Das soll sich in Wiesmoor ändern. Die dortige Kooperative Gesamtschule und die Stadtjugendpflege laden deshalb zu einer „Eltern-LAN-Party“ ein. Eltern und Lehrer sollen eigene Spielerfahrungen am Computer sammeln, sich informieren und sich mit jugendlichen Spielern und Medienpädagogen austauschen. Schule und Stadt reagieren darauf, dass – wohl erstmals in der Geschichte der Menschheit – junge Leute über elementare Lebens- und Arbeitsbereiche mehr wissen und können als die ältere Generation.

Der Unterschied zwischen digitalem Anspruch und der analogen Beharrlichkeit wird nicht nur in Wiesmoor täglich deutlich. So trafen sich jetzt in der kleinen Gemeinde Firrel, die zur Samtgemeinde Hesel gehört, der Gemeinderat und Bürger. Sie fürchten um die Attraktivität ihres Dorfes. Der Grund: Es mangelt an schnellem Internet. Die Verbindung ins weltweite Netz klappt gar nicht oder nur sehr langsam. Der Bürgermeister ist alarmiert.
Er berichtet, dass Leute, die sich für Firrel als Wohnsitz interessieren, nicht zuerst fragen, ob es einen Arzt gibt, sondern wie es mit Internet aussieht. Eine Ratsfrau erzählt, dass bereits Interessenten vom Bauplatzkauf zurückgetreten seien.

Das mag der eine oder andere für übertrieben halten. Tatsächlich jedoch stehen viele Menschen ohne leistungsfähigen Internetanschluss auf dem Schlauch. Zumindest erschwert es den Alltag – und wer von zu Hause aus arbeitet, was immer häufiger vorkommt, ist alternativlos aufs Internet angewiesen. Firrel steht hier für viele andere Orte, auch im Rheiderland.

Ostfriesland wird gnadenlos von der wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt, wenn der Sprung zum schnellen Internet nicht gelingt. Die Datenmengen vor allem für Firmen, aber auch für Privathaushalte, steigen rasant. Nicht zuletzt: Die Digitalisierung hält Einzug in die Produktion.

Die Telekom vertröstet Randgebiete mit dem Hinweis auf LTE, eine Abkürzung des englischen „Long Term Evolution“. Dahinter verbirgt sich ein Mobilfunkstandard. Das ist jedoch nur ein schwacher Trost, weil LTE nicht viel zustande bringt.

Außerdem wird die Telekom mit Billigung ihres Großaktionärs Bundesrepublik Deutschland wohl bald Kunden ködern mit der Vectoring-Technik. Damit will sie ihre uralten und steuerlich längst abgeschriebenen Kupferkabel aufmöbeln und viel Geld verdienen. Aber Vectoring bringt auf Sicht nicht genügend Leistung. Die EWE will eventuell dagegen klagen, weil sie ein neues Monopol der Telekom fürchtet.

In Fachkreisen unbestritten ist Glasfaser die beste Lösung. Sie ist aber zunächst teurer. Dem Landkreis und den Gemeinden kann man nur den Mut wünschen, mit Glasfaser ein großes Rad zu drehen. Statt auf Hilfe von außen zu warten, die so schnell ohnehin nicht kommt, könnten sie Wirtschaft, Bürger, Investoren und Anbieter in ein Boot holen, um für schnelles Internet zu sorgen. Selbst ist der Mann.

Pachten außer Kontrolle

Samstag, Februar 6th, 2016

Das nennt man einen Schlag ins Kontor: Die Stadt Leer erhöht die Pacht für den Kindergarten e.V. „Sünntuitje“ in ihrem Ortsteil Bingum annähernd um das Zehnfache auf 2000 Euro im Monat. Auf saftige Pachtsteigerungen müssen sich auch andere Kindergärten in Leer wie „Bullerbü“ und „Kunterbunt“, ein Kinderheim, die Freie Kunstschule und der Fußballklub Kickers Leer einstellen.

Der Grund liegt auf der Hand: Die Stadt Leer braucht für ihre marode Haushaltskasse jeden Cent. Und dann schaut man im Rathaus schon mal genauer hin, wo es noch etwas zu holen gibt. Es ist nur noch die Frage einer kurzen Zeit, wann die Mieter städtischer Wohnungen an der Reihe sind.

Die plötzliche und vor allem drastische Erhöhung dürfte mehrere Pächter überfordern. Das sehen auch Politik und Verwaltung so, denn sie bieten den Betroffenen Gespräche über Zuschüsse an. Pachten erhöhen und im Gegenzug über Zuschüsse reden – das hört sich paradox an. Ist es aber gar nicht, wenn man sich die Geschichte aus der Nähe anschaut. Dann zeichnet sich eine behördliche Schlamperei ab, ergänzt um einen Schuss Gefälligkeitspolitik. Einige Pachtverträge sind Jahrzehnte alt, die Pachten nie den Kosten angepasst worden. Sie haben höchstens symbolischen Charakter.

Es macht sich – auch in der Kommunalpolitik – immer gut, sich großzügig zu zeigen. Als die Stadt mal besser bei Kasse war, ließ sich diese Großzügigkeit wohl auch vertreten – und bei Pächtern wie Kindergarten- und Fußballvereinen, Kinderheim-Trägern und Kunstschul-Betreibern kann sie sogar angebracht sein.

Andererseits muss eine Stadt die Finanzen allzeit unter Kontrolle behalten, um rechtzeitig handeln zu können, wenn sich die Zeiten ändern. Denn eine finanzschwache Kommune ist gesetzlich gezwungen, ihre Einnahmequellen auszuschöpfen. Die Kommunalaufsicht, hier der Landkreis Leer, hat darauf bereits gepocht.

Über Jahre hatte sich im Rathaus offensichtlich kein Mensch um die Pachten der genannten städtischen Immobilien gekümmert. So kam, wie es kommen musste. Der neu gegründeten Kommunalen Wohnungsverwaltung Leer fielen die Schieflagen auf, als sie die Akten durchforstete.

Bürgermeisterin Beatrix Kuhl, CDU, berichtet, dass beim Kindergarten Bingum „seit 29 Jahren Quadratmeterpreise von 77 Cent verlangt“ worden seien. Gerechnet bei einer Quadratmeterzahl von 200. Tatsächlich ist der Kindergarten im Laufe der Zeit auf 500 Quadratmeter gewachsen. Jetzt möchte die Stadt 3,50 Euro für den Quadratmeter kassieren. Das ist moderat, jedenfalls kein Mondpreis.

Dem Kindergarten-Verein kann man keine Vorwürfe wegen der geringen Pacht machen. Aber er darf jetzt die Suppe auslöffeln, genauer: vermutlich die Eltern der betreuten Kinder. Und die Stadt dürfte kaum um Zuschüsse herumkommen, was bei den anderen Vereinen ähnlich sein dürfte.

Das eigentliche Problem liegt im Rathaus, wo für die Immobilien offensichtlich eine lange Zeit niemand zuständig war. Durch Nichtstun entstehen so Probleme, die es eigentlich gar nicht geben darf. Manchmal erweist es sich schon bald als richtig, wenn die Bürger ihren Meister abwählen, wie sie es vor anderthalb Jahren in Leer getan haben.