Archive for Oktober, 2016

Bilanz eines Landrats

Sonntag, Oktober 30th, 2016

Der Landkreis Leer hat gestern am Sonnabend seinen Landrat feierlich aus dem Dienst veabschiedet. Einige hundert Gäste kamen, an ihrer Spitze Ministerpräsident Stephan Weil. Bernhard Bramlage, 68 Jahre alt, setzte sich nach 15 Jahren an der Spitze der Kreisverwaltung zur Ruhe. So ganz sicher sind wir aber nicht, dass er bis Montag um Mitternacht nicht noch das eine oder andere erledigt. Denn erst dann endet offiziell sein Dienst.

Damit sind wir schon bei einer Tugend, die ihn auszeichnet: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Deshalb tippen wir mal, dass er seine Pension nicht im Hörnstuhl oder mit Unkrautzupfen im Garten genießt, sondern den Ruhestand eher als Unruhestand auslegt. Was einem Arbeitspferd auch besser bekommt.

Gut, er wird öfter als bisher zur Jagd gehen, verreisen, an einem Moped schrauben oder funken – aber er wird auch noch einiges ehren- oder nebenamtlich um die Ohren haben.

Bramlages Bilanz beeindruckt: Die Haben-Seite funkelt, nur wenige Punkte liegen im Soll. Er hat was aus dem Amt gemacht, viele Vorhaben angestoßen und umgesetzt. Dabei ist klar, dass er dafür den Kreistag an seiner Seite haben musste und sich auf ein tüchtiges Team stützen konnte. Beides spricht für Führungskraft.

Wir nennen einige markante Punkte, für die er auf seinem Konto verbuchen kann: Er vollendete die Sanierung des Haushaltes und schuf damit die Voraussetzung für viele Projekte. Nur so konnten Schulen in Schuss gebracht werden.

Ohne seinen jahrelangen Einsatz gäbe es die restaurierte Evenburg nicht. Bramlage ist Mr. Evenburg. Kultur ist sein Steckenpferd, er reitet es ausdauernd. Davon profitiert die Nachwelt neben der Evenburg von der Jüdischen Schule, dem Kunsthaus und dem Theater an der Blinke.

Das Zentrum für Arbeit geht auf sein Drängen zurück. Als einer der ersten weit und breit erkannte Bramlage die Folgen des Demografischen Wandels und stellte schon vor Jahren eine Demografie-Beauftragte ein, die das Thema systematisch vorantreibt. Die Familienpolitik des Landkreises gilt weithin in vielen Bereichen als vorbildlich. Das Flüchtlings-Problem löst er bis heute geräuschlos, soweit es in der Macht des Landkreises steht.

Bramlage weiß, dass Wirtschaft nicht alles, aber ohne Wirtschaft alles nichts ist. So hat er viel dafür gearbeitet, dass Leer das Maritime Kompetenzzentrum erhielt und die Seefahrtschule nicht aufgelöst wurde. Die Saat, die er mit dem Bildungs-Campus gelegt hat, wird er nicht mehr ernten können, was ihn etwas traurig stimmt. Denn der Campus ist eine seiner Herzenssachen.

Bramlage ist Jurist durch und durch. Das hat Vorteile, ist in der Politik jedoch manchmal hinderlich. Man macht sich selbst und anderen das Leben schwerer als nötig. Damit hatte der Landrat gelegentlich zu kämpfen.  So wäre beim Ringen um den Masterplan Ems mehr der Politiker als der Jurist gefragt gewesen. Das gilt auch für den noch frischen Ärger um die Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie.

Leider verloren hat er den Kampf um die Berufsakademie Ostfriesland (BAO). Die BAO wird über kurz oder lang ganz nach Emden gehen. Diesen Schuh müssen sich jedoch andere anziehen.

Unter dem Strich: Bramlage hat seine Behörde sauber geleitet und den  Freiraum für politische Gestaltung offensiv genutzt – unermüdlich, diszipliniert und ideenreich.  Die Menschen im Landkreis dankten es ihm mit überzeugenden Ergebnissen bei drei Wahlen. Er war ein sehr erfolgreicher Landrat.

VW und der Umbruch

Sonntag, Oktober 23rd, 2016

Wenn es mal nicht so gut läuft, beginnen Medienberichte über VW in Emden häufig mit einem schon fast geflügelten Satz: Wenn VW hustet, bekommt Ostfriesland eine Lungenentzündung. Nun, ganz so stark ist die Abhängigkeit  nicht mehr. Aber 7.500 Arbeitsplätze plus davon indirekt abhängende Jobs in Handwerk, Handel und anderen Dienstleistern sind schon ein Pfund in Ostfriesland.

Der von VW verursachte Abgasbetrug lähmt den Konzern, weil er ihm Kosten in bislang nicht genau bekannter Milliardenhöhe ans Bein bindet. Diese gewaltige Last kommt in denkbar schlechter Zeit und lässt Böses ahnen.

Denn VW und allen anderen Autobauern steht  – ähnlich für die gesamte Industrie und Wirtschaft – ein gewaltiger Umbruch ins Haus. Für VW geht es vorrangig um zwei Dinge: Den Umstieg auf das Elektroauto, nebenbei auch aufs  selbstfahrende Auto, und um das Internet der Dinge, was nichts anderes als eine völlig andere Produktionsweise bedeutet.

Im Internet der Dinge tauschen sich Milliarden von Daten aus, die Maschinen reden sozusagen miteinander. Anders gesagt: Alles kommuniziert mit allem – bloß ohne Menschen. Der Verstand hält Einzug in die Maschine.

Das hat natürlich Einfluss auf die Belegschaft. So verwundert es nicht, dass der mächtige VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh neulich im „Handelsblatt“  mit  einem Interview hohe Wellen schlug. Er sagte klar, dass in den nächsten zehn Jahren bis zu 25.000 Stellen bei VW in Deutschland wegfallen, von insgesamt 100- bis 120.000. Er relativierte die Zahl noch ein wenig und erwähnte die  Altersteilzeit.

Verständlich, denn ein Betriebsratschef will seine Leute nicht zu sehr verschrecken. Diese sind ohnehin schon beunruhigt, weil VW die Produktivität der Werke um bis zu acht Prozent steigern will, bei gleichbleibender Autozahl. Das heißt: Bald kann jede dritte Schicht gestrichen werden, was zweifellos   Arbeitsplätze kostet.

Osterloh denkt weiter. Er pocht auf den Bau einer Batteriefabrik. Das wäre ein sichtbarer Einstieg ins E-Auto-Zeitalter. Und würde neue Stellen für Fachleute der Informationstechnik (IT) und Batterietechnik bedeuten, wo VW wie die meisten Autohersteller hinterher hinkt.

Digitalisierung, also Internet der Dinge, Produkte, Stückzahlen, Investitionen und Belegschaftsstärke – das alles möchte der Betriebsrat in einem „Zukunftspakt“ mit dem Vorstand regeln. Der Pakt soll dem Vorstand den Umbau des Konzerns ermöglichen, im Gegenzug der Belegschaft die Arbeit sichern und betriebsbedingte Kündigungen ausschließen.

Dieser Pakt riecht nach einem Widerspruch in sich. Skeptiker fürchten  ohnehin, dass gerade VW den Umbruch nicht packen wird – weil die Politik durch das Land Niedersachsen eine Sperrminorität im Aufsichtsrat besitzt. Welche Regierung würde einem wenn auch noch so nötigen Arbeitsplatzabbau zustimmen? Welcher Betriebsrat täte dies?

Osterloh persönlich weiß, dass bald nichts mehr so sein wird wie heute oder gar früher. Er will den Konzern und damit auch Arbeitsplätze retten – wohl wissend, dass der Umbruch Arbeitsplätze nicht verschont. Auf ihn als Vertreter der Arbeitnehmer kommen schwere Zeiten zu. Ein wenig erinnert es an den  Kanzler Gerhard Schröder und der Agenda 2010. Damit half er dem Land aus der Krise, aber setzte der Seele seiner Partei schwer zu.

Friede seiner Asche

Sonntag, Oktober 16th, 2016

Das dritte TV-Programm  des NDR ist normalerweise kein Publikumsmagnet. Doch am Mittwochabend verbuchte es mit 2,36 Millionen Zuschauern die höchste Quote seit einem „Tatort“ vor sieben Jahren. So viele Menschen wollten noch einmal Tamme Hanken aus Filsum sehen. Der NDR hatte sein Abendprogramm auf den „XXL-Ostfriesen“ umgestellt, der zwei Tage zuvor gestorben war. Der Privatsender „Kabel eins“ widmet dem ostfriesischen  „Knochenbrecher“ sogar den ganzen morgigen Sonntag.

NDR-Intendant Lutz Marmor verbreitete einen Nachruf, was er nur bei Menschen tut, die dem Sender besonders nahe stehen und in der Regel  berühmt sind. Also gilt das auch für Tamme Hanken, den er als „typischen Ostfriesen“ würdigt – „frei im Geist, dem Leben zugewandt, unabhängig, neugierig auf Mensch, Tier und Natur, dabei friesisch herb und urkomisch.“

Hanken genoss bei vielen Landsleuten, aber auch in ganz Deutschland hohes Ansehen. Woche für Woche war er ein beliebter Gast in unzähligen Wohnzimmern. Das lag an seiner ganzen Art. Er sprach korrektes Hochdeutsch, aber stark ostfriesisch eingefärbt. Die meisten Menschen erkannten in ihm einen wie du und ich, auf andere wirkte er machohaft. Sie mäkelten an seinem Stammtischhumor.

Aufsehen erregte allein schon seine riesige Statur. Faszinierend jedoch seine Arbeit als „Knochenbrecher“. Es war schon beeindruckend, wenn er Beine und Gelenke lahmender Pferde einrenkte oder sie von Schmerzen im Rücken oder Halswirbelbereich befreite. Gerne auch garniert mit einem flotten Spruch. Um noch einmal den NDR zu zitieren: „Für viele Tierbesitzer war der sanfte Hüne die letzte Hoffnung.“

Tamme Hanken war ein Medienliebling. Sein Tod ist, soweit erkennbar, allen deutschen Zeitungen und Online-Portalen eine Meldung, meistens aber einen längeren Artikel oder eine kleine Serie wert. Radio und Fernsehen berichten ebenfalls.

Der „XXL-Ostfriese“ hat sich zeitlebens auch mit Boulevard-Medien  eingelassen, ohne die er kaum so populär geworden wäre. Darüber kann man streiten, auch darüber, ob er sich der  damit verbundenen Risiken bewusst war. Er nahm es, wie es kam.

Für Boulevard-Medien gilt, was „Bild“ einmal so beschrieben hat: „Wer mit ‚Bild‘ den Lift hoch fährt, fährt mit ‚Bild‘ auch wieder runter.“ In diesem Fall muss man „Bild“ jedoch zugutehalten, dass es zwar den Tod Hankens hell beleuchtet und spekuliert, wie es mit dem Hanken-Hof in Filsum weitergehen könnte, sich sonst jedoch eher zurückhält. Das gilt jedoch nicht für alle Medien.

Mehrere Klamaukblätter und -Sender legen detailliert Hankens Schwächen  bloß, lassen Respekt und Anstand vermissen. Es ist klar, dass ein Zweimetersechs-Mann, der an die drei Zentner wiegt, kein Vorbild an Gesundheit ist. Von wenig und von kalorienarmem Essen kommt solch ein Körpergewicht nicht zustande. Es ist zu viel fürs Herz.  Aber das können sich Leser und Zuschauer selbst zusammenreimen. Und Operationen und Trinkgewohnheiten  gehen keinen Fremden etwas an.

Der „XXL-Ostfriese“ war ein Phänomen unserer Zeit. Ein gelernter Bauer, der die jahrhundertealte ostfriesische Kunst des Knochenbrechens beherrschte – und diese seltene Fähigkeit und sich selbst dank moderner Medien perfekt vermarktet hat. Friede seiner Asche.

 

Unter Strom

Sonntag, Oktober 2nd, 2016

Bei uns weht viel Wind. Das ist ein Hauptgrund, warum es Ostfriesland heute wirtschaftlich viel besser geht als früher. Die Energiewende ist ein Segen. Was uns nicht davon abhält, sie kritisch zu beäugen.

Sie ist ein Kind der Bundesregierung unter Gerhard Schröder, die 2001 die Energiewende auf den Weg brachte und ihr weitsichtig mehr als 20 Jahre Zeit gab. Die damalige Oppositionsführerin Angela Merkel versprach den Bossen der Stromkonzerne jedoch, das Rad zurückzudrehen, wenn sie an die Regierung käme. Das war 2005 der Fall, in der Großen Koalition konnte sie es aber nicht durchsetzen. Doch die Konzerne  ließen die erneuerbaren Energien im Vertrauen auf andere Zeiten links liegen.

2009 war es soweit: Union und FDP kamen ans Ruder und pfiffen die Energiewende zurück. Doch im März 2011 zerfetzte  ein Tsunami das Atomkraftwerk in Fukushima auf Japan. Die promovierte Physikerin Angela Merkel drehte sich um 180 Grad und rief die radikale Energiewende aus. Strom-Konzerne fühlten sich düpiert. Seitdem geht es mit ihnen bergab.

Strom aus Wind und Sonne nahm mächtig Fahrt auf. Wir sehen es in Ostfriesland am Windmühlenbauer Enercon in Aurich. Mittlerweile liefern die Erneuerbaren Energien rechnerisch ein Drittel der in Deutschland benötigten Strommenge – sofern der Wind weht und die Sonne scheint.

Der rasante Ausbau führte auch dazu, dass sich die vom Verbraucher zu zahlende EEG-Umlage in den letzten zehn Jahren auf heute 6,35 Cent je Kilowattstunde fast verzehnfacht hat. Sie steigt 2017 auf 7,1 bis 7,3 Cent. Ob die jüngst festgelegten wettbewerblichen Ausschreibungen für Windparks diesen Trend stoppen, bleibt abzuwarten.

Das ist nicht alles: Wegen des schwankenden Stroms und fehlender Stromtrassen in den Süden müssen Netzbetreiber wie Tennet immer öfter  eingreifen, um das Netz stabil zu halten. Gas- und Kohlekraftwerke müssen herauf- und heruntergefahren werden, um Schwankungen beim Ökostrom auszugleichen, außerdem müssen die Netzfirmen sie oft Windpark-Betreiber entschädigen, weil diese ihre Windmühlen wegen zu viel Stroms oder fehlender Leitungen abschalten müssen. Die Kosten kletterten auf mehr als eine Milliarde Euro im Jahr. Der Verbraucher zahlt.

Der Börsenstrompreis indes ist niedrig. Das kann Verbrauchern zu Gute kommen, sofern der Preis weitergegeben wird. Wenn man jetzt höhere EEG-Umlage und Netzentgelte addiert und die Börsenersparnis abzieht, steht unter dem Strich: Strom wird teurer – um 44 Euro für einen Haushalt mit jährlich 4000 Kilowattstunden.

Leider stockt der Netzausbau – weil Bayern-Zar Seehofer  Überlandleitungen ablehnt und Erdkabel durchgesetzt hat. Diese kosten neun Milliarden Euro mehr. Außerdem liegen sie frühestens 2025 im Boden. 2022 jedoch sollen die letzten Atommeiler abgeschaltet werden, die ein Fünftel des Verbrauchs abdecken.

Öko-Aktivisten rufen trotzdem nach einem schnelleren  Kohleausstieg als geplant. Tatsache ist: Kohle deckt knapp die Hälfte der benötigten gesicherten Leistung. Sie schon jetzt in der Erde zu lassen, brächte die sichere Versorgung in Gefahr.

Solange wir keine großen Speicher haben, können Wind und Sonne den Strom rund um die Uhr nicht liefern. Doch die  Wirtschaft ist auf sicheren Strom  angewiesen –  auch private Haushalte, Krankenhäuser oder Server. Und wenn plötzlich in  Städten die Ampeln ausfallen, ist das auch nicht witzig.