Archive for November, 2016

Brenzlig

Sonntag, November 27th, 2016

Frauen in der Feuerwehr – vor einigen Jahren selten bis undenkbar. Heute fallen sie kaum noch auf. Sie waren die ersten Zeichen, dass sich die   Männergesellschaft der Freiwilligen Feuerwehren öffnen musste. Dahinter steckte kein Emanzipationsschub, wie man vermuten könnte, sondern schlichte Notwendigkeit.

Frauen sprangen in die Bresche der Männer, die tagsüber auswärts arbeiteten,  und ließen sich für den Feuerwehrdienst ausbilden. Der kleine Emsort Vellage spielte dabei im Rheiderland eine Vorreiterrolle.

Heutzutage arbeiten mehr und mehr auch Frauen, so dass sie ebenfalls nicht mehr allzeit zu Hause sind, um notfalls einen Brand zu löschen. Die Mitgliederprobleme der meisten Feuerwehren sind deshalb nicht kleiner geworden.

Jetzt fordert auch der demografische Wandel seinen Tribut. Die Altersabteilungen wachsen, die Aktiven werden weniger. Hinzu kommt, dass junge Menschen mit Vereinsleben grundsätzlich nicht mehr viel am Hut haben. Das gilt auch für Feuerwehren, obwohl sie rechtlich keine Vereine sind.

Manche verzichten auf das Ehrenamt, weil der Arbeitgeber Druck macht. Oder weil die Ehefrau kein Verständnis für das Engagement des Mannes hat. „Bei uns sind schon einige ausgetreten, weil die Frau dauernd gemeckert hat, wenn der Mann nachts wegen eines Feuers rausmusste“, sagte uns ein Feuerwehrmann.

Nachwuchsmangel bereitet Kopfweh in vielen Wehren. Mit Kinder- und Jugendfeuerwehren stemmen sie sich gegen den Trend. Nicht ohne Erfolg, denn zahlreiche jüngere Wehrleute sind über Jugendgruppen zur aktiven Truppe gestoßen. Jugendfeuerwehren erfüllen ganz nebenbei auch eine gesellschaftliche Aufgabe, denn sie geben Kindern aus sozial gefährdeten Familien oft den nötigen Halt und lotsen sie auf den richtigen Weg.

Viele Freiwillige Feuerwehren in Deutschland werben intensiv um Nachwuchs –  mit Filmen, die sie bei YouTube hochladen, mit Tagen der offenen Tür, Projektwochen in Schulen, Ständen auf Märkten und in Fußgängerzonen und in Netzwerken wie Facebook oder Twitter. Sie erkennen, dass die Feuerwehr im direkten Wettbewerb um Nachwuchs steht mit Fußballklubs, Kirchengemeinden, THW, Angelsportvereinen oder kommerziellen Freizeitangeboten.

Die sechs Freiwilligen Feuerwehren in Leer und die Stadtverwaltung rücken dem Nachwuchsmangel zurzeit mit Flyern zu Leibe, die von den Wehren verteilt werden. Auf ihrer Homepage spricht die Stadt jüngere Erwachsene für den Feuerwehrdienst an: „Wir brauchen Dich. Egal ob Mann oder Frau, 20, 30 oder 40 Jahre alt, eine Aufgabe gibt es für jeden.“

Demnächst will die Stadt mit einem Werbevideo im Kino in Leer und auf YouTube für die Feuerwehren werben. Dafür gebe es „bereits einige gute Ideen“, sagte ein Rathaus-Mitarbeiter. Gute Ideen tun Not, denn mit Erzählungen vom Heiligen St. Florian, dem Schutzpatron der Feuerwehren, lassen sich junge Leute nicht hinterm Ofen weglocken. Auch der alte Spruch „Gott zur Ehr‘, dem Nächsten zur Wehr“ ist im Museum gut aufgehoben. Und mit einer antiquierten Homepage schreckt man junge Leute eher ab.

Sicher ist: Ohne Nachwuchs läuft es irgendwann auf Pflichtfeuerwehren hinaus, wie sie das Gesetz vorsieht, wenn keine „Freiwillige“ zustande kommt. Dann wird‘s brenzlig.

Ausgereizt

Freitag, November 18th, 2016

Alle Jahre wieder zum Advent flammen die Aufgeregtheiten um mehr oder weniger verkaufsoffene Sonn- und Feiertage auf. Ein Hotspot dieser Auseinandersetzungen ist Leer, wo sich die Werbegemeinschaft mit Kirchen und Gewerkschaften öfter mal erbitterte verbale Gefechte liefert. Die Händler möchten öfter ihre Läden öffnen, ihre Gegner generelle Ruhe.

Das Für und Wider muss hier nicht wiederholt werden. Zu beobachten ist jedoch, dass sich die Waage langsam zugunsten der Kirchen und Gewerkschaften neigt.  Darauf deuten verschiedene Gerichtsurteile hin, aber auch ein erfolgreicher Bürgerentscheid in Münster gegen mehrere geplante verkaufsoffene Sonntage, die der Stadtrat genehmigt hatte.

Das mag den Handelsverband Deutschland (HDE) bewogen haben, die Flucht nach vorne anzutreten und jetzt zehn verkaufsoffene Sonntage zu fordern – einheitlich in ganz Deutschland. Wohl wissend, dass der Ladenschluss bei uns Ländersache ist.

Karstadt-Boss Fanderl übertrifft den HDE noch und wirft zwölf verkaufsoffene Sonntage in die Debatte, einen pro Monat. Der oberste protestantische Kirchen-Chef  in Niedersachsen, Landesbischof Meister, verweist dagegen auf „die Balance zwischen Arbeit und Ruhezeiten“. Und da sei der „freie Sonntag unverzichtbar“.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi spielt einen Trumpf aus, der letztlich das Spiel entscheiden könnte. Sie hält die Forderungen schlicht für „verfassungswidrig“. Offensichtlich hat Verdi ins Grundgesetz geschaut, denn dort heißt es in Artikel  140: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“

Das Grundgesetz ist eine Messlatte, die gerade Richter nicht unterlaufen dürfen. So hat das Bundesverwaltungsgericht am 11. November 2015 die Regeln verschärft. Demnach ist die Öffnung von Läden nur dann mit dem Sonntagsschutz vereinbar, wenn zum Beispiel ein Markt, also ein Anlass,  und nicht die Ladenöffnung den öffentlichen Charakter des Tages prägt. Der  Anlass muss für sich genommen – also nicht erst aufgrund der Ladenöffnung – mehr Menschen anlocken als die zu erwartende Zahl der Ladenbesucher.

Ganz in diesem Sinne verbot das Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster neulich einen verkaufsoffenen Sonntag in einem Stadtbezirk im Rheinland. Die Begründung: Verkaufsoffene Sonntage müssen einen echten Anlass haben, sie sind kein Selbstzweck. Als Anlass hatte die Stadtverwaltung ein Kinderfest gelten lassen. Das Fest fand statt, aber die Läden blieben zu.

Das Ladenöffnungsgesetz in Nordrhein-Westfalen setzt einen Anlass voraus.  Überspitzt gesagt: Wer einen Sack Kartoffeln aufstellt, dies „Kartoffelfest“ nennt und zum Anlass für offene Läden nimmt, liegt schief – weil wegen der Ladenöffnung mehr Menschen kommen würden als zum „Kartoffelfest“. Würde das NRW-Gesetz in Leer gelten, dürften die Läden beispielsweise zum Gallimarkt öffnen.

Das Ladenöffnungsgesetz in Niedersachsen kennt jedoch keinen speziellen Anlass. Bisher hat keiner versucht, dies einzuklagen. Erlaubt sind vier verkaufsoffene Sonntage im Jahr, ausgenommen im Advent und zu anderen hohen kirchlichen Feiertagen. Das hat sich bewährt. Wer mehr fordert – okay. Aber ist das taktisch klug?  Gerichte sehen die Karten für mehr verkaufsoffene Sonntage als ausgereizt an.

Unterlassungen

Freitag, November 18th, 2016

Die Freiheit des Unternehmers ist ein hohes Gut. Sie zielt auf den Erfolg, schließt aber die Freiheit ein, Fehler zu machen oder wichtige Trends zu verschlafen. Das ist zwar Sache des Unternehmers, aber nicht ausschließlich, denn er beschäftigt in der Regel mehrere bis viele Mitarbeiter. Sie löffeln notfalls die Suppe mit aus, die Chefs ihnen einbrocken.

Deshalb führen wir jetzt einen anderen Spruch ein in die Debatte, den  erfolgreiche Firmenlenker gern und zu Recht in den Mund nehmen:  „Unternehmer kommt von unternehmen und nicht von unterlassen.“

Damit scheint es in Ostfriesland nicht zum Besten bestellt, wenn wir uns die  jüngste Geschäftskunden-Studie der Commerzbank anschauen. Die Bank ließ vom Forschungsinstitut Ipsos 3100 kleine und mittlere Unternehmen mit maximal 2,5 Millionen Jahresumsatz befragen. Unter ihnen 50 aus Ostfriesland.

Das Ergebnis ist höchst bedenklich, ähnlich wie neulich auch die Wirtschaftsauskunftei Creditreform herausfand: Den meisten Befragten in Ostfriesland geht es zwar sehr gut, aber sie nutzen diese Position der Stärke nicht, um kräftig zu investieren. Sie liegen weit unter Bundesdurchschnitt. Und wenn sie Geld in die Hand nehmen, dann stecken sie es lieber in neue Gebäude oder Marketing – statt in neue IT-Technik und Maschinen. IT steht für Informations- und Datenverarbeitung sowie die dafür benötigte Hard- und Software.

Bei den großen Firmen hat es lange gedauert, bis die Digitalisierung, das Internet der Dinge, zur Chefsache wurde. Der Mittelstand hinkt immer noch  hinterher. Es mangelt an digitaler Kompetenz oder am Willen zum Wandel, andere unterschätzen oder verschlafen die Digitalisierung, manche fürchten um die Datensicherheit oder scheuen die Investition, obwohl Geld bei der Bank  fast nichts kostet.

Dabei ist unstrittig: Wer nicht digital wird, spielt in Zukunft keine Rolle. Für Unternehmen ist nicht mehr die Frage, ob, sondern wann und wie die Digitalisierung in die Betriebe einzieht.

Viele Betriebe sägen durch weitere Unterlassungen am eigenen Stuhl. So steht in der Commerzbank-Studie, dass drei Viertel der befragten Ostfriesen nicht selbst ausbilden. Und von den wenigen ausbildenden Betrieben übernimmt jeder Dritte keinen Auszubildenden.

Damit nicht genug. Einerseits binden sie Auszubildende nicht an den Betrieb, andererseits aber klagen 74 Prozent über Probleme, gute Mitarbeiter zu finden. „Da fehlt es möglicherweise an Weitsicht“, packt die Commerzbank ihre Kritik vorsichtig in Watte.

Zahlreiche Unternehmer klagen auch über Führungskräfte-Mangel – deutlich mehr als im Bundesgebiet. Es dauert oft länger als ein Jahr, einen Führungsjob zu besetzen. Ein Grund ist die Randlage  Ostfrieslands. Vor allem auf junge Leute wirken Großstädte oft attraktiver als die Provinz.

Aber es gibt auch qualifizierte Männer und Frauen, die gerade die Provinz und die Arbeit in überschaubaren Betrieben schätzen. Moderne Firmenchefs  setzen bei ihnen den Hebel an. Sie werben mit eigenen unternehmerischen Stärken und den Stärken unseres Landstrichs. Sie machen nicht den Fehler, die Großstadt zu kopieren.

Doch wenn Unternehmen nicht genug und obendrein falsch investieren, ist alle Mühe vergeblich. Investitionen von heute sind die Gewinne von morgen. Ausbleibende Investitionen das Gegenteil.

In der Zwickmühle

Sonntag, November 6th, 2016

Es soll ja mehr Ratten geben als Menschen. Sie sind alles andere als beliebt, aber haben den unbestreitbaren Vorteil, dass sie sich bescheiden im Dunkeln und im Hintergrund halten und keinen Lärm machen. Obwohl sie allen Grund hätten, denn der Mensch als Feind sitzt ihnen immer im Nacken. Aber selbst mit fein ausgeklügelten Giften und Fallen gelingt es ihm bei allen Anstrengungen nicht, die schädlichen Nager auszurotten.

Dabei würde kaum jemand dagegen protestieren – weder ein Naturschutzbund wie Nabu noch WWF noch Peta noch andere organisierte Tierfreunde. Ratten haben eben ein miserables Image. Obwohl sie Lebewesen sind wie alle anderen Tiere, Pflanzen und Menschen. Aber ihnen fehlt eine Lobby. Denn der Mensch, der sich die Erde auf höchstem Geheiß hin untertan macht, favorisiert nun mal seine Lieblinge.

Zu ihnen zählen offensichtlich die Saatkrähen – allerdings mit einer  Einschränkung: Nur so lange er selbst nicht in deren Nähe lebt. Aus dem sicheren Abstand zum Beispiel der Nabu-Bundeszentrale an der Charitéstraße 3 in Berlin kann er den Saatkrähen leicht seine uneingeschränkte Zuneigung versichern.

Den Menschen an der Heidjer Straße am Park in Stapelmoor, im Zentrum von Weener, an der Neue Straße in Leer und an immer mehr Stellen in Deutschland sind positive Gefühle für Saatkrähen jedoch längst fremd. Sie sind Tag für Tag ihrem Lärm ausgesetzt, mit 65 Dezibel viel lauter als eine Flugzeug-Landung. Und ekeln sich vor dem weißen Kot der schwarzen Gesellen – unter den Füßen, auf Haus, Wäsche und Auto.

Mag der Nabu in seinen Schriften die Krähen als „stimmbegabt“ einstufen – betroffenen Menschen dröhnt der Kopf vom permanenten Krächzen, der ihnen die Ruhe raubt. Der Chor der Krähen – ein grausliches Stimmengemenge. „Ein tiefes und heiseres Krra oder Korr“, hört der Nabu heraus. „Ratternde Krrr-Laute sind Zeichen der Aggressivität. Der Gesang ist als leises variables Schwätzen mit metallisch klingenden Elementen und Krächzlauten zu vernehmen“, schildert der Naturschutzbund. Betroffene hingegen nehmen es eher als Sound der Hölle wahr.

Sie wehren sich in ganz Deutschland gegen die Saatkrähen-Plage. Aber von durchschlagenden Erfolgen ist nichts zu hören. Selbst Fachleute wie jüngst bei einer Versammlung in Weener wissen keinen schlüssigen Rat. Wer mit Saatkrähen zu tun hat, steckt in einer klassischen Zwickmühle – sie lässt keinen  Ausweg offen, der den gewünschten Erfolg hat.

Die Saatkrähe hat das Gesetz auf ihrer Seite, denn sie steht unter Artenschutz. Sie unterliegt dem Naturschutzgesetz und nicht dem Jagdrecht. Durch Knalllaute lässt sie sich auf Dauer nicht erschrecken, und vergrämen schon gar nicht. Für Vogelscheuchen jedweder Art hat sie nur ein müdes Krächzen übrig.

Eines muss man ihr lassen: Sie lässt sich so leicht nichts vormachen, sie ist schlau. Fast so schlau wie Menschenaffen und Papageien, wie Versuche beweisen. Schlauer ist nur der Mensch, der aber so schlau ist, sich mit einem strengen Schutzgesetz selbst die Hände zu binden.

Das Tierwohl prallt hier im direkten Konflikt mit dem Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit zusammen. Die Waage neigt sich dem ersteren zu. Man gerät ins Grübeln.