Archive for Juli, 2016

Moderne Jagd: Pokémon Go

Sonntag, Juli 24th, 2016

Ein paar Sätze vorweg, bevor wir uns ernsthaft mit „Pokémon Go“ beschäftigen: Wir halten die Smartphone-Monsterjagd, die seit Kurzem Millionen junge Menschen in ihren Bann zieht, inhaltlich für ziemlich bescheuert. Aber das ist nur ein persönlicher Maßstab.

Die verbreitete Technikfeindlichkeit teilen wir grundsätzlich nicht. Sie erinnert an den Beginn der Eisenbahn, als Fuhrleute protestierten, weil sie Konkurrenz fürchteten, und Ärzte sich wegen der „hohen Geschwindigkeit“ (30 km/h) um die Gesundheit der Mitfahrer sorgten. Uns steht der Blogger Christian Buggisch näher: „Alles, was vor unserer Geburt an Technik da ist, wird als gegeben hingenommen. Alles, was zwischen unserem 15. und 35. Lebensjahr auftaucht, ist ungemein spannend. Alles, was später kommt, ist des Teufels.“

Der Vollständigkeit halber: Pokémon-Spieler, die nebenbei Auto fahren und  wie betrunken durch Schlangenlinien auffallen, sind nicht bei Trost. Eher wie Realsatire wirkt es jedoch, wenn, wie in Wiesmoor, ein Mann bei einem Kaufhaus „mehrere dunkel gekleidete Personen mit Taschenlampen“ beobachtet und die Polizei ruft. Er verwechselte die eingeschalteten Smartphone-Displays von Pokémon-Jägern mit Taschenlampen von Einbrechern.

Apropos leuchtende Displays: Elektronik-Händler freuen sich über den plötzlichen Verkaufserfolg von Groß-Akkus für Smartphones – weil das normale Akku während der Monsterjagd auf keinen Fall schlappmachen soll.

Die Jagd hat nicht nur einen geschäftlichen Nebeneffekt. Bisher heißt es gern, dass die Jugend vorm Computer verfettet. „Pokémon Go“  widerlegt dies, sogar im Namen: Wer jagen will, muss raus an die frische Luft, go, zum Teil kilometerweit.

Und jetzt der ernste Teil: Leute, die sich auskennen, bezeichnen den 6. Juli 2016 als historischen Tag für die digitale und mobile Technologie – als die Firma Nintendo das Spiel „Pokémon Go“ in die Welt entließ – mit Pokémons, die es  seit den 90ern auf Papier, in Videos und im Kino gibt. Mit dieser kostenlosen App wird zum ersten Mal für jedermann deutlich, wie sich die wirkliche Welt und die virtuelle, also die nicht echte (Computer-)Welt vermischen.

Man spricht von einer Erweiterten Realität, Fremdwort „Augmented Reality“ (AR). Nichts anderes ist „Pokémon Go“: Die Spieler sehen in der von ihnen betrachteten wirklichen  Welt – im Park, auf der Straße, in einem Lokal oder anderswo – über ihr Smartphone in Echtzeit Figuren – hier Pokémons, die sie jagen, fangen, sammeln und für Kämpfe trainieren.

Wir beobachten die Jäger überall, in Weener, Bunde, Jemgum, Leer oder New York. Dabei ist das Spiel erst gut zwei Wochen alt, kam zunächst in den USA und Australien auf den Markt. Dieses sagenhafte Tempo zeigt: Die Welt ist vernetzt. Die technische Neuerung spricht sich in rasantem Tempo herum, braucht vom anderen Ende der Welt eine knappe Woche, um im Rheiderland Fuß zu fassen.

„Pokémon-Go“ wird clevere Geschäftsleute veranlassen, mit diesem Prinzip Kunden in ihre Läden und Lokale zu locken. Der Erfolg wird auch den Druck auf Mobilfunk-Anbieter erhöhen, endlich überall für gute Datenverbindungen zu sorgen, weil die Jagd sonst oft hakt. Das Spiel zeigt, wie schlecht es mit dem schnellen Internet bei uns bestellt ist. Und das ist kein Spiel, sondern Ernst. Es geht um Arbeitsplätze.

Selbst ist der Mann

Freitag, Juli 15th, 2016

Hausärzte sind knapp im Landkreis Leer, auf Sicht auch Fachärzte. Die Lage wird sich eher verschärfen als bessern. Viele Rheiderländer spüren den Mangel bereits heute: Übervolle Wartezimmer, langes Warten auf Untersuchungstermine, lange Anfahrten zu Arztpraxen.

Die Kassenärztliche Vereinigung, die für die Versorgung mit Ärzten zuständig ist, malt kein schönes Bild für den Landkreis Leer. Auch eine Umfrage des Kreisgesundheitsamtes unter Ärzten hat ergeben, dass es ab 2020 unangenehm eng wird, weil dann mehr und mehr Haus- und Fachärzte ihren Kittel ausziehen. Aus Altersgründen.

Die Kassenärztliche Vereinigung nennt praktisch alle Arztgruppen: Hausärzte, Augenärzte, Chirurgen, Frauenärzte, HNO-Ärzte, Hautärzte, Neurologen, Orthopäden, Urologen, Psychotherapeuten und Kinderärzte. Der Kassenärztlichen Vereinigung kann man keine Untätigkeit vorwerfen, aber das Problem löst sie nicht. So überlegt und probiert sie Versorgungsmodelle. Medizinische Versorgungszentren sind im Grunde auch der Ausfluss eines drohenden Ärztemangels.

Klar zu erkennen sind Nachteile des platten Landes. Junge Ärzte zieht es eher in größere Städte, wo das Leben pulsiert und Freizeit-, Kultur- und Sportangebote locken. In Großstädten sind außerdem die Gehälter höher, dort arbeiten auch mehr Beamte in großen Behörden – mit der Folge, dass Ärzte dort mehr lukrative Privatpatienten als auf dem Lande behandeln können. Ihnen aus der Vorliebe für die Stadt einen Vorwurf zu machen, wäre lebensfremd.

Das bedeutet für eine Randregion wie Ostfriesland aber nicht, sich dem Schicksal zu ergeben. Im Gegenteil. Sie muss ihre Stärken stärken, nicht etwa versuchen, die Großstadt zu kopieren. Auch hier gilt: Selbst ist der Mann. Wie es geht, dafür liefert der Landkreis Leer ein gutes Beispiel.

Kreistag und Kreisverwaltung haben schon vor Jahren den demografischen Wandel zu einem Arbeitsschwerpunkt gemacht, als anderswo der demografische Wandel noch für eine neue Krankheit gehalten wurde. Unter Leitung einer versierten Demografiebeauftragten arbeitet die Behörde gemeinsam mit Gemeinden, Verbänden und der Wirtschaft daran, die Probleme der alternden Gesellschaft zu meistern.

Junge Ärzte besonders für die Dörfer zu gewinnen war von Anfang an ein Ziel. Herausragend ist das Stipendienprogramm für Studenten der Allgemeinmedizin, das der Kreistag bereits 2011 aufgelegt hat und jährlich fortsetzt. Es findet bereits Nachahmer. Mittlerweile fördert der Landkreis 32 Stipendiaten.

Die Studenten erhalten 400 Euro pro Monat im ersten und zweiten Studienjahr, 600 Euro ab dem dritten. Im Gegenzug verpflichten sie sich, nach Studium und fachärztlicher Weiterbildung im Landkreis als Arzt zu arbeiten – in eigener Praxis, als angestellter Arzt in einer Vertragsarztpraxis oder in einem Medizinischen Versorgungszentrum. Zwei oder drei Jahre lang, je nach Dauer der Förderung.

Die Stipendien für Ärzte sind wirkungsvolle und relativ günstige Sozialpolitik, mehr noch, sogar Strukturpolitik. Denn ohne Ärzte lässt sich in einem Landkreis kein Staat machen. Ähnlich wird es demnächst bei Lehrern sein. Gemeinden werden wieder Lehrer mit kostenlosen Baugrundstücken und billigen Wohnungen locken müssen. Wie in den 60er Jahren.

Chinesen sind da

Sonntag, Juli 10th, 2016

„Wat is dat dann?“ Das mag sich der eine oder andere gefragt haben, als ihm der Rheiderland-Titel ins Auge sprang: „Chinesen kaufen Kolthoff – Konzern aus Hongkong übernimmt Firmengelände in Bunde.“ Tatsächlich dürfte es das erste Mal gewesen sein, dass ein chinesisches Unternehmen einen Betrieb im Rheiderland kauft.

Andere ausländische Investoren sind hierzulande schon länger unterwegs. So ist Weener-Plastik in US-amerikanischer Hand. Soweit also nichts Neues unter der Sonne. Nur dass es eben Chinesen sind. Sie befinden sich längst auf dem Vormarsch und haben die USA als ausländische Investoren vom ersten Platz verdrängt.

Chinesen investieren vor allem in Elektronik, Maschinenbau, erneuerbare Energien und gern auch in breit aufgestellte Mischkonzerne. Zuletzt schlug der Kauf des Roboterherstellers Kuka AG in Augsburg durch Chinesen hohe Wellen.

Was reizt Chinesen an Deutschland? Es sind die gute Verkehrs- und Technik-Infrastruktur, die geografische Lage mitten in Europa, die vielen qualifizierten Fachkräfte und auch die hohe Forschungs- und Entwicklungs-Qualität. Auslands-Investitionen bei uns sind keine Einbahnstraße. Deutsche Investitionen im Ausland dürften zu den höchsten der Welt gehören.

Kommen wir zurück ins Rheiderland. Was bedeutet es, dass die Green Energy Group Ltd. aus Hongkong über ihre Tochterfirma Enviro Assets aus Jever die Grundstücke und Betriebsgebäude der Pleite-Recyclingfirma Kolthoff GmbH in Bunde für 400.000 Euro gekauft hat? Zumindest eine Verbesserung des erbärmlichen  Zustands auf dem mehr als 8000 Quadratmeter großen Gelände an der Industriestraße in Bunde, wo Kolthoff seit einigen Jahren illegal Abfälle wie synthetischen Kautschuk lagert.

Für die Entsorgung der Abfälle geben die Chinesen noch einmal 740.000 Euro aus, um dann richtig arbeiten zu können. Verkäufer ist die Kolthoff-Firma Upframe auf den britischen Jungferninseln (Virgin Islands). Kolthoff kassiert für Abfälle, die er längst hätte beseitigen müssen. Die Chinesen müssen also viel Geld in die Hand nehmen, um den Betrieb wieder besenrein und somit genehmigungsfähig zu bekommen.

Das Kolthoff-Unternehmen hat eine unrühmliche Geschichte. Das Gewerbeaufsichtsamt legte es schon einmal vor der Pleite still, weil der Betrieb ohne Genehmigung erweitert und die Abwasser-Aufbereitung verändert worden sein soll.

Die Reinigungsanlage funktionierte nicht richtig. Kunststoffteile und Schadstoffe im Klärschlamm waren die Folge. Die Gemeinde Bunde stellte für die Verbrennung dieser Abfälle und für Schäden am Klärwerk 40.000 Euro in Rechnung. Die gerichtliche Klärung steht aus.

Wie viele Jobs demnächst entstehen, ist noch unbekannt. Einst zählte Kolthoff 25 Mitarbeiter. Die Aussichten? Recycling, die Wiederaufarbeitung von Rohstoffen, hat Zukunft. Es geht darum, weniger Rohstoffe zu verbrauchen. Ein Weg ist, sie wieder zu verwerten. Das soll in Bunde geschehen.

Chinesen sind in Deutschland als zuverlässige Investoren und Arbeitgeber bekannt. Sie halten sich an die Gesetze und handeln langfristig, keineswegs sind sie wie die sogenannten Heuschrecken auf schnellen Gewinn aus, um den Betrieb dann wieder zu verkaufen. Auch  Gewerkschaften schätzen die Zuverlässigkeit der Chinesen. Alles in allem: Mit dem Einstieg der Chinesen in Bunde kann es nur besser werden.

Brexit und wir

Freitag, Juli 1st, 2016

Die Welt ist ein Dorf. Gegen diese uralte Erkenntnis regt sich kaum Widerspruch. Sagt man das Gleiche mit dem eher nüchternen Wort Globalisierung, sieht das schon anders aus. Vieles hängt mit Vielem zusammen, nicht nur in der Wirtschaft. Deshalb geht es auch uns Ostfriesen etwas an, wenn die Briten sich per Volksentscheid aus der Europäischen Union verabschieden.

Der Brexit ist nur vordergründig eine innerbritische Angelegenheit. Darüber wird viel geschrieben und geredet, das Ausmaß der Folgen liegt teilweise noch im Dunkeln. Aber einiges liegt auf der Hand. So ist der wachsende Nationalismus vom Übel. Aus vielen Gründen, aber meistens hat er auch mit Zöllen und anderen wirtschaftlichen Hemmnissen zu tun.

Mehr ostfriesische Unternehmen als man denkt handeln mit Großbritannien, führen Produkte aus. Oder Leer ist eine führende Reeder-Stadt. Reedereien stehen fast sinnbildlich für Internationalität und freien Handel.

Oder die alte Seehafenstadt Emden, der es im Moment wegen der VW-Krise ohnehin nicht gut geht. Ihr kann der Brexit einen weiteren Schlag in die Magengrube versetzen. Der Emder Hafen ist der drittgrößte Verladehafen für Autos in Europa. In unmittelbarer Nähe läuft auch der VW-Passat vom Band. Ein nennenswerter Teil der Produktion wird nach England verschifft.

Rechtlich ist der Brexit noch nicht vollzogen. Aber einige Folgen schmerzen schon heute. Der Grund: Das britische Pfund fiel im Vergleich zu anderen Währungen schon am Tag nach der Abstimmung in Großbritannien auf den Tiefststand der vergangenen 30 Jahre. Es wird sich so schnell nicht wesentlich erholen.

Das bedeutet nichts anderes, dass die Briten für Waren aus dem Ausland tiefer in die Tasche greifen müssen, nicht zuletzt für Autos oder andere Maschinen. Das wiederum heißt zum Beispiel für Emden, dass weniger Autos verschifft werden. Und das VW-Werk muss sich auf sinkende Nachfrage nach dem Passat einstellen. Fällt die Zahl stärker ins Gewicht, kostet es nicht nur Umsatz, sondern auch Arbeitsplätze.

Im Tourismus wird Ostfriesland den Brexit kaum spüren, weil Engländer traditionell nach Spanien, Portugal oder in die Schweiz reisen – was sich viele künftig nicht mehr leisten können.

Im Kaffeesatz zu lesen oder sonst zu spekulieren, ist immer so eine Sache. Aber wenn es in Europa, allen voran den Regierungen der Lokomotiv-Länder Deutschland und Frankreich, nicht gelingt, den Menschen den europäischen Gedanken wieder schmackhaft zu machen, könnte der Brexit Nachahmer finden. Zum Beispiel in den Niederlanden, wo der Rechtspopulist Wilders diesen Gedanken hartnäckig verfolgt.

Vor einigen Jahren hätten wir einem so hochgradig international ausgerichteten Volk wie unseren niederländischen Nachbarn einen Nexit nie im Leben zugetraut. Aber heute? Käme es dazu, ginge es an Ostfriesland im Alltag und im Wirtschaftsleben nicht spurlos vorbei. Allein der Gedanke an Schlagbäume und Grenzposten in Bunderneuland. Furchtbar.