Archive for April, 2016

Ostfrieslandschau verpasst Sprung in die Moderne

Samstag, April 23rd, 2016

„Jüst dat, wat elk sehn mutt“ – der alte Werbespruch für die Ostfrieslandschau  drängt sich sofort in die Tastatur, wenn es um die alt-ehrwürdige Messe geht. Der Spruch ist immer noch topmodern, aber die Ostfrieslandschau wird dem Anspruch seit Jahren nicht mehr gerecht. Klares Zeichen dafür: Besucher bleiben aus.

Jetzt trommeln die Stadt Leer als ideeller Veranstalter und die für die Organisation zuständige Messefirma für die 36. Ostfrieslandschau, die vom 30. September bis zum 3. Oktober ihre Toren öffnen soll. Abgespeckt von neun Tagen auf vier.

Ausstellern sind neun Tage zu lang, weil zu teuer. Der Aufwand steht in keinem kaufmännisch vertretbaren Verhältnis zum Ertrag. Zwar kann ein Aussteller den Ertrag selten sofort messen, außer Direktverkäufer von Staubsaugern, Wein oder Wunderputzmitteln. Aber wenn nur wenige Besucher kommen und ein großer Teil von ihnen es dabei belässt, eine Tasse Tee zu trinken und alte Bekannte zu treffen, dann bleiben viele Aussteller lieber zu Hause.

Der Ostfrieslandschau fehlt ein klares Konzept. Und sie krankt an ihrem altmodischen Image. Es lässt sich auch nicht mit dem neuen Motto polieren: „Ostfriesland baut.  Ostfriesland kulinarisch. Ostfriesland mobil.“

Bauen? Darunter kann man sich vieles vorstellen, aber nichts Genaues. Kulinarisch? Die beiden ostfriesischen Sterne-Köche aus Norderney und Leer oder andere kreative Köche werden mit Sicherheit nicht da sein. Und mobil? VW hält sich schon seit Jahren zurück. Aber vielleicht reicht es für ein E-Bike.

Leer bemüht sich, der Messe im letzten Moment noch in einen Schub zu geben.  So hat die jetzt geborene Idee einer „Gründer- und Netzwerker-Plaza“ einen gewissen Charme. Gründerfirmen, die nicht länger als fünf Jahre am Markt sind, können dort ihre Produkte und Dienstleistungen zeigen und die Plaza als gegenseitige Informationsbörse nutzen. Das Ungewisse: Sie müssen sich erst noch melden.

Deshalb hat die gute Idee einen Haken: Sie kommt zu spät. Effektvolle Messeauftritte brauchen Vorlauf – gerade junge Firmengründer, die nur selten  Erfahrung damit haben. Auch der Plan, täglich ab halb fünf so genannte Standpartys zu feiern, macht den Kohl nicht fett. Sie sind ohnehin fragwürdig. Auf großen Messen gibt es sie seit eh und je – aber nach Feierabend, und dann oft bis in die Puppen.

Den Sprung in die Moderne hat die Ostfrieslandschau verpasst. Dabei ist Leer eine Internet-Hochburg im Nordwesten. Das Software-Netzwerk Leer, in dem mehr als ein Dutzend Unternehmen der Informations-Technologie vereint sind, hätte einiges auf die Beine stellen können. Oder die EWE zum Beispiel: Sie könnte zeigen, wie digitale Technik älteren Menschen hilft, länger in den eigenen vier Wänden zu leben.

Elektroniker hätten vorführen können, wie man digital ein Haus gegen Einbrecher sichert. Auch ein Ausbildungs-Forum hätte der Ostfrieslandschau gut zu Gesicht gestanden und junge Leute angelockt. Oder Heizungsbauer hätten Kraft-Wärme-Kopplung demonstriert.

Mit etwas Phantasie lässt sich auch ausmalen, wie Besucher die Messe gestürmt hätten, wenn Tesla dort ein Elektroauto hingestellt hätte. Utopie? Die richtigen Drähte spielen lassen, dann ist sie zumindest realitätsnah. Den Werbespruch hat man ja schon: „Jüst dat, wat elk sehn mutt.“

Volkes Wille

Freitag, April 15th, 2016

Alles in allem sind wir mit unserem politischen System, der parlamentarischen Demokratie, nach dem zweiten Weltkrieg ganz gut gefahren. Bei aller berechtigten Kritik: Noch nie ging es den Menschen so gut wie heute. Was keinen davon abhalten sollte zu bemängeln, dass der Wohlstands-Abstand zwischen einer kleinen Oberschicht und dem Mittelstand, ganz zu schweigen von der unteren Schicht deutlich zugenommen hat.

Das ist einer der Gründe für eine wachsende Distanz zwischen der Politik und dem Volk. Aber es gibt auch viele nörgelnde oder wütende Bürger, die gut gebildet sind, überdurchschnittlich verdienen oder sich fetter Pensionen erfreuen. Sie tummeln sich in Bürgerinitiativen gegen Bahnhöfe wie in Stuttgart, Straßen in Leer oder Ihrhove, Windmühlen  in Leer, Uplengen oder Breinermoor.

Der Protest gegen Handy-Funkmasten lässt nach, an deren Stelle tritt  Infraschall, der angeblich krank macht. Das ist zwar Glaubenssache, aber gerade deshalb so beliebt, weil es sich dem Verstand entzieht.

Wir wollen hier nicht Bürgerinitiativen in einen Topf werfen, aber viele neigen dazu, ihr Anliegen absolut zu setzen. Parlamente hingegen wägen Für und Wider ab und müssen Kompromisse finden.

Ist es demokratischer, wenn die Menschen direkt über Vorhaben abstimmen? Eine interessante Frage. Sie stellt sich auch im Landkreis Aurich und in Emden, wo ein Aktionsbündnis zum Erhalt der Krankenhäuser in Aurich, Norden und Emden auftritt. Sie hat ein Bürgerbegehren, gestützt von 21.000 Unterschriften, für den Bestand des Auricher Kreisklinikums beantragt.  Der Landkreis lehnt den Antrag ab, weil er keinen gesetzlich vorgeschriebenen Kostendeckungsvorschlag enthält. Dagegen will die Initiative klagen.

Der Hintergrund: Der Landkreis Aurich und die Stadt Emden wollen ihre drei Kliniken durch eine neue Zentralklinik in Georgsheil ersetzen. Ärzte, Pfleger, Betriebsräte, Kreistag Aurich und Stadtrat Emden sind dafür, ebenso das Landessozialministerium.

Die drei Kliniken kommen finanziell nicht über die Runden. Millionen-Defizite verlangen Veränderung, die Sache ist sehr kompliziert. Die Initiative sagt, die Kliniken könnten wirtschaftlich arbeiten. Die Fachleute sagen klar nein – wegen sinkender Bevölkerungszahl und der Entwicklung in der Medizin, die teurer wird.

Der Stadtrat Emden und der Kreistag Aurich können die Frage von sich aus nicht beurteilen. Sie vertrauen ausgewiesenen Fachleuten. Das ist auch keine hundertprozentige Garantie für eine bessere Zukunft. Aber es bleibt keine Wahl, als den Fachleuten zu vertrauen. Wem sonst? Der Laien-Bürgerinitiative jedenfalls nicht. 21.000 Unterschriften sind zwar eine stolze Menge. Aber Quantität bedeutet nicht Qualität.

Der Journalist und „Spiegel“-Verleger Jakob Augstein schrieb jetzt einen Aufsatz über Volk und Demokratie und die Unzufriedenheit mit der Demokratie. Seine Frage: Sollen die Menschen an politischen Entscheidungen mehr beteiligt werden? „Bloß nicht“, antwortet er. Und fährt fort: „Aus gutem Grund gibt es Parlamente. Sie schützen die Demokratie vor dem Volk und das Volk vor sich selbst. Denn beim Volk, das ist die paradoxe Wahrheit, ist die Demokratie nicht gut aufgehoben. Volkes Stimme und Fortschritt – das geht nicht zusammen.“ Hat er Recht? Zumindest regt er zum Nachdenken an.

Lunge muss frei bleiben

Sonntag, April 10th, 2016

Wenn VW hustet, bekommt Ostfriesland eine Lungenentzündung. So galt es lange seit Gründung des VW-Werks Emden 1965. Aber Konjunkturen sind wie Ebbe und Flut, und so war Emden als Passat-Leitwerk meistens auch schnell wieder obenauf.

Auch die schwere Krise in den 70er Jahren, als VW Emden auf der Kippe stand, endete glimpflich. Im Gegenteil: Der Konzern investierte Milliarden in Emden, das Werk blühte und gedieh prächtig. Mit mehr als 8000 Mitarbeitern ist es immer noch der größte Arbeitgeber westlich der Weser. Aber nichts ist ewig, schon gar nicht in der Wirtschaft.

Die fetten Jahre für VW und seine Mitarbeiter sind vorbei. Der Weltkonzern steckt in der schwersten Krise seines Bestehens, verursacht durch den millionenfachen Abgas-Betrug. Mit bösen Folgen, die direkt weniger die kriminellen Manager treffen, sondern die ganz normalen Mitarbeiter und die Menschen an den Werks-Standorten.
In Emden braut sich bereits etwas zusammen. So geht die Stadt finanziell am Krückstock, weil VW die gewohnten Gewerbesteuer-Millionen nicht mehr ans Rathaus überweist. Und im Werk selbst stehen Entlassungen bevor. Es trifft zunächst die Schwächsten: Erst 250 Leiharbeiter, dann 300 Arbeiter mit Werkverträgen.

Nebenbei gesagt: Top-Manager bestehen trotz der Krise auf ihre Zusatzvergütungen, und vom zurückgetretenen Konzernchef Winterkorn hat man auch nicht gehört, dass er auf sein zweistelliges Millionen-Gehalt verzichtet. Bei einem Umsatz von 202,5 Milliarden Euro (2014) sind selbst solche Gehälter nur Peanuts. Aber elefantöse Symbolkraft haben sie schon.

Der Abgas-Betrug hat vermutlich eine Entwicklung beschleunigt, die Ostfriesland ohnehin ereilt hätte, wenn auch erst später. Der Bau herkömmlicher Autos steht am Scheideweg, Elektroautos stehen vor der Tür und damit die Autohersteller in Deutschland vor schweren Zeiten. Der Grund: Die satten Konzerne haben die Chancen, aber auch die Gefahren der Digitalisierung nicht oder sehr spät erkannt. Jetzt schauen sie nervös auf das Elektroauto, das der amerikanische Hersteller Tesla für 30- bis 35.000 Euro anbieten will.

Die Konkurrenten von VW & Co. heißen bald nicht mehr Toyota oder General Motors, sondern Google, Amazon, Microsoft oder eben Tesla. In diesen von Informations-Technologie getriebenen Firmen ist die Software Sache der Chefs, die obendrein reale Softwareerfahrung und –kompetenz haben. Das ist nicht der Fall bei den von der Digitalisierung erfassten, ja bedrohten Unternehmen – zu denen die Autoindustrie gehört.

Es beruhigt etwas, dass Ostfrieslands Wohl und Wehe nicht mehr total von VW abhängen. Enercon, maritime Wirtschaft, stabiler Mittelstand und auch Tourismus bieten stabile Jobs. Hauptsache, die Lunge bleibt frei – auch mit guter Medizin wie der Förderung von Gründern und Jungunternehmern und dem Ausbau des schnellen Internets.

Ein Blick in die nahe Zukunft: Grundsätzlich gilt, dass Wirtschaft und Industrie neue Geschäftsmodelle entwerfen müssen, in denen Dienstleistungen in den Vordergrund rücken. Nehmen wir das Beispiel Elektromobile: Sie zu bauen ist keine Zauberei mehr – aber noch drückt das Batterieproblem. Ist es gelöst, wird es spannend. Denn E-Autos brauchen eine spezielle Infrastruktur. Dabei könnten die Energie-Konzerne Enercon und EWE eine herausragende Rolle spielen.

Leer findet Stadt

Sonntag, April 3rd, 2016

Der Knoten ist geplatzt: Die Innenstadt von Leer bekommt einen Schub wie seit Jahrzehnten nicht. Unternehmer, Investor-Gesellschaften und der Staat möbeln sie auf, als ob es kein Morgen gäbe. Genau hingeschaut, ist es nicht über Nacht geschehen.

Der jahrelange Streit um das ECE-Center hatte die Stadtpolitik gelähmt. Unternehmen stoppten ihre Baupläne, wussten nicht, ob oder wie es weitergehen sollte. Erst allmählich lockerten sich die Bremsen. In diesen Zusammenhang gehört auch, dass Multi im richtigen Augenblick gewaltig aufgerüstet hat. Der “große Multi” liegt zwar am Stadtrand, sorgt aber für Wettbewerb und Marktdruck in ganz Leer.

Mit anderen Worten: Die Innenstadt, in die Jahre gekommen, musste in die Hände spucken, um ihren Rang als Einkaufsmeile Nummer eins in Ostfriesland nicht einzubüßen. Das ist für den Handel entscheidend, aber nicht weniger wichtig für die Entwicklung der Stadt Leer und des Landkreises. Von einer lebendigen und lebenswerten Kreisstadt profitiert jede Gemeinde.

Landkreise, sogar ganze Regionen wie Ostfriesland, stehen im Wettbewerb mit starker Konkurrenz. Besonders mit großen Städten, die für junge Menschen reizvoll sind. Für den Landkreis Leer geht es darum, die Abwanderung der Jugend zu stoppen. Elementare Voraussetzungen dafür sind Bildung, Ausbildung und Jobs. Aber dies allein reicht nicht. Wohnen, Freizeit, Kultur, Einkaufen, Verkehr oder Pflege im Alter gehören dazu. Das Paket muss stimmen.

Die laufenden und geplanten Bauvorhaben in Leer lassen Zuversicht keimen. In der Summe machen sie einige Hundert Millionen Euro aus. Beispiele: Der zentrale Denkmalplatz erhält ein neues Gesicht. Bald wird er gesäumt von der bald fertigen Sparkasse und einem neuen Kino. Auch der Gebäudekompex, in dem die OLB residiert, wird modernisiert. Unweit davon setzt das Kaufhaus Ceka seine Pläne um – und der Bahnhof samt Vorplatz wird bestimmt irgendwann auch fertig.

In der Altstadt will die Ostfriesische Volksbank kräftig investieren. Und zwischen den beiden Gymnasien UEG und TGG entsteht ein Bildungscampus, wo Studentenwohnungen entstehen und Hochschul-, Erwachsenen- und gymnasiale Bildung gebündelt werden sollen. Ein Projekt, das der scheidende Landrat Bramlage angeschoben hat.

Die EWE macht das Gelände für den Bildungscampus frei. Der Energieversorger zieht an die Groninger Straße, wo lange das Elektronikunternehmen Jovy zu Hause war.

Am Hafen ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Vor der Polizei ist Großes zu erwarten: Wohnungen, Restaurants, Büros, Uferpromenade und eine mobile Sonneninsel für insgesamt 20 Millionen Euro.

Das Klinikum des Landkreises hat mit dem “Quartier Gesundheit” für medizinische Dienstleistungen und mit Wohnungen für Klinikum-Mitarbeiter auch noch einiges im Köcher. Wohnungen für Alte und Büros sind im Radsan-Park auf dem früheren MZO-Gelände vorgesehen. Alles riesige Objekte.

Ums Wohnen dreht es sich auch bei einer neuen Siedlung zwischen Multi-Süd und der Bahn mit 200 Bauplätzen. Der rheiderländer Ortsteil Bingum geht nicht leer aus: Wo Bingumer einst in “Lüttje Schröders” Kneipe ihr Bier tranken, plant der Bauverein 18 Wohnungen. Um die Liste abzuschließen: Der Ems-Park entsteht praktisch neu, vom neuen Hallenbad gar nicht groß zu reden. Alles in allem: Leer findet Stadt.