Archive for März, 2016

Kein Halm bleibt stehen

Mittwoch, März 23rd, 2016

Der Naturschutzbund Nabu schwärmt auf seiner Website vom „einzigartigen Naturschauspiel“ und umwirbt Bustouristen aus der Stadt mit der „Faszination der großen Gänseschwärme am Dollart und im Rheiderland“. Und weil es im Winter geschieht, können die Gäste sich mit einem „leckeren Frühstück oder Tee und Kuchen am Nachmittag im Dörphuske in St.Georgiwold mit Produkten aus der Region zwischendurch wieder aufwärmen“. 28 Euro pro Nase kostet die mehrstündige Tour.

Freude an Tieren und Natur ist die eine Seite. Grünland-Bauern jedoch sehen die gut 100.000 Grau-, Bläss- und immer mehr Nonnengänse, die hier überwintern oder schon Standvögel geworden sind, aus einem anderen Blickwinkel. Denn im übertragenen Sinne fressen die Gänse ihnen die Haare vom Kopf.

Tiere halten sich nun mal nicht an Grenzen und Termine, die der Mensch in Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien setzt. Auch vermehren sie sich so, wie es Mensch und Umwelt zulassen. Je einladender und geschützter, desto mehr Nachwuchs ziehen sie auf.

Der Konflikt zwischen Landwirtschaft und Vogelschutz ist nicht neu. So entschädigt das Land Niedersachsen betroffene Bauern für den Nutzungsausfall durch Gänse mit einer ordentlichen Summe. In diesem „Vertragsnaturschutz“ verpflichten sich Bauern, die Gänse vom 1. November bis 1. März in Ruhe zu lassen.

Doch mittlerweile platzt die gute Regelung aus den Nähten. Die Scharen der Gänse wachsen, für alle sichtbar, Jahr um Jahr. Sie sprengen längst die räumlichen Grenzen des Vertrags und verlängern auch ihre Bleibezeit.

Es rumort schon einige Zeit unter den Bauern. Jetzt haben 20 von ihnen aus Böhmerwold, Hatzumerfehn und Bunderhammrich die Nase voll. Ab dem 1. April wollen sie die Gänse von ihrem Grünland vertreiben. Wie, haben sie noch nicht verraten. Aber da gibt es sicher Möglichkeiten, ohne zur Flinte zu greifen, was verboten wäre.
Selbst der Laie erkennt das Dilemma der Bauern, wenn Gänse den ersten Grasschnitt vertilgen, keinen Halm stehen lassen. Das grüne Umweltministerium in Hannover erkennt den Ernst der Lage. Es riskiert sogar Ärger mit den Gesinnungsfreunden vom Nabu. So fuhr Umwelt-Staatssekretärin Kottwitz jüngst mit Vertretern der Landwirtschaft nach Brüssel, um bei der Europäischen Kommission auszuloten, wie man den Bauern helfen kann und trotzdem dem Gänseschutz gerecht wird. Ein „Gänse-Management“ soll dies künftig richten.

Nabu und der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisieren die Reise. Offiziell begründen sie es damit, dass es bereits einen vom Landtag eingerichteten Arbeitskreis zur gemeinsamen Suche nach Lösungen im Gänsestreit gibt. Es wird aber wohl auch eine Rolle spielen, dass die beiden Verbände in Brüssel außen vor blieben.

Wann wird es ein „Gänse-Management“ geben? Schnell sicher nicht. Schließlich will das Umweltministerium eine internationale Lösung, denn auch in Dänemark und den Niederlanden nehmen die Gänse überhand. Den Knoten lösen soll eine so genannte Trilaterale Wattenmeerkonferenz. Das riecht nach einigen Jahren Dauer.
Die Bauern im Rheiderland fordern Umweltminister Stefan Wenzel auf, sich an Ort und Stelle umzusehen – und zwar „jetzt“. Sie haben Recht. Bevor sich die drei Länder einigen, müssen Übergangslösungen her.

Beim Breitband klotzen

Samstag, März 19th, 2016

Schnelles Internet oder neue Schulen in Weener und Moormerland – was geht vor? Soweit ließ es der Kreistag nicht kommen. Er entschied sich nicht für das eine oder andere, sondern für ein Sowohl-als-auch. Im Wahljahr wäre es wohl auch nicht gut angekommen, den Schulbau zu schieben. Auf jeden Fall ist es weitsichtig und richtig, beim Breitband-Ausbau, also beim schnellen Internet, zu klotzen.

Ostfriesland muss sich für die Zukunft rüsten, die schon begonnen hat. Die Grundlage ist Breitband. Das hat der Kreistag erkannt. Der Landkreis Leer und die Gemeinden müssen – möglichst geschlossen – zusehen, die begehrten Fördertöpfe in Hannover und Berlin anzuzapfen. Sie müssen auch selbst Geld in die Hand nehmen und außerdem Investoren und Betreiber suchen. Um es mit Bismarck zu sagen: Der Staat hilft den Betrieben aufs Pferd, reiten müssen sie selbst.

Die technische Revolution hat längst alle Bereiche erreicht. 3D-Drucker für den Hausgebrauch kann man in Leer schon kaufen. Die Größe der druckbaren Objekte ist noch auf einen Schuhkarton beschränkt. Doch erste Architekten und Ingenieure entwerfen Bauten aus druckbaren Bausätzen.

Bald kommen medizinische Anwendungen wie Prothesen aus dem 3D-Drucker. Gleiches gilt für Auto-Ersatzteile, maßgefertigte Kleidung, Schuhe oder Produktionsteile.

Eine Vision für den Einzelhandel: Schuhhändler könnten im Netz den Bauplan für ihr neuestes Modell verkaufen, eine App vermisst die Füße passgenau – und aus diesen Daten fertigt der 3-D-Drucker im Copyshop um die Ecke den maßgeschneiderten Schuh.

Erstaunlich: Bis zu 60 Prozent der Mittelständler haben sich noch nicht mit dem Thema Digitalisierung befasst. Gleichzeitig sehen und spüren sie, dass Umsätze zunehmend über den Online-Wettbewerb abwandern. Sie hinken beim digitalen Wandel hinterher. Mangelndes Bewusstsein, kein Geld, keine Fachkräfte, zu wenig Wissen. Die gute Konjunktur überlagert das Problem. Wenn die Zeiten schlechter werden, haben Betriebe mit konsequenter Digitalisierungsstrategie einen Vorteil im Wettbewerb.

Nicht zu unterschätzen: Unternehmen müssen ihre Mitarbeiter fit machen – der Bedarf an IT- und Datenspezialisten nimmt rasant zu. Es ist natürlich ein Kraftakt, so viel Manpower und somit auch Geld in die Bildung zu stecken. Und was haben sie davon? Gut ausgebildete Fachkräfte. Wer sie hat, wird zu den Gewinnern zählen – und wer sich nicht darum kümmert, zu den Verlierern.

Die Digitalisierung wird alle Bereiche der Arbeitswelt prägen – in Fabriken, Werkstätten, Läden, Büros, Labors oder auch Krankenhäusern. Sie wird die Art verändern, wie, wann und wo wir künftig arbeiten.
Bis vor kurzem galt ein Internet mit 50 Mbits pro Sekunde als genug. Doch die Datenmengen steigen um das Vielfache. Gefragt ist deshalb die fast unbegrenzt starke Glasfaser.

Ein Wort dazu: Die Telekom will ihre alten Kupferkabel mit der Vectoring-Technik aufrüsten, die aber nur bis 100 Mbit/s möglich machen. Das reicht auf Sicht bei weitem nicht und kann nur eine Übergangstechnik von kurzer Dauer sein.

Wer auf Kupferkabel setzt, verbrennt Geld. Und geht ein weiteres Risiko ein: Der Bund fördert Glasfaser und Kupferkabel – obwohl die EU das Kupferkabel noch nicht als förderfähig anerkannt hat. Beim Nein drohen Rückzahlungen.

Viele schmucke Häuser

Samstag, März 12th, 2016

Keine Frage: „Die Frage“ auf der ersten Seite der Rheiderlnd-Zeitung spiegelt den bunten Alltag, und manchmal lässt sie uns auch grübeln. So wie die Antwort eines 28-jährigen Gastes aus Limburg an der Lahn auf die Frage, ob er „was Auffälliges im Rheiderland entdeckt“ habe: „Das sind vor allem die vielen schmucken Häuser. Dabei gibt es hier doch kaum Industrie. Da frage ich mich: Wo arbeiten die vielen Menschen eigentlich, die hier wohnen und wo verdienen sie das Geld für die Häuser? Es sind ja wahrlich keine schäbigen Hütten hier.“

Der Mann aus Hessen ist nicht der erste Fremde, dem das auffällt. Im Kopf das Bild des armen Ostfriesland, vor Augen die vielen gepflegten und nicht selten großen Einfamilienhäuser – darauf finden sie keinen Reim. Und sind in bester Gesellschaft. Auch Bundespräsident Richard von Weizsäcker fiel im Oktober 1985 bei seinem Besuch in Leer auf, dass seine Vorstellung und die Wirklichkeit weit auseinander klafften. Noch 20 Jahre später erinnerte er sich in einem Gespräch daran.

Woran liegt’s denn nun, dass Ostfriesen oft besser wohnen als viele Menschen in reicheren Regionen? Das war nicht immer so. Ältere Rheiderländer, die bis 1950, 55 geboren wurden, kennen noch die kleinen ärmlichen Behausungen, Landarbeiterhäuser, Katen mit Löchern im Dach, Regenfangbecken fürs Teewasser (plattdeutsch: „Regenbakken“), Hausbrunnen und Plumps-Klos.

Die meisten Frauen versorgten den Haushalt, verdienten also nichts – was sie später bei der Rente spürten. Viele Männer arbeiteten beim Bauern, in Ziegeleien oder Gärtnereien, andere als Maurer – und alle waren im Winter ohne Arbeit. Sie stempelten, wie es damals hieß, wenn sie die wenigen Deutschen Mark vom Arbeitsamt abholen mussten.

Nach und nach änderten sich die Arbeitsstrukturen. Langsam entwickelten sich Industrie und Gewerbe. Die Gründung des VW-Werks in Emden 1964 war ein Meilenstein für ganz Ostfriesland. Auch Werften hatten eine gute Zeit, in Leer spielte Olympia als Schreibmaschinen-Hersteller eine starke Rolle.

Die Industrie zog das Handwerk mit sich, Löhne stiegen und flossen regelmäßiger. Außerdem förderte der Staat den Wohnungsbau massiv. Das alles machte vielen Menschen den Hausbau möglich – der aber auch auf Verzicht ruhte, der mit der Mentalität der Ostfriesen zu tun hat. Fürs eigene Haus arbeiten sie sich notfalls einen Buckel. Verschulden sich über eine Generation.

Viele sind Handwerker. Sie können selbst anzupacken – begünstigt durch familiären, nachbarschaftlichen oder kollegialen Zusammenhalt. Einer hilft dem anderen. An freien Tagen gehört Papa über Jahre nicht vorrangig der Familie, sondern dem Hausbau. Ein Sonnabend ohne Pflastern oder Mauern ist für manchen schlimmer als ein Sonnabend ohne Bundesliga.

Hinzu kommt: Schwarzarbeit vermittelt eher kein schlechtes Gewissen. Allerdings schafft auch sie Werte und stützt zum Beispiel den Baustoffhandel.

Ohne Fleiß kein Preis. Ostfriesland geht es besser denn je, auch wenn das Einkommens-Gefälle zu reicheren Gebieten geblieben ist. Dafür lässt es sich hier günstiger leben. Und sogar angenehmer. So hat eine wissenschaftliche Vergleichsstudie zwischen den Arbeitsamtsbezirken Leer und Balingen bei Stuttgart ergeben, dass die Schwaben zwar mehr verdienen, die Ostfriesen aber zufriedener sind. Was will man mehr.

Vom Klima und vom Parken

Sonntag, März 6th, 2016

Leer hat seit längerer Zeit ein Parkplatz-Problem und neuerdings im Rathaus einen Klimaschutzmanager. Ein Zusammenhang ist auf Anhieb nicht zu erkennen, aber es gibt einen. Er trat vor einigen Tagen in einer Sitzung des städtischen Ausschusses für Energie, Klima, Umwelt und Verkehr zutage. Dort sollte die Verwaltung den Politikern berichten, was sie vom Bau einer so genannten Park-Palette am Ostersteg hält, mit der man den Parkplatzmangel lindern möchte. Für Ortsfremde: Der Ostersteg liegt am Rande der Fußgängerzone.

Die Sitzung hatte es in sich: Der frischgebackene Klimaschutzmanager Karsten Everth nutzte seinen ersten Auftritt zu einem Paukenschlag und legte sich gegen neue Parkplätze ins Zeug. Sie konterkarieren die Ziele des Klimaschutzes, tat er kund. Ihm schwebt eine „autofreie Innenstadt“ vor.

Autos raus, Rad rein. Den meisten Politikern verschlug es fast den Atem. Nur Grünen-Fraktionschef Bruno Schachner freute sich, während Sönke Eden von der SPD sich in einer „Märchenstunde“ wähnte.

Wie handfest sind die Argumente des Klimaschutzmanagers, der sich vorrangig darum kümmern soll, Energie zu sparen und wirksam einzusetzen und über moderne Energiesysteme nachzudenken? Everth hält eine Park-Palette schon deshalb für überflüssig, weil der Parkplatz am Ostersteg aus seiner Sicht gar nicht immer besetzt ist. Diesen Eindruck kann er gewinnen, wenn er nachts oder sonntagvormittags nachschaut. Um es klar zu sagen: Besonders an Wochenenden mangelt es an Parkplätzen – weil Leer erfreulicherweise als Einkaufsstadt starken Sog ausübt und Kunden als Bonbon das gewöhnlich eher teure Parken umsonst anbietet.

Schützt Everth das Klima überhaupt, wenn aus der „Märchenstunde“ Wirklichkeit würde? Wohl kaum. Denn was wäre die Folge? Autofahrer drehen noch ein paar Runden mehr durch die Stadt auf der Suche nach einem Parkplatz – und manch auswärtiger Besucher und Kunde wird die Stadt meiden und anderswo hinfahren. Damit ist dem Handel geschadet, aber dem Klima nicht geholfen.

Everth erinnert an Klimaschützer, die Fabriken, die viel Strom brauchen, aus Deutschland vergraulen wollen – und die sich dann in Ländern mit weniger strengen Umweltauflagen niederlassen. Klimaschutz nach Art von Ideologen.

Er macht neben seinem Nein zur Park-Palette aber auch einen nachdenkenswerten Vorschlag: Die Stadt sollte den Radverkehr mehr fördern. Er meint es leider alternativ und spielt damit Parkplätze gegen ein besseres Radnetz aus. Das ist wenig sinnvoll. Das eine tun und das andere nicht lassen – dann wird ein Schuh daraus.
Generell fehlt es Leer an einem schlüssigen Verkehrskonzept. Rat und Verwaltung schaffen auch nach Jahren nicht mal eine Einigung, ob der Verkehrsknoten am Bummert nahe dem Ubbo-Emmius-Gymnasium so bleibt wie er ist oder ob er mit Ampeln oder einem Kreisel sicherer ist.

Bummert hin oder her, über eine Park-Palette dürfte sich die Ratsmehrheit eher einig werden. Am besten gleich mit Vorrechten und einer Ladestation für Elektroautos. Diese werden dem Klimaschutz-Vorwand des Klimaschutzmanagers ohnehin den Garaus machen. Das dauert zwar noch, aber der Fortschritt ist nun mal eine Schnecke.